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Bedrohte Räume #19 – Tanz auf dem Vulkan in der Partystadt Hamburg

Welcome im neuen Jahr! Bienvenue chez Hamburg! Merhaba, in der besten Stadt der Welt! Heute biete ich dir ein top WG-Zimmer vom 12.1.2018 (10.00 Uhr) bis 13.1.2018 (17.00 Uhr), 12 Quadratmeter ohne Balkon, dafür Südseite. Ganze 27 Stunden heimeliges Glück. Ja, du bist gemeint: gutaussehende Frau, bis 30 Jahre, Nichtraucherin, Studentin ohne Haustier, vegan, Interesse an Platten, holistischer Ernährung, Yoga, Reisen und Apfelbäumen. Gerne aus den Stadtteilen Eimsbüttel, Altona, St. Pauli stammend und politisch eher links orientiert. Der Preis beträgt 150 Euro zzgl. Nebenkosten. Vorauskasse erbeten. Alle Daten per Mail an mich! Ja, diese Butze ist ein Schnäppchen! Bämm!

So oder so ähnlich heißt es auf dem Wohnungsmarkt der geilsten Partystadt der Welt, wie der Kölner Stadtanzeiger Hamburg nennt. Hello!?

Alternativ hätte wg-gesucht.de für dich aber auch 48 Quadratmeter für günstige 940 Euro kalt oder 52 Quadratmeter für 1.100 Euro kalt. Leider nur vom 12.1.2018 bis 30.3.2018. Woche um Woche kannst du in unseren überteuerten Wohnungen in schlichten Lagen mit Souterrain so richtig einen draufmachen! Oder willst du lieber was Eigenes mitten auf dem Kiez? Eine 90-Quadratmeter-Bude in der irren Friedrichstraße auf St. Pauli für nur 550.000 Euro, der Grundriss ist allerdings schon auf dem Papier die Hölle. Da hätten wir noch die 33 Quadratmeter Rottbude für 170.000 Euro, eher so fürs kleine Potschi, das müsste doch gehen?! Du hast Bock? Dann come along, hier tummeln sich Baulöwen und Immobilienhaie schon zum Breakfast auf deiner imaginären Dachterrasse, denn hier is’ richtig geil!

Morgens, wenn du das Haus verlässt, kann es allerdings ungemütlich werden, während du im Partyglimmer unter Brücken oder durch Parkanlagen schwankst – ob am Bahnhof, in Hauseingängen oder in der Hochglanz-City. Denn hier überleben 2.000 Obdachlose zwischen Flaschen, Kot und Hunden, davon hunderte Jugendliche, ohne Schutz und Perspektive. Jeden Tag, jede Nacht, krank, verelendet, aufgegeben von uns, von denen, von dir. Spätestens jetzt ist Schluss mit Party: Kinder und Erwachsene erfrieren auf der Straße, hungern, sind Opfer zunehmender Gewalt und Feindlichkeit, der sie täglich ausgeliefert sind. Diese Menschen und mit ihnen weitere 5.000 Obdachlose, die wenigstens für eine Nacht Unterschlupf finden, ist nicht nach Fete, so wie dir. Sie haben keinen Partykeller, keinen Kumpel im Arm, keine Wand im Rücken, weder eine eigene, noch eine teure oder eine temporäre Bleibe. Und während du morgens in deiner überteuerten Butze deinen Partykater kraulst, sind sie da draußen über Nacht halbtot gefroren.

Denn unsere obdachlosen Hamburger sind die echten Verlierer fehlgeleiteter Integrations-, Sozial- und Wohnungsbaupolitik. Sie sind die Opfer von Immobilienspekulationen, Wohnraumverknappung, Leerstand, Spekulation und hochgetriebenen Preisen in jeder Größenordnung in der geilsten Partystadt der Welt! Was? Echt? Dich interessiert das nicht? Du willst Party, Fete, Halligalli? Alles geil, fast wie in Vegas? Dann trink dir Mut an, Babe, bring den Boys & Girls was Warmes vorbei, spende einen Container oder stich der Immoblase am besten gleich die Luft aus dem Tank! Sei aktiv, damit die bedrohten Wohnräume morgen wieder den Wohnungslosen, den Armen, ja unseren Homies gehören und Hamburg die weltwärmste City wird!

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Michael Kohls


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf Ihrer Website

Obdachlos: Die Vertriebene

Wo sich circa 1.858.000 Hamburger in ihre beheizten vier Wände verziehen, kämpfen an anderer Stelle 2.000 Menschen um Wärme. Die will verdient werden. Und das nicht nur an Heiligabend. Eine von ihnen ist Cheyenne. Sie lebt auf der Straße.

