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Hamburger Nachwuchs: Hier blühen die Kinder auf

Sören Marx, 24, Psychologiestudent und ehrenamtlicher Mitarbeiter beim Hamburger Sozialunternehmen „Climb“, über sein Engagement bei den „Lernferien“ in Wilhelmsburg und warum dieses Angebot neben der klassischen Grundschule so wichtig ist

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Sören, wie würdest du die Climb-Lernferien beschreiben?

Sören Marx: Die Climb- Lernferien sind ein besonderes Förderprogramm für Grundschulkinder, mit dem wir kreativ und sehr individuell auf die Kinder eingehen und vor allem auf ihre Stärken eingehen. Die Climb-Schulferien tun ihnen gut und bringen Spaß. Climb ist eine Möglichkeit zu sehen, was Grundschülern möglich ist, wenn sie die Mittel und die Aufmerksamkeit bekommen, ihr Potenzial voll auszuschöpfen.

Was ist der Unterschied zu herkömmlichen Nachhilfe-Angeboten?

Fachlich bringen auch wir Deutsch und Mathematik bei, aber wir wollen vor allem persönliche Kompetenzenfördern. Climb arbeitet mit einer bildlichen Metapher der Schiffscontainer, was in Hamburg mit seinem Hafen ja besonders passt. Die Kinder geben sich nach jedem Tag, nach jeder Einheit einen Container, auf denen die einzelnen Kompetenzen notiert sind: Selbstbewusstsein, Durchhaltevermögen, Rücksicht, Teamfähigkeit, Planungs- und Umsetzungskompetenz. Die Kinder reflektieren so, was sie an dem jeweiligen Tag fachlich erreicht haben, aber auch unter welchen Umständen sie das taten.

Wer stellt das Programm zusammen?

Bevor wir in die Schulen gehen, um das Programm anzubieten, treffen wir uns an zwei intensiven Vorbereitungswochenenden, um das Programm zu entwerfen und zu besprechen. Es werden Beispiele, aber auch schwierige Situationen besprochen und wie man mit diesen umgeht. Der grundsätzliche Ansatz ist, auf die Kinder, ihre Kenntnisse und Bedürfnisse einzeln einzugehen. Es gibt keinen festen Leitfaden, aber eine vorab festgelegte Tagesstruktur. Der kreative Handlungsspielraum hat mir an dem Ansatz von Climb besonders gefallen. Wobei einem im Vorfeld viele Möglichkeiten gezeigt werden, wie man die Unterrichtseinheiten gestalten kann.

 

„Die Schüler, bei denen es sich als schwierig herausstellt, sind am Ende diejenigen die am häufigsten kommen.“

 

Hast du bei deinem Einsatz schwierige Situationen erlebt?

Wir hatten in Wilhelmsburg eine Schülerin, die sich verweigerte, wenn ihr die Aufgaben nicht gefielen und dann mit verschränkten Armen, auf den Boden guckend auf ihrem Platz saß.Das zog sich die gesamten zwei Wochen durch. Am Anfang versucht man sie durch Dialog zu erreichen, dann durch Kompromisse, dann durch Verhandlung. Wir sind damit allerdings nicht weit gekommen. Sie sagte immer, dass sie unfair behandelt wird. Und wir versuchten ihr zu erklären, dass es fair ist, wenn für die gesamte Klasse die gleichen Regeln gelten und wir nicht fortlaufend Zugeständnisse machen können, wenn sie die einzige ist, die bei einem Spiel oder einer Einheit nicht mitmachen möchte oder ihren Platz nicht aufräumen will. Teilweise haben wir sie auch einfach mal bocken lassen und sind mit dem Unterricht fortgefahren. Tatsächlich kam sie von allein. Die Schüler, bei denen es sich als schwierig herausstellt, sind am Ende diejenigen die am häufigsten kommen.

Was hat dich dazu bewogen, bei Climb mitzumachen?

Die individuelle Arbeit mit Schulkindern interessiert mich. Vergangenes Jahr war ich in Indien und habe dort in den Schulen über psychische Störungen und psychologisches Grundwissen gesprochen. Da merkte ich, dass es das Potenzial gibt, Kinder auch abseits des normalen Unterrichts zu fördern. Ich bin davon überzeugt, dass solche Programme viel bewirken können. Es mag aber auch daran liegen, dass ich keine so gute Schulzeit hatte und mir damals eine entsprechende Unterstützung gewünscht hätte.

Wer nutzt das Angebot von Climb?

