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Hamburger des Monats – Dannie Quilitzsch

Frauen vernetzen, Kinder in Krisengebieten stabilisieren, Wasser für alle – Dannie Quilitzsch zieht viele soziale Strippen. Ihr Antrieb: Die Welt ein bisschen besser machen und das am besten gemeinsam.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Philipp Schmidt

SZENE HAMBURG: Dannie, du steckst in so vielen unterschiedlichen Projekten. Wie bezeichnest du dich?

Dannie: Das stimmt, ich habe mehrere Hüte auf, deshalb kommt es immer auf den Kontext an. Aber grundsätzlich bin ich Psychologin, Beraterin und Coach. Und arbeite hauptsächlich im Bereich Social Entrepreneurship als Gründerin und Unternehmerin, aber auch in beratender Funktion sowohl für große Dax-Unternehmen als auch für kleine Social Start-ups.

Wonach entscheidest du, an was und mit wem du zusammenarbeitest?

Es ist mir bei den Social Start-ups wichtig, dass die Idee und das Konzept innovativ auf dem Markt sind. Und ob es dafür überhaupt einen Bedarf gibt und somit eine reelle Wirkung nach sich zieht.

Vertraust du deiner Intuition, ob ein Projekt funktionieren wird?

Vieles entscheide ich aus dem Bauch heraus, wobei mein Bauch und mein Verstand sehr eng zusammenarbeiten. Durch meine jahrelange Erfahrung erkenne ich schnell, was Sinn macht. Natürlich prüfe ich auch, ob eine gute Marktanalyse gemacht wurde, ob Kompetenzen, Gründerpersönlichkeit und das Netzwerk vorhanden sind und wie hoch die Motivation ist. Oder zum Beispiel auch, ob die Idee so innovativ ist, dass sie Medienpartner und Multiplikatoren erreicht.

 

 

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Welcher Aspekt hat dich bei War Child gepackt?

Natürlich gibt es bereits viele Projekte, die sich um Kinder kümmern, auch War Child gibt es weltweit schon lange. Meine Partnerin und ich haben jetzt die Organisation nach Deutschland, mit Sitz in Hamburg, geholt. Für mich als Psychologin und Therapeutin ist es sehr interessant, dass War Child psycho-soziale Programme entwickelt, evaluiert und erforscht. Wir schaffen etwas Funktionierendes.

Dann teilen wir es mit anderen Organisationen wie Save the Children und Unicef. So erzeugen wir eine Reichweite in die ganze Welt, damit noch mehr Kindern in Krisengebieten geholfen werden kann, mehr als wir es alleine mit War Child schaffen könnten. Das ist, was mich an Social Entrepreneurship am meisten reizt – etwas zu kreieren, das über einen Skalierungseffekt einen reellen sozialen Wandel mit sich bringt.

Ein anderes deiner Projekte hier in Hamburg ist der Women’s Hub, an dem drei Mal im Jahr 50 Frauen einen Tag lang zusammenkommen. Was steckt dahinter?

Auch dabei ist mein Antrieb, zu überlegen, wie man unsere Welt besser machen kann – das klingt zwar pathetisch, aber tatsächlich geht es genau darum. Ich bin überzeugt, dass wir unser ganzes Potenzial nur entfalten können, wenn wir es gemeinsam tun. Der Women’s Hub will eine Gemeinschaft aus Frauen sein, die sich gegenseitig unterstützen.

Beim Women’s Hub Day kommen 50 Frauen zusammen, fünf davon nutzen diesen Tag, um ihre Visionen oder Projektideen zu teilen, um sich Feedback darauf oder auch ganz konkrete Unterstützung für die Umsetzung einzuholen. Wir schaffen einen Raum, in dem sich Frauen trauen, ihre Ideen zu erzählen, sich auszuprobieren und gegenseitig zu inspirieren – nicht nur persönlich, wir schüren auch, dass die Frauen gemeinsam Business machen, sich gegenseitig buchen oder Aufträge vergeben, um sich so auch in diesem Bereich zu fördern.

 

„Weibliche Prinzipien müssen stärker in die Gesellschaft“

 

Warum brauchen Frauen dafür noch immer einen geschützten Raum?

Der geschützte Raum wird gebraucht, damit Frauen sich stärken können, um dann gemeinsam in die Welt rauszugehen. Wir sind nicht geübt darin, uns zusammenzuschließen. Wenn man sich Statistiken ansieht, ist die Redezeit von Männern in Runden noch immer länger, die Gehälter in vergleichbaren Positionen sind höher, Männer bekommen noch immer eher den Job, vor allem im Führungsbereich, bei gleicher Qualifikation. Es war lange so, dass die Frauen, die sich durchkämpfen konnten, die Prinzipien der Männer angenommen haben.

