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Finkenwerder – Heimat südlich der Elbe

Einmal Finkenwerder, immer Finkenwerder – so sagen es die Bewohner. Ein Stadtteil, der sich kaum verändert. Dazu bezahlbare Mieten und die weitläufige Natur vor der Tür – genug Gründe, sein Leben lang zu bleiben.

Mit einem leichten Stupser an die Kaimauer legt die Fähre am Anleger Finkenwerder an. Gischt spritzt hoch, das Boot schwankt leicht. Es piept und die Rampe für die Passagiere wird heruntergelassen, so wie jeden Tag, wenn das Schiff zur Halbinsel fährt. Bei Wind und Wetter, ob es stürmt oder schneit – die Linie 62 der Hadag legt an und ab. Heute scheint die Sonne, weshalb auch viele Touristen hier von Bord gehen und ein großer Teil der Passagiere schiebt sein Fahrrad vom Schiff. Eine Reise nach Finkenwerder ist nicht nur die günstigere Hafenrundfahrt – wie die Stadt Hamburg selber anpreist – am Ende landet man in einem kleinen Idyll, in dem die älteren Herrschaften tatsächlich noch Platt schnacken.

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Glücklich verwurzelt in Finkenwerder: Maren Barth- Schulz Julie Sawall, Lisa Schwenzitzki (v. l. n. r.).

Ein grüner, schon fast dörflich wirkender Stadtteil: ein Kreisel, eine Eisdiele, ein Supermarkt und ein paar kleinere Läden. Es ist fast wie in den Urlaub fahren. Auch weil gleich hinter dem Ortskern die weite Landschaft beginnt.

„Wir genießen das viele Grün und die Natur um und in Finkenwerder“, sagt Lisa Schwenzitzki. Die 20-Jährige lebt schon immer in dem Ort, ist hier zur Schule gegangen und auch seit Kindesbeinen an Mitglied bei der Finkenwarder Speeldeel, eine norddeutsche Folklore-Gruppe. Ebenso Maren Bart-Schulz (37) und Julie Sawall (18). An einem Tisch in ihrem Vereinshaus sitzend, erzählen sie von ihrer Heimat und sind sich einig: Für ein Kind ist es hier sehr schön aufzuwachsen. Höhlen bauen, auf Bäume klettern oder mit Inlineskates über die Kaimauer donnern, das alles sei hier immer noch möglich. Auf der einen Seite fließt die naturbelassene Süderelbe, auf der anderen Seite beginnt das Alte Land mit seinen Obstplantagen, das viele Touristen anlockt und die hier von den Einheimischen liebevoll „Blütenspanner“ genannt werden.

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Das Vereinshaus Finkenwarder Speeldeel.

Rund neun Millionen Passagiere befördert die Hadag jährlich mit ihren Fähren durch den Hamburger Hafen bis runter nach Teufelsbrück und Blankenese. Alleine auf der Strecke der Linie 62 bis nach Finkenwerder sind es 4,5 Millionen. Doch die meisten Besucher bleiben im Anlegerbereich oder fahren auf den Elbradwegen weiter. Der Ort selbst wird weitestgehend verschont. Rund 12.000 Menschen leben hier auf einer Fläche von etwa 19 Quadratkilometern. Neben kleinen Fachwerk- und Reetdachhäusern, alten, urig und maritim wirkenden Fischerhäuschen finden sich auch die für Hamburg typischen Rotklinker-Bauten. Doch über drei, maximal vier Stockwerke scheint hier kein Haus zu reichen.

Im naheliegenden Ottensen wohnen vergleichsweise dreimal so viele Menschen auf einem Sechstel der Fläche von Finkenwerder. Auch die Mietpreise könnten unterschiedlicher nicht sein. Kostet der kalte Quadratmeter im hippen Viertel durchschnittlich 14 Euro, zahlt der Finkenwerder um die 9 Euro. Zehn Minuten braucht die Fähre von Finkenwerder nach Ovelgönne, aber dazwischen liegen Welten.

