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Tanz mit einem Sexroboter

In Gloria Höckners „Sentimental Bits“ agieren vier Performer:innen und ein humanoider Sexroboter miteinander, um sich einer Aus- und Bewertung durch KI zu entziehen. Das Tanzstück ist eine von drei Produktionen, mit denen die aktuellen K3-Residenz-Choreografinnen sich im Rahmen des Festivals TanzHochDrei vom 24. März bis 3. April 2022 auf Kampnagel vorstellen

Interview: Dagmar Ellen Fischer

SZENE HAMBURG: Gloria Höckner, Tanz kann aus physischen Phänomenen bestehen, die durchaus nicht auf den menschlichen Körper begrenzt sind, und da gäbe es zahlreiche Möglichkeiten – warum ein Sexroboter?

Gloria Höckner: Der Sexroboter verkörpert die Frage nach einer Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Er fragte mich beispielsweise, ob ich männlich oder weiblich bin. Als ich antwortete, dass ich nicht-binär sei, war der Roboter überrascht. Warum ist meine Identität überraschend? Warum geht der Roboter von zwei Geschlechtern aus? Diese in Maschinen eingeschriebenen Vorurteile will ich sichtbar machen und problematisieren.

Im Untertitel heißt deine Choreografie „This Magic is in Spite of Me“, ins Deutsche übersetzt, ergibt das indes wenig Sinn …

Der Untertitel stammt aus einem Experiment, bei dem eine Künstliche Intelligenz auf Grundlage bisheriger Songs einen neuen komponierte. Es offenbart sich, dass KI es zwar schafft, Muster eines vorgegebenen Materials zu erkennen und zu verarbeiten, sie ist dabei aber doch fehlerhaft. Diese Reproduktion von Mustern ist besonders problematisch, wenn sie beispielsweise an Grenzübergängen eingesetzt wird, um Menschen zu analysieren – und nicht nur Songtexte.

Sich durch Tanz einer Erkennung entziehen

Bei „Sentimental Bits“ geht es darum, sich computergesteuerten Überwachungssystemen zu verschließen beziehungsweise sie zu stören, wie funktioniert die Übertragung in eine Performance?

Durch körperliche Nähe, Bewegung/Tanz, ein Spiel mit dem körperlichen Ausdruck, die Benutzung von Masken und die gegenseitige Umschlingung von eigenen wie fremden Körperteilen entziehen sich die Performer und Performerinnen der „Erkennung“ durch die Software. Die Körper entwickeln eine eigene Intelligenz oder ein Bewusstsein gegenüber der KI. Die Performerinnen und Performer spielen damit, durch ihren Gesichtsausdruck oder ihre Bewegungen die KI so zu irritieren, dass sie entweder gar nicht mehr erkannt werden oder Störungen im System erzeugen. So „hacken“ sie ihren Ausdruck und lassen „Glitches“ entstehen.

Welche Bilder entstehen, wenn Körper gehackt und geglitcht werden?

Die Emotions-KI erkennt nur eine begrenzte Anzahl an Emotionen und lediglich zwei Gender. Trotz dieser begrenzten Möglichkeiten findet die Technologie zunehmend Eingang in die Gesellschaft, zum Beispiel bei Jobinterviews. In dem Stück wird sichtbar, wie die Software über digitale Masken versucht, Gesichtsausdrücke zu deuten und mittels Kategorisierung zu interpretieren. Die Performerinnen und Performer irritieren die KI, sodass sie kaum noch erkannt werden. Das Bewegungsmaterial entsteht unter anderem durch das Spiel der Performerinnen und Performer mit den Grenzen des Systems. Jedes Mal, wenn die Performer:innen sich außerhalb der von der KI bekannten Kategorien bewegen, entstehen alternative Narrationen, überraschende sowie irritierende Bilder und Dialoge.

Hörbare Emotionen

Braucht es dafür Performerinnen und Performer mit bestimmten Voraussetzungen?

Ich arbeite mit Performerinnen und Performer, die selbst ein Interesse an der Thematik mitbringen. Uns verbinden eigene Erfahrungen mit den politischen Implikationen, eingeschriebenen Vorurteilen und Körpervorstellungen dieser Systeme.

Wie werden die begleitenden „immersiven Klanglandschaften“ erzeugt?

Wir haben ein eigenes Musikinstrument gebaut, indem wir den von der KI erkennbaren Emotionen und Genderkategorien eigene Klänge zugewiesen haben. So werden sie hörbar und das Gesicht zu einem Instrument. Das Gleiche haben wir auf eine Software angewendet, die den Körper der Performerinnen und Performer verfolgt und ihre Bewegungen in eine Klanglandschaft transformiert.

Sentimental Bits – This Magic is in Spite of Me: Kampnagel, 26. und 27. März 2022


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Kira: „Versuch es doch bitte mal ohne Pronomen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Kira begegnet.

Protokoll: Rosa Krohn

„Wenn’s dir selbst gut geht, ist das ein Umstand, in dem du erst mal nicht anfängst, dich über politische Sachen zu informieren. Ich selbst komme aus einer sehr privilegierten Position: Ich studiere Soziologie im siebten Semester und meine Eltern können mich bei der Miete unterstützen. Es gibt nicht viel, worüber ich mir Gedanken machen muss. Doch bei einer Sache sehe ich mich nicht in einer privilegierten Position: meiner Geschlechtsidentität. Ich bin nicht-binär, werde aber als weiblich gelesen. Das Thema ist für mich sehr anstrengend. Ich möchte Personen, die ich vielleicht nie wiedersehe, nicht immer sagen müssen: ‚Versuch es doch bitte mal ohne Pronomen.‘ Für mich ist es in erster Linie wichtig, zu wissen, wer ich bin. Die anderen lesen mich so, wie sie mich in dieser binären Geschlechterwelt wahrnehmen. Meine Identität wird mir nicht abgesprochen, aber viele sind wenig achtsam.

