Beiträge

Wert der Wahrheit

Mit „Parallele Mütter“ verknüpft Meisterregisseur Pedro Almodóvar raffiniert die Geschichte zweier Mütter mit der Spaniens. Ein hochunterhaltsamer und lehrreicher Film mit einer grandios aufspielenden Penélope Cruz, die für ihre Performance für den Oscar nominiert ist

Text: Marco Arellano Gomes

Drei Jahre nach seinem autobiografischen, selbstreflektierenden Film „Leid und Herrlichkeit“ kehrt Pedro Almodóvar mit „Parallele Mütter“ wieder zu seinem Lieblingsmetier zurück: den Frauen und ihrem turbulenten Leben im modernen Spanien. Wieder an Bord: Lieblingsdarstellerin und Oscar-Preisträgerin Penélope Cruz („Offenes Geheimnis“) in einer ihrer forderndsten Rollen. Almodóvar gelingt das Kunststück, die Geschichte zweier Frauen auf verblüffende Weise mit der Geschichte Spaniens zu verquicken.

Annäherung und dramatische Wahrheiten

Parallele Muetter_Plakat_©Studiocanal-klein
Für einen Oscar nominiert: Penélope Cruz in „Parallele Mütter“ (Foto: El Deseo/Studiocanal)

Die 40-jährige Fotografin Janis (umwerfend: Penélope Cruz) und die 15-jährige Ana (Milena Smit) lernen sich – beide ungewollt schwanger – auf einer Geburtsstation kennen. Die zeitgleiche Geburt ihrer Kinder ist eine verbindende Erfahrung. Doch während Janis sich über ihr spätes Glück freut, verängstigt Ana ihre frühe Mutterschaft. Arturo (Israel Elejalde), forensischer Archäologe und vermeintlicher Vater von Janis’ Kind, zweifelt wiederum an der Vaterschaft. Ana weiß nicht einmal genau, wer der Vater sein könnte. Hilfe von ihrer auf sich selbst bezogenen Mutter Teresa (Aitana Sánchez Gijón) ist nicht zu erwarten, da sie einer Karriere als Schauspielerin nachgeht. Nach einem zufälligen Wiedersehen in einem Café arbeitet Ana als Babysitterin bei Janis. Schon bald kommen sich die beiden Mütter näher. Dabei kommen auch einige dramatische Wahrheiten ans Licht …

Ein Meisterwerk

„Dies ist die schwierigste Figur, die Penélope Cruz bisher gespielt hat – und wahrscheinlich auch die schmerzhaf­teste“, sagt Regisseur Almodóvar. Tatsächlich ist sie für diese Leistung auch für den Oscar nominiert. Der Regisseur, einst Mitinitiator der „Movida Madrileña“ – einer kulturellen Gegenbewegung, die nach dem Tod des Diktators Franco (1975) nach Freiheit strebte –, widmet sich auf geschickte Weise der Geschichte seines Landes und räumt der Wahrheit dabei ihren Platz ein. „Parallele Mütter“ reiht sich nahtlos in die Galerie der Almodóvar-Filme ein und ist doch ruhiger, langsamer, bedachter als gewohnt. Seine filmische Handschrift ist jedoch unverwechselbar und besticht einmal mehr durch ein profundes Gespür für Bilder (Kameramann: José Luis Alcaine), Farben, Settings, Musik (Komponist: Alberto Iglesias) und dem Vertrauen in die darstellerischen Leistungen. Kurz: ein Meisterwerk.

„Parallele Mütter“ von Pedro Almodóvar mit Penélope Cruz, Milena Smit und Israel Elejalde. 123 Min. Ab dem 10. März 2022 im Kino.

Hier gibt´s den Trailer zum Film:


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

„Spanien war schon immer ein geteiltes Land“

Im Rahmen seines neuen Films „Parallele Mütter“ spricht Starregisseur Pedro Almodóvar über die Geschichte Spaniens, seine Faszination über Frauen und Mütter und die Zusammenarbeit mit Penélope Cruz

Interview: Patrick Heidmann

SZENE HAMBURG: Pedro Almodóvar, nach Ihrem bislang persönlichsten Film „Leid und Herrlichkeit“ legen Sie nun mit „Parallele Mütter“ Ihren politischsten vor. Besteht da ein Zusammenhang?

