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Frauen kämpfen in „Bombshell“ gegen Sexismus

Mit hochkarätiger Besetzung rekonstruiert US-Regisseur Jay Roach in „Bombshell – Das Ende des Schweigens“ den Missbrauchsskandal beim US-Sender Fox News

Text: Christopher Diekhaus
Interview: Patrick Heidmann

 

Noch bevor der frühere Hollywood­-Mogul Harvey Weinstein im Oktober 2017 wegen sexueller Übergriffe in große Erklärungs­ not geriet, schrieb der Fall des mächtigen Medienmanagers Ro­ger Ailes weltweit Schlagzeilen. Im Sommer 2016 sah sich der CEO des rechtskonservativen US-­Nachrichtensenders Fox News mehreren Belästigungsvorwürfen ausgesetzt und musste am Ende seinen Hut nehmen.

 

Drei Frauen im Zentrum

 

Regisseur Jay Roach, der für die große Leinwand zuletzt das biografische Drama „Trumbo“ inszenierte, versucht sich nun an einer Aufarbeitung der Geschehnisse und stellt dabei drei Frauen in das Zentrum seines Films.

Den Stein ins Rollen bringt die zunächst ins Nachmittagsprogramm abgeschobene, dann entlassene Ex-­Star-­Moderatorin Gretchen Carlson (Nicole Kidman), die gegen Senderleiter Ailes (John Lithgow) eine Klage einreicht. Fox-­Aushängeschild Megyn Kelly (Char­lize Theron) wiederum hält sich zunächst bedeckt, obwohl auch sie unschöne Erfahrungen mit ihrem Chef gemacht hat und von ihm während einer öffentlichen Auseinandersetzung mit Donald Trump nicht gestützt wurde. Vor einer Aussage schreckt anfangs auch die ehrgeizige Journalistin Kayla Pospisil (Margot Robbie) zurück, die dank Ailes auf der Karriereleiter schnell vorangekommen ist.

 

Machtspiele und Missbrauchsstrukturen

 

„Bombshell – Das Ende des Schwei­gens“ will den Zuschauer für ein immens wichtiges Thema sensibilisieren und fängt die Machtspiele und Missbrauchsstrukturen im Hause Fox News wiederholt auf beklemmende Weise ein. Charlize Theron, Nicole Kidman und Margot Robbie, deren fiktive Figur von Drehbuchautor Charles Randolph aus mehreren realen Vorbildern zusammengeschmolzen wurde, liefern sehr engagierte Darbietungen ab – für Theron und Robbie gab’s deshalb Oscar-­Nominierungen als beste Haupt-­ bzw. Nebendarstellerin.

Dennoch kann Roachs Rekonstruktion nicht vollends überzeugen. Einige Entscheidungen und Ereignisse werden zu wenig vertieft. Und noch dazu eifert der Film in Erzähl­- und Inszenierungsstil den clever aufgebauten, rasant getakteten Satirestücken „The Big Short“ und „Vice – Der zweite Mann“ nach, erreicht deren Schwung und Raffinesse jedoch nicht. Sehenswert ist der Film – allein schon wegen der Thematik – trotzdem.

 

 

SZENE HAMBURG: Charlize Theron, Sie spielen in „Bombshell“ die in den USA sehr bekannte Moderatorin Megyn Kelly, die prominenteste der Frauen, die dem Fox­-News­-Chef Roger Ailes sexuelle Belästigung vorwarf. Aber auch eine umstrittene Person, nicht wahr?

Charlize Theron: Oh ja, und ich habe es mir auch alles andere als leicht gemacht, diese Rolle anzunehmen. Ich brauchte Monate, um mich durchzuringen, Megyn Kelly zu einem Teil meines Lebens zu machen. Ohne meinen Freund und Regisseur und Mit-­Produzenten Jay Roach hätte ich es vermutlich nicht gemacht. Erst durch ihn bekam ich dieses Gefühl von Sicherheit, das ich brauchte, um mich wirklich auf all ihre streitbaren Seiten einzulassen statt davor zurückzuschrecken.

