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Privattheatertage: Ein Abschied?

Mit einer großen Gala gingen am 4. Juli die 10. Hamburger Privattheater zu Ende. Unter den Jubel der Gewinner:innen mischte sich Ungewissheit, denn die Zukunft des Theaterfestivals steht in den Sternen

Text: Felix Willeke

Moderiert vom Kabarettisten Christian Ehring gingen die 10. Hamburger Privattheatertage am 4. Juli 2022 mit einer großen Gala in den Kammerspielen zu Ende. Im Fokus stand dabei wie in jedem Jahr die Verleihung der Monica Bleibtreu Preise.

In der Kategorie (zeitgenössisches) Drama gewann die Produktion „Altes Land“ von der Theaterei Herrlingen. Als Adaption des Bestsellers von Dörte Hansen erzählt das Stück rund um die drei Darstellerinnen von Vererbung des Traumas der Vertreibung, Apfelbauern im Alten Land und die wirren Aussteigerideen saturierter Städter vom Landleben und das ausgerechten auf der Schwäbischen Alb.

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Die Produktion „Altes Land“ der Theaterei Herrlingen gewann den Monica Bleibtreu Preis in der Kategorie (zeitgenössisches) Drama (Foto: Andreas Zauner)

In der Kategorie Komödie geht der Preis an das Stück „Der Kontrabass“ vom Hofspielhaus München. Michael A. Grimm verkörpert in dem Werk von Patrick Süßkind einen Orchestermusiker der abgeschottet in seiner schalldichten Wohnung über die Berufung zur Musik, das Wesen der Kunst und die Liebe sinniert – besonders nach den „Lockdowns“ ein treffendes Symbol.

Über den Monica Bleibtreu Preis in der Kategorie (moderner) Klassiker freut sich 2022 „Der Sandmann“ vom Wolfgang Borchert Theater Münster. Das Stück von E.T.A. Hoffmann handelt von Nathanael, dem Tod seines Vaters und der Macht des Unterbewussten – ein echter Klassiker der Romantik.

Schließlich gab es natürlich auch 2022 den Publikumspreis. Dieser ging an „Kitzeleien – Der Tanz der Wut“ von der Kulturbühne Spagat in München. 2018 gegründet, überzeugte die erst fünf Jahre alte Bühne mit einer Adaption des französischen Sücks „Les Chatouilles“, dass sich mit der Verarbeitung von sexuellem Missbrauch mit der Hilfe des Tanzes beschäftigt.

Zukunft der Privattheatertage? Ungewiss!

Nach der 10. Ausgabe der Hamburger Privattheatertage ist die Zukunft ungewiss. Setzte sich bis ins vergangene Jahr der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse, der in diesem Jahr für seine Verdienste gesondert ausgezeichnet wurde, für die Förderung der Hamburger Privattheatertage ein, ist diese für die Zukunft ungewiss. Wie Festivalgründer und Intendant der Hamburger Kammerspiele und des Altoaner Theaters Axel Schneider sagte, sei die weiter Förderung des Theaterfestivals durch die aktuelle Bundesregierung ungewiss. Bisher habe man noch keine Zusage über die Förderung in Höhe von 500.000 Euro erhalten.

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Moritz Bleibtreu warb mit einem Appell für den Erhalt der Privattheatertage und erinnerte gleichzeitig an das Werk seiner Mutter, die Namenspatron für den alljährlich verliehen Monica Bleibtreu Preis ist (Foto: Bo Lahola)

Kampf ums Überleben

Auch wenn es in diesem Jahr weniger Besucher:innen gab, als noch vor der Pandemie, wäre das Aus für die Privattheatertage kein gutes Zeichen. Mit dem Monica Bleibtreu Preis werden Jahr für Jahr Produktionen ausgezeichnet, die sonst nur wenig im Lichte der Öffentlichkeit stehen. Die Privattheatertage sind ein Schaufenster für die kleinen Bühnen in ganz Deutschland. Natürlich sind 500.000 Euro viel Geld, aber die Hamburger Privattheatertage bieten den „Zuschauer:innen einen Einblick in die kulturelle Vielfalt im Land“ und stellen „bundesweit ein klares Statement zur Unterstützung privater Theater“ sagt Axel Schneider und er fordert alles Gäste dazu auf, sie zu unterstützen und selbst zu formulieren, warum die Privattheatertage wichtig sind.


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Privattheatertage – “Einfach mal mehr Mut haben”

Die Privattheatertage sind in Hamburg mittlerweile eine feste Größe. Zwölf ausgesuchte Produktionen aus ganz Deutschland sind im Juni zu Gast. Jurymitglied und Schauspielerin Marion Elskis erzählt, warum es in diesem Jahr ein Festival der starken Frauen ist – obwohl nur zwei der Stücke von Regisseurinnen inszeniert wurden.

SZENE HAMBURG: Marion Elskis, Sie stehen bei den Privattheatertagen nicht selber auf der Bühne, sondern saßen in der reisenden Jury. Wie ist das, einmal selbst in die Rolle des Kritikers zu schlüpfen?

Marion Elskis: Wunderbar. Es hat wirklich großen Spaß gemacht, einmal nicht beurteilt zu werden, sondern selber zu beurteilen.

Wie viel Stücke haben Sie sich angesehen?

Ich war in einer von insgesamt drei Jurys, wir haben uns Klassiker beziehungsweise moderne Klassiker angesehen. Das waren insgesamt 24, verteilt in ganz Deutschland. Und wir durften nur vier davon einladen! Da waren wir uns nicht immer in allem einig.

Welche Klassiker haben es zum Festival in Hamburg geschafft?