Maren, die ihren kleinen Sohn auf dem Arm hält, wohnt direkt im Zentrum, nahe dem Anleger. Julie und Lisa wohnen im Ort, in der Nähe vom Airbus-Gelände. Der Stadtteil Finkenwerder hat zwar eher einen Dorfcharakter, „doch durch das Industriegelände nebenan, ist es auch sehr städtisch geprägt“, erzählt Maren, „Vorher war hier ein Fischereibetrieb.“ Dann gründete dort die Hamburger Flugzeugbau, ein Tochterunternehmen von Blohm und Voss, ihr Werk. Inzwischen hat Airbus das Gelände übernommen. Waren es im Jahr 2.000 noch knapp 8.000 Mitarbeiter, werkeln heute mehr Menschen auf dem Gelände, als in Finkenwerder leben – ein Dorf im Dorf.

Was den Stadtteil besonders schön zum Leben macht, ist der familiäre Zusammenhalt, das Heimatgefühl. Hier kennt man sich. „Der Markt ist nicht groß, es sind nur wenige Stände, aber wenn man dort hingeht, braucht man Stunden“, so Julie, „Man klönt einfach mit allen.“ Die 18-Jährige war gerade ein Jahr in Australien und erlebte dort das komplette Gegenteil. Als Backpacker hat sie auf ihrer Reise Menschen aus vielen verschiedene Nationen kennengelernt, die man hier im Ort nicht so geballt antreffe. Der Ort ist eher beständig, es gäbe zwar auch hin und wieder neue Gesichter, aber es bleibe alles beim Alten. Maren hat zwischenzeitlich für ein paar Jahre in Eimsbüttel gelebt, ist aber wieder zurückgekommen. Sie habe das Familiäre vermisst. „Nach fünf Jahren kannte ich gerade mal zwei meiner Nachbarn“, erinnert sie sich. „Wenn man hier aufgewachsen ist, dann bleibt man hier, oder kommt immer wieder zurück“, erklärt Lisa.

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Zuverlässig und fix: Rund zehn Minuten braucht die Fähre von Finkenwerder bis nach Altona.

Ursprünglich gehörte Finkenwerder zu den „richtigen“ Elbinseln, doch aufgrund zahlreicher Sturmfluten im 12. und 13. Jahrhundert begann man nach und nach mit dem Deichbau, wodurch die Landverbindungen geschaffen wurden. Die wichtigste Verbindung ist aber die Fähre. Während die Städter bei Sturm Verspätungen auf die unregelmäßig fahrenden Busse und Bahnen schieben können, fährt die Fähre verlässlich bei jedem Wetter. „Außer bei Packeis“, so Maren, „Dann müssen sich die Eisbrecher erst einen Weg durch die gefrorene Oberfläche bahnen und die Schollen beiseiteschieben.“

Auch ist die Fähre die Verbindung zum Nachtleben. Denn das ist hier so beschaulich wie alles andere und zum Tanzen geht es auf den Kiez. Im Ort treffe man sich auf ein paar Bierchen im Vereinshaus oder an den Elbufern zum Grillen. Ein beliebter Platz ist das Vorland beim Duckdalben im Gorch-Fock-Park, an dem der Sonnenuntergang besonders schön sei. Was nach einem guten Ort klingt, um heimlich zu knutschen, eignet sich tatsächlich weniger dafür. Viele Anwohner gehen dort abends spazieren. „Immer kommt irgendwer um die Ecke, der entweder meine Mutter oder meinen Vater kennt“, so Lisa, „dann weiß es schnell ganz Finkenwerder.“ Aber keine Sorge, heimlich geknutscht wird hier trotzdem.

Über den kleinen Kreisel in der Dorfmitte geht es zurück zum Anleger. Von der anderen Seite der Elbe sieht man schon das Schiff anfahren, dass sich durch das Wasser pflügt. Mit einem leichten Stupser legt die Fähre am Pier an und der Ponton schwangt. Es piepst und die Rampe wird heruntergelassen. Viele Touristen steigen wieder an Bord des Schiffes, mit Sack und Pack und natürlich den Fahrrädern. Ihre Tour ist vorbei und schon legt die Fähre ab und schippert zurück, rüber zur großen, hektischen Stadt.

Text & Fotos: Elena Ochoa Lamiño


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Obdachlos: Die Vertriebene

Wo sich circa 1.858.000 Hamburger in ihre beheizten vier Wände verziehen, kämpfen an anderer Stelle 2.000 Menschen um Wärme. Die will verdient werden. Und das nicht nur an Heiligabend. Eine von ihnen ist Cheyenne. Sie lebt auf der Straße.

