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Wir sind ein Stück Heimat für dich

Professor Dr. em. Hans-Jürgen Schulke (76) ist einer der bekanntesten deutschen Sportsoziologen. Als Hochschullehrer für Sportsoziologie lehrte er in Hamburg und Bremen. Wir sprachen mit ihm über Herausforderungen für die Hamburger Vereine aus sportsoziologischer Sicht

Interview: Mirko Schneider

SZENE HAMBURG: Herr Schulke, welche Vereine hatten es in der Pandemie bislang besonders schwer?

Hans-Jürgen Schulke: Zunächst: Die Vereine gibt es nicht. Dafür sind die Profile von 90.000 Vereinen in Deutschland mit 27 Millionen Mitgliedern zu unterschiedlich. Grundsätzlich hatten Vereine Schwierigkeiten, die in starren Organisationsstrukturen verharren. Vereine, die flexibel agierten und neue Trainingsformen entwickelten oder in Kursen andere Sportarten anboten, die im Freien ausgeübt werden konnten, konnten ihre Mitglieder besser halten. Ebenso wie die etwa 40 Prozent der deutschen Vereine, die digitale Angebote machten nach dem Motto: Ihr könnt gerade nicht zu uns kommen, also kommen wir zu euch.

„Sportvereine sollten sich als Gesundheitsanbieter verstehen“

Zu Beginn der Pandemie erschienen einige Einschränkungen für den Vereinssport überzogen…

Ich habe schon beim Ausbruch der Pandemie einen Essay mit der These „Die Sportvereine müssen die Hotspots der Prävention werden“ geschrieben. Es lag im März 2020 wirklich eine merkwürdige Situation vor. Tausende Studien belegen empirisch, wie stabilisierend Bewegung auf Gesundheit und Immunkompetenz des Körpers wirkt. Als die Weltgesundheitsorganisation die Pandemie ausrief, machte sich das kaum jemand bewusst. Leider auch manche Vereine nicht. Das ist nachvollziehbar. Es lag eine Ausnahmesituation vor, die viele existenzielle Ängste bei der Bevölkerung hervorrief. Aber wir können daraus lernen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Zukunft viel stärker beachten.

„Jeder sollte sich sportlich ertüchtigen können.“

Prof. Dr. em. Hans-Jürgen Schulke

Was folgt daraus für die Vereine?

Die Vereine sollten sich als Gesundheitsanbieter für ihre Mitglieder verstehen. Und sie sollten auch gegenüber Dritten wie zum Beispiel politischen Akteuren so auftreten. Vereine leisten einen unermesslich hohen Beitrag für die Gesundheit der Bevölkerung. Auch die Verbände haben diesen Aspekt viel zu spät betont. Ketzerisch gesagt hätte ich die Aussagen von Verbänden, dass das Land sich mehr bewegen muss, gerne schon vor zwei Jahren gehört. Die Funktion des Sports für die Gesundheit ist ja sogar gesetzlich verankert. Beispielsweise existiert seit 2015 ein Präventionsgesetz. Es ermöglicht den Sportvereinen, aus Präventionsgeldern der Krankenkassen Unterstützung zu erhalten. Auch im Jugend- und Seniorenbereich gibt es vielfältige Möglichkeiten der Unterstützung.

„Es war eine Fehlentscheidung, die Spielplätze zu schließen“

Welchen Einfluss hatte hat die Pandemie aus sportsoziologischer Sicht auf die Kinder?

Es ist leider ein psychomotorischer Entwicklungsrückstand von bis zu eineinhalb Jahren entstanden. Auch das ist empirisch nachgewiesen. Die Sportentwicklungsberichte und die Public Health-Forschung sprechen hier eine eindeutige Sprache. Aus meiner Sicht war es eine Fehlentscheidung, die Spielplätze zu schließen und sie teilweise sogar durch Polizisten bewachen zu lassen. Man hätte sagen müssen: Unter bestimmten Rahmenbedingungen sollen Kinder gerade jetzt miteinander spielen dürfen.

„Ein Wir-Gefühl schaffen“

Wie können die Hamburger Vereine in diesen schwierigen Zeiten Mitglieder binden?