„Buten vör de Döör“ von Borchert, eine Produktion vom Ohnsorg Theater Hamburg. Außerdem wird „Das Lächeln am Fuße der Leiter“ von Henry Miller aufgeführt, ein Einpersonenstück aus Dresden. Und „Die Liebe der kleinen Mouche“ ist zu Gast, vom Theater Waidspeicher aus Erfurt. Die Hauptrollen sind zwei Puppen, die von Schauspielern gespielt und gesprochen werden – eine ganz zarte, liebevolle Inszenierung. Puppentheater kommt hier immer gut an, letztes Jahr hat ein Stück mit Puppen auch den Publikumspreis gewonnen. Außerdem „Hamlet“ von Shakespeare in einer sehr besonderen Inszenierung vom Forum Theater Stuttgart.

Puppentheater verzaubert, vielleicht weil es die Menschen zurück in die Kindheit versetzt…

Das ist das richtige Wort. Ich war zwei Stunden lang verzaubert, versunken in dieser Geschichte. Ich freue mich aber auf alle Stücke sehr, es ist wirklich ein toller Spielplan geworden.

Warum sind die Privattheatertage so wichtig für Privattheater?

Um darauf aufmerksam weil es in vielen Städten und vor allem in Hamburg Privat­theater mit sehr guten Stü­cken gibt. Für die ist unser Festival natürlich eine wahn­sinnig gute Plattform.

Axel Schneider, der Initiator der Privattheatertage, sagte letztes Jahr bei der Eröffnung, die Theaterhäuser in Hamburg hätten sehr unter der Eröffnung der Elbphilharmonie gelitten. Hat sich daran etwas geändert?

Die Eröffnung der Elb­philharmonie war natürlich ein Publikumsmagnet. Und auch verständlicherweise. Das ist etwas Neues, das macht die Leute neugierig. Und wenn man den Preis für eine Karte in der Elbphilhar­monie bezahlt, bleibt erstmal nicht so viel Geld für andere Kultureinrichtungen. Das ha­ben wir natürlich zu spüren bekommen, aber sicherlich war das bei allen Theater­häusern so, auch bei den staat­lichen. Da gab es denke ich gar keinen Unterschied.

“Es gibt wenig Rollen für ältere Frauen zwischen 40 und 60”

Dieses Jahr wird der Monica-Bleibtreu-Preis zum siebten Mal verliehen. Warum fiel die Wahl bei der Benennung auf Frau Bleibtreu?

Um ihr ein Denkmal zu setzen. Sie war eine tolle Schauspielerin, die leider viel zu früh gestorben ist. Ihr Va­ter hatte ein Theater in Wien, sie war dem Privattheater auch immer sehr verbunden. Das war wahrscheinlich auch ein Grund für diese Wahl.

Braucht es mehr starke Schauspielerinnen wie Monica Bleibtreu?

Es gibt natürlich einige starke Frauen. Es kann aber nie genug geben!

Ihre Jurykollegin Tanja Müller sagte, dass die Privattheatertage dieses Jahr ein Festival der starken Frauen sei. Welche Stücke sind unter diesem Aspekt besonders hervorgestochen?

Das Stück „7 Minuten“. Der Chef einer Firma will in darin die Pause um sieben Mi­nuten verkürzen. Die Frauen des Betriebsrates diskutieren dann darüber, jede mit ihrer eigenen Motivation und Ar­gumentation. Ein sehr gutes Theaterstück mit starken Frauen. Auch interessant ist die Produktion von „Ham­let“. Die Hauptrolle wird von einem Mann gespielt, alle an­deren Rollen von fünf Frauen. Klassische Werke sind ja nicht immer so leicht verständ­lich, aber dieses Stück hat sich sehr modern und aktuell an­ gefühlt. Es ist natürlich auch spannend zu beobachten, wie diese Frauen in verschiedene Rollen schlüpfen, aber das hatte wahrscheinlich auch ei­nen Kostenspargrund. Womit wir wieder bei den Problemen des Privattheaters wären.

Klassische Stücke sind nicht bekannt für ihre progressive Geschlechteraufteilung. Braucht es neues Material, um Frauen in der Theaterwelt zu stärken?

Beides ist wichtig. Sowohl alte Stücke, die mutig neu in­szeniert werden, als auch neue Werke. Die könnten auch gerne frauenlastiger sein, das wäre schön. Ich habe in der Vergangenheit öfter gedacht: „Typisch, jetzt gibt es schon wieder fünf Männerrollen und nur eine Frau.“ Deswegen habe ich mit einer Kollegin zusam­men ein Zweipersonenstück, beide weiblich, geschrieben und in Hamburg und Berlin aufgeführt. Es braucht mehr Stücke dieser Art. Außerdem fällt mir immer wieder auf, wie wenig Rollen es für äl­tere Frauen gibt. Bis zu einem bestimmten Alter ist die Geschlechteraufteilung meistens sehr ausgewogen, aber das An­gebot für Schauspielerinnen zwischen ungefähr 40 und 60 ist sehr dünn.

Wie kann man Frauen in der Theaterbranche noch weiter stärken?

Frauen sollten auch mal öfter den Mut haben, Regie zu führen. Dann würde sich das vielleicht von alleine ergeben, dass es mehr Rollen für Frauen gibt. Ich meine auch, wir haben jetzt bei den Privattheatertagen kaum Re­gisseurinnen. Ich zähle eben mal im Programm nach … Ja, es sind zwei von zwölf Stü­cken. Das ist schon bezeich­nend. Wir Frauen sind außer­ dem immer so selbstkritisch. Dabei sollten wir einfach mal Mut haben und breitbeiniger auftreten!

Interview: Sophia Herzog
Beitragsfoto: Bo Lahola

Privattheatertage, 19.6.-1.7.18, www.privattheatertage.de


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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!