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Rindchen schlemmt – Herr He

Köstliche Kleinigkeiten: handwerklich gekonnt und zum Teilen gemacht.

Text: Gerd Rindchen

Foto: Martin Schneider-Lau

Als im letzten Jahr das landauf und landab gerühmte SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN erschien, fand sich in demselben eine nachgerade hymnische Beschreibung des Restaurants Herr He, verfasst von dem von mir hochgeschätzten Food-Journalisten und Kochbuchautor Stevan Paul, verbunden mit der Kür zum „Testsieger Asien 2018“. Natürlich mussten wir das Herr He daraufhin spornstreichs ausprobieren, aber der erste Abend stand unter einem unglücklichen Stern: Neben einem lebendigen Dialogverlauf mit der Mitesserin wurde mir als Krönung auch noch mein Handy geklaut. Für beides kann der wackere Herr He natürlich genau nix, sodass wir unlängst ein zweites Mal dort einkehrten und uns zu viert ans Werk machten, einen nimmer enden wollenden Reigen köstlichster Kleinigkeiten zu verzehren.

 

Der perfekte Dim-Sum-Teig

 

Kurz zusammengefasst: Der Herr Paul hatte völlig recht. Die vom ausnehmend freundlichen Service gereichten Dim-Sum-Variationen (4–5 Euro) bestachen durch feinst abgestimmte Würzungen, einen perfekt dünnen Teig und eine wunderbare geschmackliche Vielfalt. Auch die anderen Vorspeisen wie die Frühlingsrollen oder die Rippchen in Schwarzer Bohnensauce (3,90 Euro) waren voll Wohlgeschmack und von höchstem handwerklichen Können geprägt. Der gebackene Barsch in der leckeren hausgemachten Sauce (16,60 Euro) kam innen saftig und außen knusprig da- her, und das, was an uns vorbei als Hauptspeisen an die anderen Tische getragen wurde, roch köstlich und sah äußerst vielversprechend aus. Da sind definitiv noch ein paar Entdeckungsreisen nach St. Georg fällig.

Die überschaubare Weinkarte enthält genau einen wirklich gut trinkbaren Wein, der aber ziemlich universell zum Essen passt: einen badischen Grauburgunder, der mit 16 Euro pro Flasche überdies sehr fair kalkuliert ist. Überhaupt die Preise: Für einen wirklich schönen, kulinarisch beglückenden Abend zu viert mit Mineralwasser und zwei Flaschen Wein hatten wir am Ende 107 Euro auf der Uhr. Das ist ein Preis-Genuss-Verhältnis, das mit der Umbenennung des Restaurants in „Herr von He“ belohnt werden sollte.

Ernst-Merck-Straße 10 (St. Georg), facebook.com/RestaurantHerrHe


Gerd Rindchen im Rindchen's Weinkontor. Foto:

Gerd Rindchen im Rindchen’s Weinkontor.

Gerd Rindchen ist Gründer von Rindchen’s Weinkontor. Seit 25 Jahren verkostet er Weine nach dem Prinzip „Bestes Preis-Genuss-Verhältnis“. In der SZENE HAMBURG wendet er dieses Prinzip jeden Monat auch auf die Küchen dieser Stadt an.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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1 Frage, 1 Antwort – mit Michael Wanker

Michael Wanker ist Schauspieler, Regisseur und Coach. Auf der Theaterbühne spielt er weltweit das Solo „I will survive“ von Raoul Biltgen, das vor allem junge Menschen für das Thema AIDS sensibilisiert. Neben der Bühne coacht er Manager im Bereich Präsenz und Persönlichkeitsentwicklung. Er lebt in St. Georg und findet das richtig gut.

SZENE HAMBURG: Was ist deine Vision von einem gerechten Hamburg?

