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Barrierefreie Halfpipe – Die Geschichte des Rollstuhl-Skaters

„Man kann sich viel mehr zutrauen, als man denkt“ sagt Rollstuhl-Skater Björn-Patrick Meyer (32). Nach einem Autounfall schaffte er es deutschlandweit unter die „Besten 10“ im Wheelchair Motocross (WCMX).

Das ist nicht nur Sport, das ist Lebensgefühl, das ist Eigenständigkeit, Selbstbestimmung. Björn-Patrick Meyer versprüht eine Begeisterung, die ansteckt. Dabei lacht er, wedelt mit den Armen und fragt immer wieder, ob er nicht zu viel reden würde. Nein, tut er nicht, denn die Geschichte, die er erzählt, ist spannend, erschütternd, Mut machend.

Björn, so ist sein Rufname, ist 32 Jahre, sitzt im Rollstuhl und gehört zu den zehn besten Rollstuhl-Skatern Deutschlands. Eine Sportart, die sich WCMX nennt – Wheelchair Motocross, abgeleitet von BMX. Für diesen Sport muss man schon ein bisschen verrückt sein, aber irgendwie auch nicht verrückter als bei allen anderen Extremsportarten.

Aaron Fotheringham veränderte sein Leben

Sein Weg wurde gezeichnet als Björn 19 Jahre alt war. Schwerer Autounfall bei Glatteis, drei Monate Koma, innere Verletzungen, Knochenbrüche am ganzen Körper. Das rechte Bein konnte nicht mehr gerettet werden und wurde oberhalb des Knies amputiert. Noch im Krankenhaus sieht er sich ein Video von Aaron Fotheringham an. Ein Amerikaner, der seit seinem achten Lebensjahr im Rollstuhl sitzt und sich inzwischen Halfpipes hinunterstürzt, von Rampen springt und Saltos dreht. „Das will ich auch“, dachte sich Björn.

Da die Krankenkasse ihm aber „nur“ eine Prothese gewährte, erfüllte sich sein Traum erst vor drei Jahren. „Prothesen stecken immer noch in der Entwicklung und ich bin nicht wirklich gut damit zurechtgekommen.“ Deswegen musste er vor vier Jahren nochmal unter das Messer. „Ich hatte zu große Schmerzen und hatte die Nase voll, deswegen habe ich mir für 10.000 Euro einen Spezialrollstuhl gekauft, der für das Skaten geeignet ist.“ Inzwischen über Niedersachsen und Schleswig-Holstein in Hamburg angekommen, wurde er vor drei Jahren im Harburger Skaterpark entdeckt. Patrick Krause, Fachbereichsleiter beim Deutschen Rollstuhl-Verband, fragte ihn, ob er nicht Lust hätte auch bei Meisterschaften zu starten. Als Newcomer sicherte er sich 2016 Platz sechs der „Intermediate Division“ (zwischen Anfängern und Profis) bei der Weltmeisterschaft in Texas/USA.

Sportlich läuft es also. Im August startet er bei der Deutschen Meisterschaft in Harburg.Ich trete nicht an, um Zweiter zu werden.“ Dazu gehört natürlich Training, Training, Training. „Ich versuche, so oft wie möglich auf der Skaterbahn zu sein.“ Angst vor Verletzungen, nach den Erfahrungen? Hat er nicht! „Nur wenn man Grenzen überwindet, kann man vorankommen!“ Und genau das, was er gewollt hat, was er geschafft hat, will er weitervermitteln.

Lust am Ausprobieren

Jeden ersten Samstag im Monat leitet Björn das Rollstuhlskater-Treffen im „ackerpoolco“, das Haus der Jugend in Eidelstedt (13 bis 16 Uhr, Baumacker 8a). „Hier können alle kommen, die Lust haben, sich im Rollstuhl auszuprobieren.“ Ob Geschicklichkeit für die Mobilität im Alltag oder ganz große Sprünge, alles kann in Ruhe getestet werden. „Als Rollstuhlfahrer kann man sich viel mehr zutrauen, als man denkt. Wenn ich zuhause vor der Tür zwei Treppenstufen habe, dann kann ich mir als Ziel setzen, die auch ohne Hilfe zu schaffen. Man muss seine eigene Infrastruktur in Anspruch nehmen.“ Einen großen Traum hat Björn noch: Der gelernte Zerspanungsmechaniker möchte eine Umschulung zum Heilerzieher machen und dann irgendwann eine Rollstuhlschule aufmachen. Auch dieser Weg wird nicht einfach werden, aber bei so viel Mut und Zuversicht…was soll da schief gehen?