Diese Frau machte es mir, im übertragenen Sinne, alles andere als leicht, sie zu umarmen. Und kaum hatte ich es geschafft und wir mit den Dreharbeiten begonnen, wurde sie wegen rassistischer Aussagen beim Sender NBC rausgeschmissen. Ich konnte es gar nicht glauben.

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Oscarreif: Charlize Theron als Hochglanz-Moderatorin (Foto: Wild Bunch Germany)

Haben Sie sich mal mit ihr getroffen?

Theron: Nein, das habe ich gar nicht erst versucht und empfand es auch für meine Arbeit nicht nötig. Aber insgesamt haben wir als Team so viele Frauen wie möglich getroffen, die damals bei Fox News gearbeitet und gegen Ailes Vorwürfe erhoben haben.

Miss Robbie, Ihre Figur dagegen ist eine fiktive Figur. Machte das die Sache ein­facher oder schwieriger?

Robbie: Das kann ich so gar nicht beantworten. In Kayla fließen letztlich die Erfahrungen verschiedener, unbekannt bleibend wollender Fox-­Mitarbeiterinnen zusammen, entsprechend gab es durchaus reale Vorbilder.

Der Grund, weswegen ich anfangs so meine Mühe hatte mit ihr, war eher, dass ich ihren familiären Hintergrund und ihre Weltsicht so wenig nachvollziehen konnte. Aber unser Drehbuchautor Charles Randolph hat selbst eine ähnlich christlich­konservative Herkunft. Er gab mir letztlich die Einblicke, die ich brauchte.

In den USA ist Fox News der meist­ gesehene Nachrichtensender, aber im Rest der Welt spielt er keine allzu große Rolle und kennt man deswegen die Beteiligten dieses Skandals kaum. Ist das nicht ein Problem für einen Film wie „Bombshell“?

Robbie: Das glaube ich nicht, zu­mindest wenn ich von mir selbst ausgehe. Als Australierin bin ich überhaupt nicht mit Fox News aufgewachsen, und weil ich nicht unbedingt ein Nachrich­ten-­Junkie bin, war ich auch mit dem Fall Roger Ailes eher oberflächlich vertraut.

Ich kannte alle die Personen also kaum, um die es in „Bombshell“ geht. Trotzdem war ich vollkommen gepackt von diesem Drehbuch, so wie damals bei „I, Tonya“, wo ich im Vorfeld auch nicht wusste, dass Tonya Harding eine reale Person ist. Ich bin mir sicher, dass man unseren Film überall auf der Welt und ohne Vorkenntnisse sehen und alles verstehen kann und begeistert sein wird.

 

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„Bombshell“ behandelt den Missbrauchsskandal beim US-Sender Fox News (Foto: Wild Bunch Germany)

 

Zumal es ja um mehr geht als nur die Fakten dieses Falls, nicht wahr?

Theron: Auf jeden Fall. Für mich ist das kein Film ausschließlich über die USA, und auch keiner, in dem es darum geht, politisch Stellung zu beziehen. Sondern es geht um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und um die ungleiche Behandlung von Frauen allgemein. Das sind also Menschenrechtsfragen, und die sind doch univer­sell relevant und verständlich.

 

“Mindestens Objektifizierung ist eigentlich allen Frauen vertraut“

 

Was die Frauen bei Fox News erlebten, resultiert also auch nicht speziell aus dem Arbeitsklima einer kompetitiven Medienbranche?

Robbie: Nein, sicher nicht aus­schließlich. Eigentlich kenne ich keine Frau, die in ihrem Arbeitsumfeld nicht schon Vergleichbares erlebt hat. Nicht in diesem Extrem und nicht immer körperlich. Aber mindestens Objektifizierung und aufs Äußerliche abzielende Kommentare sind eigentlich allen Frauen vertraut.

Theron: Ich denke auch, dass wir uns alle sehr bewusst sind, dass so et­was zumindest passieren kann. Und in jedem Berufsfeld auf der ganzen Welt stattfindet. Deswegen ist es auch so wichtig, dass wir uns mit #MeToo oder einer Initiative wie #TimesUp nicht nur auf die Filmbranche konzentrieren, sondern auch beispielsweise die Avoca­do-­Pflückerinnen in Nordkalifornien nicht vergessen.