Die standen hier, glaube ich, zu fünft oder sechst von der Stadtreinigung, dann die Polizei und zwei Leute von der Stadt“, sagt die 50-Jährige. Rot-braunes Haar, die Seiten abrasiert, lackierte Fingernägel für eine ermutigende Portion Selbstwertgefühl und ein wacher, aufgeregter Blick. Cheyenne hat gerade ihre Räumungsaufforderung erhalten. Bis zum nächsten Morgen muss sie hier weg sein. Hier? Das ist die Nische unter der U-Bahnbrücke Landungsbrücken an der Helgoländer Allee. Weg sein? Das heißt, mit ihren zwei Hunden, Sack und Pack weiterziehen.

Cheyenne mit einem ihrer zwei Hunde. Sie sind ihr ganzer Stolz, ihr Halt und einzige Konstante

Dann geht’s in die Übernachtungsstätte Pik As. Die Stadt hat ihr dort ein Zimmer organisiert. Sie sagen, sie hätten Cheyenne im Vorfeld über die Räumung informiert. „Ich wusste von nichts. Die eine Frau meinte, sie hätte doch mit mir gesprochen. Nein, und sie hat mir auch keine Adressen gegeben. Es ärgert mich einfach.“ Sie fühlt sich einerseits übergangen und bevormundet und ist andererseits dankbar für die neue Bleibe. Innerhalb eines Tages muss sie ihre Sachen in die Neustädter Straße bringen. Ohne Auto, ohne Hilfe von außen. Zwei Zelte und eine Kommode, das einzige Möbelstück, das Cheyenne besaß, haben die Müllmänner gleich entsorgt. Eine Matratze und ein Schlafsack sind das höchste der Komfortgefühle, die ein Obdachloser haben darf. In den Augen des Bezirksamtes gilt alles andere als Unrat oder Sperrmüll.

Sie habe zu viel Krempel, bemängelten die Männer. Sie fragt sich: „Wer bestimmt das? Wenn sie gesagt hätten ,Möbel weg‘. Alles gut, dann hätte ich sofort geräumt“, sagt Cheyenne energisch. Aber nun sei nicht mal mehr der Aufenthalt unter dem kleinen Brückenstück erlaubt. „Warum denn aber da hinten?“ Sie nickt in Richtung der Obdachlosengruppe unter der Kersten-Miles-Brücke. Nicht mal 200 Meter von Cheyennes Platz entfernt hat sie sich dort dauerhaft eingerichtet. Die fünf Männer mit ihrem Camp werden unter bestimmten Auflagen vom Bezirksamt Mitte geduldet. In der Vergangenheit war es häufig zu Reibereien zwischen Behörden und den Wohnungslosen gekommen. 2011 wurde ein Zaun rund um den Platz aufgestellt, um sie zu vertreiben. Auch ein Brand und zunehmender Unrat sorgten für Ärger.

Wahres Glück auf der Straße: Ein ständiger Begleiter und Essensvorrat

Für den generellen Aufenthalt obdachloser Menschen in der Stadt gibt es klare Regeln: Die Grün- und Erholungsanlagenverordnung erlaubt das Zelten in Parks und auf Freiflächen nicht. Bei der Brücke drückt die Stadt allerdings ein Auge zu, da dies keine reine Freifläche sei und somit eine Grauzone bilde. Regelmäßig schauen Polizei und Stadtreinigung nach dem Rechten. „Wenn es wieder zu vermüllt ist, wird aufgeräumt. Zelte, Möbel und offenes Feuer sind verboten“, betont Pressesprecherin Sorina Weiland vom Bezirksamt Mitte.

Cheyenne hat schon einiges gesehen – Köln, den Taunus, die Eifel, Bayern. Ende 2015 kommt sie nach einer abgesessenen achtmonatigen Haftstrafe nach Berlin, die Gegend um den Bahnhof Zoo ist ihr Zuhause. In dieser Zeit ist sie glücklich. Sie hat einen Partner, die Menschen, mit denen sie auf der Straße lebt, nennt sie ihre Familie. Cheyenne hat das Gefühl, gebraucht zu werden. Als Chef und Oberhaupt der Gruppe wird sie respektiert und ist Ansprechpartnerin für die Sorgen und Nöte „ihrer“ Familie. Auch mit der Polizei oder dem Sicherheitspersonal der Deutschen Bahn gibt es keine Probleme.

Seit zwei Monaten lebt die in der Pfalz Aufgewachsene nun in Hamburg auf der Straße. Eigentlich sei sie wegen eines Mannes in die Hansestadt gekommen. Sie schaut zur Seite, zwinkert. „Jeder täuscht sich mal.“ Auf einem T-Shirt liest sie den Spruch: Hamburg ist wie Berlin, nur geiler. „Das stimmt schon. Es ist entspannter hier und leichter zu arbeiten. In Berlin gibt es zu viele Obdachlose, zu viel Konkurrenz beim Flaschensammeln“, weiß Cheyenne. In einer Nacht mache sie hier 60 Euro Pfandgeld. Klingt gut. Hamburgs Kehrseite: Es gibt keinen Zusammenhalt. Hier wird sie häufig beklaut und abgezogen. Powerbanks sind beispielsweise heiß begehrt. Vertrauen ist ein rares Gut auf der Straße. Das macht es Cheyenne manchmal schwer. Sie sei zu gutmütig, sagten schon ihre Berliner Leute. Aber sie möchte sich nicht ändern. „Vertrauen ist doch das, was die Welt braucht. Ein großes Herz mit Vertrauen. Ich will nicht so werden wie die anderen.“ Die anderen? Damit meint sie nicht nur einen Großteil der Menschen, die ihren Weg täglich kreuzen, sondern auch obdachlose Kollegen. „Wenn ich Gast im Haus bin, nehme ich ja auch nichts mit. Ich habe noch Hoffnung, dass ich irgendwie mal jemanden finde, der genauso zurückgibt.