Es sind vor allem Eltern interessiert, die der Ansicht sind, dass ihre Kinder viel leicht mit dem Schulstoff ein wenig hinterher waren. Climb bietet die Möglichkeit, das wieder aufzuarbeiten und darüber hinaus etwas zu lernen – ohne die Eltern in hohe Kosten zu treiben.

 

„Keine offenen Lebensmittel mehr und Maskenpflicht im Gebäude“

 

Was kostet die Teilnahme bei den Climb-Lernferien?

Hauptsächlich finanziert sich Climb über Spenden der Förderer. Eltern, die Bildungsund Teilhabe-Berechtigte sind, können gemeinsam mit Climb einen Antrag stellen, sodass Kosten – zum Beispiel für Ausflüge – vom Amt übernommen werden. Dies trifft auf einen Großteil der in Hamburg teilnehmenden Kinder zu. Familien, die nicht Bildungs- und Teilhabe-Berechtigte sind, zahlen den regulären Hamburger Ferienbetreuungssatz der Schulen, welcher sich am Gehalt der Eltern orientiert.

Wie läuft ein Tag bei Climb ab?

Der Tag besteht aus zwei Teilen. Vormittags ein gemeinsamer Start. Dafür haben wir uns mit den Kindern eine Geschichte ausgedacht, dass wir uns auf einem Boot befinden und von Hamburg aus eine Reise machen. Jeden Tag kamen wir dann in einem anderen Land an. Auf dem Smartboard haben wir die Flaggen projiziert – und die Kinder durften raten, wo wir gerade sind. Dann haben wir – das war auch ganz schön – jeden Tag die Begrüßung aus dem jeweiligen Land eingeübt. Diese Rituale führten dazu, dass es bei uns in der Klasse so gut funktionierte. Dann folgen nach dem Frühstück die kreativen und spielerischen Lernzeiten mit Mathe und Deutsch und nach einer großen Pause der Nachmittag mit den Projekten. In der ersten Woche haben wir Boote aus Kork gebaut und haben die dann auch in einem kleinen See fahren lassen. In der zweiten Woche haben wir einen Globus aus einem Luftballon gebastelt.

War die Situation durch Corona anders als sonst?

Ich habe zwar nicht den direkten Vorher-Nachher- Vergleich, aber wir mussten unser Konzept schon anpassen. Also keine offenen Lebensmittel mehr und Maskenpflicht im Gebäude. Ich stelle mir das für die Lehrer sehr schwer vor, die Maskenpflicht permanent zu kontrollieren, so wichtig und richtig das auch ist. Es sind nun mal Kinder – und die haben ihre Aufmerksamkeit überall – nur nicht dabei, ob sie gerade eine Maske aufhaben dürfen oder nicht, oder ob sie den Abstand zu allen anderen halten. Das fällt ja selbst Erwachsenen nicht leicht.

 

„Das überträgt sich auch direkt im Selbstbewusstsein der Kinder“

 

Wie bekommen die Eltern mit, dass es Climb gibt?

In Wilhelmsburg gibt es das Angebot schon mehrere Jahre – da sind wir entsprechend präsent. Ich schätze mal, dass etwa 80 Prozent der Kinder, die diesmal da waren, schon mal dabei gewesen sind. Die Schulleiterin steht sehr hinter dem Konzept und kommuniziert das auch.

Woran erkennt man, dass die Kinder etwas von den Lernferien mitnehmen?

Zum einen sieht man, dass die mathematische Fähigkeiten besser werden. Kinder, die am Anfang sagten, dass sie alles außer Addieren nicht können, können zum Ende der zwei Wochen an der Tafel, vor den anderen Kindern, schwierige Aufgaben lösen. Das Gleiche gibt es auch im Schriftlichen: Auch hier blühen die Kinder mit der Zeit auf und schreiben am letzten Tag ein komplettes DIN-A4- Blatt voll. Zudem sieht man anhand der Containerschiffe, wie sehr die Kompetenzen zugenommen haben. Das überträgt sich auch direkt im Selbstbewusstsein der Kinder. Mein Highlight war ein Mädchen, mit dem ich in der ersten Woche ein Buch über das Radieschen-Pflanzen gelesen hatte. Am nächsten Tag habe ich einen Blumentopf und Erde mitgebracht – und wir haben Radieschen-Samen gepflanzt. Am letzten Tag lief sie nach dem Abschied raus, kam wenig später wieder reingerannt und schnappte sich voller Stolz ihren Blumentopf.

Climb Lernferien

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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