Regie: Jay Roach. Mit Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie. Ab 13.2.; Preview (OmU) am 10.2., Zeise Kinos, 20 Uhr


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Weißer Ring: Aus dem Leben gerissen

Wer Opfer von Diebstahl, Betrug oder sexualisierter Gewalt wird, findet Hilfe beim Weißen Ring. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Landesverbands Hamburg erzählt Vorsitzender Hans-Jürgen Kamp wie sehr Übergriffe Leben verändern und was #MeToo bewirkt hat

Interview: Sophia Herzog
Foto: Jessica Lewis via Unsplash

 

SZENE HAMBURG: Herr Kamp, Sie haben früher die berüchtigte Justizvollzugsanstalt Santa Fu geleitet, waren dann stellvertretender Leiter des Strafvollzugsamtes und sind seit fünf Jahren beim Weißen Ring. Was hat Sie zu diesem Seitenwechsel bewogen?

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Vom Strafvollzug in die Opferhilfe: Hans-Jürgen Kamp (Foto: Sophia Herzog)

Hans-Jürgen Kamp: Während meiner Zeit im Strafvollzug habe ich mich regelmäßig mit dem Thema Resozialisierung beschäftigt, und mit der Frage, wie man Straftäter wieder auf die richtige Bahn leiten kann. Ich habe im Laufe der Zeit aber auch viele Menschen getroffen, die von diesen Straftaten betroffen waren. Und das hat mich zunehmend nachdenklicher gemacht. Dass ich die Aufgabe des Landesvorsitzenden beim Weißen Ring übernommen habe, hat sich dann aber doch eher zufällig ergeben.

Konnten Sie etwas aus Ihren früheren Jobs im Strafvollzug mitnehmen, dass Ihnen jetzt hilft?

Die Zahl der unmittelbaren Anknüpfungspunkte ist übersichtlich. Ich habe auf jeden Fall eine sehr gute Vorstellung davon, warum Menschen auf welche Art und unter welchen Umständen verschiedene Straftaten begehen. Und ich habe Menschen kennengelernt, die hinterher sehr betroffen waren von den Konsequenzen ihrer Tat. An der Frage, wie man diese Betroffenheit auch positiv instrumentalisieren kann, sind wir beim Weißen Ring ganz dicht dran.

Wir werfen mit dem Menschen, der zu Schaden gekommen ist, durchaus einen Blick auf den Täter und versuchen, in ihm nicht nur das grenzenlos Böse zu sehen, sondern seine Position auch differenziert zu betrachten. Im Einzelfall kann das auch zu einem Täter-Opfer-Ausgleich führen (Anm. d. Red.: Ein Täter-Opfer-Ausgleich ist ein Mittel zur außergerichtlichen Konfliktschlichtung, das von einem unparteiischen Dritten moderiert wird und bei dem sich Täter und Opfer in der Regel persönlich begegnen.)

 

„Opfer von Straftaten wollen nur eines: Gerechtigkeit“

 

Gelingt das den Geschädigten in der Regel, Verständnis für die Täter aufzubringen?

Gewiss nicht in der Regel! Die Opfer von Straftaten wollen nämlich nur eines: Gerechtigkeit, die durch eine verständnisvolle, auch die Interessen des Opfers oder der Opfer berücksichtigende Justiz hergestellt wird. Aber die nach wie vor häufig sehr täterorientierte Arbeitsweise der Justiz erschwert allen Beteiligten den Zugang zu einer ganzheitlichen Sichtweise.

Bei den ganzen erschreckenden Schicksalen denen Sie, auf beiden Seiten, begegnen – wie bleiben Sie positiv?

Das ist eine gute Frage. Früher, bei meinem Job im Strafvollzug, habe ich gelegentlich mit Menschen zu tun gehabt, deren unvorstellbare Emotionslosigkeit und kompletter Mangel an Empathie mich total ratlos gemacht haben.

Ich habe Menschen getroffen, denen auch ich nicht im Dunkeln begegnen möchte. Aber ich war auch immer in der Lage, das von meinem Privatleben zu trennen. Ich bin ja Jurist, habe aber in meinem Freundeskreis niemanden aus dieser Branche. Das hat vielleicht geholfen, weil ich privat immer anderen Themen begegnet bin.