/ Text: Andrea Marunde

Workshop mit Profis
Vom 16. bis 26. August findet die Rollstuhlbasketball-WM 2018 in der Inselparkhalle in Wilhelmsburg statt. In diesem Rahmen starten die Rollstuhl-Skater am 18./19. 08. 2018 im dortigen Skaterpark bei der Ersten Internationalen Deutschen Meisterschaft im WCMX. Dies ist der erste Wettkampf außerhalb der USA in dieser Sportart. In verschiedenen Startklassen kann jeder teilnehmen oder es am 18. August in einem Workshop mit den Profis ausprobieren.
Internationale Deutsche Meisterschaft im WCMX
Rollstuhlbasketball-WM


Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG Sport, als Heft im Heft in SZENE HAMBURG in Kooperation mit dem Hamburger Sportbund im Mai 2018, erschienen. Es ist seit dem 28. April 2018 im Handel, zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper auf der Homepage des Hamburger Sportbundes erhältlich!

Können Menschen mit Behinderung Sex haben?

FAQ. Anastasia Umrik nimmt selten ein Blatt vor den Mund. Als Bloggerin schreibt sie über das Leben und kennt die Unsicherheiten, die manche Menschen haben, wenn sie die 30-Jährige das erste Mal sehen. „Dass ich im Rollstuhl schreibe, ist nur relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will“, sagt sie. Warum Political Correctness nervt und ob sie auch mit einem Bier intus noch Rollstuhl fahren darf, erzählt sie selbst.

Können Menschen mit Behinderung Sex haben?
Das ist wahrscheinlich die am häufigsten gestellte Frage. Und die Antwort ist recht simpel, aber ehrlich: JA! Je nach Behinderungsart besteht (vielleicht!) eine körperliche Einschränkung, die euch beide zum Umdenken bewegen wird, aber im Grunde genommen ist es wie bei jedem anderen Menschen auch: Wenn die Chemie stimmt, wenn die Anziehung vorhanden ist, dann steht einer körperlichen Annäherung nichts mehr im Wege. Einfach mutig sein und baggern, was das Zeug hält! Was hat man schon zu verlieren?

Wie sage ich einem Menschen mit sichtbarer Behinderung „Hallo“?
Vielleicht denkst du, dass es eine ziemlich „dumme“ Frage ist und schämst dich sogar dafür. Ich kann dich beruhigen: Sogar ich stelle sie mir manchmal, insbesondere wenn mir Menschen mit einer mir noch recht unbekannten Behinderung gegenüberstehen – zum Beispiel Blinde oder Menschen mit einer starken Sprachbehinderung. Nun, da muss man einfach durch. Handle so wie immer und strecke selbstbewusst deine Hand hin. Es ist in der Verantwortung des Menschen mit Behinderung, dir zu sagen, wenn du etwas anders machen sollst. Du kannst schließlich nicht alles wissen.

Dürfen Rollstuhlfahrer Alkohol trinken und dann auch noch fahren?
Na klar ..! Es gibt kein Gesetz, das offiziell das Trinken am „Rollstuhl-Steuer“ verbietet. Was du dabei beachten solltest? Pass auf deine Füße auf. Es kann nämlich sein, dass der/die RollstuhlfahrerIn dir aus Versehen im Suff drüberfährt. Aber wenn ihr gemeinsam einen Schnaps trinkt, dann lässt sich der Schmerz schnell vergessen. Prost!