Jetzt geht es darum, die weiblichen Prinzipien wie Empathie und Intuition stärker in die Gesellschaft zu tragen. Denn jede Frau sollte sich bewusst sein und daran glauben, dass wir mit unserem weiblichen Verhalten stark sind – egal, in welchem Feld wir unterwegs sind, sei es als Angestellte, Freelancerin oder Mutter. Wir wollen Frauen stärken, um eine Gleichheit zu erzeugen.

Was tut die Stadt, um „Women Empowerment“ zu unterstützen?

Ich habe beim letzten N Klub, ein Netzwerktreffen für nachhaltige Ideen, unsere Sozialsenatorin Melanie Leonhard über das Thema sprechen hören, und ich finde sie in diesem Bereich sehr vorbildlich. Sie setzt sich ein, geht mit den richtigen Ideen nach vorne. Ansonsten ist es in diesem Bereich von Seiten der Institutionen, Behörden oder Stiftungen unheimlich schwer, Unterstützung zu bekommen. Generell, wenn man neue Themen nach vorne bringen will, ist es schwierig, die Stakeholder zu überzeugen, da muss insbesondere Frau einen echt langen Atem haben, sich den Mund fusselig reden und die Füße ablaufen.

Auch hier wird Männern viel schneller zugetraut, dass sie die richtige Idee für eine Unternehmensgründung oder ein Projekt haben. In Städten wie Berlin und auch im Ausland ist es wesentlich einfacher, weil in international orientierten Städten früher verstanden wurde, dass es wichtig ist, dass wir uns in diesem Bereich entwickeln. Ich liebe an Hamburg die traditionellen Werte wie Beständigkeit und Gewissenhaftigkeit, die stehen Innovationen und mutigen Ideen aber leider auch oft im Weg.

Was braucht es?

Ich wünsche mir noch mehr den Dialog zwischen den verschiedenen Instanzen: Regierung, Unternehmen, Medien, Institutionen, Zivilgesellschaft. Es gibt zwar kleinere Zusammen künfte wie das Zeitforum oder den N Klub, aber wir könnten noch viel mehr Potenzial wecken, wenn wir mehr in der Gemeinschaft gucken, wie wir Hamburg in die Zukunft entwickeln und gleich zeitig als lebenswerte Stadt für alle Bürger erhalten können.

 

„In Hamburg herrscht irre viel Social Empowerment“

 

Und wie ist dein Blick auf die Hamburger?

In der Stadt gibt es so viele wahnsinnig tolle Menschen. Hier herrscht irre viel Social Empowerment in Form von sozialen Projekten und Veranstaltungen. Das finde ich sehr beeindruckend. Ich lebe seit über 20 Jahren in Hamburg, und ich liebe es hier – die Haltung der Leute, wie sie ihre Stadt gestalten und tatsächlich etwas bewegen. Das zeigt es auch, wie hier mit Geflüchteten umgegangen wurde und wird – es haben sich viele zivilrechtliche Organisationen gebildet wie Hanseatic Help.

Hamburger sind oft leise, es wird nicht so viel darüber geredet, was sie machen, aber das, was passiert, hat eine echte Substanz. Das finde ich wirklich stark an der Stadt.

Welches Engagement berührt dich am meisten?

Mein absolutes Herzensprojekt ist ganz klar Viva con Agua. Seit 2007 bin ich dabei, mittlerweile als Aufsichtsratsvorsitzende. Für mich ist es das vorbildlichste, sowohl als Unternehmen als auch soziales Projekt, das ich kenne. Das liegt vor allem daran, dass Viva con Agua nie müde wird, sich immer wieder mit sich selbst zu beschäftigen, im Sinne der eigenen Optimierung, der Neuerfindung oder der Frage, wie sie die Welt verändern und Mitgestaltung für jeden ermöglichen können.

Apropos Welt verändern. Was wäre im Kleinen dazu dein Appell an die Menschen?

Dass sich die Menschen wieder mehr begegnen. Jeder Mensch ist auf seiner eigenen Reise, aber jeder kann mit seiner Geschichte und den eigenen Erfahrungen andere unterstützen und helfen. Geht einfach wieder mehr aufeinander zu, redet miteinander und hört euch wirklich zu.

www.danniequilitzsch.com


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Community Cola – 9 Zutaten, 1 Projekt

Die berühmte braune Brause wird zum Helfer: Zwei Hamburger fördern mit ihrem Getränke-Unternehmen soziale und kulturelle Projekte.

Interview: Erik Brandt-Höge
Beitragsfoto: Ronja Schwer

Jan van Schwamen und Hanns J. Röhl haben alles selbst zusammengerührt. Ein Jahr lang hat die Entwicklung ihrer Community Cola gedauert, bis der gewünschte Cola-Geschmacksmix aus neun zentralen Zutaten gefunden war. Einmal mit und einmal ohne Zucker gibt es ihre Limo nun, beide Varianten helfen. Mit dem Kauf einer Community Cola geht ein Fixbetrag an ein soziales oder kulturelles Projekt. Im Gespräch erklärt Jan, wie genau das funktioniert.