Denke ich über Gerechtigkeit und Hamburg nach, kommt mir der Umgang mit Wohnraum als Erstes in den Sinn. Denke ich über Wohnraum nach, kommt mir dessen Bezahlbarkeit in den Sinn. Denke ich über bezahlbaren Wohnraum in Hamburg nach, kommt mir Gentrifizierung und die bewusste soziale Selbstabgrenzung einzelner Stadtteile in den Sinn. Denke ich an dieses Selbstverständnis und die damit einhergehende Wagenburgmentalität, bin ich wieder bei der Gerechtigkeit angelangt. Und da beißt sich seit Jahren die Katze in den Schwanz.

Deshalb wird genau hier eine Vision dringend gebraucht. Wie wäre es mit der hier: Hamburg 2030. Der autonom fahrende SUV-Elektro-Shuttle holt den finanziell besser gestellten Spross von der Grundschule ab und nimmt die Kinder minderbegüterter Eltern mit. Natürlich alles per App vorher organisiert. Nun geht es durch die motorenfreie, grüne und (fast) emissionsfreie Innenstadt. Ja, Innenstadt. Denn die jungen Insassen wohnen allesamt in der Stadt. Trotz minderbegüterter Eltern. Übrigens auch die Studenten. Und die Alten. Wie ist dies nur möglich geworden? Durch eine radikale Reform des sozialen Wohnungsbaus gepaart mit allem Guten, was die Digitalisierung mit sich gebracht hat. Sensationell!

www.michaelwanker.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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St. Georg – Faszinierendes Chaos

Die Sinne für die eigene Stadt schärfen. Und Hamburgs Viertel (wieder-)entdecken. Was es mit frischem Blick zu entdecken gibt, erzählt unsere Autorin, die gerne mal verloren geht.

Es ist in St. Georg bestimmt sechs Grad wärmer als im Rest der Stadt. Ich laufe über den Hansaplatz, die renovierten Fassaden der Altbauten reflektieren das Sonnenlicht. Ein Streifenwagen fährt vorbei. Zwei junge Männer drehen ihre Musikbox laut und es tönt: „Nicht Hurensohn, Polizistensohn mein Schatz!“ Hier, zwischen Jan Böhmermann und Drogendealern, zwischen Steintordamm und der Langen Reihe, beschließe ich, dass ich St. Georg mag.

Ich verlaufe mich gern. Auf Städtereisen plane ich mindestens einen Tag für gezieltes Verlaufen ein. Ziehe ich an einen neuen Ort, setze ich mich selbst an verschiedenen Enden der Stadt aus, um sie ziellos zu erkunden. Und bin überrascht, was ich entdecke: ein Café, eine Mauer mit Blick über die Dächer, einen Innenhof in der Speicherstadt. Immer wieder kehre ich zurück an diese Plätze.

Das faszinierende, chaotische Treiben

Unser Alltag wird von den gleichen Abläufen bestimmt, den gleichen Wegen, die uns an die gleichen Ecken der Stadt führen. Das Viertel in dem wir leben; das, in dem wir arbeiten. Dazwischen: Niemandsland. Obwohl ich seit einem Jahr in Hamburg wohne, sind viele Teile der Stadt für mich noch schwarze Flecken. Einer davon ist St. Georg: Weiter als bis zum Fernbusbahnhof gegenüber des Steindamms bin ich noch nie vorgedrungen. Deshalb will ich dort verloren gehen.


Wo fängt man an sich zu verlaufen? Ich beginne am Hauptbahnhof und treibe mit den Menschenmassen in Richtung Steindamm. Hier ist es bunt und laut. Gemüseverkäufer brüllen mir ihre Preise ins Ohr, die Hitze verstärkt den Geruch arabischer Gewürze, der aus den Falafelläden drängt. Am Straßenrand bieten die Zeugen Jehovas neben der deutschen auch eine türkische und arabische Ausgabe des „Wachturms“ an. Ein Mann fragt mich nach Kleingeld. Er zittert stark.