Gelingt Ihnen das genauso gut, jetzt wo sie häufiger mit dem Leid der Opfer konfrontiert sind?

Hier ist das einfacher, als Vorsitzender habe ich mit konkreten Schicksalen nur theoretisch zu tun, da ich ja nicht selbst berate, und habe dadurch schon eine gewisse Distanz. Aber auch hier gibt es immer wieder Situationen, die mich betroffen machen. Der Weiße Ring beschäftigt sich im Moment sehr intensiv mit der Reform des Sozialen Entschädigungsgesetzes.

Er setzt sich dafür ein, dass auch Opfer mit Schockschäden eine Entschädigung bekommen. Diese Personen waren unbeteiligte Zeugen bei grausamen Ereignissen. Sie haben bestimmt von der schrecklichen Tat am Jungfernstieg im April 2018 gehört …

 

Professionelles Mitgefühl

 

Ein Mann hat damals seine Ex-Frau und die gemeinsame Tochter getötet.

Und jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie hätten auf der Bank daneben gesessen, kriegen das mit, und das kleine Kind stirbt kurz danach in Ihren Armen. Kaum einer kann das einfach so wegstecken, das ist eine traumatische Erfahrung. In solchen Fällen beraten und helfen wir als Weißer Ring natürlich auch. Wenn wir solche Fälle hier in der Runde besprechen, geht das an keinem spurlos vorbei.

Gleichzeitig müssen wir aber auch darauf achten, es nicht zu nahe an uns heranzulassen. Wir sprechen immer davon, dass wir gerne und professionell Mitgefühl haben, aber Mitleid vermeiden müssen. Wenn wir mitleiden, werden wir selbst zu Opfern und können nicht mehr stärken und schützen.

Wie verhindern Sie das intern?

Unsere Leute, die in solchen Situationen beraten und begleiten, werden in Aus- und Weiterbildungsseminaren systematisch auf die Gesprächssituationen vorbereitet. Es besteht auch die Möglichkeit von Supervisionen. Denn so eine physische Brutalität wie bei dem gerade genannten Mord oder wie bei dem Ehemann, der seine Frau mit heißem Öl überschüttet, weil sie sich einem anderen Mann zuwendet, macht fassungslos. Aber spektakuläre Fälle wie diese passieren zum Glück selten.

Die Opfer welcher Verbrechen nehmen die Beratung des Weißen Rings am häufigsten in Anspruch?

Der Bereich der Seniorenkriminalität ist sehr groß. Ganz typisch ist der Enkeltrick, bei dem alte Damen meistens telefonisch dazu manipuliert werden, große Summen an Geld abzuheben, weil der angebliche Enkel in Not ist. Das hat mit Dummheit wenig zu tun, sondern vielmehr mit der hohen manipulativen Kompetenz der Betrüger.

Auch Cyberkriminalität ist ein Thema, also zum Beispiel junge Mädchen, die leicht bekleidet Bilder von sich machen, an ihre Freunde schicken, und diese Fotos landen später im Internet.

Die überwiegende Zahl der Fälle, in denen der Weiße Ring tätig wird, betrifft aber gewalttätige Auseinandersetzungen in häuslichen Gemeinschaften und Sexualdelikte. Dabei sind übrigens auch manchmal Männer die Opfer, wenn auch deutlich seltener.

 

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85 Ehrenamtliche helfen beim Weißen Ring in Hamburg (Foto: Sophia Herzog)

 

Was macht das mit Menschen, wenn sie Opfer eines Verbrechens werden?

Ganz viel. Eine junge Frau erzählte mir einmal, dass sie neulich shoppen war und ihr Handy vor der Nase hatte. Einen älteren Mann, der ihr auf dem Gehsteig entgegengekommen ist, hat das so gestört, dass er sie nicht nur laut beschimpft, sondern auch absichtlich und ziemlich heftig angerempelt hat. Sie hat sich natürlich erschrocken und ist außerdem mit dem Oberkörper auf den Tisch eines Cafés gefallen, auf dessen Höhe sie gerade gelaufen ist.