SZENE HAMBURG: Jan, inwiefern kann eine Cola-Marke für ein sozialeres Hamburg sorgen?

Jan van Schwamen: In dem ein fixer Betrag von jeder verkauften Flasche in ein bestimmtes Projekt fließt. Das ist unser Konzept: Jeder Konsument ist ein Unterstützer und Teil einer Community, die entscheidet, welches Projekt gefördert wird.

Wobei es nicht zwingend ein Getränk sein müsste, dass ihr für eure Idee nutzt, es könnte auch Schokolade, Seife oder Holzspielzeug sein, oder?

Klar. Die Cola ist nur ein Vehikel zum Community-Prinzip. Ich habe Lebensmittelwissenschaften studiert, und Cola war einfach schon sehr lange eine Herzensangelegenheit von mir. Daher diese Wahl.

 

„Es ranken sich viele Mythen um das Rezept von Coca-Cola“

 

Wie macht man denn eine eigene Cola?

Es ranken sich ja viele Mythen allein um das Rezept von Coca-Cola. Angeblich wissen das nur zwei Menschen auf der Welt, weshalb sie auch niemals im selben Flugzeug sitzen dürfen, denn bei einem Absturz wäre alles futsch. Das ist natürlich Schwachsinn, aber die Cola-Geschichten fand ich trotzdem immer spannend und wollte es irgendwann selbst mit einer Cola-Herstellung probieren.

Mit fair gehandelten Zutaten?

Genau. Der Zucker, den wir verwenden, ist beispielsweise Fairtrade-zertifiziert. Die Bauern und Gemeinschaften aus der Region, wo er herkommt, werden also von uns unterstützt. Ansonsten ist die wichtigste Komponente für eine Cola die Mischung aus Aromen, die den Geschmack geben. Sie besteht aus neun verschiedenen Früchten und Gewürzen, darunter Zitrus, Vanille, Zimt und Colanuss. Sie ist sozusagen das Herzstück unserer Cola, das wir über ein Jahr selber entwickelt haben.

Beim Verkauf der fertigen Brause konzentriert ihr euch nun auf die Gastronomie und ausgewählte Supermärkte. Im Café kostet eine Community Cola durchschnittlich 2,50 Euro, im Einzelhandel 99 Cent. Wie viel davon geht an soziale und kulturelle Projekte?

Pro Kasten geht ein Euro an das von der Community ausgewählte Projekt. Runtergerechnet auf die Flasche sind das 4,2 Cent. Klingt erst mal wenig, aber wenn man bedenkt, dass diverse Großhändler dazwischen geschaltet sind, auch Gastronomen mitverdienen und natürlich eine Mehrwertsteuer berechnet wird, ist das eine ganze Menge.

 

„Lokaler Wirkungskreis und gesellschaftlicher Zusammenhang“

 

Welche Kriterien müssen Projekte erfüllen, um gefördert werden zu können?

Zum einen müssen sie einen lokalen Wirkungskreis haben und sich zum anderen um einen gesellschaftlichen Zusammenhang kümmern.

Und wer darf Teil der Community sein?

Jeder, der das Gefühl hat, sich engagieren zu wollen. Er oder sie kann einfach auf unsere Website gehen und dabei sein. In Zukunft wollen wir auch WhatsApp nutzen, um die Community mit Infos zu versorgen. Umgekehrt freuen wir uns immer sehr, wenn wir Projektvorschläge aus der Community bekommen.

www.communitycola.com


Förderung

Die Community hat derzeit die Wahl zwischen den Projekten Chickpeace und MUT Academy, von denen das mit den meisten Stimmen gefördert wird.

Chickpeace

Eine Catering-Idee der besonderen Art: Geflüchtete Frauen bereiten Lieblingsspeisen aus ihren Heimatländern zu und machen damit Besucher kleiner und großer Veranstaltungen in und um Hamburg glücklich. Am Ende ist es eine Win-win-Situation: Neu-Hamburgerinnen werden wirtschaftliche Perspektiven geboten und den Catering- Kunden spannende Spezialitäten. Chickpeace gibt es seit 2016. Mit der Community-Cola-Förderung soll eine zweite Kochstelle finanziert werden.

www.chickpeace.de

MUT Academy

Ein Schulabschluss ist der Schlüssel zum beruflichen Erfolg, nur fällt er nicht jedem Schüler leicht. Die MUT Academy hilft Hamburger Schülern aus herausforderndem Umfeld einerseits bei eben diesem wichtigen Abschluss und zudem beim Berufsanschluss. In Seminaren und einem Mentoringprogramm werden Jugendlichen Chancen aufgezeigt, wird Wissen vermittelt und Selbstbewusstsein aufgebaut. Auch MUT benötigt 500 Euro, um einen Jugendlichen im MUT Camp zum Hauptschulabschluss zu begleiten.

www.mutacademy.de


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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