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„Ich will dahin, wo ich früher im Sand gelegen habe“

Horst Hahn ist gelernter Seemann, Kaufmann und Bestatter. 1972 hat er die heute älteste Seebestattungsreederei Deutschlands gegründet. Ein Gespräch über die immer beliebter werdende Art der Bestattung, Hahns Weg auf See und den Wunsch für seine eigene Beerdigung

Interview: Felix Willeke

 

SZENE HAMBURG: Herr Hahn, wann waren Sie das letzte Mal auf See?

Horst Hahn: Vor ein paar Tagen habe ich eine Urne in die Lübecker Bucht rausgebracht.

Wie sind Sie Seebestatter geworden?

Ich bin schon fast 90 Jahre alt und im Krieg groß geworden. Mein Großvater und mein Onkel waren Seemänner, der Beruf wurde mir damit in die Wiege gelegt. Doch nach dem Krieg gab es in Flensburg, wo ich aufgewachsen bin, kaum Arbeit. Deswegen habe ich das Erstbeste gemacht und eine Lehre zum Kaufmann begonnen. Der Beruf hat mich aber schnell gelangweilt. Ich wollte zur See fahren und habe in Bremen bei der Hansa-Reederei als Lehrling angeheuert. In den freien Monaten habe ich Theorie gebüffelt und so wurde ich irgendwann Matrose und bekam mein Patent. Aber ich wollte auch eine Familie an Land gründen und deswegen kam mir das Angebot ganz recht, das Geschäft von meinem Onkel zu übernehmen. Mein Onkel Hans war Bestatter. Ich machte also in Hamburg-Ohlsdorf eine Lehre zum Bestatter und – ausgebildeter Kaufmann war ich ja schon – übernahm das Geschäft meines Onkels. Heute gehört das Unternehmen meinem Sohn, der es in Ammersbek vor den Toren der Stadt weiterführt.

Und wie ging es bei Ihnen weiter?

Nachdem ich ein Haus gekauft und eine Familie gegründet hatte, sprach mich Ende der 1960er-Jahre eine Familie an: Der Großvater war verstorben und sie wollten ihn gerne auf See bestatten lassen. Damals war eine Seebestattung ehemaligen Marinesoldaten und Wasserschutzpolizisten vorbehalten. Ich wollte den Wunsch des Verstorbenen trotzdem erfüllen und habe die Urne mit meinem privaten Segelboot in der Lübecker Bucht beigesetzt. Daraus entstand die Idee, die Seebestattung auszubauen und 1972 habe ich schließlich den Vorgänger der heutigen Seebestattungs-Reederei-Hamburg Kapitän Horst Hahn gegründet.

 

Von der Urne ins Wasser

 

Wie läuft eine Seebestattung denn heute ab?

Erst mal genauso wie eine Urnenbeisetzung: Der Tote wird im Krematorium bei 800 bis 1400 Grad verbrannt, die übrig gebliebenen Knochen werden in einer Mühle, die man sich wie eine überdimensionierte Kaffeemühle vorstellen kann, gemahlen und das Granulat wird in eine Blechurne gefüllt, in die Name und Lebensdaten des Verstorbenen eingraviert werden. Bei einer Urnenbeisetzung folgt dann die Trauerfeier. Wir lassen die Urne an die Ostsee nach Travemünde bringen. Hier findet sich dann die Trauergesellschaft für die Beisetzung ein und wir fahren mit ihnen für etwa anderthalb Stunden aufs Meer. Wenn wir nach ungefähr 30 Minuten den Ort der Beisetzung erreicht haben, stellt sich der Kapitän am Heck des Schiffes an eine Glocke, sagt ein paar Worte und läutet acht Mal. In der Seefahrt heißt das Glasen – acht Glasen für das Ende einer Wache gilt auch als Symbol des Übergangs vom Leben zum Tod, wir haben diese Tradition für die Seebestattung übernommen. Anschließend wird die Urne sanft ins Wasser gelassen und die Angehörigen werfen zum Abschied Blütenblätter. Das Schiff umkreist die Stelle der Beisetzung drei Mal und kehrt dann mit einem langen, lauten Abschiedston in den Hafen zurück.

Das heißt, es gibt keine Musik, keinen Kranz und keine Trauerrede?

Doch, theoretisch ist das alles möglich. Für die Beisetzung fahren wir mit maximal zwölf Gästen raus, zu denen auf Wunsch auch Trauerredner, Fotograf oder Akkordeonspieler gehören kann. Auf individuelle Musikwünsche gehen wir dabei auch ein. Einen Kranz können wir auch mitnehmen, dieser wird aber nicht wie früher ins Meer geworfen.