Die standen hier, glaube ich, zu fünft oder sechst von der Stadtreinigung, dann die Polizei und zwei Leute von der Stadt“, sagt die 50-Jährige. Rot-braunes Haar, die Seiten abrasiert, lackierte Fingernägel für eine ermutigende Portion Selbstwertgefühl und ein wacher, aufgeregter Blick. Cheyenne hat gerade ihre Räumungsaufforderung erhalten. Bis zum nächsten Morgen muss sie hier weg sein. Hier? Das ist die Nische unter der U-Bahnbrücke Landungsbrücken an der Helgoländer Allee. Weg sein? Das heißt, mit ihren zwei Hunden, Sack und Pack weiterziehen.

Cheyenne mit einem ihrer zwei Hunde. Sie sind ihr ganzer Stolz, ihr Halt und einzige Konstante

Dann geht’s in die Übernachtungsstätte Pik As. Die Stadt hat ihr dort ein Zimmer organisiert. Sie sagen, sie hätten Cheyenne im Vorfeld über die Räumung informiert. „Ich wusste von nichts. Die eine Frau meinte, sie hätte doch mit mir gesprochen. Nein, und sie hat mir auch keine Adressen gegeben. Es ärgert mich einfach.“ Sie fühlt sich einerseits übergangen und bevormundet und ist andererseits dankbar für die neue Bleibe. Innerhalb eines Tages muss sie ihre Sachen in die Neustädter Straße bringen. Ohne Auto, ohne Hilfe von außen. Zwei Zelte und eine Kommode, das einzige Möbelstück, das Cheyenne besaß, haben die Müllmänner gleich entsorgt. Eine Matratze und ein Schlafsack sind das höchste der Komfortgefühle, die ein Obdachloser haben darf. In den Augen des Bezirksamtes gilt alles andere als Unrat oder Sperrmüll.

Sie habe zu viel Krempel, bemängelten die Männer. Sie fragt sich: „Wer bestimmt das? Wenn sie gesagt hätten ,Möbel weg‘. Alles gut, dann hätte ich sofort geräumt“, sagt Cheyenne energisch. Aber nun sei nicht mal mehr der Aufenthalt unter dem kleinen Brückenstück erlaubt. „Warum denn aber da hinten?“ Sie nickt in Richtung der Obdachlosengruppe unter der Kersten-Miles-Brücke. Nicht mal 200 Meter von Cheyennes Platz entfernt hat sie sich dort dauerhaft eingerichtet. Die fünf Männer mit ihrem Camp werden unter bestimmten Auflagen vom Bezirksamt Mitte geduldet. In der Vergangenheit war es häufig zu Reibereien zwischen Behörden und den Wohnungslosen gekommen. 2011 wurde ein Zaun rund um den Platz aufgestellt, um sie zu vertreiben. Auch ein Brand und zunehmender Unrat sorgten für Ärger.

Wahres Glück auf der Straße: Ein ständiger Begleiter und Essensvorrat

Für den generellen Aufenthalt obdachloser Menschen in der Stadt gibt es klare Regeln: Die Grün- und Erholungsanlagenverordnung erlaubt das Zelten in Parks und auf Freiflächen nicht. Bei der Brücke drückt die Stadt allerdings ein Auge zu, da dies keine reine Freifläche sei und somit eine Grauzone bilde. Regelmäßig schauen Polizei und Stadtreinigung nach dem Rechten. „Wenn es wieder zu vermüllt ist, wird aufgeräumt. Zelte, Möbel und offenes Feuer sind verboten“, betont Pressesprecherin Sorina Weiland vom Bezirksamt Mitte.

Cheyenne hat schon einiges gesehen – Köln, den Taunus, die Eifel, Bayern. Ende 2015 kommt sie nach einer abgesessenen achtmonatigen Haftstrafe nach Berlin, die Gegend um den Bahnhof Zoo ist ihr Zuhause. In dieser Zeit ist sie glücklich. Sie hat einen Partner, die Menschen, mit denen sie auf der Straße lebt, nennt sie ihre Familie. Cheyenne hat das Gefühl, gebraucht zu werden. Als Chef und Oberhaupt der Gruppe wird sie respektiert und ist Ansprechpartnerin für die Sorgen und Nöte „ihrer“ Familie. Auch mit der Polizei oder dem Sicherheitspersonal der Deutschen Bahn gibt es keine Probleme.

