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Indiecon: Das Independent Publishing Festival

Unabhängige Magazinkunst: Das Independent Publishing Festival zeigt an diesem Wochenende im Oberhafen, wie schrill und kreativ Heftmachen sein kann

Text: Erik Brandt-Höge
Foto: Malte Spindler / Die Brueder Publishing

 

Schon lange einer der fruchtbarsten Nährböden für Hamburgs Kreative: der Oberhafen. In den Lagerhallen des ehemaligen Güterbahnhofs wird getüftelt, gewerkelt, aus­probiert, verworfen und wieder neu angefangen. Zig kurz­ und langfristige Kulturprojekte entstanden und entstehen genau hier. Ein jährliches Highlight auf dem Areal zwischen Hauptbahnhof und HafenCity ist die Indiecon, ein Festival für unabhängige Publikationen aller Formen und Farben, das seit 2014 von Die Brueder Publishing organisiert wird.

Die Idee des in Hamburg und Berlin sitzenden Verlags: Macher von Magazinen, Zines, Comics und Artbooks präsentieren sich, tauschen sich aus, inspirieren und lassen sich inspirieren, vernetzen sich. Gut 80 Aussteller aus dem In-­ und Ausland haben sich für die Indiecon 2019 angekündigt.

 

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Konventionelles gibt es fast überall – aber nicht bei diesem Festival

 

An drei Tagen wird eine der Oberhafenhallen zum Ausstellungsort schlauer, schicker, schriller und vor allem unkonventioneller Arbeiten. Denn: Indie, das bedeutet nichts anderes, als dass die Publisher auch die Chefs der Magazine und des­halb inhaltlich und finanziell voll verantwortlich sind. Mehr redaktionelle Hoheit geht nicht. Und da wie immer jede Menge erfahrene Herausgeber, Coaches und Vermarktungsprofis vor Ort sind, ist ein schnelles Feedback garantiert – eine Messe also, von der alle profitieren.

In diesem Jahr zählt zu den Ausstellern unter anderem ein Wiener Kollektiv, das „Auslöser“ veröffentlicht, ein bilinguales Magazin (Deutsch und Eng­lisch) für Fotografen und Fotografie-­Fans, das sich vor allem auf die Geschichten hinter den Bildern fokussiert. Die erste Ausgabe ist im März erschienen.

Der Hamburger Dominik Ritter zeigt „Nox“, eine 2014 gegründete Zeitschrift für deutsch­sprachige Gegenwartsliteratur. Dreimal jährlich erscheint „Nox“ und ist vor allem für junge, oft unveröffentlichte Schriftsteller interessant, denen Ritter eine Bühne zu geben versucht.

 

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Ausstellen, entdecken, Horizont erweitern: Indiecon im Oberhafen

 

Ebenfalls Indiecon­-Gäste: Jack Hale und Eddy Rhead vom viertel­jährlich im Norden Englands herauskommenden „The Modernist“. Hale und Rhead bilden darin Architektur und Design aus dem 20. Jahrhundert ab – Nachrichten, Besprechungen und natürlich besondere Fotos inklusive.

„Design und Mobilität“ heißt auch ein Titel aus dem Fruehwerk Verlag, worin es zum Beispiel um die Frage geht, ob es tatsächlich bald ein Leben ganz ohne Autos geben könnte. Nicht weniger spannend ist das Frueh­werk-­Magazin „Kapsel“. Junge Science-­Fiction-­Literatur Chinas wird hierfür ins Deutsche übersetzt.

Es gibt vieles zu entdecken auf der Indiecon 2019, jedes Aufschlagen der ausgestellten Publikationen erweitert den Horizont von Heftmachern und Liebhabern unabhängiger Magazinkunst. Unnötig zu erwähnen, dass alle Teilnehmer beim feinen kulinarischen Rahmenprogramm sowie einer ordentlichen Party am Samstag (7.9. ab 22 Uhr) nach all dem Input auch entspannen und feiern können – und das vor eben jener kreativen Oberhafenkulisse.

Indiecon Festival 2019: 6.-8.9., Der Oberhafen, Stockmeyerstraße 43 (HafenCity) 


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Unsere Leute – Andreas Dorau und Gereon Klug

Andreas Dorau und Gereon Klug haben ein Musical, ähm, eine musikalische Dramödie erschaffen: „König der Möwen“. Es geht um einen strauchelnden Plattenhändler, die Identitätssuche einer Band und eine moderne Scheinstadt. Die Macher im Kurzgespräch.

SZENE HAMBURG: Andreas und Gereon, was ist so schlimm am Begriff „Musical“?

Gereon: Unser Anliegen mit dem „König der Möwen“ ist es gar nicht, ein Anti-Musical oder Ähnliches zu machen. Wir haben ein Theaterstück geschrieben, in dem viel Musik vorkommt. Damit wird man beinahe automatisch zum Musical in der Einordnung. Ob Andrew Lloyd Webber oder Disney das Genre zu Tode formatiert haben, interessiert uns eher weniger.

„König der Möwen“ nennt ihr dennoch lieber eine „musika­lische Dramödie“. Es geht um den taumelnden Plattenhändler Hans, der an der ­Gentrifizierung der Stadt zu scheitern droht …

Gereon: … und vor allem um eine Identitätssuche: Eine junge Band sucht ihr Ich, indem sie sich permanent häutet, während die Altvorderen in Gestalt von Hans und seinen Stammkunden versuchen, wiederum ihr Ich zu bewahren, obwohl HH-Marketing und die restliche Welt schon versuchen, dies auszuhöhlen und zu korrumpieren.

Andreas: Hans und die Band sind umzingelt vom Wahn, keine Lücken mehr zu lassen für nicht auswertbare Ideen, fürs Ausprobieren und fürs Sein ohne Geld.

Hans wird irgendwann auch stückweise zum Gentrifizierer. Kennt ihr das Dilemma aus eigener Erfahrung?

Andreas: Ja, Hans geht auf den Deal ein, seinen Laden aus finanziell starken und moralisch schwachen Gründen in die HafenCity zu verlegen. Als Potemkinsches Dorf. Noch eine Fassade in der modernen Scheinstadt. Damit man zeigen kann, dass auch Subkultur berücksichtigt wird.

Gereon: Da geht es ihm wie jedem Kulturschaffenden: Irgendwann werden sie in die HafenCity das Dagegen auch professionell einbauen.

Was wäre denn, wenn man euch nach der Premiere einen der berühmten Musical-­Schauplätze an der Elbe gegenüber den Landungsbrücken für eure Dramödie anbieten würde?

Gereon: Hans plant ja, die Möwe als Wappentier Hamburgs zu etablieren. Berlin hat den Bären, München den Löwen und Hamburg hat kein Tier. Wenn man ihm und uns einen Prachtbau in Form einer Riesenmöwe neben Blohm + Voss errichtet, nehmen wir das natürlich an …

Andreas: … und lassen ihn von allen norddeutschen Möwen zuscheißen.

Interview: Erik Brandt-Höge 

Foto: Brigitta Jahn

9.8.18, Kampnagel, 19 Uhr (Premiere); Album „König der Möwen“ erscheint am 3.8. (Tapete)


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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