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Caroline: „Läuft das jetzt noch zehn Jahre so weiter?“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Caroline begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Am Wochenende war ich mit ein paar Freunden das erste Mal wieder auf einem kleinen Festival. Wir waren mit meinem Bus unterwegs, den ich mir vor drei Monaten gekauft habe. Den musste ich erstmal entrosten, er ist noch überhaupt nicht ausgebaut, im Fußboden ist ein Loch und außer einem Teppich und einer Matratze ist da gar nichts drin. Aber trotzdem war es unheimlich schön.

Draußen schlafen, gemeinsam aufstehen, schwimmen gehen, zusammen kochen und abends auf einen kleinen Dancefloor im Wald: Es hat sich angefühlt wie aus einer anderen Zeit. Und auf einmal sitze ich am Montagmorgen wieder in der Bibliothek und schreibe Bachelorarbeit. Wenn ich könnte, würde ich sofort in meinen Bus steigen und Richtung Portugal fahren.

Oft habe ich das Gefühl, dass ich im Hier und Jetzt mit meinem Leben sehr gut bin, aber dass es nirgends drauf hinausläuft. Wenn ich dann versuche, mir einen Überblick zu verschaffen, kommen mir immer wieder die Gedanken: Läuft das jetzt noch zehn Jahre so weiter oder kommt da noch was? Und was kommt da überhaupt?

 

„Psychologen wissen gar nicht mehr”

 

Um einige Dinge besser zu verstehen, habe ich vor ein paar Jahren mit Psychologie angefangen. Ich wollte auch wissen, warum so vieles blöd zwischen uns Menschen läuft. Tatsächlich ist das Studium dann aber sehr viel theoretischer und wissenschaftlicher, als ich gedacht hatte. Gefällt mir aber auch. Ganz ehrlich, Psychologen wissen gar nicht so viel mehr über andere Menschen. Wir bekommen bloß Theorien als Handwerkszeug mit auf den Weg.

So genau weiß ich auch noch gar nicht, was ich letztendlich damit machen möchte. Ich glaube einfach, dass ich ein Bedürfnis habe, andere Menschen zu verstehen. Das ist so ein bisschen mein Antrieb.“


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Anna: „Da habe ich fast angefangen zu weinen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Anna begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wir waren viereinhalb Jahre zusammen und ich möchte nichts davon missen, aber es hat einfach nicht mehr funktioniert. Man muss sich auch eingestehen, dass beide irgendwann aufgehört haben, in die Beziehung zu investieren. Jetzt bin ich gerade dabei, meine Sachen aus seiner Wohnung zu holen. In die neue kann ich erst in zwei Wochen. Klamotten kommen jetzt erst einmal bei meinen Eltern unter, ich bei einer Freundin.

Das ist gerade alles nicht so toll, zwischen Corona und Urlaubstagen fühle ich mich ein wenig alleine. Deshalb musste ich jetzt mal ein paar Tage raus und bin hier nach Hamburg gefahren. Zu Bachelor-Zeiten bin ich für ihn aus Hamburg weggezogen, in die Nähe von Osnabrück. Dort arbeite ich mittlerweile in einer forensischen Psychiatrie mit suchtkranken Straftätern zusammen. Das heißt, ich gestalte deren Alltag mit, führe Gespräche, mache Therapiegruppen oder wir sitzen abends einfach nur zusammen und spielen Karten. Ich mag den Job, man lernt viel über Menschen, sich selbst und vor allem mit Rückschlägen umzugehen.

 

Das Gefühl von früher

 

Wenn ich hier so entlanglaufe, kann ich mir aber gut vorstellen, zurück nach Hamburg zu ziehen. Eben bin ich an meiner alten Wohnung vorbeigegangen und habe so ein bisschen das Gefühl von früher gespürt. Das war schön.

Man sagt zwar immer, dass man sich in der Beziehung auf keinen Fall für den anderen verändert, das ist aber Quatsch! Natürlich verändert man sich. Man verändert sich durch jeden anderen Menschen, der einem näherkommt. Manche merken es bloß nicht. Oder erst zu spät.

Was mir jedenfalls momentan hilft, ist unglaublich viel Spazierengehen. Ich bin heute den ganzen Tag ziellos durch die Gegend gelaufen. Gerade saß ich in der Bahn und habe eine Sprachnotiz von einer Freundin bekommen, in der ihre Mutter sich nach mir erkundigt hat, wie es mir denn jetzt geht, was ich mache und mir gewünscht, dass ich glücklich werde. Die Nachricht ging ein paar Minuten und ich habe echt fast angefangen zu weinen, weil ich so gerührt war. Solche Herzenswünsche sind irgendwie das Schönste, was man jemandem sagen kann. Und sie helfen. Mehr noch als Spazierengehen.“


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Kuscheltiere: Stoff zum Knuddeln

Kuscheltiere erfreuen sich als Weihnachtspräsent auch in Zeiten von Smartphones und Tablets großer Beliebtheit – und zwar bei Groß und Klein. Welche Rolle sie dieser Tage psychologisch spielen und warum viele Erwachsene nicht von ihnen lassen können

Text: Marco Arellano Gomes

 

Abends werden sie ins Bett gebracht, morgens geweckt, sie sitzen am Esstisch, begleiten beim Museumsbesuch und fliegen mit in den Urlaub: Kuscheltiere. Und es sind längst nicht nur Kinder, die ihre plüschigen Gefährten ständig um sich haben wollen. Knapp 50 Prozent der Erwachsenen spielen und reden einer repräsentativen GfK-Umfrage von 2013 zufolge mit ihren Plüschtieren. Das geschieht freilich meist im Geheimen. Im Gegensatz zu Kindern, möchte kaum ein Erwachsener mit dem Kuscheltier im Arm gesehen werden.