Das Zimmer im Pik As ist für sie keine Dauerlösung. Mit all ihrem Hab und Gut teilen sich zwei bis acht Menschen dort einen Schlafraum. „Man muss immer ein Auge offen haben. Sonst wird man beklaut. Es gibt Stress und man holt sich vielleicht sogar noch irgendwelche Krankheiten“, sagt Cheyenne. „Warum soll ich mir das antun? Dann lieber einen Schlafsack mehr.“ Auch das alljährliche Winternotprogramm sei für sie keine Option. Damit ist sie nicht allein. Das Angebot ist unter Obdachlosen nicht beliebt, obwohl die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration positive Zahlen verlauten lässt: Vergangenes Jahr wurden 2.100 Beratungsgespräche geführt und 278 Aufnahmen ins Hilfesystem eingeleitet. Die Zahl der Sozialarbeiter wurde aufgestockt, wodurch mehr individuelle Beratungen ermöglicht wurden.

Cheyennes Traum hingegen ist gerade zum Greifen nahe. Ein Gartenhäuschen ist im Gespräch. Die Vermittlung läuft über Bekannte. „Das ist Freiheit: Ich kann die Gartentür aufmachen und die Hunde laufen lassen.“ In eine Wohnung will sie nur ungern zurück. „Was habe ich davon? Klar, du kannst abends nach Hause kommen, aber dann sitze ich allein dort und keiner ist da.“ Wie sie jetzt mit der neuen Situation und ihrem Umzug ins Pik As umgehen soll, weiß sie nicht. Viel Zeit, um darüber nachzudenken, bleibt ihr auch nicht. Sie muss schleunigst ihren Platz räumen und sich bei der Übernachtungsstätte melden. „Es gibt nicht viel, was Mensch oder Hund auf der Straße hat, was er wirklich liebt und woran er festhält. Jetzt ziehen wir in eine Unterkunft. Ich bin zwar froh, dass ich von der Straße runterkomme, aber wie das werden soll? Keine Ahnung.“ – Am nächsten Tag ist ihr Platz leer.

/ Text: Christiane Mehlig

/ Fotos: Michael Kohls

 


 Diese Reportage gibt es auch gedruckt in der SZENE HAMBURG, Dezember 2017. Das Magazin ist seit 29. November  2017 am Kiosk und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


#StrassenWAHL: Deine Stimme zählt!

Nikolas Migut und sein Verein Straßenblues wollen mit der Aktion „Straßenwahl“ Wohnungslose motivieren, wählen zu gehen – das stärkt die Demokratie und das Selbstvertrauen der Menschen am Gesellschaftsrand. Ein Crowdfounding soll die Aktion jetzt möglich machen.

Copyright by David Diwiak

Wir trafen den Filmemacher zum Interview und wollten es genau wissen. Was ist geplant, wird es funktionieren und was hat ihn motiviert, die Straßenwahl zu initiieren? Nikolas Migut: „Die Idee ist aus aus einem Gespräch mit meiner Frau Milena entstanden, als wir uns über die momentanen politischen Zustände in Europa und den USA ausgetauscht haben. Gefühlt geht gerade die Demokratie vor die Hunde und wir wollten unseren Verein nutzen, um etwas dagegen zu tun. Wählen gehen bei der anstehenden Bundestagswahl fördert die Demokratie und da kam uns in den Sinn, dass die Obdachlosen oft nicht wissen, dass sie eine Wahlstimme haben, die genauso zählt, wie alle anderen. Und wie sie wählen können, wissen sie meist auch nicht.“

Der gemeinnützige Verein will mit der #StrassenWAHL Wohnungs- und Obdachlose jetzt ausführlich informieren. Sie sollen mit der Hilfe von StrassenBLUES e.V. zur Wahlurne gehen und ihr Kreuz machen. Doch für Flyer, Freecards und Tablet-Mieten wird ein bisschen Geld benötigt. Darum hat der Verein auf Betterplace ein Crowdfounding gestartet. 

 

Das komplette Interview erscheint in unserer nächsten SZENE HAMBURG.  Die neue Ausgabe gibt’s ab 31. August 2017.

Text: Hedda Bültmann

www.strassenwahl.de