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„Jede*r Fünfte“: Podcast über psychische Erkrankungen

In der neuen Podcast-Reihe „Jede*r Fünfte“ spricht die Journalistin und Autorin Wiebe Bökemeier mit prominenten Gästen über psychische Erkrankungen. Ihr Ziel: Berührungsängste und Stigmatisierungen abbauen

Text: Ulrich Thiele

 

Sie sind unsere Nachbarn, Arbeitskollegen, ihre Kinder sind in derselben Kita. Und doch sehen wir diese Menschen nicht. Klar, wir begegnen ihnen im täglichen Leben, aber nehmen wir sie wirklich wahr? „Sie laufen unter dem Radar unserer Gesellschaft“, sagt die Journalistin und Autorin Wiebe Bökemeier. Die Rede ist von psychisch erkrankten Menschen.

Fast 18 Millionen Menschen in Deutschland sind von einer solchen Erkrankung betroffen, das ist jeder Fünfte, beziehungsweise „Jede*r Fünfte“, wie Bökemeier ihren neuen Podcast folgerichtig nennt. Seelisch Erkrankte sind oft mit Vorurteilen und Stigmatisierung aus der Gesellschaft konfrontiert. Bökemeier will dem entgegenwirken und baut mit der Pestalozzi-Stiftung Hamburg und der Kreativagentur SOCIAL SOCIAL Berührungsängste ab, klärt über Krankheitsbilder auf, und hilft dabei, diese zu verstehen.

In insgesamt fünf Folgen spricht die Journalistin an jedem Fünften des Monats mit einem prominenten Gast über dessen eigene Erfahrungen und Berührungspunkte mit psychischen Erkrankungen. Die erste Folge startete am 5. Dezember mit der Comedian Käthe Lachmann, die 20 Jahre lang erfolgreich auf der Bühne stand und in ihren schlimmsten Phasen Todesangst beim Essen einer Suppe hatte. Lachmann erzählt, wie wichtig es ist, über psychische Erkrankungen zu sprechen, wie sie mit ihren Panikattacken umgeht, welche Rolle ihr Freund dabei spielt und ob Humor helfen kann.

„Hast du eine gebrochene Seele, wirst du aus der Gesellschaft ausgestoßen“

 

In der nächsten Folge spricht Bökemeier mit Dirk Ahrens, Landespastor und Leiter des Diakonischen Werks Hamburg, über Psychosen und das Entstehen und Erkennen psychischer Erkrankungen. Ausgangspunkt einer jeden Folge ist stets eine Geschichte aus Bökemeiers 2019 erschienenem Buch „Wir, ‚Kinski‘ und ich – Alltag im Ausnahmezustand“, in dem sie Menschen mit seelischen Erkrankungen und deren ungewöhnliche und doch normale Gedankenwelten porträtiert. Eine davon ist Nati. „Hast du ein gebrochenes Bein, akzeptieren das alle. Hast du eine gebrochene Seele, wirst du aus der Gesellschaft ausgestoßen“, erklärt sie.

Nati malt gerne, liebt Fantasybücher, aber viele sehen in ihr nur „eine Frau, der das eigene Leben phasenweise entgleitet“. Sie hasst Menschenmengen. Symptome wie Panik, Angst, Schweißausbrüche und innerer Stillstand überkommen sie, wenn sie rausgeht. Dennoch begleitet die 46-Jährige für ihr Porträt Bökemeier auf den Weihnachtsmarkt in der Hamburger Innenstadt. Nati erzählt von ihren „Ankern in die reale Welt“, die sie braucht: „Als Ablenkung von der Erinnerung an ihren Onkel, der sie das erste Mal missbrauchte, als sie vier Jahre alt war. An die Eltern, die ihr damals nicht glaubten. Oder die Erinnerung an ihren Stiefvater, der seine Finger um ihren Hals schloss, um ihre Teenager-Widerworte nie mehr hören zu müssen“, wie Bökemeier schreibt. Aber Nati will als das gesehen werde, was sie ist: „eine Frau, die gern malt“.

Zu dem emotionalen Kern des Podcasts gesellt sich Fachwissen: Nach den persönlichen Geschichten aus ihrem Buch und jenen ihrer Gäste, wird jede Folgte ergänzt durch eine Analyse mit Simone Iwanski, Sozialpädagogin bei der Pestalozzi-Stiftung Hamburg, und Dr. Dietrich Eck, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Zu den weiteren Gästen gehören unter anderem Ex-St.-Pauli-Coach Ewald Lienen, Musiker Flo Mega und Schauspielerin Anna Irmgard Jäger.

jederfuenfte.de


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