„Es wandelt sich gerade viel“

Am Anfang hatte ich viele Diskussionen, habe aber schnell gemerkt, dass gerade ältere Menschen sich nicht mit der Thematik auseinandersetzen möchten. Sie sind so sozialisiert, dass es Männer und Frauen gibt – nichts dazwischen. Sicherlich wandelt sich gerade viel. Das Thema findet mehr Anschluss in der Gesellschaft. Aber wenn Menschen etwas nicht selbst betrifft, kümmern sie sich auch oft nicht darum. Wenn man mich fragt, was sich in der Gesellschaft ändern müsste, würde ich mir einerseits wünschen, dass das Geschlecht einfach nicht mehr eine so große Rolle spielte. Auf der anderen Seite sehe ich, dass es beispielsweise für Trans-Personen sehr wichtig ist, wie sie wahrgenommen werden. Deshalb möchte ich nicht behaupten, das Geschlecht sei egal. Geschlecht ist etwas Identitätsstiftendes. In einer idealen Welt sollte jede Person die eigene Geschlechtsidentität für sich finden und so in der Gesellschaft akzeptiert werden. In meinem Studium kann ich mich mit solch zeitbezogenen, relevanten Themen beschäftigen. Sie bringen mich in meiner eigenen Entwicklung weiter. Ich lerne Dinge anzunehmen und mein eigenes Handeln zu hinterfragen.“


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Further Festival – Club-Festival mit weiblichem Line-Up

Ausschließlich weibliche Acts (u. a. Schnipo Schranke, Sookee, Ebo, Preach und Natascha P., Klitclique) werden auf der Bühne stehen, wenn das Further Festival im Uebel & Gefährlich steigt. Ein Gespräch mit Friederike Meyer aus dem Organisationsteam.

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Es ist „der nächste Schritt, den man machen muss“, sagt Friederike Meyer. Foto: Simone Scardovelli

SZENE HAMBURG: Friederike, ihr veranstaltet ein Festival mit ausschließlich weiblichen Künstlern. Warum erst jetzt?

Friederike Meyer: Eine berechtigte Frage, die ich mit keinem konkreten Grund beantworten kann. Wir haben die Idee vom Festival jedenfalls schon länger mit uns herumgetragen. Als Booking-Agentur sind wir natürlich auch häufig auf Festivals, und nicht erst seit den Erhebungen in den vergangenen Jahren, die das Ungleichgewicht von männlichen und weiblichen Acts aufgezeigt haben, wussten wir, dass es an der Zeit ist, dieses Festival auf die Beine zu stellen.

In einer Mitteilung von euch heißt es: „Unser Ansatz ist ein feministischer.“ Was steckt alles dahinter?

Ich finde es schon mal einen ziemlich feministischen Ansatz zu sagen, dass wir uns ausschließlich auf weibliche Acts konzentrieren – und trans- sowie nicht-binäre Künstler wären natürlich auch willkommen. Man könnte meinen, in der Musikbranche wären wir schon recht weit in Sachen Emanzipation. Das stimmt aber nicht, es gibt immer noch ein großes Ungleichgewicht.

Welche Gründe siehst du dafür?

Das Ende der Fahnenstange ist immer dann erreicht, wenn es ums Geld geht. Wollen Festivalmacher den größtmöglichen Gewinn erwirtschaften, ist ein feministischer Gedanke schnell verworfen, auch wenn er eben noch auf die eigenen Fahnen geschrieben wurde. Außerdem bewegen sich viele Booker schon viel zu lang in Komfortzonen und buchen immer wieder die gleichen männlich besetzten Bands.

Ihr macht es anders – aber könnt ihr mit diesem Festival auch nachhaltig etwas bewirken?

Das Further Festival ist der nächste Schritt, den man machen muss, um Künstlerinnen eine größere Plattform zu bieten. Wir wollen die Wirklichkeit abbilden, die von Festivalmachern sonst teils verschoben wird. Zudem möchten wir Newcomerinnen unterstützen und ihnen eine größere Bühne ermöglichen.

Wobei Schnipo Schranke und Sookee, die beim Further Festival auftreten, jetzt nicht so große Booking-Probleme haben, oder?

Wir brauchten natürlich auch Künstlerinnen, mit denen wir die Leute abholen und die Hütte vollkriegen können. Wir haben im Vorfeld ja keinen Aufruf gestartet, nach dem Motto: „Wer fühlt sich in der Branche besonders schlecht vertreten?“ Am Ende, denke ich, haben wir einen guten Mix gefunden aus bekannten Acts und welchen, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Vielleicht tauschen sie sich hinter der Bühne oder auf der After-Show-Party auch aus und wollen sich gegenseitig pushen, in dem sie sich zum Beispiel als Support mit auf Tour nehmen. Das gehört auf jeden Fall auch zu unserem „feministischen Ansatz“.

Und aufs große Ganze bezogen: Was sollte nach dem Further Festival noch passieren?

Es kann gar nicht genug passieren! Female Festivals sollte es in jedem Bundesland und in jeder Stadt geben. Die Zeit ist einfach reif.

Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Calcio (Beitragsbild), Simone Scardovelli

Further Festival, 2.+3.11., Uebel & Gefährlich; www.furtherfestival.com



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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