Beiträge

Günther Haese: Atmende Drähte

Sie schweben, flirren, vibrieren: Im Ernst Barlach Haus im Jenisch Park kann man die erstaunlichen Raumplastiken von Günter Haese entdecken

Text: Sabine Danek

Bewegen Sie sich langsam und vorsichtig. Treten Sie den Arbeiten nicht zu nahe. Und pusten Sie nicht. Auf keinen Fall. Darum bittet das Ernst Barlach Haus im Jenisch Park. Denn schließlich werden dort die äußerst fragilen Skulpturen von Günter Haese (1924–2016) gezeigt. Und das ganz ohne Schutzhauben. Das ist ein Erlebnis, denn so kommt ihre delikate Schönheit am besten zu Geltung, ihr leises Vibrieren, Klingen, Rascheln und das Licht, das sich auf den Metallen und Gazen bricht. Kurz, ihr besonderer Zauber.

Den entdeckte das New Yorker Museum of Modern Art bereits 1964 und machte den Kieler Künstler über Nacht zum internationalen Star. Zwei Jahre später vertrat er Deutschland auf der Biennale in Venedig – und dann wurde es wieder stiller um Haese und um seine Skulpturen, die so grazil wie feinteilig sind und anrührend filigran. Und die aus Drahtgazen, Uhrenfedern, Rädchen, Phosphorbronze, Gewebe oder Messingdraht bestehen, den er lötete, wickelte, zu Schnecken und Spiralen drehte und das häufig in zahlreicher Wiederholung.

Ein Hauch von Sixties-Touch

Günter Haese Herkules_2011_2014_Pauly-c-VGBild-KunstBonn2022-Foto_AndreasPauly-klein
Günter Haese: Herkules, 2011–2014, Nachlass des Künstlers, courtesy Galerie Thomas,München (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Foto: Andreas Pauly)

Wie Wesen aus einer anderen Welt erzittern sie und reagieren auf die Bewegungen der Besucher:innen. Dabei verbreiten sie einen Hauch von Sixties-Touch und sind dabei so verspielt wie cool. Man könnte sie sich auch als Schmuckstücke auf einem Cover der „Vogue“ vorstellen und auch für die umwerfend schlichte und geometrische 1960er-Jahre-Architektur des Barlach Hauses sind sie wie gemacht.

Zahlreiche von ihnen, ergänzt durch Bronzen und Monotypien, führen jetzt durch das Werk des Malers und Grafikers. Der in Düsseldorf studierte und erst mal damit begann, Trümmerlandschaften zu malen. Später nahm er Uhren auseinander, goss deren Bestandteile in Gips ab. Das waren erste Schritte hin zu seinen Raumplastiken, in deren Geometrie und Arrangement sich auch die Spuren seiner Ausbildung zum Grafiker wiederfinden: durch seine Lichtsetzung ließ Haese sie Schatten an die Wand werfen, die wie Zeichnungen wirken.

Erfolg und Ruhe

Günter Haese Minotaurus_1963_Bayer-c-CourtesyGalerieThomasMünchen-VGBild-KunstBonn2022-FotoWalterBayer-klein
Günter Haese: Minotaurus, 1963, Nachlass des Künstlers, courtesy Galerie Thomas, München (Foto: VG Bild Kunst, Bonn 2022; Foto: Walter Bayer)

Haeses Erfolg begann spät. Er war bereits 39, als er seine ersten Drahtplastiken beim legendären Kunstpreis junger westen in Recklinghausen einreichte. Gerade noch kurz vor Schluss, denn man musste unter 40 sein, um dort zugelassen zu werden. Er gewann und stellte ein Jahr später bereits auf der III. documenta aus, 1964 dann in New York.

