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Mit Schirm, Charme & Tradition

Wenn es draußen Herbst wird, kommen Regen und Sturm. Die perfekte Zeit für einen Besuch bei Schirm & Co.

Interview: Mirko Schneider

 

Über diesige Schietwettertage freut sich Carola Vertein besonders. „Unser Weihnachtsgeschenk wächst mit jedem Regen- tropfen“, sagt sie. Vertein ist Inhaberin von „Schirm & Co“, einem farbenfrohen Geschäft in der Innenstadt. Und sie ist ein bisschen sauer auf Journalisten. „Wir fertigen nur 250 Schirme im Jahr, die meisten reparieren wir. Aber ständig wird geschrieben, ich sei Schirmmacherin.“ Diese Kritik äußert sie mit ihrer robusten Stimme so herzlich, als wolle sie einem gleich Kaffee und Kuchen anbieten.

 

Schirme seit über 25 Jahren

 

Das Fachgeschäft bei Schietwetter:„Schirm & Co“; Foto: Jérome Gerull

Das Fachgeschäft bei Schietwetter:„Schirm & Co“; Foto: Jérome Gerull

1984 stieg Vertein in das seit 1876 bestehende, damals als „Schirm Eggers“ gegründete Familienunternehmen ein. Bis zu 20 Schirme bringt sie gemeinsam mit Meike Vertein pro Tag wieder in Form. Ob Griff, Stoff, Stahlstange oder Gestell – das Duo hat für fast jedes Problem die richtige Lösung. Ihre Stoffe bezieht sie aus Italien oder aus Fernost. Feingewebter Polyester ist Trumpf. Wer tatsächlich einen ganz neuen handgemachten Schirm möchte, kann diesen bedrucken lassen. Wohnmobil oder Eistüte sind nur zwei von unendlich vielen möglichen Motiven, die sich die Kunden ausdenken. Konkurrenz hat Carola Vertein in Hamburg gar keine und in Deutschland kaum. Nur eine Handvoll solcher Läden verteilen sich übers Land.

 

Regen muss genossen werden

 

Spricht Carola Vertein über Schirme, kommt einem unweigerlich der Titel der Filmromanze mit Hugh Grant in den Sinn: „Tatsächlich… Liebe“. Vertein rief schon beim Radio an, um sich über das Gejammere vom Schietwetter zu beschweren. Regen, sagt sie, könne der genießen, der aus seiner Konditionierung ausbreche und nicht scheu vor ihm flüchte. Erst recht mit einem guten Schirm. Die Sache mit den Schirmen ist also mehr Mission als bloßer Job.

Sorgt seit 1984 im Fachgeschäft „Schirm & Co“ dafür, dass die Hamburger bei Schietwetter trocken bleiben: Schirmherrin Carola Vertein; Foto: Jérome Gerull

Schirmherrin Carola Vertein; Foto: Jérome Gerull

Die Regenanbeterin fing sogar schon mal auf der Mönckebergstraße Passanten ab, um diesen ihre rote Visitenkarte in die Hand zu drücken. „Ihr Schirm ist kaputt. Hier ist unsere rote Karte. Kommen Sie doch zu uns“, sagte sie zu den verdutzten Spaziergängern.

Ein Schirm soll vor Regen und Wind schützen. Aber er ist auch ein Accessoire. Vom Boden bis zum Handgelenk müsse er bei locker hängenden Armen reichen. Dann passe er zum Träger. Das sei eine Frage des Stils, erklärt die Fachfrau.

Die galanten Männer, die früher mit einem solchen Schirm in der Hand eine Frau höflich fragten, ob sie eine Begleitung wünsche, vermisst Carola Vertein: „Bei einem tollen Schirm knistert so ein schönes Geräusch in der Luft, da springt der Funke über. Die Frau dachte dann: ‚Was für ein toller Mann‘. Dabei lag es nur am Schirm.“

 

Ein Accessoire das bleibt

 

So ein Accessoire macht also durchaus Eindruck. Und bleibt im Gedächtnis. Mit einer Kundin, die nach 35 Jahren in einem Harzer Friseursalon den in Kindertagen vergessenen Regenschirm wiederfand, kann sie noch heute mitfühlen. Liebevoll bearbeitete Vertein den vom Zahn der Zeit abgeschabten Griff, sodass die Kundin den Schirm ihrer Enkelin schenken konnte.

Das Wichtigste für Carola Vertein, deren Lieblingsmodell der „Sturmtrotz“ mit Hamburger Schottenmuster ist: Es gibt Hoffnung auf eine Welt jenseits des Konsumkreislaufs. „Viele Menschen haben eine sehr emotionale Bindung zu ihrem Schirm. Er soll mindestens 40 Jahre halten. Sie möchten sich behütet und sicher fühlen.“ Einen Tipp für Schietwetter hat sie natürlich auch: Man könne den Regenabweiser einfach umfunktionieren. Zum Sonnenschirm. „Die haben ja alle UV- Schutz.“

schirmundco.de


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Die Schönheit des Hamburger Schietwetters

Eine Liebeserklärung ans verschriene Hamburger Nass

Text: Erik Brandt-Höge

 

Hamburg ist nicht Saint-Tropez. Es ist auch nicht Palermo. Nicht mal Passau. Und weil Hamburg eben Hamburg ist, ist das Wetter hier nicht immer doll. Genau genommen ist es oftmals ziemlich mies. So mies, dass es viele Hamburger zum Hassobjekt erklären. Da wird ordentlich gezetert: „Zum Kotzen, dieser Dauerregen!“ Manche erwägen des Wetters wegen gar einen Umzug in trockenere Gebiete. Berechtigte Frage Richtung Meckerheinis: Schon mal die Schönheit im Schietwetter bemerkt? Also, nicht im Schietwetter an sich, sondern in den Möglichkeiten, die es mit sich bringt? Eine Runde im überdachten und jede Menge Snacks und Getränke bereithaltenden Alsterrdampfer kann man auch drehen, wenn das Wasser in Kübeln von oben kommt.

 

Stichwort raue See

 

Schifffahrtsfeeling kommt dann noch mehr auf als eh schon: Stichwort raue See und so. Wem diese Geschichte zu schunkelig ist, der kann sich eine Auszeit zwischen zwei Wetterextremen in Planten un Blomen gönnen. Im schwülwarmen Tropenhaus, zwischen allerhand exotischer Flora, ist es nämlich noch gemütlicher, wenn die Tropfen rhythmisch aufs Glasdach plätschern: Stichwort Regenwald mitten in der Stadt. Und wer mit dem Schietwetter lieber unter sich bleiben will, dem sei ein kurzer, nasskalter, aber von Frischluft gespickter Spaziergang im Friesennerz ans Herz gelegt. Wenn es danach nämlich wieder in die Bude geht, wird diese noch ein bisschen mehr geschätzt – vor allem die Temperaturen drinnen: Stichwort Saunagang, nur umgekehrt. Hat also reichlich für sich, das Hamburger Schietwetter. Am Ende ist es alles andere als ein lästiges Mitbringsel dieser Stadt.


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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