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Holocaust-Gedenktag: 10 Orte gegen das Vergessen

Internationaler Tag gegen Gedenkens an die Opfer des Holocaust: Zum 76. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau gibt es auch in Hamburg Möglichkeiten des Gedenkens

Text: Eira Richter

 

Wandbild „Für die Frauen vom Dessauer Ufer“

 

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An die Ausbeutung und unmenschliche Unterbringung von Frauen, die im Speicher G am Dessauer Ufer, einem Außenlager vom KZ-Neuengamme, untergebracht waren, erinnert das Wandgemälde „Für die Frauen vom Dessauer Ufer” (1995) von Cecilia Herrero und Hildegund Schuster. Das Gemälde zeigt die jüdische Hamburgerin Lucille Eichengreens, die im Sommer 1944 als Häftling vom KZ Auschwitz zur Zwangsarbeit in ihre Heimatstadt zurückkehrte und Aufräumarbeiten in Mineralölraffinerien und anderen Hafenbetrieben verrichten musste.

Eichengreens war zuvor mit mehreren anderen Frauen im KZ Auschwitz nach Alter und körperlicher Verfassung zur Arbeit selektiert worden. Nach ihrer Zeit am Dessauer Ufer kam Lucille Eichengreens ins Außenlager Sasel und gegen Kriegsende ins Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nach der Befreiung durch die Alliierten emigrierte sie in die USA.

Neumühlen 16-20 (Ottensen)

 

Gedenkstein und Stolperschwelle für die Euthanasie-Opfer in den Alsterdorfer Anstalten

Der „Gedenkstein und die Stolperschwelle für die Euthanasie-Opfer in den Alsterdorfer Anstalten“erinnern an die zahlreichen Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen, die aufgrund der NS-Rassenhygiene ermordet wurden.

Neben Zwangssterilisationen beteiligten sich die Ärzte auch aktiv an der Deportation von Patienten in Tötungsanstalten und an der Verlegung von Kindern in das Krankenhaus Rothenburgort, wo Experimente an ihnen durchgeführt wurden. Von den 629 körperlich behinderten, psychisch kranken oder teilweise nur verhaltensauffälligen Kindern und Erwachsenen überlebten nur 79 die „Euthanasie“-Aktionen.

Ev. Stiftung Alsterdorf, Dorothea-Kasten-Straße (Alsterdorf)

 

Mahnmal für die Kinder vom Bullenhuser Damm

Das „Mahnmal für die Kinder vom Bullenhuser Damm“ gedenkt den zwanzig jüdischen Kindern im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren, die am 20. April 1945 im Keller der Schule am Bullenhuser Damm ermordet wurden. Zuvor waren die Kinder von Auschwitz in das KZ-Neuengamme verlegt worden, um an ihnen medizinische Experimente durchzuführen. Um die Spuren dieses Verbrechens vor den Alliierten zu verbergen, erhängten Anhänger der SS die Kinder und verbrannten die Leichen anschließend.

Die Errichtung des Mahnmals wurde durch eine Initiative von Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht, die durch Spenden das Werk des russischen Künstlers Leonid Mogilevski finanzierten. In Erinnerung an die ermordeten Kinder wird jährlich am 20. April eine öffentliche Gedenkveranstaltung organisiert.

Roman-Zeller-Platz (Schnelsen)

 

Stolpersteine-App

 

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„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt Künstler Gunter Demnig und gibt daher den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft durch Stolpersteine einen Namen. Seit 1995 werden mit 10×10 Zentimertern großen Betonwürfeln, die auf der Oberseite mit einer Messingplatte versehen sind, auf denen die Lebensdaten der Opfer des Nationalsozialismus eingraviert sind, an eben diese erinnert.