Pedro Almodóvar: Nicht wirklich. Höchstens in dem Sinne, dass mir diese autobiografische Auseinandersetzung unwiederbringlich gezeigt hat, dass ich alt werde. Weswegen ich mir wohl mehr Gedanken denn je über die Vergangenheit und das Vergehen von Zeit mache. Aber „Parallele Mütter“ ist keineswegs eine Reaktion auf den Film davor. Im Gegenteil: Ich hatte die Geschichte für den Neuen schon lange mit mir herumgetragen und bereits vor zehn Jahren eine erste Drehbuchfassung geschrieben.

Haben Sie in früheren Filmen politische Themen bewusst gemieden?

Nein, aber mich trieben andere Sachen um. Ich begann meine Karriere als Filmemacher in einer sehr besonderen Zeit, als Spanien sich gerade neu erfand und zur Demokratie wurde. Da war es uns jungen Menschen wichtiger, im Hier und Jetzt zu leben und auf die Gegenwart zu schauen als in die Vergangenheit zu blicken. Und unsere neue Freiheit zu genießen. Wobei das ja gar nicht heißt, dass wir damals unpolitisch waren. Mir ging es, auch in meiner Arbeit, um Drogen und Sex, aber auch um Gleichberechtigung und die Rechte von Homo- und Transsexuellen.

Die Rolle der eigenen Mutter

Dreh_Parallele Muetter_1_©El Deseo_Studiocanal-klein
Penélope Cruz (r.) ist für ihre Rolle in „Parallele Mütter“ für einen Oscar nominiert (Foto: El Deseo / Studiocanal)

In „Parallele Mütter“ geht es nun – in einem von zwei Handlungssträngen – um die Aufarbeitung von Verbrechen aus der Franco-Zeit und das Öffnen anonymer Massengräber. Ist das heutzutage in Spanien noch ein kontroverses Thema?

Auf jeden Fall eines, das uns seit einiger Zeit endlich mehr umtreibt denn je. Spanien war schon immer ein sehr geteiltes Land, nicht zuletzt deswegen gab es ja damals den Bürgerkrieg. Inzwischen gibt es, zumindest in den jüngeren Generationen, eine große Mehrheit, die dringend dafür ist, dass wir uns mit unserer Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen und dass vor allem die Opfer des Bürgerkrieges und der Franco-Zeit Wiedergutmachung erfahren. Gleichzeitig gibt es auch starken Widerstand von Rechts, wo man lieber auf Geschichtsrevisionismus und Fake News setzt. Deswegen war es mir ein Anliegen, diesem Thema – und der Wahrheit – mit meinem Film breites Gehör zu verschaffen.

Sie setzten sich aber – der Titel deutet es an – auch wieder mit Mutterschaft auseinander. Was interessiert Sie daran so sehr?

Herunterbrechen kann man es sicherlich darauf, dass meine eigene Mutter eine so wichtige Rolle in meinem Leben gespielt hat. Sie und die anderen ländlichen Mütter ihrer Generation haben mich sehr geprägt, denn die meisten von ihnen habe ich als liebevolle, vorurteilsfreie Frauen erlebt, denen ich stets ein Denkmal setzen wollte. In praktisch allen meinen Filmen waren die Mutterfiguren letztlich eine Version meiner Mutter, kombiniert mit Elementen moderner Frauen. „Parallele Mütter“ ist nun der erste, der ohne den Schatten meiner Mutter auskommt und wo ich ganz bewusst andere, jüngere Frauen als Vorbilder im Kopf hatte.

Penélope Cruz war noch nie so gut“

Wir müssen noch über Penélope Cruz sprechen, die so etwas wie Ihre Muse ist. Kann sie Sie nach all den gemeinsamen Filmen noch überraschen?

Als Schauspielerin immer wieder. In „Parallele Mütter“ hat sie mich sprachlos gemacht. So gut war sie noch nie. Gleichzeitig ist es natürlich wichtig, dass wir uns so gut kennen, befreundet sind, und sie sich in all den Jahren eigentlich nicht verändert hat. Penélope ist so leidenschaftlich und geduldig wie früher – und nicht zuletzt großzügig mit ihrer Zeit. Ich verlange als Regisseur meinen Schauspielern viel Engagement und Zeit ab. Gerade in Fällen wie diesem, wo Penélope jemanden spielt, der das Gegenteil von ihr selbst ist. So eine Rolle stemmt man nicht über Nacht. Obwohl sie mittlerweile ein viel beschäftigter Weltstar, Mutter und Ehefrau ist, stand sie mir kein bisschen weniger zur Verfügung als bei unserem allerersten gemeinsamen Film.

„Parallele Mütter“ von Pedro Almodóvar mit Penélope Cruz, Milena Smit und Israel Elejalde. 123 Min. Ab dem 10. März 2022 im Kino.

