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Neuer Club: Aus Moloch wird die Anderswelt

Das Oberhafenquartier ist ständig im Wandel. Über fünf Jahre war das Moloch ein subkultureller Club-Stachel in der fortschreitenden Bebauung der HafenCity. Nun verkündete die Betreiber-Crew das Ende. Doch es geht spannend weiter. Für mindestens zehn Monate wird aus Moloch die Anderswelt.

Interview und Fotos: Ole Masch

Lange wurde gehofft, spekuliert, Gerüchte gestreut. Es folgte Abschiedsparty nach Abschiedsparty. Anfang September war es offiziell. Die Kerncrew des beliebten Underground Clubs Moloch, von Gästen liebevoll Mutti genannt, verkündete ihr „Closing ohne Closing“ und beendete damit nach fünf Jahren ein Projekt unzähliger legendärer elektronischer Nächte (und Tage). Man sei sich mit dem Gängeviertel, welches die Fläche verwaltet, nicht über die Modalitäten zur Fortführung einig geworden.

 

Neues Clubprojekt

 

Damit verliert Hamburg eines der innovativsten und mehrfach ausgezeichneten Clubprojekte der letzten Jahre – und gewinnt gleichzeitig etwas Neues. Wie das Gängeviertel mitteilte, geht im Oberhafen die Anderswelt an den Start: „Ein kollektiver, partizipativer und basisdemokratischer Ort für kulturelle und künstlerische Projekte und natürlich exzessive Clubkultur“.

Mehrere Wochen sei von zahlreichen Kollektiven und über 100 Beteiligten geplant, gebaut und entworfen worden. SZENE HAMBURG sprach mit Freya und Gwen vom Anderswelt-Kollektiv über das neue Kulturprojekt.

 

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Die Tür zur Anderswelt steht offen (Foto: Ole Masch)

 

SZENE HAMBURG: Freya und Gwen, wer genau macht die Anderswelt?

Freya: Es ist ein Projekt des Gängeviertel e. V., welches aus einem neuen internen Betreiber-Kollektiv und vielen weiteren ehrenamtlichen Helfern aus der subkulturellen Club- und Kreativszene besteht.

Wir als Kollektiv wollen einen Freiraum für Kunst und Kultur aller Art schaffen und sehen uns nicht nur als reinen Club-, sondern auch als Kreativbetrieb, den man in Form von Dekoration, Licht, Ton und Entertainment in zehn verschiedenen Welten erleben kann. Ein bisschen Hippie-Charme ist auch dabei (grinst).

Wofür steht der Name?

Freya: Anderswelt klingt so schön unkonventionell. Nach Utopie, nach Freiheit und nach Möglichkeiten. In unserem Fall durch Partizipation im Projekt in vielerlei Form, besonders bei der Gestaltung.

Die keltische Mythologie hinter dem Begriff haben wir erst danach entdeckt, finden sie aber auch sehr inspirierend – unsere erste Welt hatte diesen mystischen Look, die nächste wird ganz anders, versprochen!

 

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Arbeit im Kollektiv: neuer Außenbereich (Foto: Ole Masch)

 

Welche Veränderungen gibt es gegen­ über des Molochs?

Gwen: Musikalisch wollen wir ein breiteres Publikum ansprechen, das dennoch in die Location passt. Also Countrymusic wird es nie werden (lacht). Beim Opening hatten wir zum Beispiel das erste Mal eine reine Bassnight mit Trap, Grime und ordentlich Ghetto-Tech! Auch Psy-Trance, DnB, und eine Menge Live-Acts sind geplant.

Freya: Außerdem möchten wir die Diversität von Geschlechtern, Herkunft und so weiter zur Normalität werden lassen – das ist uns ein großes Anliegen.

Und räumlich?

Freya: Wie es bei uns aussieht? Kommt vorbei! Wir haben zwei neu gestaltete Floors und einen neuen Außenbereich, drei Bühnen, Installationen und interaktives Geschehen, das sich jeden Monat verändert und erweitert.

Es geht also auch draußen weiter?

Gwen: Ja! Wir hoffen, den goldenen Oktober nutzen zu können, um noch mal ein bisschen Festival-Feeling in den Herbst zu holen – ansonsten geht es im nächsten Frühjahr draußen weiter. Vielleicht überlegen wir uns auch noch was für den Winter, lasst euch überraschen!