Seit zwei Monaten lebt die in der Pfalz Aufgewachsene nun in Hamburg auf der Straße. Eigentlich sei sie wegen eines Mannes in die Hansestadt gekommen. Sie schaut zur Seite, zwinkert. „Jeder täuscht sich mal.“ Auf einem T-Shirt liest sie den Spruch: Hamburg ist wie Berlin, nur geiler. „Das stimmt schon. Es ist entspannter hier und leichter zu arbeiten. In Berlin gibt es zu viele Obdachlose, zu viel Konkurrenz beim Flaschensammeln“, weiß Cheyenne. In einer Nacht mache sie hier 60 Euro Pfandgeld. Klingt gut. Hamburgs Kehrseite: Es gibt keinen Zusammenhalt. Hier wird sie häufig beklaut und abgezogen. Powerbanks sind beispielsweise heiß begehrt. Vertrauen ist ein rares Gut auf der Straße. Das macht es Cheyenne manchmal schwer. Sie sei zu gutmütig, sagten schon ihre Berliner Leute. Aber sie möchte sich nicht ändern. „Vertrauen ist doch das, was die Welt braucht. Ein großes Herz mit Vertrauen. Ich will nicht so werden wie die anderen.“ Die anderen? Damit meint sie nicht nur einen Großteil der Menschen, die ihren Weg täglich kreuzen, sondern auch obdachlose Kollegen. „Wenn ich Gast im Haus bin, nehme ich ja auch nichts mit. Ich habe noch Hoffnung, dass ich irgendwie mal jemanden finde, der genauso zurückgibt.

Das Zimmer im Pik As ist für sie keine Dauerlösung. Mit all ihrem Hab und Gut teilen sich zwei bis acht Menschen dort einen Schlafraum. „Man muss immer ein Auge offen haben. Sonst wird man beklaut. Es gibt Stress und man holt sich vielleicht sogar noch irgendwelche Krankheiten“, sagt Cheyenne. „Warum soll ich mir das antun? Dann lieber einen Schlafsack mehr.“ Auch das alljährliche Winternotprogramm sei für sie keine Option. Damit ist sie nicht allein. Das Angebot ist unter Obdachlosen nicht beliebt, obwohl die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration positive Zahlen verlauten lässt: Vergangenes Jahr wurden 2.100 Beratungsgespräche geführt und 278 Aufnahmen ins Hilfesystem eingeleitet. Die Zahl der Sozialarbeiter wurde aufgestockt, wodurch mehr individuelle Beratungen ermöglicht wurden.

Cheyennes Traum hingegen ist gerade zum Greifen nahe. Ein Gartenhäuschen ist im Gespräch. Die Vermittlung läuft über Bekannte. „Das ist Freiheit: Ich kann die Gartentür aufmachen und die Hunde laufen lassen.“ In eine Wohnung will sie nur ungern zurück. „Was habe ich davon? Klar, du kannst abends nach Hause kommen, aber dann sitze ich allein dort und keiner ist da.“ Wie sie jetzt mit der neuen Situation und ihrem Umzug ins Pik As umgehen soll, weiß sie nicht. Viel Zeit, um darüber nachzudenken, bleibt ihr auch nicht. Sie muss schleunigst ihren Platz räumen und sich bei der Übernachtungsstätte melden. „Es gibt nicht viel, was Mensch oder Hund auf der Straße hat, was er wirklich liebt und woran er festhält. Jetzt ziehen wir in eine Unterkunft. Ich bin zwar froh, dass ich von der Straße runterkomme, aber wie das werden soll? Keine Ahnung.“ – Am nächsten Tag ist ihr Platz leer.

/ Text: Christiane Mehlig

/ Fotos: Michael Kohls

 


 Diese Reportage gibt es auch gedruckt in der SZENE HAMBURG, Dezember 2017. Das Magazin ist seit 29. November  2017 am Kiosk und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!