Neben den bereits benannten Aspekten der flexiblen Angebote, der Digitalisierung und des Selbstverständnisses als Gesundheitsanbieter ist die „Verheimatung“ wichtig. Die Menschen leben in diesen immer hektischer werdenden Zeiten in immer größeren Einheiten zusammen. Vereine müssen ihren Mitgliedern zeigen: Wir sind ein Stück Heimat für dich. Bei uns findest du deine Nachbarn und viele Leute, mit denen du gerne zusammen bist. Man hat das ja an Fußballvereinen in der Pandemie gesehen, die nicht mehr in den hohen Leistungsklassen spielen. Als die gemeinsame Geselligkeit nach dem Training pandemiebedingt wegfiel, machte ihnen auch das Training keinen Spaß mehr. Es gilt mehr denn je, in den Vereinen ein Wir-Gefühl zu schaffen. Vereine wie der Walddörfer SV, der SV Eidelstedt, die TSG Bergedorf oder der ETV schaffen das hervorragend.

Vereine müssen ein Stück Heimat sein, meint der Sportsoziologe Professor Dr. em. Hans-Jürgen Schulke (Foto: privat)

Einige Vereine denken über Beitragserhöhungen nach, andere schrecken davor zurück. Was sagt die Forschung dazu?

Es lässt sich nachweisen, dass die Ankündigung einer Beitragserhöhung partiell ein Wehgeschrei auslöst. Das sollte man ernst nehmen und es ist sogar historisch erklärbar, denn Sport ist seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland eine urdemokratische Einrichtung. Das Credo von Turnvater Jahn war ja, dass jeder sich sportlich ertüchtigen können solle. Interessant ist aber: Wenn die Beitragserhöhung erst einmal Realität ist, hat sie bei den meisten Vereinen kaum Einfluss auf die Mitgliederzahlen.

Viele Vereine umgehen das Problem, indem sie die Erhöhung der Beiträge an die gestiegenen Lebenshaltungskosten koppeln. Das ist für ihre Mitglieder dann verständlich. Beitragserhöhungen sind also kein Tabu, sollten aber mit einem sozialen und lösungsorientierten Blick der Vereine auf die Mitglieder verbunden werden, die sich eine solche Erhöhung nicht oder nur schwer leisten können. Natürlich müssen die Vereine aber auch auf ihre Kostenstruktur schauen. So sind die finanziellen Folgen der Ukraine-Krise in Form von höheren Energiekosten noch gar nicht abzusehen.

Der Hamburger Sport ist Widerstandsfähig

Befürchten Sie durch die Folgen der Pandemie eine nachhaltige Schädigung der Hamburger Sportlandschaft oder blicken Sie optimistisch in die Zukunft der Hamburger Sportvereine?

Die Sportlandschaft in Hamburg ist eine ganz besondere. Hamburg ist die Stadt mit den meisten Großvereinen in Europa. Die Selbstorganisationskraft hier war schon immer sehr hoch. 1946 wurde der Vorläufer des Hamburger Sportbundes von 180 Vereinen inmitten einer Trümmerlandschaft im Besenbinderhof wieder aus der Taufe gehoben, um den Menschen eine Perspektive zu geben. Vereine sind eine großartige soziale Organisationsform. Die Stadt hat das nach anfänglicher Zögerlichkeit mittlerweile auch erkannt und Maßnahmen ergriffen wie den Active-City-Gutschein. Ich bin optimistisch, dass die Hamburger Sportlandschaft über genügend Widerstandskraft verfügt, um diese krisenhafte Situation zu meistern.


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Die Freiheit einer Frau

Shootingstar der Literatur, Édouard Louis, zeichnet in seinem neuen Buch „Die Freiheit einer Frau“ das Porträt einer Mutter

Text: Ulrich Thiele

Édouard Louis misstraut der Literatur: „Man hat mir gesagt, die Literatur dürfe niemals versuchen, die Wirklichkeit zu erklären, sondern sie nur illustrieren, aber ich schreibe, um das Leben meiner Mutter zu verstehen“, beschreibt der Franzose an einer Stelle sein antiliterarisches Programm.

Seine Herkunft, das Arbeitermilieu, Armut, die Herablassung der Intellektuellen gegenüber der Landbevölkerung, die rauen und engen Rollenverhältnisse im Arbeitermilieu – all das waren schon in seinem ersten Roman, „Das Ende von Eddy“, die zentralen Themen. Nachdem er sich zuletzt in „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ seinem Vater näherte und wie die Klassenverhältnissen ihn durchdrängten, porträtiert er in „Die Freiheit einer Frau“ nun also seine Mutter – wieder zärtlich und wütend mit einem (meist) schnörkellosen Stil, den man emphatisch-soziologisch nennen könnte.