Über die Stolpersteine-App sowie auf der offiziellenWebsite lassen sich nicht nur die Standorte der Stolpersteine, die in den Gehweg der letzten offiziellen Wohnadressedes Opfers eingelassen sind, finden, sondern auch ausführliche Biographien der Opfer. Die Stolpersteine geben somit jedem die Möglichkeit aktiv gegen das Vergessen der Ermordeten mitzuwirken.

 

Mahnmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung

Am 15. Mai 1933 verbrannten Hamburger Studierende, die der SA angehörten, am Kaiser-Friedrich Ufer sogenannte „undeutsche“ Bücher. Dieses Ereignis war das Ergebnis einer demonstrativen, reichsweiten Aktion, mit der die systematische Verfolgung von jüdischen, marxistischen, pazifistischen und anderen oppositionellen oder politisch unliebsamen Autorinnen und Autoren begann.

Zur Erinnerung an die Hamburger Bücherverbrennung wurde eine von Wolfgang Finck gestaltete Mahnmalsanlage geschaffen. Auf vier Marmorblöcken sind ein Zitat des Dichters Heinrich Heine, die Titel verbrannter Bücher, eine Auswahl an Namen Hamburger Autorinnen und Autoren, deren Bücher verbrannt wurden, sowie die Aufforderung zum Engagement gegen Faschismus und Krieg zu finden. Zum Gedenken findet jedes Jahr am Mahnmal eine Lesung von damals verbotenen Texten statt.

Grünanlage am Isebekkanal; Kaiser-Friedrich-Ufer, Ecke Heymannstraße (Eimsbüttel)

 

Mahnmal „Verhörzelle“

Um das Mahnmal „Verhörzelle“ des Künstlers Gerd Stange zu betrachten, kommt man nicht drum herum, sich zu bücken, denn die aus Fundstücken zusammengesetzte Installation ist in einem ausgeschachteten Graben platziert. Die Installation beinhaltet einen Wehrmachtshelm, ein Stück Treibholz und einen alten Gerichtsstuhl und soll insbesondere den Opfern nationalsozialistischer Verfolgung durch den Justiz-Apparat gedenken.

Geschwister-Scholl-Straße, Ecke Erikastraße (Eppendorf)

 

KZ-Gedankstätte Neuengamme

 

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Das KZ-Neuengamme ist mit den 86 Außenlager als größtes Konzentrationslager in Nordwestdeutschlands bekannt. Von 1938 bis 1945 waren dort etwa 100.400 Menschen aus ganz Europa inhaftiert – von denen nur die Hälfte die Gräueltaten des NS-Regimes überlebten. Um die Erinnerungen an die Opfer des KZ-Neuengamme aufrecht zu erhalten, wurde das ehemalige KZ-Gelände 2005 zu einer Gedenkstätte.

Obwohl die rund achtzig Fußballfelder große KZ-Gedenkstätte Neuengamme aufgrund der Corona-Maßnahmen ihre Ausstellungen vorerst schließen muss, kann man die Gedenkstätte auch durch viele digitale Angebote, wie virtuelle Rundgänge und Ausstellungen sowie durch Posts auf den offiziellen Social-Media-Accounts, besuchen.

Jean-Dolidier-Weg 39 (Neuengamme)

 

Mahnmal „Tisch mit 12 Stühlen“

Das Mahnmal „Tisch mit 12 Stühlen“ ist den Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern zur Zeit des Nationalsozialismus gewidmet. Aus Ziegelsteinen fertigte der Künstler Thomas Schütte einen von zwölf Stühlen umstellten ovalen Tisch. Dabei befinden sich auf elf Rückenlehnen die Namen von bekannten Hamburgern, die gegen den Nationalsozialismus Widerstand leisteten.

Der zwölfte Stuhl ist jedoch namenlos, stattdessen wird auf einer Tafel die Gedenkstätte erläutert und der Besucher wird aufgefordert, sich zu den Frauen und Männern des Widerstands zu setzen und ihnen zu gedenken.

