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„Ich bin hervorragend im Selbstbetrug“

Der Hamburger Sänger und Songschreiber Wolfgang Müller veröffentlicht mit „Die Nacht ist vorbei“ ein klanglich leichtes, lyrisch tief in die Künstlerseele blickendes Album. Ein Gespräch über textliche Bildarbeit, Frieden finden beim Schreiben und Live-Auftritte als enorme Herausforderung

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Wolfgang, du hast mal gesagt, du würdest nach jedem fertig produzierten Album denken: „Das ist mein letztes, nie wieder.“ Nach den Aufnahmen für „Die Nacht ist vorbei“, heißt es, sollst du diesen Gedanken nun nicht haben. Warum nicht?

Wolfgang Müller: Weil ich dieses Mal den Entstehungsprozess und vor allem das Ergebnis so schön finde, dass nicht die Erschöpfung, sondern die Freude überwiegt. Dieses „Nie wieder“-Gefühl stellt sich tatsächlich nicht ein. Ein „Bitte nicht gleich nächstes Jahr wieder“-Gefühl allerdings schon (lacht).

Kann man in Kurzform sagen: Du warst noch nie so zufrieden mit der eigenen Kunst? 

Das klingt mir etwas zu eitel. Was ich sagen kann: Ich war schon lange nicht so glücklich mit einem Album, das ich gemacht habe.

Produziert wurde dieses Album innerhalb eines halben Jahres in deinem Dachzimmer. Wie muss man sich das so vorstellen?

Es liegt in der Schanze, von dort aus hat man einen ganz guten Blick über die Stadt. Es ist mein Refugium, dort arbeite ich, dort schreibe ich, dorthin ziehe ich mich zurück. Ich finde es ganz gemütlich.

 

Auseinandersetzung mit Dämonen

 

Hattest du dort oben beim Produzieren von „Die Nacht ist vorbei“ immer diese tiefe, innere Ruhe, die die Songs jetzt ausstrahlen?

Ja. Geschrieben habe ich die Songs in einem Zeitraum von dreieinhalb bis vier Jahren. Ich lebe nicht ausschließlich von der Musik, habe noch einen anderen Job, und wenn ich den nicht ausübe, spiele ich über den Tag verteilt immer wieder Gitarre, dichte und texte. Wenn man das sehr lange so gemacht hat, ergibt sich eine innere Ruhe ganz automatisch. Man braucht in meinen Augen auch einfach Zeit, um zu merken, was man wirklich aufnehmen möchte. Und ich habe mir diese Zeit dieses Mal genommen. Die innere Ruhe, die ich am Ende im Dachzimmer hatte, musste also erst mal entstehen.

Wobei man im Fall von „Die Nacht ist vorbei“ unterscheiden muss zwischen einer extrem zurückgelehnten Grundstimmung in der Klangästhetik und den textlichen Inhalten, die oft eine große innere Unruhe widerspiegeln. Ein Song, der heraussticht, ist „Sag Ja“. Der lädt geradezu zum Mitleiden ein, wenn es etwa heißt: „Bisweilen tut mir die Seele weh, und das in Wellen und an Stellen, wo andere nicht mal Stellen haben.“ Bedeutet das, du hattest das Gefühl, niemandem könnte es annähernd so schlecht gehen wie dir?

(lacht) Ja und nein. Ich bin grundsätzlich jemand, der sich gerne mit seinen inneren Dämonen auseinandersetzt, aber trotzdem ein positiver Mensch ist. Ich würde mich nicht als ständig leidend beschreiben. Was ich in dem Song ausdrücken möchte, ist, dass es meiner Erfahrung nach bestimmte seelische Themen gibt, die andere Leute nicht verstehen. Es gibt ja Menschen, die eine total geile Kindheit hatten, die sich immer prächtig mit ihren Eltern verstanden haben, bei denen einfach alles immer gut war. Und wenn man mit denen über gewisse Sachen redet, verstehen sie gar nicht, was man meint. Sie haben da gar nicht diese Stellen. Es ist, als wenn man sagen würde: „Mein dritter Arm tut mir ständig weh.“ Und das Gegenüber sagt: „Stell ich mir schlimm vor, aber ich habe selbst nie so einen dritten Arm gehabt.“

 

„Meine Musik ist persönlich, aber nicht privat“

 

Hilft das Aufschreiben solcher Gefühle gegen eben solche?

Ja. Ich sage immer: Meine Musik ist persönlich, aber nicht privat. Jemand, der sie hört, wird vieles nachvollziehen können, aber natürlich nicht wissen, wie zum Beispiel meine Beziehungen so gelaufen sind. Meine Songs sind keine Tagebücher. Für mich hat das Schreiben durchaus etwas Therapeutisches. Wenn ich etwas in Worte fasse, also benenne, geistert es mir nicht mehr so diffus in der Seele herum.

Viele benötigen für eine therapeutische Wirkung jemanden, der mit ihnen spricht. Meinst du, du kriegst durch das Schreiben die zweite Stimme selbst hin?

Ich bin ein großer Fan von echten Therapien und würde jedem dazu raten, wenn er gerade nicht klarkommt. Meiner Meinung nach sollten Gesprächstherapien sogar zur Grundausstattung gehören. Beim Schreiben arbeite ich allerdings viel mit Bildern, und ich habe gemerkt, dass ich dadurch ein Gefühl formuliert kriege, das in einer Gesprächstherapie keinen Raum hätte. Dieses Gefühl findet auf einer anderen Ebene statt, es wird nicht intellektuell hergeleitet. Und das bringt mir teils mehr Frieden, als wenn ich mit jemand anderem zwanzig Mal auseinanderbastele, warum dieses oder jenes denn so ist. Ich versuche auch, mir bei der Arbeit nicht so viel durchgehen zu lassen. Ich bin überzeugt davon, dass es keinen Sinn macht, etwas zu ignorieren – alles kommt irgendwann zurück. Ich möchte den Sachen deshalb auf den Grund gehen, daran habe ich auch eine große Freude.

 

Live spielen als Herausforderung

 

Dennoch singst du einmal auf dem Album, du wärst ziemlich gut im Selbstbetrug …

… genau, das ist mein innerer Antagonist. Ich bin sogar hervorragend im Selbstbetrug. Und eben diesen Betrug versuche ich mir nicht immer durchgehen zu lassen. Das ist aber nicht immer von Erfolg gekrönt. Jeder verarscht sich schließlich immer wieder, ich mich auch.

Ein neues Album bedeutet jetzt auch die Möglichkeit, neue Songs live zu präsentieren. Das falle dir aber allgemein gar nicht so leicht, heißt es …

… das stimmt. Live spielen stellt mich immer wieder vor eine große Herausforderung. Mir macht es Spaß, in der Retrospektive herumzuwühlen, aber das dann im Kontakt mit mehreren Menschen aufzuführen, empfinde ich als sehr anstrengend. Es gibt Künstler, die für die Bühne atmen. Die man geradezu festbinden muss, damit sie nicht ständig irgendwo spielen. Ich bin der Gegenpart. Acht Termine habe ich für dieses Album gemacht, und manchmal denke ich schon: „Gut, wenn ich die geschafft habe.“ Grundsätzlich machen mir Konzertabende aber auch viel Freude. Vielleicht wie so eine Bergtour: Die ist viel Arbeit, aber sie fühlt sich auch oft toll an.

„Die Nacht ist vorbei“ erschien am 19. November 2021 auf Fressmann/Indigo

Lust auf mehr, hier gibt’ das Video zu „Die nacht ist vorbei“:

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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