Das Viertel ist bestimmt nicht schön, aber in seiner chaotischen Triebsamkeit faszinierend. Multikulturell, schmutzig, kriminell: Dafür stand und steht St. Georg immer noch. Hagere Prostituierte rauchen in den Seitenstraßen; wollte ich Drogen kaufen, hier könnte ich es.

Anders ist es auf dem Hansaplatz: Ich setze ich mich an den Brunnen in der Mitte des Platzes und beobachte das Treiben. Vor teuer renovierten Altbaufassaden patrouillieren Polizisten, Touristen sitzen in Cafés ohne Charme. Kleine Gruppen nachlässig gekleideter Menschen trinken hochprozentigen Alkohol auf den Stufen des Hansabrunnens. Hier prallt das arme gegen das teure St. Georg. Der Platz ist ein Lehrstück für Gentrifizierung: Noch gehört er zur Welt des Steindamms, doch die Stadt hat bereits begonnen ihn herauszuputzen.

Schwule Szene, Junggesellenabschiede und Instagram-Girls

Dahinter beginnt die Lange Reihe und mit ihr das wohlhabende St. Georg: Seit sich in den1990er Jahren vor allem die homosexuelle Szene in dem Stadtteil einmietete, wurde das Viertel immer teurer. Am unteren Ende der Langen Reihe stehen Menschen vor einer Eisdiele Schlange. Hier kostet die Kugel 1,60 Euro. Ich ziehe das Café Gnosa vor: Dort setze ich mich, um einen Kaffee zu trinken. Im Eingang hängt ein Zettel: „PositHIV welcome“. Ich betrachte die Passanten. Eine junge Frau in „Moschino“-Hose läuft immer wieder vorbei und nimmt Instagram-Storys auf. Ein Junggesellenabschied wirbelt in die angrenzende Kneipe – die Männer tragen pinke Poloshirts und Regenbogen-Socken. Mehrere meiner Sitznachbarn bestellen Erdbeertorte, die fantastisch aussieht, für die es mir am heutigen Tag aber reichlich warm erscheint.

In den Seitenstraßen der Langen Reihe finden sich alte Klinkervillen mit grünen Innenhöfen. Ich verliere mich beim Anblick einer roten Flügeltür in der Vorstellung, selbst einmal in einem dieser Häuser zu wohnen. Plötzlich ist da schon die Alster. Hier ist St. Georg vorbei. So richtig verlaufen habe ich mich auf meinem Spaziergang nicht, dafür ist der Stadtteil zu klein.

Aber darum geht es auch nicht. Sondern darum, sich hin und wieder Zeit zu nehmen für die Stadt in der man lebt; sie zu besuchen wie eine Fremde. Vielleicht entdeckt man dabei etwas, was man später nicht mehr missen will.

Ins Gnosa gehe ich bestimmt mal wieder – allein um die Erdbeertorte zu probieren.

Text & Fotos: Muriel Kalisch


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Straßenkinder-Projekt – Ein Zuhause fürs KIDS

Seit November 2017 hat das KIDS die Tür seiner neuen Bleibe geöffnet – für Minderjährige, die kein Zuhause mehr haben. Hier bekommen sie, was ihnen sonst fehlt: Fürsorge, Menschlichkeit und vielleicht eine neue Chance.

Noch schrauben hier ab und zu Handwerker an Feinheiten wie einem dimmbaren Licht – aber das „KIDS“ hat offiziell seine neuen Räume in der Langen Reihe eingeweiht. Nachdem „Deutschlands größte Anlaufstelle für Straßenkinder“ vor rund einem Jahr seine Bleibe im Bieberhaus räumen und in provisorische Container ziehen musste, hat es jetzt in St. Georg eine neue Heimat.