 

Nachhaltigkeit

 

Warum nicht?

Weil Kränze umweltschädlich sind und schwimmen. Vor 20 Jahren hat sich mal ein Bürgermeister beschwert, dass bei ihm die Menschen am Strand liegen und ständig Kränze von Seebestattungen angespült werden, das geht natürlich nicht. Deswegen setzen wir heute auf Blütenblätter.

Blütenblätter, aber Blechurnen?

Nein, wir setzen keine Blechurnen bei. Aus Umweltschutzgründen füllen wir das Granulat des Verstorbenen, das umgangssprachlich auch Asche genannt wird, vorher um. Die Urnen für die Seebestattung sind zumeist aus ungebranntem Ton, in unserem Fall aus umweltfreundlicher Pappe. Die 25 Zentimeter hohe Urne hinterlässt, nachdem sie sich aufgelöst hat, ein kleines Häufchen Granulat auf dem Meeresgrund. Dieses bleibt, da es deutlich schwerer ist als Wasser, an Ort und Stelle liegen und wird langsam vom Meer eingesandet.

Und was machen Sie bei Sturm?

Grundsätzlich fahren wir bis Windstärke sechs, das ist für die Gäste erträglich. Ob das Wetter eine Bestattung zulässt, wissen wir immer ungefähr drei Tage vorher. Wir sind da aber vorsichtig und verschieben die Beisetzung eher, als dass wir die Trauergesellschaft zu rauer See aussetzen.

 

„Wir haben auch schon in Chile bestattet“

 

Bestatten Sie nur von Travemünde aus?

Ja, da liegt die Farewell, unser Schiff. Eine Bestattung ist aber an der ganzen Küste, egal, ob Ost- oder Nordsee, möglich. Es gibt in Deutschland ungefähr 20 Reedereien mit der Erlaubnis, auf See zu bestatten. Wenn sie mit dem Wunsch an uns herantreten, einen Verstorbenen in der Nordsee beizusetzen, kontaktieren wir die Kollegen. Wir Seebestatter sind eine gute Gemeinschaft, eine große Konkurrenz gibt es eigentlich nicht.

Ist eine Seebestattung überall auf der Welt möglich?

Das hängt von den Gesetzen in den jeweiligen Ländern ab. Wir haben auch schon in Chile bestattet. Es gibt allerdings Länder, in denen die Praxis der Einäscherung eines Verstorbenen zum Beispiel aus religiösen Gründen abgelehnt wird. Da würden wir dann auch keine Seebestattung durchführen.

 

Aus Liebe zum Meer

 

Warum entscheiden sich Menschen für eine Seebestattung?

Häufig aus Liebe zum Meer, aber auch die Kosten sind ein Faktor. Deswegen waren die Kirchen auch zuerst sauer auf mich, denn wenn sich Menschen auf See bestatten lassen, kaufen sie nicht mehr für mehrere Tausend Euro ein Grab. Wir bestatten bis zu 50 Prozent günstiger, denn auf See gibt es keine Folgekosten, zum Beispiel für die Grabpflege. Für die individuelle Trauer bekommt die Trauergesellschaft immer einen Seegrabbrief mit den Koordinaten der Beisetzung. Dazu haben wir am Brodtener Ufer (zwischen Travemünde und Timmendorfer Strand, Anm. d. Red.) einen Gedenkstein aufgestellt und wir bieten regelmäßig Gedenkfahrten an. Denn die Trauernden können sich sicher sein: Der Verstorbene ist immer noch da.

Wollen Sie auch selbst auf See bestattet werden?

Ja, ich bin Seemann. Schon vor längerer Zeit habe ich genau die Position festgelegt, wo das sein soll. Ich will dahin, wo ich früher am Strand im Sand gelegen habe. Da habe ich dann das Gefühl, ich bin den schönsten Stellen in meinem Leben nah.

seebestattung.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hospiz-Arbeit: „Wir sind Wünschesucher“

Das Hamburg Leuchtfeuer Hospiz begleitet seine Bewohnerinnen, Bewohner und ihre Angehörigen auf dem letzten Streckenabschnitt des Lebens. Getreu dem Leitsatz am Eingang: „Wir können dem Leben nicht mehr Tage geben, dem Tag jedoch mehr Leben.“

Text: Markus Gölzer

 