Kein glattes Happy End

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Die Freiheit einer Frau von Édouard Louis

Ausgangspunkt ist ein Bild seiner Mutter in jungen Jahren, das das Cover ziert: „Sie frei zu sehen, mit ganzem Körper in die Zukunft projiziert, rief meine Erinnerung an ihre mit meinem Vater geteilten Lebensjahre wach, die von ihm ausgegangenen Demütigungen, die Armut, zwanzig Jahre ihres Lebens versehrt und fast zerstört durch die männliche Gewalt und das Elend.“ Als Mädchen hatte sie davon geträumt, Köchin zu werden. Sie blieb ohne Ausbildung, war zweimal verheiratet, bekam fünf Kinder und war „gefangen im häuslichen Rahmen.“ Doch wie auch sein Vater, dessen spätes Infragestellen seiner Männlichkeitsvorstellungen Louis in „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ schildert, findet seine Mutter zumindest teilweise einen Weg aus der Ohnmacht. Mit 45 Jahren verlässt sie ihren Mann, zieht vom Dorf nach Paris, findet einen Partner.

Es ist kein glattes Happy End. „Die bourgeoisen Frauen aus ihrer Straße“ begegnen ihr „voller Herablassung“, manchmal langweilt sie sich, doch sie sei glücklich, sagt sie. Am Schluss stellt Louis die Frage, ob die Fähigkeit, Glück zu empfinden, eine Grundbedingung sein könnte für individuellen und gesellschaftlichen Wandel. Womöglich wird Louis ihr in seinem nächsten Buch nachgehen.

Édouard Louis: „Die Freiheit einer Frau“, Fischer, 96 Seiten, 17 Euro. Autorenlesung und Gespräch am 4. März, 19:30 Uhr im Schauspielhaus


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Kira: „Versuch es doch bitte mal ohne Pronomen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Kira begegnet.

Protokoll: Rosa Krohn

„Wenn’s dir selbst gut geht, ist das ein Umstand, in dem du erst mal nicht anfängst, dich über politische Sachen zu informieren. Ich selbst komme aus einer sehr privilegierten Position: Ich studiere Soziologie im siebten Semester und meine Eltern können mich bei der Miete unterstützen. Es gibt nicht viel, worüber ich mir Gedanken machen muss. Doch bei einer Sache sehe ich mich nicht in einer privilegierten Position: meiner Geschlechtsidentität. Ich bin nicht-binär, werde aber als weiblich gelesen. Das Thema ist für mich sehr anstrengend. Ich möchte Personen, die ich vielleicht nie wiedersehe, nicht immer sagen müssen: ‚Versuch es doch bitte mal ohne Pronomen.‘ Für mich ist es in erster Linie wichtig, zu wissen, wer ich bin. Die anderen lesen mich so, wie sie mich in dieser binären Geschlechterwelt wahrnehmen. Meine Identität wird mir nicht abgesprochen, aber viele sind wenig achtsam.

„Es wandelt sich gerade viel“

Am Anfang hatte ich viele Diskussionen, habe aber schnell gemerkt, dass gerade ältere Menschen sich nicht mit der Thematik auseinandersetzen möchten. Sie sind so sozialisiert, dass es Männer und Frauen gibt – nichts dazwischen. Sicherlich wandelt sich gerade viel. Das Thema findet mehr Anschluss in der Gesellschaft. Aber wenn Menschen etwas nicht selbst betrifft, kümmern sie sich auch oft nicht darum. Wenn man mich fragt, was sich in der Gesellschaft ändern müsste, würde ich mir einerseits wünschen, dass das Geschlecht einfach nicht mehr eine so große Rolle spielte. Auf der anderen Seite sehe ich, dass es beispielsweise für Trans-Personen sehr wichtig ist, wie sie wahrgenommen werden. Deshalb möchte ich nicht behaupten, das Geschlecht sei egal. Geschlecht ist etwas Identitätsstiftendes. In einer idealen Welt sollte jede Person die eigene Geschlechtsidentität für sich finden und so in der Gesellschaft akzeptiert werden. In meinem Studium kann ich mich mit solch zeitbezogenen, relevanten Themen beschäftigen. Sie bringen mich in meiner eigenen Entwicklung weiter. Ich lerne Dinge anzunehmen und mein eigenes Handeln zu hinterfragen.“


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