Kurt-Schill-Weg (Niendorf)

 

Gedenkort ehemaliger Hannoverscher Bahnhof

Zwischen 1940 und 1945 wurden mindesten 7.112 aus Hamburg und Norddeutschland stammende Jüdinnen und Juden, Sintize und Sinti sowie Romnja und Roma vom Hannoverschen Bahnhof in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager nach Osten deportiert. Nur wenige hundert der Deportierten entgingen dem Tod, weil sie bei Zwangsarbeit überleben konnten.

Während des Krieges wurden das Bahnhofsgebäude sowie die Gleisanlagen stark zerstört und der historische Ort geriet vorerst in Vergessenheit. Erst mit der Planung der HafenCity bekam der Ort wieder Öffentliche Aufmerksamkeit. Heute erinnern zwanzig Steintafeln an die Namen der Deportierten und bis 2023 soll an diesem Gedenkort im und am Lohsepark das aus drei Elementen bestehende „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“ entstehen sowie ein Dokumentationszentrum mit Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen.

Lohseplatz (HafenCity)

 

Mahnmal für die ehemalige Harburger Synagoge

 

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Mit der Errichtung eines Friedhofes im Jahr 1690 und der Eröffnung einer Synagoge 1862 war es der jüdischen Gemeinde in Harburg Wilhelmsburg möglich, ihr religiöses Leben frei zu entfalten. Dies änderte sich jedoch mit der Machtergreifung und den veränderten Lebensverhältnissen, weshalb viele Jüdinnen und Juden emigrierten.

Ab 1936 war die Anzahl der Gemeindemitglieder so gering, dass in der Synagoge keine Gottesdienste mehr gefeiert wurden. Zwei Jahre später zerstörten SA-Angehörige die Inneneinrichtung und Eingangstüren und im Jahr 1941 wurde das Gebäude abgerissen.

Nach Kriegsende wurden auf dem Gelände Wohnhäuser errichtet. Um an die Synagoge zu erinnern, befindet sich seit 1988 ein rekonstruiertes Portal der Synagoge an der Außenfassade an einem der neuen Wohnblöcke. Zusätzlich wird auf zwei Gedenktafeln die Geschichte der Harburger Synagoge erzählt.

Eißendorfer Straße/Ecke Knoopstraße (Harburg)


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Weißer Ring: Aus dem Leben gerissen

Wer Opfer von Diebstahl, Betrug oder sexualisierter Gewalt wird, findet Hilfe beim Weißen Ring. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Landesverbands Hamburg erzählt Vorsitzender Hans-Jürgen Kamp wie sehr Übergriffe Leben verändern und was #MeToo bewirkt hat

Interview: Sophia Herzog
Foto: Jessica Lewis via Unsplash

 

SZENE HAMBURG: Herr Kamp, Sie haben früher die berüchtigte Justizvollzugsanstalt Santa Fu geleitet, waren dann stellvertretender Leiter des Strafvollzugsamtes und sind seit fünf Jahren beim Weißen Ring. Was hat Sie zu diesem Seitenwechsel bewogen?

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Vom Strafvollzug in die Opferhilfe: Hans-Jürgen Kamp (Foto: Sophia Herzog)

Hans-Jürgen Kamp: Während meiner Zeit im Strafvollzug habe ich mich regelmäßig mit dem Thema Resozialisierung beschäftigt, und mit der Frage, wie man Straftäter wieder auf die richtige Bahn leiten kann. Ich habe im Laufe der Zeit aber auch viele Menschen getroffen, die von diesen Straftaten betroffen waren. Und das hat mich zunehmend nachdenklicher gemacht. Dass ich die Aufgabe des Landesvorsitzenden beim Weißen Ring übernommen habe, hat sich dann aber doch eher zufällig ergeben.

Konnten Sie etwas aus Ihren früheren Jobs im Strafvollzug mitnehmen, dass Ihnen jetzt hilft?