Immer gilt: Wer stirbt, hat das Sagen. Maßgeblich ist ausschließlich der Wille des Bewohnenden. Das führt zu Verschiebungen in Familien, ist nicht immer harmonisch. So sehen es manche Angehörige gern, wenn Appetit da ist. Der Bewohner hat eigentlich keinen Appetit mehr, möchte seiner Familie aber eine Freude machen und isst daher trotzdem. Wenn er danach sagt, „Ich fühle mich gedrängt, kriege das meinen Leuten aber nicht vermittelt“, dann spricht Steffi Severs mit ihnen. Sanft, aber deutlich. Später hört sie dann oft: „Ich fand das im ersten Moment komisch, aber dann hilfreich.“ Über die Aufnahme im Hamburg Leuchtfeuer Hospiz entscheidet eine, wie das Gesetz sagt, „infauste Prognose“, eine endliche Prognose. Das bedeutet eine schwere Erkrankung im terminalen Stadium, dem Endstadium.

 

Herzliche Menschen

 

Mitentscheidend ist auch die Warteliste. Es gibt mehr Anfragen als Plätze. Allein: Die Warteliste wird nicht einfach abgearbeitet. Wenn jemand zu Hause gepflegt wurde, die Familie aber merkt, dass es in der Wohnung nicht mehr geht, bekommt dieser Mensch den Vorzug. Der Maßstab ist nicht die Position auf der Warteliste, sondern die Entlastung der Familie. Hat man einen Platz in einem der elf Einzelzimmer bekommen, zieht man mitten ins lebenszugewandte St. Pauli. Viele wünschen das explizit, weil sie es wunderbar finden und sich dem Stadtteil verbunden fühlen. Andere haben Vorbehalte, aber merken schnell: Die Menschen hier sind herzlich. Alle schätzen die Nähe zur Elbe, wo sie mit Ehrenamtlichen spazieren gehen können.

 

Humor Hilft

 

Sozialarbeiterin Steffi Severs vor der „Gedenkmauer“. Die Einsätze der Steine wurden von Spendern und Spenderinnen erworben, m den Bau des Hospizes zu fördern (Foto: Hamburg Leuchtfeuer)

Sozialarbeiterin Steffi Severs vor der „Gedenkmauer“. Die Einsätze der Steine wurden von Spendern und Spenderinnen erworben, m den Bau des Hospizes zu fördern (Foto: Hamburg Leuchtfeuer)

Ab einem gewissen Zeitpunkt bekommen einige auch Angst. Nicht die eine große, sondern eine von vielen kleinen, die nicht weniger schlimm sind. Eine Luftnotattacke oder Angst, wenn es dunkel wird. Die Angst vor dem Sterben hat viele Gesichter und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter maßen sich nicht an, sie nehmen zu können. Der Unterschied ist, dass sie Erfahrung haben und sich nicht scheuen, darüber zu sprechen. Man muss sich hier nicht über den Tod unterhalten, aber es ist jemand da, wenn man es will. Im Bedarfsfall kommt eine ehrenamtliche Sitzwache, die Sicherheit und ein gutes Gefühl spendet. Bei allen ernsten Themen gilt auch im Hamburg Leuchtfeuer Hospiz: Es gibt nichts, was mit Humor nicht besser würde. „Man kann über ganz viel lachen, über sich selbst vor allem. Tatsächlich feiern wir auch, wenn nicht gerade Corona dazwischenkommt. Dann feiern wir Silvester genauso wie Geburtstage oder Ostern. Und es wird auch mal eine Flasche Sekt aufgemacht.“

 

Spiritualität

 

Das Hamburg Leuchtfeuer Hospiz ist ein konfessionsfreies Haus, also nicht an eine einzige Religion gebunden. Aber Spiritualität spielt eine große Rolle. In alter Verbundenheit zur Aidshilfe kommt einmal in der Woche eine evangelische Seelsorgerin ins Haus und bietet ein Gespräch an. Für katholische Menschen mit dem Wunsch, Kontakt mit einem Priester zu suchen, gibt es gleich um die Ecke eine katholische Gemeinde. Zur großen, aktiven jüdischen Gemeinde in Hamburg besteht ein Draht. Buddhisten waren schon hier. Menschen jeden Glaubens bekommen ein Angebot. Alle eint, dass sie gut beraten sind, sich ganz irdisch rechtzeitig um eine Patientenverfügung zu kümmern. Steffi Severs nutzt jede Gelegenheit, darauf hinzuweisen: „Wem gebe ich meine Vollmacht, von wem nehme ich eine Vollmacht, und kann ich das als Bevollmächtigter überhaupt umsetzen: bei meinem Liebsten, meinem Kind, meinen Eltern, meinem Partner in der letzten Lebensphase wichtige, häufig schwierige Entscheidungen zu treffen. Ein hoch emotionales Thema. Es ist gut, da vorher miteinander ins Gespräch zu kommen. Und so einen Rahmen zu schaffen für das, was Familie und Freunde eint: das Loslassen.“

