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Privattheatertage: Von Puppenspiel bis Clockwork Orange

Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Kellerloch“ in der Fassung des Bremer Figurentheaters Bühne Cipolla wurde für den Monica Bleibtreu Preis 2022 nominiert und ist mit elf weiteren Inszenierungen im Rahmen der Privattheatertage Hamburg zu erleben

Text: Dagmar Ellen Fischer

Bei dieser Rechenaufgabe steht das Ergebnis von vornherein fest: Zwölf Produktionen werden zu den Privattheatertagen vom 21. Juni bis 3. Juli 2022 nach Hamburg eingeladen, nachdem eine neunköpfige Jury 147.000 Kilometer zurücklegte, um 119 Bewerbungen zu begutachten. Alle zwölf Theater hoffen nun auf den Monica Bleibtreu Preis, der am letzten Abend in drei Kategorien – Komödie, (zeitgenössisches) Drama und (moderner) Klassiker – verliehen wird. 2022 feiern die von von Axel Schneider in Hamburg initiierten Privattheatertage ihr zehnjähriges Jubiläum.

Große Namen

Und wieder sind große Namen unter den Bühnenautoren: Zeitgenossen wie Patrick Süskind, Lutz Hübner und Dörte Hansen werden gespielt, aber auch Klassiker, so Molière, E. T. A. Hoffmann, Maxim Gorki. Und Dostojewski: Aus dessen 1864 veröffentlichten „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ entwickelt die in Bremen ansässige Bühne Cipolla Figurentheater für Erwachsene mit Live-Musik. „Wir nehmen prinzipiell Prosa-Vorlagen, keine fertigen Theaterdramen, weil die Beschäftigung mit der Literatur, das Erstellen einer Spielfassung und die Diskussion darüber, welche Themen wir erzählen wollen, zu unserem Arbeitsprozess gehören“, erklärt Schau- und Puppenspieler Sebastian Kautz.

Menschliche Abgründe erforschen

Bislang entstanden theatrale Bearbeitungen bekannter Texte von Edgar Allan Poe, Stefan Zweig, Heinrich von Kleist und Friedrich Schiller. Nun Dostojewski, warum? „Seine Texte beschäftigen sich mit den großen Themen Schuld, der ständigen Sinnsuche, den Schwierigkeiten, sich selbst und die Mitmenschen mit ihren Wünschen, Egoismen und Ansprüchen zu verstehen. Mit unserer Puppenästhetik und den musikalischen Mitteln erforschen wir gerne diese menschlichen Abgründe.“

Auf dem Weg zum zweiten Monica Bleibtreu Preis?

Dostojewskis Aufzeichnungen kreisen um die Gedankenwelt eines Ich-Erzählers, sind eine Art Innenschau, die nicht nach einer Performance schreit. Trotzdem: „Viele der kruden Gedankengebilde sind in meine Spielfassung eingeflossen. Das Schöne ist, dass sich dieser seltsam geschlechts- und namenlose Protagonist ständig selbst widerspricht in seinem Ringen um ein sinnerfülltes Leben. Das finde ich zutiefst menschlich, und es entbehrt nicht einer gewissen bizarren Komik. So war von Anfang an klar, dass wir den Dostojewski nicht als dunkles, graues russisches Klischee-Stück inszenieren, sondern eher als buntes, abwechslungsreiches, skurriles Biografie-Tableau.“ 2019 gewann die Bühne Cipolla mit Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ bei den Privattheatertagen in der Kategorie (moderne) Klassiker den begehrten Monica Bleibtreu Preis. 2022 tritt sie mit „Keller“ (am 29. Juni, 19.30 Uhr im Altonaer Theater) in der gleichen Kategorie an.

Privattheatertage: 12 Mal Theater und eine Gala

Den Abschluss macht am 3. Juli 2022 um 19 Uhr die Gala mit der Verleihung der Monica Bleibtreu Preise in den Hamburger Kammerspielen.


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