Die Zahl der unmittelbaren Anknüpfungspunkte ist übersichtlich. Ich habe auf jeden Fall eine sehr gute Vorstellung davon, warum Menschen auf welche Art und unter welchen Umständen verschiedene Straftaten begehen. Und ich habe Menschen kennengelernt, die hinterher sehr betroffen waren von den Konsequenzen ihrer Tat. An der Frage, wie man diese Betroffenheit auch positiv instrumentalisieren kann, sind wir beim Weißen Ring ganz dicht dran.

Wir werfen mit dem Menschen, der zu Schaden gekommen ist, durchaus einen Blick auf den Täter und versuchen, in ihm nicht nur das grenzenlos Böse zu sehen, sondern seine Position auch differenziert zu betrachten. Im Einzelfall kann das auch zu einem Täter-Opfer-Ausgleich führen (Anm. d. Red.: Ein Täter-Opfer-Ausgleich ist ein Mittel zur außergerichtlichen Konfliktschlichtung, das von einem unparteiischen Dritten moderiert wird und bei dem sich Täter und Opfer in der Regel persönlich begegnen.)

 

„Opfer von Straftaten wollen nur eines: Gerechtigkeit“

 

Gelingt das den Geschädigten in der Regel, Verständnis für die Täter aufzubringen?

Gewiss nicht in der Regel! Die Opfer von Straftaten wollen nämlich nur eines: Gerechtigkeit, die durch eine verständnisvolle, auch die Interessen des Opfers oder der Opfer berücksichtigende Justiz hergestellt wird. Aber die nach wie vor häufig sehr täterorientierte Arbeitsweise der Justiz erschwert allen Beteiligten den Zugang zu einer ganzheitlichen Sichtweise.

Bei den ganzen erschreckenden Schicksalen denen Sie, auf beiden Seiten, begegnen – wie bleiben Sie positiv?

Das ist eine gute Frage. Früher, bei meinem Job im Strafvollzug, habe ich gelegentlich mit Menschen zu tun gehabt, deren unvorstellbare Emotionslosigkeit und kompletter Mangel an Empathie mich total ratlos gemacht haben.

Ich habe Menschen getroffen, denen auch ich nicht im Dunkeln begegnen möchte. Aber ich war auch immer in der Lage, das von meinem Privatleben zu trennen. Ich bin ja Jurist, habe aber in meinem Freundeskreis niemanden aus dieser Branche. Das hat vielleicht geholfen, weil ich privat immer anderen Themen begegnet bin.

Gelingt Ihnen das genauso gut, jetzt wo sie häufiger mit dem Leid der Opfer konfrontiert sind?

Hier ist das einfacher, als Vorsitzender habe ich mit konkreten Schicksalen nur theoretisch zu tun, da ich ja nicht selbst berate, und habe dadurch schon eine gewisse Distanz. Aber auch hier gibt es immer wieder Situationen, die mich betroffen machen. Der Weiße Ring beschäftigt sich im Moment sehr intensiv mit der Reform des Sozialen Entschädigungsgesetzes.

Er setzt sich dafür ein, dass auch Opfer mit Schockschäden eine Entschädigung bekommen. Diese Personen waren unbeteiligte Zeugen bei grausamen Ereignissen. Sie haben bestimmt von der schrecklichen Tat am Jungfernstieg im April 2018 gehört …

 

Professionelles Mitgefühl

 

Ein Mann hat damals seine Ex-Frau und die gemeinsame Tochter getötet.

Und jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie hätten auf der Bank daneben gesessen, kriegen das mit, und das kleine Kind stirbt kurz danach in Ihren Armen. Kaum einer kann das einfach so wegstecken, das ist eine traumatische Erfahrung. In solchen Fällen beraten und helfen wir als Weißer Ring natürlich auch. Wenn wir solche Fälle hier in der Runde besprechen, geht das an keinem spurlos vorbei.