Beeindrucken ließ sich Haese durch den internationalen Erfolg anscheinend wenig. Zumindest ließ er sich nicht hetzen. Mit der Ruhe und Präzision, die seine feinteiligen Skulpturen benötigten und inmitten seines Familienlebens, arbeitete er abseits der Metropolen weiter. Als der große Henry Moore eines Tages in sein Atelier kam, um eine Plastik mit ihm zu tauschen, lehnte Haese ab. Kunst zu sammeln interessierte ihn nicht und zudem wollte er zu dem Zeitpunkt keine seiner eigenen raren Arbeiten missen. Wie eigensinnig Haese war, zeigen auch Eindrücke des Künstlers Konrad Klapheck. Wie die Künstlerin Eri Krippner in ihrem Haese-Buch „Kinetik ohne Steckdose“ notierte, fand Klapheck, dass Haese gar nicht wie ein Künstler, sondern wie ein leicht gebräunter Modemacher aus Mailand wirkte und in der Unterhaltung einen Ton „bewusster Nichtorginalität“ pflegte.

Von den Großen beeinflusst

Günter Haese Solitaer_1984_Pauly-c-CourtesyGalerieThomasMünchen-VGBild-KunstBonn2022-FotoAndreasPauly-klein
Günter Haese: Solitär, 1984, Nachlass des Künstlers, courtesy Galerie Thomas, München (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Foto: Andreas Pauly)

Erkundet man Haeses Arbeiten jetzt im Ernst Barlach Hause, sieht man auch die Holzkisten, die er zum Transport und zur Aufbewahrung seiner Arbeiten baute. Mit seinen Haken, Ösen, Polsterungen und genauen Maßangaben und der feinteiligen Akribie, durch die seine Werke so einzigartig wurden, sind sie ein schöner Einstieg.

Dieser Akkuratesse stehen die Titel der Arbeiten entgegen, die so magisch klingen, wie die Werke selbst auch sind: „Geschmolzener Äquator“, „Ein anderer Mond“, „Irgendwo“ oder „Nach dem Regen“ heißen sie.

Haese hat mit Joseph Beuys an der Kunstakademie in Düsseldorf studiert. Viel hat er über seinen berühmten Kommilitonen nie gesagt. Die Abstraktionen des Informel haben ihn beeinflusst, Paul Klee und wohl auch die Düsseldorfer Künstlergruppe Zero um Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker. Haben Zeitgenossen jedoch immer mal wieder auf elektrisch betriebene Mechaniken zurückgegriffen, hat Haese sich immer auf die Elemente verlassen. Auf den Wind und den Luftzug, die Bewegungen mitbringen.

Endlich wieder da

50 Jahre ist es her, dass diese in einer Museumsschau in Hamburg zu sehen waren. 1972 vollführten seine Plastiken zuletzt im Museum für Kunst und Gewerbe ihre lyrischen Bewegungen. Jetzt kann man ihr „Atmen“ wieder live erleben, ihr Spiel mit „Schwere und Leichtigkeit, Verdichtung und Durchlässigkeit“, wie Haese sie selbst beschrieb, ihre faszinierenden Balanceakte und ihre Magie. Dafür bewegt man sich gerne ganz vorsichtig. Und die Luft hält man sowieso an.

Günter Haese: Schwerelos. Raumplastiken aus Draht, noch bis zum 16. Oktober 2022 im Ernst Barlach Haus

Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung:

  • Haese sehen: Der Bildhauer Reinhold Engberding (Freie Akademie der Künste in Hamburg) über Günther Haese im Gespräch mit Karsten Müller am 30. August 2022 um 18 Uhr im Ernst Barlach Haus und
  • Haese persönlich: Karsten Müller trifft Günter Georg Haese, den Sohn des Künstlers, am 6. September 2022 um 18 Uhr im Ernst Barlach Haus

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Ausstellung des Monats – „Stuttgart sichten“

In den Deichtorhallen wird die plastische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart wach geküsst.

Text: Karin Schulze
Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg

Das fängt ja gut an: Gleich an den Beginn der Ausstellung setzt der Künstler Florian Slotawa eine kecke Antwort auf eine Plastik des Bildhauers Eduardo Chillida, der mit Vibración einmal mehr sein Thema von der „Vibration der Form“ in der „Leere des Raumes“ variiert. Chillidas schmiedeeiserne Haken und Schlingen lässt Slotawa von fünf kleinen Skulpturen umtanzen, die gefügt sind aus gestapelten, verzahnten und gekippten Gläsern Stuttgarter Bierbrauer. Da muss kein Schelm sein, wer die leeren Gläser nicht mit „Vibration der Form“ assoziiert, sondern mit lecker Gerstensaft samt schaumiger Krone.