Sie hat mir erklärt, dass sie empört war über dieses Verhalten, sie sich aber trotzdem dabei ertappt, dass sie sehr viel genauer auf die Menschen achtet, die ihr entgegenkommen. In vergleichbaren Situationen steckt sie jetzt lieber einmal mehr ihr Handy weg, aus Respekt davor, vielleicht doch noch einmal angerempelt zu werden.

Ist das eine leichte Form von Traumatisierung?

Eine Traumatisierung im klassischen Sinne ist das sicher nicht. Aber wenn jemand schon durch ein solches Erlebnis in seinem Verhalten beeinflusst wird, dann kann man sich vorstellen, was mit einem Menschen geschieht, der nicht einfach nur angerempelt, sondern zusammengeschlagen oder sexuell belästigt wird.

Das kann Dimensionen erreichen, in der die Betroffenen ihre normale Lebensfähigkeit verlieren. Sie trauen sich nicht mehr auf die Straße, schlafen nicht mehr, haben Angst vor Dunkelheit oder großen Menschenmassen. Das ist neben den physischen Folgen eines Verbrechens das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Es reißt den Opfern den Boden unter den Füßen weg.

Wie kann der Weiße Ring konkret helfen?

Wir haben den Ehrgeiz, dass jeder, der sich bei uns meldet, innerhalb von 24 Stunden eine Antwort bekommt. Das klappt im Regelfall, auch wenn manchmal das Wochenende dazwischenkommt. Wir arbeiten hier ja alle ehrenamtlich.

Die Mehrzahl unserer Kontakte zu den betroffenen Personen wird von der Polizei vermittelt, mit der wir eng zusammenarbeiten. Wir vereinbaren ein Treffen mit dem Opfer, entweder bei ihm oder ihr zu Hause oder bei uns in den Beratungsräumen.

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Kaffee und Kuchen beim Beratungsgespräch (Foto: Tyler Lastovich)

Es gibt Kaffee, einen Keks, und dann sprechen wir einfach nur. Wir werten nicht, wir hören zu, und loten aus, wo Handlungsbedarf besteht. Je nachdem vereinbaren wir beispielsweise Beratungsgespräche bei Therapeuten, helfen bei Behördengängen und Anträgen oder vermitteln Rechtsberatung.

Wie lange sind die betroffenen Personen dann bei Ihnen in Beratung?

Das kommt drauf an. Manche Menschen sagen relativ zügig, dass es ihnen jetzt gut geht und sie alleine klarkommen. Bei manchen nimmt die Beratung und Begleitung aber einen langen Zeitraum in Anspruch.

Ein großer Aufgabenbereich des Weißen Rings ist auch die Prävention von Verbrechen …

Genau, das ist uns auch sehr wichtig. Wir halten viele Vorträge, zum Beispiel in Bürgervereinen, Seniorenheimen oder Schulen. Dort erklären wir, wie man sich vor Verbrechen wie Einbruch, Diebstahl oder Betrug schützen kann.

Für Schulen hatten wir lange das Projekt „Fair Play in der Liebe“, in dessen Rahmen wir mit Kindern im Alter von elf bis 14 Jahren über Fragen diskutiert haben wie „Was ist eigentlich Gewalt in der Beziehung?“, „Fängt das erst bei Schlägen an, oder schon früher?“ oder „Ist das okay, wenn der Freund die SMS seiner Freundin liest?“ Denn in diesem Alter fangen die ersten Liebesbeziehungen an. Mit dem Projekt hatten wir großen Erfolg, aber leider fehlen uns gerade die personellen Ressourcen in der Prävention, um solche Vorträge regelmäßig zu organisieren.

 

„Die Wahrnehmung der Opfer hat sich verändert“

 

Bewegungen wie #MeToo scheinen das Thema der Opferhilfe besonders in Bezug auf Sexualdelikte mehr in den Blickpunkt der Gesellschaft gerückt zu haben. Merken Sie das in ihren Statistiken?

Ich kann das nicht in konkreten Zahlen ausdrücken. Aber ich habe auf jeden Fall den Eindruck, dass Frauen mehr darüber sprechen, mutiger werden, es öfter anzeigen und in diesem Zuge auch in Kauf nehmen, dass sie erst mal Teil eines unter Umständen schmerzhaften Ermittlungsprozesses werden. An dieser Entwicklung wird aber auch deutlich, wie wichtig Opferrechte sind. Ich bin davon überzeugt, dass auch die gesteigerte Sensibilität von Seiten der Ermittlungsbehörden Grund für diesen Trend ist.