Gleichzeitig müssen wir aber auch darauf achten, es nicht zu nahe an uns heranzulassen. Wir sprechen immer davon, dass wir gerne und professionell Mitgefühl haben, aber Mitleid vermeiden müssen. Wenn wir mitleiden, werden wir selbst zu Opfern und können nicht mehr stärken und schützen.

Wie verhindern Sie das intern?

Unsere Leute, die in solchen Situationen beraten und begleiten, werden in Aus- und Weiterbildungsseminaren systematisch auf die Gesprächssituationen vorbereitet. Es besteht auch die Möglichkeit von Supervisionen. Denn so eine physische Brutalität wie bei dem gerade genannten Mord oder wie bei dem Ehemann, der seine Frau mit heißem Öl überschüttet, weil sie sich einem anderen Mann zuwendet, macht fassungslos. Aber spektakuläre Fälle wie diese passieren zum Glück selten.

Die Opfer welcher Verbrechen nehmen die Beratung des Weißen Rings am häufigsten in Anspruch?

Der Bereich der Seniorenkriminalität ist sehr groß. Ganz typisch ist der Enkeltrick, bei dem alte Damen meistens telefonisch dazu manipuliert werden, große Summen an Geld abzuheben, weil der angebliche Enkel in Not ist. Das hat mit Dummheit wenig zu tun, sondern vielmehr mit der hohen manipulativen Kompetenz der Betrüger.

Auch Cyberkriminalität ist ein Thema, also zum Beispiel junge Mädchen, die leicht bekleidet Bilder von sich machen, an ihre Freunde schicken, und diese Fotos landen später im Internet.

Die überwiegende Zahl der Fälle, in denen der Weiße Ring tätig wird, betrifft aber gewalttätige Auseinandersetzungen in häuslichen Gemeinschaften und Sexualdelikte. Dabei sind übrigens auch manchmal Männer die Opfer, wenn auch deutlich seltener.

 

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85 Ehrenamtliche helfen beim Weißen Ring in Hamburg (Foto: Sophia Herzog)

 

Was macht das mit Menschen, wenn sie Opfer eines Verbrechens werden?

Ganz viel. Eine junge Frau erzählte mir einmal, dass sie neulich shoppen war und ihr Handy vor der Nase hatte. Einen älteren Mann, der ihr auf dem Gehsteig entgegengekommen ist, hat das so gestört, dass er sie nicht nur laut beschimpft, sondern auch absichtlich und ziemlich heftig angerempelt hat. Sie hat sich natürlich erschrocken und ist außerdem mit dem Oberkörper auf den Tisch eines Cafés gefallen, auf dessen Höhe sie gerade gelaufen ist.

Sie hat mir erklärt, dass sie empört war über dieses Verhalten, sie sich aber trotzdem dabei ertappt, dass sie sehr viel genauer auf die Menschen achtet, die ihr entgegenkommen. In vergleichbaren Situationen steckt sie jetzt lieber einmal mehr ihr Handy weg, aus Respekt davor, vielleicht doch noch einmal angerempelt zu werden.

Ist das eine leichte Form von Traumatisierung?

Eine Traumatisierung im klassischen Sinne ist das sicher nicht. Aber wenn jemand schon durch ein solches Erlebnis in seinem Verhalten beeinflusst wird, dann kann man sich vorstellen, was mit einem Menschen geschieht, der nicht einfach nur angerempelt, sondern zusammengeschlagen oder sexuell belästigt wird.

Das kann Dimensionen erreichen, in der die Betroffenen ihre normale Lebensfähigkeit verlieren. Sie trauen sich nicht mehr auf die Straße, schlafen nicht mehr, haben Angst vor Dunkelheit oder großen Menschenmassen. Das ist neben den physischen Folgen eines Verbrechens das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Es reißt den Opfern den Boden unter den Füßen weg.

Wie kann der Weiße Ring konkret helfen?

Wir haben den Ehrgeiz, dass jeder, der sich bei uns meldet, innerhalb von 24 Stunden eine Antwort bekommt. Das klappt im Regelfall, auch wenn manchmal das Wochenende dazwischenkommt. Wir arbeiten hier ja alle ehrenamtlich.