 

„Die Anlagen sind der Shit und die Halle scheppert nicht mehr!“

 

Kämpft ihr für eine dauerhafte Nutzung?

Freya: Das ist geplant, ja. Wir sind in Gesprächen mit den entsprechenden Stellen wie Kreativgesellschaft oder Hafencity GmbH und generell daran interessiert, dass Hamburg wichtige subkulturelle Orte erhalten bleiben. Wie genau eine langfristige Nutzung der Fläche aussehen kann, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Wann endet die aktuelle Betriebs­erlaubnis?

Freya: Im Juni 2020.

Das Moloch hatte immer wieder mit Lärmbeschwerden zu kämpfen. Wie geht ihr damit um?

Gwen: Wir haben ein paar Dinge an der Soundtechnik und den Einbauten so verändert, dass wir Lautstärke einsparen können, aber nicht auf besten Klang verzichten müssen. In anderen Worten: Die Anlagen sind der Shit und die Halle scheppert nicht mehr!

Außerdem hoffen wir auf die Akzeptanz eines Clubbetriebs, der auf ein Veranstaltungswochenende im Monat reduziert ist und kommunizieren so viel wie möglich mit unseren Nachbarn im Oberhafen.

Und wie öffnet ihr an diesen Wochen­enden?

Gwen: Die Winteröffnungszeiten – je nach Wetterlage ab Oktober oder November – sind: Freitag 24 Uhr – Samstag 11 Uhr, dann wieder Samstag 24 Uhr – Sonntag 22 Uhr. Ab dem Frühjahr werden wir wieder durchgängig drei Tage geöffnet haben. Das Ganze von September 2019 bis Juni 2020. Zehn Monate, zehn Parallelwelten.

 

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Die Discokugel dreht sich schon (Foto: Ole Masch)

 

Welche Gäste wünscht ihr euch?

Freya: Wie schon erwähnt, versuchen wir musikalische Vielfalt anzubieten, daher auch ein breiteres Spektrum an Gästen. Das kann auch mal bunt werden, aber so und nicht anders, soll es ja auch sein. Das gilt auch für unsere Clubpolitik: Generell wollen wir die größtmögliche Freiheit für jeden; und niemanden – abgesehen von Rassisten, Sexisten, Homophoben und andere – aufgrund von Äußerlichkeiten oder Verhalten ausschließen.

Wir haben während der Veranstaltungen ein Awarenessteam, Psy-Care und Deutschlands einzige reine Frauentürstehercrew, die sich um Wohlbefinden und Sicherheit kümmern. Aber allem voran schreien wir „Rave on, Hamburg!“.

Anderswelt: Stockmeyerstraße 43 (HafenCity), Anderswelt #Zwei, 11.-13.10., 24 Uhr


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Meet the Resident – Günni Gatzen

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Günni Gatzen (Moloch / BassBotanik) – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Ich versuche in meinen Sets darauf zu achten, eine ähnliche Stimmung zu halten und mit treibenden Sound eine Art hypnotischen Zustand zu erreichen. Die Musikrichtung variiert dabei von Location, Stimmung, Zeit und Partner-DJ.

Was war dein größter Moment als DJ?

Viele Gigs waren auf ihre eigene Weise unvergesslich und einzigartig. Dabei hängt es auch nicht immer davon ab, wie beliebt der Club ist oder wie groß das Publikum war. Gerne denke ich zurück an den Gig mit Schense auf der Fusion in einer kleinen DJ-Booth am Roten Platz, mit Svn Stvr zum ersten Mal im Moloch in der Kuhle, solo unten im Südpol beim Warm-Up von Off the Radar oder den Auftritt mit meiner Twerkstatt-Gang letztes Jahr in einer ganz besonderen Bucht.

Wo gehst du in Hamburg hin, um Spaß zu haben?

Auf diese Frage gibt es für mich eigentlich nur 2 Antworten: Moloch und Südpol.

Welchen DJ würdest du gerne mal (wieder) in Hamburg sehen?

Sehr gerne würde ich mal wieder Mihai Popoviciu oder Ida Daugaard in Hamburg sehen.