hamburg-leuchtfeuer.de


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Osama: „Ich brauche die Freiheit zu leben, wie ich möchte“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Osama begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„In meiner Heimat, dem Jemen, wird man immer danach beurteilt, ob man sich religiös verhält oder nicht. Alle sind super eng miteinander: Familie, Freunde, Nachbarn, man hat eigentlich keine Privatsphäre. Egal was man macht, wohin man geht, man steht immer unter Beobachtung. Alle wissen immer alles. Das ist in Deutschland ganz anders und in Hamburg sowieso. Das Problem für mich ist, ich bin überhaupt nicht religiös. Deswegen konnte ich im Jemen nicht so leben, wie ich wollte: Bier auf der Straße trinken, so wie jetzt gerade, oder meine Frau in der Öffentlichkeit küssen, daran wäre überhaupt nicht zu denken gewesen. Im Jemen ist die Gesellschaft einfach eine andere, denn wenn man nicht religiös ist, dann ist vieles nicht möglich. Und ist man gläubig, dann wird man durch die religiösen Regeln beschnitten, auch wenn das natürlich viele Leute nicht so empfinden.

 

Viele haben ein schlechtes Bild“

 

Das hier in Deutschland viele Leute ein schlechtes Bild vom Jemen haben, kann ich verstehen. Aber kennst du einen Deutschen, der schon einmal im Jemen gewesen ist? In den Medien hört man immer nur vom Bürgerkrieg, von Hunger, Armut, den generell sehr schwierigen Bedingungen. Das Leben im Jemen ist für die meisten Menschen tatsächlich nicht einfach und auch überhaupt nicht angenehm. Angenehm ist es nur, wenn man die finanziellen Möglichkeiten hat. Die Mittelschicht im Jemen lebt superluxuriös. Auch wenn ich sehr eingeschränkt gewesen bin, finanziell ging es meiner Familie und mir nicht schlecht. Um hier in Hamburg das Leben wie im Jemen führen zu können, müsste ich wohlhabender sein. Aber die Freiheit, das Leben so leben zu können, wie man sich das vorstellt, wiegt mehr, deswegen bin ich gegangen. Und wirklich schlecht geht es mir ja hier auch nicht.

 

Veränderung durch die Jugend?

 

Die Bevölkerung im Jemen ist sehr jung und wird noch jünger, denn sie wächst sehr schnell. Die Jugendlichen werden hoffentlich irgendwann vermehrt den Weg gehen, den ich gegangen bin und den auch viele andere meiner Landsleute gehen, die etwas vom Leben haben wollen. Sie werden diesen Weg gehen müssen, wenn sich im Jemen nichts ändert. Vor allem wenn man nicht zu denen gehört, die Geld haben oder sich nicht religiösen Regeln unterwerfen möchte. Trotzdem vermisse ich meine Heimat. Perfekt wäre für mich wohl eine Gesellschaft, die ein bisschen so ist wie im Jemen und ein bisschen so wie in Deutschland. Aber die gibt es nicht.

 

Neuanfang in Deutschland

 

Im Jemen war uns alles einfach zu viel. Deswegen habe ich mich vor etwas mehr als vier Jahren auf den Weg gemacht und mich um einen Masterstudiengang in Wirtschaftsökonomie bemüht. Im Jemen und später auch in Beirut habe ich BWL im Bachelor studiert. Mit dem Studiengang hat es nicht geklappt, dann habe ich einen Asylantrag gestellt und erst einmal zwei Jahre in Berlin gewohnt, bevor ich hier noch Hamburg gekommen bin. Hier mache ich gerade einem C1-Sprachkurs und warte mit meiner Frau auf unseren Nachwuchs. Wie unser Leben aussehen soll? Anders als es im Jemen war, natürlich, aber genaue Vorstellungen habe ich noch nicht. Ich genieße die Möglichkeiten hier und lasse die Dinge gerne auf mich zukommen.“


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