Die Mehrzahl unserer Kontakte zu den betroffenen Personen wird von der Polizei vermittelt, mit der wir eng zusammenarbeiten. Wir vereinbaren ein Treffen mit dem Opfer, entweder bei ihm oder ihr zu Hause oder bei uns in den Beratungsräumen.

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Kaffee und Kuchen beim Beratungsgespräch (Foto: Tyler Lastovich)

Es gibt Kaffee, einen Keks, und dann sprechen wir einfach nur. Wir werten nicht, wir hören zu, und loten aus, wo Handlungsbedarf besteht. Je nachdem vereinbaren wir beispielsweise Beratungsgespräche bei Therapeuten, helfen bei Behördengängen und Anträgen oder vermitteln Rechtsberatung.

Wie lange sind die betroffenen Personen dann bei Ihnen in Beratung?

Das kommt drauf an. Manche Menschen sagen relativ zügig, dass es ihnen jetzt gut geht und sie alleine klarkommen. Bei manchen nimmt die Beratung und Begleitung aber einen langen Zeitraum in Anspruch.

Ein großer Aufgabenbereich des Weißen Rings ist auch die Prävention von Verbrechen …

Genau, das ist uns auch sehr wichtig. Wir halten viele Vorträge, zum Beispiel in Bürgervereinen, Seniorenheimen oder Schulen. Dort erklären wir, wie man sich vor Verbrechen wie Einbruch, Diebstahl oder Betrug schützen kann.

Für Schulen hatten wir lange das Projekt „Fair Play in der Liebe“, in dessen Rahmen wir mit Kindern im Alter von elf bis 14 Jahren über Fragen diskutiert haben wie „Was ist eigentlich Gewalt in der Beziehung?“, „Fängt das erst bei Schlägen an, oder schon früher?“ oder „Ist das okay, wenn der Freund die SMS seiner Freundin liest?“ Denn in diesem Alter fangen die ersten Liebesbeziehungen an. Mit dem Projekt hatten wir großen Erfolg, aber leider fehlen uns gerade die personellen Ressourcen in der Prävention, um solche Vorträge regelmäßig zu organisieren.

 

„Die Wahrnehmung der Opfer hat sich verändert“

 

Bewegungen wie #MeToo scheinen das Thema der Opferhilfe besonders in Bezug auf Sexualdelikte mehr in den Blickpunkt der Gesellschaft gerückt zu haben. Merken Sie das in ihren Statistiken?

Ich kann das nicht in konkreten Zahlen ausdrücken. Aber ich habe auf jeden Fall den Eindruck, dass Frauen mehr darüber sprechen, mutiger werden, es öfter anzeigen und in diesem Zuge auch in Kauf nehmen, dass sie erst mal Teil eines unter Umständen schmerzhaften Ermittlungsprozesses werden. An dieser Entwicklung wird aber auch deutlich, wie wichtig Opferrechte sind. Ich bin davon überzeugt, dass auch die gesteigerte Sensibilität von Seiten der Ermittlungsbehörden Grund für diesen Trend ist.

Wie zeigt sich das?

Ein Beispiel ist die Möglichkeit, Spuren von Gewalt im Rechtsmedizinischen Institut erfassen und dokumentieren zu lassen, auf Wunsch auch anonym. Niemand fragt nach oder wertet, das Opfer kann sich persönlich ganz zurücknehmen, hat aber die Beweise und kann später, wenn es will, immer noch rechtliche Schritte einleiten. Auch die Befragungsmethoden der Ermittlungsbeamten sind sehr viel empfindsamer geworden, die Bereitschaft, sich mit solchen Themen empathischer auseinander zu setzten, ist gestiegen. Und auch im Bereich der Justiz hat sich die Wahrnehmung der Opfer verändert.

Inwiefern?