Was sind für dich Hamburgs stärken?

Die besten Menschen und der beste Club der Welt.

Und die Schwächen?

Das Wetter.

Dein Lieblingsort in Hamburg?

Münzviertel und Dove Elbe.

Deine Platte des Monats?

An dieser Stelle will ich einmal Promo für meine Brudis machen. Track: Metatext & Karhua – Turners Tales of Gravity auf Wayu Records. Geht zwar vom Sound her in eine andere Richtung als meiner, aber es ist ein supergeiler treibender Downtempo-Track geworden und die beiden sollte man absolut aufm Schirm haben.

 

Hört hier einen Track aus Günni Gatzens Platte des Monats

 

Auf wen sollte man in Hamburg momentan ein Auge haben?

Metatext & Karhua, Schense, Doe & Fils Rauscht sowie Linus & Svn Stvr.

Deine schrecklichste Gastfrage?

Da fallen mir gleich zwei ein: Die erste stellte mir jemand bei einem meiner ersten offiziellen Gigs 2012 in Damme, einem Dorf in Niedersachsen. Leider war Tech-House damals dort noch nicht angekommen und nach meinem ersten oder zweiten Übergang wurde ich gefragt, ob ich nicht bald mal was von Scooter spielen könnte.

Die zweite Situation war auf dem 30. Geburtstag meiner Stiefschwester. Da sie in der ländlichen Umgebung von Oldenburg wohnt, hatte ich mich schon darauf vorbereitet, dass ich irgendwann gefragt werde, ob ich noch etwas anderes spiele. Aber als ich nach zwei Stunden gebeten wurde, gegen eine Zahlung von 50€ meine Musik auszumachen und einen Schlagersender im Radio anzumachen, war ich platt.

Wo kann man dich als nächstes hören?

Artville Richtfest: 20. Juli 2019.

Habitat Festival: 24. Juli-28. Juli 2019.

 

Hier könnt ihr ein aktuelles Set von Günni Gatzen hören – im Podcast von hamburg elektronisch


Szene-Hamburg-juni-2019 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2019. Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Meet the Resident – Gwen Wayne

Die gebürtige Frankfurterin Gwen Wayne, 31 Jahre, lebt seit über drei Jahren in Hamburg, ist Resident im Moloch, FSK-Moderatorin und Teil des feministischen Equal Kollektivs.

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Gwen Wayne: Ich hab zu Anfang meinem Sound den Namen „Shitstormtechno“ gegeben, damit mir keiner ans Bein pissen kann, wenn es mal scheiße wird. Aber mittlerweile ist es kaum noch scheiße. Ich mag den Namen trotzdem gerne. Sachlich betrachtet ist es wohl prolliger, dumpfer Tech-House, mit Einflüssen aus HipHop und dem Frankfurter Sound der 90er Jahre und eine Prise UK Bassmusik.

Was war dein größter Moment als DJ?

Ui, ich denke die Fusion 2018 mit meinen drei Gigs, das ist schon so etwas. Aber auch beim G20-Demorave 2017. Da habe ich ganz vorne auf einem Wagen gespielt, hinter mir 30.000 Raver und circa 50 Bullen vor mir inklusive Wasserwerfer. Ich hab dann auf höhe Gängeviertel „Wildchild – Renegade Master (Friend Within Refix)“ gespielt. Just in dem Moment ging ein Banner im Gängeviertel runter, wo drauf stand „Power to the people“ das ist zufälligerweise der Refrain des Tracks. Das war schon geil – als ob sie es geahnt hätten.

Wo gehst du in Hamburg hin, um Spaß zu haben?

Da gibt es gar nicht mal so viel. Ich bin auch viel in Berlin. Aber sonst war natürlich das Moloch mein Zuhause, den Südpol mag ich auch gerne. Und den Kindergarten im Gängeviertel.

Welche DJs würdest du gerne mal wieder in unserer Stadt sehen?

Billy Kenny und Maksim Dark.

Was sind für dich Hamburgs Stärken?