Muss ich immer helfen / nett sein?
Möchtest du nett sein und helfen? Wenn deine Antwort „Ja.“ lautet, dann folge bitte auch weiterhin deinen Ansprüchen und Werten – die gute Erziehung deiner Eltern soll nicht umsonst gewesen sein. Lass dich nicht verunsichern, wenn irgendjemand deine Hilfe unhöflich abwehrt. Es ist nicht dein Problem, du bist lediglich deinem Instinkt gefolgt. Das Gleiche gilt, wenn deine Antwort „Nein.“ lautet. Wenn du siehst, dass der/die RollstuhlfahrerIn offensichtlich Hilfe braucht – bleib sitzen, tu so, als hättest du es nicht gesehen. Weil du es bei allen anderen Menschen auch so gemacht hättest. Wenn Inklusion, dann richtig! Oder?

Warum kenne ich keine Menschen mit Behinderung?
Tja … gute Frage! Es muss nicht zwingend deine alleinige Schuld sein. Vielleicht wohnst du in einer sehr stufenreichen Gegend oder die Orte, die du besuchst, sind im Keller? Vielleicht hattest du bisher aber auch einfach nicht die Gelegenheit, mit einem Menschen mit Behinderung zu sprechen oder hast sogar doofe Erfahrungen gemacht, als du in Kontakt treten wolltest? Es ist nicht wichtig, was bisher der Grund dafür war. Wichtig ist, dass es sich ab sofort ändert – wenn du es möchtest.

Was hab’ ich von der Inklusion?
Die Krux liegt darin, dass es gerade in Mode ist zu denken, die Inklusion sei etwas, das nur Menschen mit Behinderung betrifft. Stimmt aber gar nicht!
Inklusion betrifft alle – wirklich A L L E! Alte, Junge, Männer, Frauen, Dicke und Dünne, Schlaue und nicht so Schlaue, Weiße, Schwarze, Kleine und Große … und, na ja, eben auch die Menschen mit einer Behinderung. Findest du dich in einem der oben erwähnten Worte wieder?
Das hast du von der Inklusion!

Wie leben Menschen mit Behinderung? Wie kann ich mir das vorstellen?
In erster Linie sind Menschen mit Behinderung einfach nur „Menschen“, und Menschen sind sehr vielfältig. Sie hören unterschiedliche Musik, mögen unterschiedliches Essen, und sie leben sehr verschieden. Deren Jobs sind unterschiedlich, manche arbeiten gar nicht. Viele wohnen sehr selbstständig und selbstbewusst, einige trauen sich nicht in das echte Leben hinein. Einige sind eher impulsiv und laut, manche schüchtern und introvertiert. Nichts von deren Eigenschaften hat mit der Behinderung zu tun. Menschen halt – und Menschen sind manchmal auch seltsam.
Auf diese Frage gibt es leider nicht DIE Antwort. Weil es nicht DEN Menschen mit Behinderung gibt. Sorry.

Bin ich vielleicht auch behindert?
Ja, vielleicht.

Was mache ich, wenn ich mich in eine/n behinderte/n Mann / Frau verliebe?
Was gibt es Schöneres, als die Schmetterlinge im Bauch zu spüren, der erste Kuss, das Warten auf ein Wiedersehen ..? Hey, go for it! Und scheiß’ drauf, was andere sagen oder denken könnten!

Immer diese Political Correctness … nervt! Was darf man sagen, was nicht?
Ja, das kann ich verstehen. Mich nervt es auch ständig, aufpassen zu müssen, was und wie man denn nun sagen darf. Es gibt ein paar Regeln, die stehen auch im Knigge, wie man mit Menschen umgehen sollte; bleib einfach höflich, nett, und entspannt. Denk nicht zuuu viel nach beim Reden, es bremst nämlich den Redefluss. Sei du, sei durchschnittlich nett, und dann passt es schon!

/ Text: Anastasia Umrik

/ Foto: Philipp Jung

 


Mehr Geschichten rund um das Thema Inklusion gibt es in unserem Special „Vielfalt leben“, das zusammen mit der Dezember-Ausgabe der SZENE HAMBURG erschienen ist. Hier geht’s zur ersten Ausgabe aus Juni 2017.