Hier gibt´s den Trailer zum Film:


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

„Es gibt in Belfast keine größere Sünde, als sich selbst zu ernst zu nehmen“

Regisseur Kenneth Branagh erzählt, wie viel der eigenen Biografie in „Belfast“ steckt und wie schwierig die Suche nach dem richtigen neunjährigen Hauptdarsteller war

Interview: Patrick Heidmann

SZENE HAMBURG: Kenneth Branagh, man kennt Sie normalerweise als Shakespeare-Experten und Blockbuster-Regisseur. Warum nehmen Sie sich mit „Belfast“ nun erstmals Ihres eigenen Lebens an?

Kenneth Branagh: Man redet sich als Regisseur ja immer ein, dass jeder Film irgendwie ein ganz persönlicher ist. Aber natürlich ist ein Film über meine Heimatstadt noch einmal etwas ganz anderes. Dass ich mich der einmal widmen will, reifte als Idee in mir schon seit Längerem. Ich wusste nur lange nicht genau, welche Geschichte ich eigentlich erzählen will. Klarheit verschaffte mir dann ausgerechnet der erste Corona-Lockdown 2020. Der ließ mich an den ersten Lockdown in meinem Leben denken, damals, als unsere Straße in Belfast während der Unruhen abgeschottet wurde. Plötzlich war alles von damals wieder ganz klar und greifbar, die Geräusche und die Gerüche. Mit einem Mal erschien es mir, dass ich damals als Neunjähriger eigentlich das letzte Mal wusste, wer ich wirklich bin. Und prompt schrieb sich das Drehbuch fast von selbst.

Gab es beim Schreiben oder Drehen je Momente, wo Ihnen die Sache zu persönlich wurde?

Nicht für mich, aber andere Leute hatten die Sorge. Ein paar Menschen in meinem engeren Umfeld lasen das Drehbuch und fanden, dass ich zu weit gehe und an einigen Stellen Erinnerungen teile, die zu privat sind. Allerdings wusste ich natürlich, dass das Publikum am Ende gar nicht genau weiß, was Fakt und was Fiktion ist. Und was heißt schon Fakt, wenn man mit 50 Jahren Abstand versucht, sich in einen Neunjährigen hineinzuversetzen?! Abgesehen davon waren bei der Umsetzung der Geschichte dann ja andere Menschen beteiligt, was automatisch einen gewissen Abstand zu meiner Biografie mit sich brachte. Ich war immer offen für Ideen und Änderungswünsche, sei es vom Kameramann oder meinem Ensemble, um die Geschichte über meine persönlichen Erinnerungen hinaus weiterzuentwickeln.

Der richtige Junge

BELFAST_Poster_©Universal Pictures-klein
„Belfast“ von Kenneth Branagh, ab dem 24. Februar 2022 im Kino (Foto: Universal Pictures)

Besagter Neunjähriger steht uneingeschränkt im Zentrum von „Belfast“. Wie schwierig gestaltet sich da die Suche nach dem geeigneten Darsteller?

Sehr schwierig, denn natürlich stand und fiel damit alles. Ohne den richtigen Jungen hätte sich diese Geschichte nun einmal nicht erzählen lassen. Entsprechend nervös war ich selbst, nachdem wir uns für Jude Hill entschieden hatten. Die ersten beiden Drehtage guckte er immer wieder in die Kamera – und ich fürchtete, wir hätten einen großen Fehler gemacht. Doch zum Glück legte sich das – vor allem, je mehr andere Personen in den Szenen mit ihm auftraten. Noch ein paar Tage später wusste ich, dass ich es kaum besser hätte treffen können.

Sie haben dann später nie wieder in Belfast gelebt. Steckt heute noch etwas von Ihrer Geburtsstadt in Ihnen?

Klar, man kriegt den Jungen zwar aus Belfast heraus, aber nicht Belfast aus dem Jungen. Ich glaube, mein Sinn für Humor und mein Blick aufs Leben sind bis heute typisch für die Stadt. Es gibt in Belfast keine größere Sünde, als sich selbst zu ernst zu nehmen, das habe ich sehr verinnerlicht. Auch die Angewohnheit, nicht einmal in den dunkelsten Momenten meinen Humor zu verlieren, verdanke ich sicher meiner Heimat. Das lernte man in Belfast nämlich schnell.

„Belfast“ von Regisseur Kenneth Branagh, ab dem 24. Februar 2022 im Kino.

Hier gibt´s den Trailer zum Film:


Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Cover_SZ_2022-02-222x300.jpg

 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?