Ein großzügiger Gemeinschaftsraum, viele Sofas, ein Billardtisch und eine gemütliche Küche mit großem Esstisch – ein bisschen ist es wie in einer WG. Neben dem Büro der Mitarbeiter ist ein kleiner Raum für eine medizinische Grundversorgung eingerichtet. „Entscheidend für unsere Arbeit ist, dass die Räumlichkeiten eine gute Atmosphäre haben“, erklärt der Leiter Burkhard Czarnitzki, „die Jugendlichen sollen sich wohlfühlen.“ Denn die Minderjährigen, die hier auftauchen, suchen vor allem eines: Wärme. Im Winter auch physische, aber vor allem zwischenmenschliche. Sie sehnen sich nach einem Ort, an dem sie runterkommen können, etwas zu Essen bekommen und wo ihnen jemand zuhört. „Oft kommen sie mit einem Sack voller Probleme“, sagt Czarnitzki, „und merken dann, dass sie hier einfach nur sein dürfen.“ Niemand wird hier zu etwas gezwungen, was er nicht selbst möchte, nur ihren Vornamen müssen alle – aus Höflichkeit – nennen.

Jährlich werden rund 300 bis 500 Minderjährige im „KIDS“ (Kinder in der Szene) versorgt, etwa 30 pro Tag. Die Jüngste in diesem Jahr war zwölf Jahre alt. Nicht alle kommen regelmäßig oder haben schwerwiegende Probleme. Doch viele der Jugendlichen, die hier aufschlagen, sind durch Missbrauch traumatisiert oder haben desinteressierte Eltern, die ihre Kinder ablehnen. Sie haben zwar noch ein Elternhaus, aber kein Zuhause, in dem sie sich wohlfühlen. Um dem zu entkommen, schlafen sie bei Freunden, in Jugendwohnungen oder auch auf der Straße. Doch das Wort „Straßenkinder“ benutzt Burkhard Czarnitzki allerdings ungern. „Die meisten denken dabei sofort an Drogenabhängige, die unter einer Brücke schlafen“, erklärt er, „was auch zutrifft, aber nicht nur.“ Viel deutlicher spiegele der Fachbegriff „Entkoppelte Jugendliche“ die Situation wider. Denn das Grundproblem sei nicht die Wohnsituation, sondern der fehlende Halt in ihrem Leben und dass sie nirgendwo andocken können. Ein wenig von dem, was sie vermissen, finden sie im KIDS, das die Lücke zwischen dem lieblosen Elternhaus und den statischen Behörden schließt.

Anders als das Jugendamt haben die Sozialarbeiter im „KIDS“, auch bei erkennbaren Missständen, nicht den staatlichen Zwang, sofort und konkret handeln zu müssen. Hier geht es zunächst um eine Grundstabilisierung wie eine Mahlzeit, aber vor allem versuchen die Mitarbeiter, über viele Gespräche eine Beziehung zum Jugendlichen aufzubauen. „Gemeinsam mit dem Betroffenen wollen wir herausfinden, wie seine Reise weitergehen kann“, erklärt Czarnitzki, „und das in seinem Tempo.“

Viele Jugendliche bedeuten viele Bedürfnisse. Die elf Sozialarbeiter sind darauf eingestellt, ihre Unterstützung reicht vom Arztbesuch bis zur Entgiftung. Dafür zapfen sie regelmäßig ihr Netzwerk an, das sich jeder über Jahre hinweg aufgebaut hat. „Wir haben mühsam Kontakte zu Institutionen, Vereinen und im medizinischen Bereich geknüpft“, erzählt Czarnitzki. „Wir müssen oft zeitnah in andere Bereiche vermitteln können.“ Dass die Jugendlichen das Kids annehmen und schätzen, zeigt die Mund-zu-Mund-Propaganda, durch die alle ihren Weg hierherfinden. Und immer mal wieder schaut auch ein ‚Ehemaliger‘ vorbei. „Das zeigt, dass unsere Arbeit funktioniert“, freut sich Czarnitzki. „Für sie ist das Kids der Ort, an dem sie Geborgenheit erlebt haben.“

Text: Hedda Bültmann

www.kidshamburg.de

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!