Ich war neulich bei einer Veranstaltung für junge Richterinnen und Richter. Ein junger Staatsanwalt aus dem Publikum hat sich mit einem kleinen Appell an die Kollegen gewandt, dessen Forderung mich begeistert hat.

In Missbrauchsverfahren ist das Opfer oft der einzige Zeuge oder die einzige Zeugin. Wenn der Täter gesteht, bevor es zu der Aussage des Opfers gekommen ist, wird es direkt nach Hause geschickt. In seinem Appell hat sich der Staatsanwalt gewünscht, dass sich die Richter an dieser Stelle noch einmal die Zeit nehmen, um dem Opfer dennoch das Recht einzuräumen, sich einmal äußern zu können und es persönlich zum Beispiel nach seinem Wohlbefinden fragen.

Menschen fühlen sich auf diese Weise mit einbezogen, gesehen und ernstgenommen von der Justiz. Und für so eine Einstellung machen wir uns, als Weißer Ring, stark.

Weißer Ring: Winterhuder Weg 31 (Uhlenhorst)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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SZENE HAMBURG im August 2019: Wie sozial ist Hamburg?

Lest in unserem Editorial, auf welche Geschichten ihr euch im August freuen könnt

Sich sozial zu engagieren, gehört heutzutage schon fast zum guten Ton. Die letzte Statistik aus dem Jahre 2014 besagt, dass 36 Prozent aller Hamburger ab 14 Jahren ehrenamtlich tätig sind. Und das war ein Jahr bevor die Anzahl der Geflüchteten anstieg und viele Initiativen in der Stadt gefühlt über Nacht entstanden sind. Aber: Wer kein Ehrenamt ausfüllt, muss sich jetzt nicht schlecht fühlen. Denn genauso wichtig ist das soziale Verhalten im Miteinander. Den Darwinismus ignorieren, die Augen aufmachen, hinhören – der ältere Nachbar im Haus freut sich vielleicht über eine vom Einkauf mitgebrachte Tüte Milch, oder einen kleinen Schnack. Die Tür für den Hintermann aufhalten und nicht vor der Nase zuschlagen. Denn je besser man sich behandelt fühlt, desto besser behandelt man andere, klar. Und einer muss ja den Anfang machen.

 

Mit dem Herz am rechten Fleck

 

Um Anfänge geht es auch in einigen unserer Geschichten. Wir porträtieren drei Kitas mit individuellen Ansätzen. Sie sind meist die erste institutionelle Erfahrung, die Kinder machen, und tragen einen Teil dazu bei, wie sie in die Welt starten und vielleicht auch, was sie auf ihre Reise mitnehmen. Eine andere Form von Neubeginn unterstützt der Fürsorgeverein, der ehemaligen Strafgefangenen Wohnraum und eine Begleitung zurück in den Alltag bietet. Stichwort: Resozialisierung. Ein großes Wort und ein großes Unterfangen. Warum es an vielen Stellen noch hakt, erzählt unsere Geschichte „Die Last der Freiheit“. Eine Straftat hinterlässt meist auch einen Geschädigten. Wie es den Opfern danach und wie es für sie weitergeht, erleben die Mitarbeiter vom Weißen Ring täglich. Seit 40 Jahren ist die Institution in der Stadt tätig.

In allen Bereichen, ob Kultur, Sport oder bei gesellschaftlichen Themen, zeigt sich: Die Hamburger sind Macher, voller Tatendrang und mit dem Herz am rechten Fleck.

Text: Hedda Bültmann, Redaktionsleitung SZENE HAMBURG


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Foto: Sophia Herzog

Hedda Bültmann, unsere Redaktionsleiterin, hat den Kopf voller Ideen und bei der SZENE HAMBURG das Ruder in der Hand. Mit ihrem Spirit, Tatendrang und Ideen prägt sie unser Stadtmagazin. Lust auf Austausch? Ihr erreicht sie unter hedda.bueltmann@vkfmi.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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