Wie zeigt sich das?

Ein Beispiel ist die Möglichkeit, Spuren von Gewalt im Rechtsmedizinischen Institut erfassen und dokumentieren zu lassen, auf Wunsch auch anonym. Niemand fragt nach oder wertet, das Opfer kann sich persönlich ganz zurücknehmen, hat aber die Beweise und kann später, wenn es will, immer noch rechtliche Schritte einleiten. Auch die Befragungsmethoden der Ermittlungsbeamten sind sehr viel empfindsamer geworden, die Bereitschaft, sich mit solchen Themen empathischer auseinander zu setzten, ist gestiegen. Und auch im Bereich der Justiz hat sich die Wahrnehmung der Opfer verändert.

Inwiefern?

Ich war neulich bei einer Veranstaltung für junge Richterinnen und Richter. Ein junger Staatsanwalt aus dem Publikum hat sich mit einem kleinen Appell an die Kollegen gewandt, dessen Forderung mich begeistert hat.

In Missbrauchsverfahren ist das Opfer oft der einzige Zeuge oder die einzige Zeugin. Wenn der Täter gesteht, bevor es zu der Aussage des Opfers gekommen ist, wird es direkt nach Hause geschickt. In seinem Appell hat sich der Staatsanwalt gewünscht, dass sich die Richter an dieser Stelle noch einmal die Zeit nehmen, um dem Opfer dennoch das Recht einzuräumen, sich einmal äußern zu können und es persönlich zum Beispiel nach seinem Wohlbefinden fragen.

Menschen fühlen sich auf diese Weise mit einbezogen, gesehen und ernstgenommen von der Justiz. Und für so eine Einstellung machen wir uns, als Weißer Ring, stark.

Weißer Ring: Winterhuder Weg 31 (Uhlenhorst)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Sexed Power: Ausstellung Sexed Power im Gängeviertel

Am Weltfrauentag eröffnet im MOM art space im Gängeviertel die Ausstellung „Sexed Power“.

Text: Sabine Danek
Abbildung (o.): Dagmar Rauwald: Selfgendered Identity, 2018

In den letzten zwei Jahren gab es in linken Hamburger Netzwerken reichlich Streit um frauenpolitische Positionen, der feministische Raum im Gängeviertel wurde geschlossen.

Diese Auseinandersetzungen wollen die Künstlerinnen der Ausstellung „Sexed Power“ nicht aufwärmen. Sie treten lieber in Aktion. Mit einer Schau, die am Weltfrauentag Solidarität zeigt, die ein Zeichen ist und auch eine Positionierung. Gegen die „Pimmelsuppe“, die in der Kunst immer noch gekocht wird. Ob mit der Absage der Retrospektiven von Adrian Piper und Joan Jones im Münchner Haus der Kunst, die durch eine Schau von Markus Lüpertz ersetzt werden. Oder auch in der großen Ausstellung „Baselitz – Richter – Polke – Kiefer“, die im Herbst aus der Staatsgalerie Stuttgart in die Deichtorhallen wandert.

 

„MeToo konnte die Gesellschaft bis heute nicht nachhaltig verändern“

 

Für Dagmar Rauwald, Künstlerin und „Sexed Power“-Initiatorin sind das: „Malerfürsten, die in einer Zeit schnell Karriere machten, in der es für Künstlerinnen noch schwerer als heute war, sich durchzusetzen und deren fataler Machismo mit Großschauen wie dieser immer wieder bestätigt wird“. Dagegen lehnt „Sexed Power“ sich auf, will nicht zulassen, dass die ungleichen Verhältnisse einfach totgeschwiegen werden und auch zeigen, „dass MeToo die Gesellschaft bis heute nicht nachhaltig verändern konnte“.