 

Das Ich entwickeln

 

Kuscheltiere gelten in der Psychologie als Übergangsobjekte. Sie sollen vor allem Kleinkindern dabei helfen, zeitliche und körperliche Trennungen von den Eltern zu überbrücken und sich emotional von den Eltern abzunabeln. Sie sind eine Stütze, um das eigene Ich zu entwickeln. Dabei entwickeln Kinder in der Regel eine sehr enge Beziehung zu ihrem Stofftier, das sie über Jahre – bei manchen aber auch das ganze Leben lang – begleitet. Kosenamen wie Teddy, Bäri, Mausi oder Hasi bezeugen diese liebevolle Hinwendung bereits phonetisch.

In der Jugend lassen die meisten von ihren plüschigen Weggefährten ab. Das trifft aber nicht auf alle zu. Knapp die Hälfte der Erwachsenen haben noch immer einen starken Bezug zu ihren Kuscheltieren. Einige mehr, andere weniger. Während viele ihr Lieblingskuscheltier aus der Kindheit behalten und prominent im Wohnzimmer platzieren, gibt es auch Erwachsene, die noch immer mit ihrem Stofftier interagieren. Selbst Paare kommunizieren spielerisch über Stofftiere miteinander. All das sind keine kuriosen Einzelfälle.

 

Perfekte Zuhörer

 

Die Tiere aus weichem, kuscheligen Stoff mit ihren drolligen Kulleraugen spenden Trost, sind perfekte Zuhörer und lassen sich stets bereitwillig in den Arm nehmen. In therapeutischen Sitzungen wird die Nutzung von Stofftieren nicht selten empfohlen, um Gefühle wie Geborgenheit und Zuneigung aktiv zu fördern.

„Wir haben sehr viele erwachsene Kunden, die Steiff-Tiere für sich selber kaufen, gerade zur Weihnachtszeit. Das sind nicht nur Sammler“, erzählt Oliver Arnold, Leiter des Steiff Shop Hamburg im Levantehaus. „Es gibt beispielsweise ein Pärchen, dass uns regelmäßig besucht und jährlich nach Schottland reist. Kurz vor Reiseantritt kaufen sie immer das selbe Schaf als Plüschtier und lassen auf diese Weise ihre Herde wachsen. Die Urlaubsbilder zeigen sie uns dann voller stolz und teilen diese über Social Media.“

 

 

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Früher hätte man ein solches Verhalten möglicherweise belächelt. Heute erntet man Likes dafür. Es ist schwer zu beurteilen, welchen Anteil die sozialen Medien daran haben, aber „der Umgang mit Stofftieren ist für Erwachsene unverkrampfter, offener geworden“, so Arnold. Aus seiner Sicht kann man „nie zu alt für Kuscheltiere“ sein.

Es ist gerade dieses Spielerische, das den Menschen ausmacht. Der Mensch entwickele seine kulturellen Fähigkeiten vor allem über das Spiel, behauptete schon der Kulturhistoriker Johann Huizinga in seinem Werk „Homo Ludens“. Es ist kein Zufall, dass Jack Nicholson in dem Horror-Klassiker „The Shining“ von Kultregisseur Stanley Kubrick in die Schreibmaschine die berühmt gewordenen Worte „All work and no play, makes Jack a dull boy“ tippt (frei übersetzt: „All die Arbeit und kein Spiel machen Jack zu einem stumpfsinnigen Jungen).

 

„… das Gefühl, dass die Welt für einen Moment wieder in Ordnung ist“

 

Der Mensch hat die Fähigkeit der Ernsthaftigkeit des Lebens etwas Spielerisches, Fantasievolles entgegenzusetzen – und zwar von Geburt an. Es ist erstaunlich, dass Kinder geradezu instinktiv und mit größter Leichtigkeit fantasieren können, diese natürliche Fähigkeit im Laufe der Sozialisation aber weitestgehend verlernen. Das Spielen mit Stofftieren ist ein Aspekt dieses Spieltriebs, aber zurzeit vielleicht ein sehr hilfreicher. Das Tolle daran: Es ist auch in Corona-Zeiten bedenkenlos. Eine Maskenpflicht besteht nicht, der Abstand von 1,5 Metern ist nicht nötig und wenn das Stofftier nicht allzu oft den Besitzer wechselt, ist auch keine Hygieneprozedur notwendig.

In einer Welt, die unübersichtlich, kompliziert und unsicher wirkt, in der Kontaktbeschränkungen zur neuen Normalität werden und die Weihnachtszeit mit gedämpften Erwartungen daherkommt, hat das fantasievolle Spiel mit Stofftieren eine ungeahnt wichtige Bedeutung gewonnen – und zwar für Groß und Klein.

Denn diese kleinen Gefährten aus Plüsch können einem das Gefühl geben, dass die Welt für einen Moment wieder in Ordnung und in einem Gleichgewicht ist. Vielleicht brauchen die Menschen der- zeit dringender denn je ein Übergangs- objekt. Ein Stück Stoff zum Knuddeln, Lachen, Schmusen und Einschlafen. Das ist gut für Geist und Körper. Und so kommt auch keiner aus der Übung, bis der Tag erreicht ist, an dem die alte Nor- malität wieder zur alleinigen wird.


Cover_Szene_Hamburg_Dezember_2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2020. Das Magazin ist seit dem 28. November 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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