Man kann hier ziemlich schnell etwas rocken, wenn man die richtigen Leute um sich versammelt. Es ist konzentrierter als Berlin zum Beispiel. Das haben wir schon öfter gemerkt und gerade eine Booking-Agentur mit feministischem Ansatz gegründet, EQ:Booking, in der wir hauptsächlich weibliche Künstlerinnen fördern, aber auch coole Kerle, Queers etc. Wir finden das fehlt enorm in Hamburg und versuchen damit eine Lücke zu füllen. Es geht gut voran und vor allem mit schnellem Erfolg. Ich weiß nicht, ob das in einer anderen Stadt so fix über die Bühne gegangen wäre. Eine gute und starke, linke Community hat Hamburg.

Und die Schwächen?

Die Politik und die Polizei. Ohne Worte was letztes Jahr beim G20 abging. Das hat mich schon nachhaltig geschockt. Das musste als eine der größten Städte eines demokratischen Landes erst mal bringen. Na ja und dass Mama Moloch dicht machen musste, ist natürlich schwach. Schwach von der Stadt.

Dein Lieblingsort in Hamburg?

Die tolle HafenCity – nein, Spaß! Natürlich ist das das Gängeviertel. Ich hänge aber auch gern an der Dove-Elbe ab.

Auf wen sollte man in Hamburg momentan ein Auge haben?

Na auf uns natürlich: EQ:Booking.

Welcher Gig in Hamburg ist bisher dein Favorit?

Puh, gute Frage, vielleicht die Eröffnung der Fabrique im Gängeviertel vor drei Jahren an Silvester – inklusive Feueralarm … Klang aber gut, hehehe.

Deine schrecklichste Gast-Frage?

Das war in Stuttgart vor vielen Jahren. Da hab ich noch mit Laptop aufgelegt. Und während des Gigs kommt einer an und fragt mich, ob ich mal kurz checken kann, wann die letzte Bahn Richtung Hauptbahnhof fährt! Ich hab mich schlapp gelacht.

Wo kann man dich als nächstes hören?

Die halbe Festivalsaison ist ja schon vorbei. Kommt noch der Vogelball, auch mit EQ: zusammen (siehe Seite 82). Auf dem „Bucht der Träumer“-Festival machen wir auch einen eigenen Floor, den Bassfloor. Und sonst sicher irgendwo zwischen Hamburg-Berlin-Bremen und natürlich auf dem Gängeviertel-Geburtstag am 23.8. Ach ja, und sonst könnt ihr meine Stimme jeden vierten Dienstag im Monat auf FSK Radio hören, beim DJ Battle des Todes. Das moderiere ich.

Interview: Ole Masch & Hamburg Elektronisch
Foto: Rio Schmidt


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


Noch mehr Lust, die Stadt zu erkunden?

 

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Meet the Resident: Oskar.

Jeden Monat stellen wir in der SZENE HAMBURG Resident DJs vor. Im Januar 2017 ist OSKAR. an der Reihe.

OSKAR., 24, seit 2011 DJ, Seit der Eröffnung Resident im PAL, Veranstalter von POWER TOWER im Uebel & Gefährlich.

Schrecklichste Gast-Frage: Mich hat mal jemand beim Auflegen gefragt, ob er einen Track auf YouTube anmachen kann … Im Club!

Platte des Monats: Burial – Rodent (Original Mix).

Lieblingsplatten: Alles von Aphex Twin, alles von Daft Punk bis 2005, Burial’s Untrue LP & Veröffentlichungen auf Labels wie Ostgut Ton, Ilian Tape, R&S, Running Back, L.I.E.S. und Ninja Tune.

Größter Moment als DJ: Jedes Mal wenn ich Support für die Vorbilder spielen darf. Wenn die Tanzfläche komplett gefüllt ist, aber keiner spricht, stattdessen sich alle wie in Trance verhalten. Die Reaktionen der Gäste wenn mein letzter Track ausläuft. Oder wenn man die Fortschritte der eigenen Crew beobachten kann. An dieser Stelle Shout Outs an meine Residents im PAL, Funky Kartell und an alle die mich immer unterstützt und inspiriert haben.

Was nervt in Hamburg: Keine Spätis.

Party des Monats: Die erste Party im PAL nach einer kurzen Winterpause.

/ OMA

PAL
20.1.18, 24 Uhr


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2017. Das Magazin ist seit 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!