„Sexualisierte Gewalt und sexualisierte Macht sind zwei unterschiedliche Dinge“, sagt Dagmar Rauwald, „aber sie bedingen sich auch. Sexualisierte Macht kann zu sexueller Gewalt führen.“

Johanna Bruckner: Molekulare Geister in der Liebe, 2018

Im Mittelpunkt steht trotz aller politischer Positionierung bei „Sexed Power“ aber die Kunst. Die Körper-Arbeiten der österreichischen Biennale-Teilnehmerin Johanna Bruckner, die herrlich umstürzlerischen Videos, Installation und Malereien von Cordula Ditz. Die Skulpturen von Ida Lennartson, die mit Kunsthaaren, Prothesen oder Fragmenten aus Arbeitsprozessen, von Körpern erzählt und sie auseinandernimmt. Die Abformungen und Bronzegüsse von Julia Frankenberg und Anna Lena Grau, Performances von Louise Vind Nielsen, die Malerei von Dagmar Rauwald und die Arbeiten von Emma Howes, die sich als „Übersetzerin zwischen Bewegung und Form“ versteht.

Gemeinsam haben die Künstlerinnen, dass sie „ Kunst als Spiegel gesellschaftlicher Prozesse sehen, kritisch reflektieren und jede auf ihre Weise für authentische und starke Kunst stehen.“

Es ist bereits die zweite „Sexed Power“-Schau und perfekt wäre es, wenn sich daraus ein fortlaufendes Projekt entwickelt, die Ausstellung eine Keimzelle wird, die sich vergrößert und in eine Plattform Hamburger Künstlerinnen verwandelt.

Sexed Power 2019, Mom Art Space, 8.–16.3.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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„Alles ist gut“ – das Drama einer Vergewaltigung

Im beklemmenden Drama „Alles ist gut“ wird Janne nach einem feuchtfröhlichen Klassentreffen vergewaltigt. Lange vor der #MeToo-Debatte nahm Eva Trobisch diesen Film in Angriff.

Von wegen „Alles ist gut“. Nichts ist gut. Dass in Jannes (Aenne Schwarz) Leben nicht alles so idyllisch ist, wie uns die ersten Minuten glauben lassen wollen, wird schnell klar: Wir erfahren, dass der kleine Verlag von Janne und ihrem Partner Piet (Andreas Döhler) Insolvenz anmelden musste. Sie scheint das besser zu verkraften als er, Piet ist reizbar und aggressiv. Richtig den Bach runtergeht es für Janne aber, nachdem sie von Martin (Hans Löw) nach einem feucht-fröhlichen Klassentreffen vergewaltigt wird. Erst findet Janne Martins Zudringlichkeit noch „albern“, sie lacht, doch dann geht es ganz schnell, ein kurzes, nüchternes Gerammel, kaum scheint es real.

Janne will kein Opfer sein, sie doch nicht! Deshalb verschweigt sie das Geschehene und spielt es herunter, als sie Martin zufällig wiedertrifft. Er ist der Schwager ihres väterlichen Freundes Robert, der ihr einen Job als Cheflektorin anbietet. Janne cancelt kurzerhand die gemeinsame Zukunft mit Piet auf dem Land und nimmt an – wohl wissend, dass sie als Kollegin mit Martin zusammenarbeiten muss. Kein Problem, oder? Für Martin schon. Er ist über sich selbst entsetzt, er kann das Geschehene nicht mit seinen Wertvorstellungen vereinbaren und Jannes Haltung nicht verstehen; er will es wiedergutmachen.

Verstrickt im Lügengespinst

Doch Janne scheint souverän, sie macht ihren Job und unterstützt Robert mit Rat und Tat, als der von seiner wesentlich jüngeren Frau emotional und körperlich misshandelt wird (oh ja!). Doch immer mehr verstrickt sie sich in ihr Lügengespinst, immer mehr entgleitet ihr die Kontrolle, bis die Folgen der Gewalttat sie und ihre Mitmenschen in einen zerstörerischen Strudel reißen.

Man möchte Janne anschreien: Sag doch endlich was! Tu nicht so, als wäre nichts gewesen! Doch sie schweigt, lächelt, will keine Schwäche zeigen. Lange vor der #MeToo-Debatte nahm Eva Trobisch diesen Film in Angriff, und sie zeigt auf sehr beklemmende Weise und mit einer großartigen Hauptdarstellerin, welche fatalen Folgen Gewalt – und deren Verschweigen – haben kann.

Text: Steffi Horst


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 

 

 

 


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