 

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Deichtorhallen Hamburg (@deichtorhallenhamburg) am

 

Schon mutig von der Stuttgarter Staatsgalerie: Sie lässt ihre seit 175 Jahren gesammelten und gehegten skulpturalen Schätze nicht nur von einem Künstler sichten und die ausgewählten Arbeiten für drei Monate nach Hamburg ziehen – die Werke werden hier auch noch künstlerisch inszeniert. Obendrein ist der, dem das erlaubt wurde, kein gewöhnlicher Bildhauer, sondern einer, der Vorhandenes auf den Kopf stellt und in temporäre „Slotawas“ verwandelt.

Schon während seines Studiums an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste hat Florian Slotawa seinen gesamten Besitz in die Akademie gekarrt und inmitten des „Kunst + Krempel“-Verhaus eine Weile gewohnt. Später hat er Hotelzimmer gemietet, diese für wenige Stunden komplett umgeräumt und den nächtlichen Koller des Mobiliars per Foto festgehalten. Was aber hat er in den Deichtorhallen angerichtet? Wird die Aura der Werke von Calder, Kirchner oder Renée Sintenis verheizt für schnelle Gags? Oder rütteln Slotawas Arrangements jene Besucher wach, die sonst verschlafen durch die Skulptursammlungen der Museen schlappen?

 

Mehr als ehrfurchtsvoll stehende Skulpturen

 

Eine Gruppe von Plastiken zeigt Slotawa nicht auf Sockeln, sondern auf Waschmaschinen. Dabei zuckeln die Raumknoten von Otto Herbert Hajek gleich über zwei Apparate hinweg, als habe der Schleudergang sie in Bewegung gesetzt. Und Rudolf Bellings Kopf in Messing ist hinterm Lenkrand eines echten Porsche 911 installiert. Und schon will man genau wissen, ob die Lady auf die Straße guckt oder auf irgendeinem Display ihren Instagram-Account checkt – und entdeckt dabei, wie kunstvoll ihre Augäpfel im Schädel sitzen.

Nicht da, wo die Skulpturen ehrfurchtsvoll auf dezenten Sockel stehen, schaut man am genauesten hin, sondern da, wo sie assoziationsreich inszeniert sind: etwa der Geschlagene Catcher von Gustav Seitz, in dessen wuchtigem Leib Stärke und Schwäche sichtbar miteinander ringen. Sein innerer Kampf wirkt noch anrührender, weil der Ringer direkt neben einem Turm hockt, den Slotawa aus all den hölzernen Transportkisten gestapelt hat, in denen die Skulpturen angeliefert wurden.

 

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Deichtorhallen Hamburg (@deichtorhallenhamburg) am

 

Ziemlich kühn eine andere Konstellation: Die männlich aufragenden Schreitbahnen von Franz Erhard Walther werden von einer Knienden Venus, einer bäuchlings kokettierenden Nackten und Rodins knapp an #MeToo vorbei springenden Götterbotin gewissermaßen beturnt. Aus nächster Nähe beäugt das, wenn man so will, Rosemarie Trockels feministisch harpunenbewehrte Vendetta.

Gegen Ende der Schau erweist sich Slotawa dann noch als sensibler Formenfinder. Picassos Badende durften aus konservatorischen Gründen Stuttgart nicht verlassen. Also hat Slotawa die Figurengruppe nachgeschöpft. Während Picasso noch Bilderrahmen oder Möbelfüße verbaute, hat Slotawa einen Baumarkt geplündert und die Strandgäste mit weißblauem Bügelbrett, rotsilberner Sackkarre und türkisblauen Plastikbesen farbenfroh rekonstruiert. Wenn man mal wieder in Stuttgart ist, wird man nachsehen, ob die Aura des Originals an die der Kopie heranreicht.

Florian Slotawa: Stuttgart sichten. Skulpturen der Staatsgalerie Stuttgart. Deichtorhallen, bis zum 20.1.2019


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2018. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Stories aus Hamburg?