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Sexed Power: Ausstellung Sexed Power im Gängeviertel

Am Weltfrauentag eröffnet im MOM art space im Gängeviertel die Ausstellung „Sexed Power“.

Text: Sabine Danek
Abbildung (o.): Dagmar Rauwald: Selfgendered Identity, 2018

In den letzten zwei Jahren gab es in linken Hamburger Netzwerken reichlich Streit um frauenpolitische Positionen, der feministische Raum im Gängeviertel wurde geschlossen.

Diese Auseinandersetzungen wollen die Künstlerinnen der Ausstellung „Sexed Power“ nicht aufwärmen. Sie treten lieber in Aktion. Mit einer Schau, die am Weltfrauentag Solidarität zeigt, die ein Zeichen ist und auch eine Positionierung. Gegen die „Pimmelsuppe“, die in der Kunst immer noch gekocht wird. Ob mit der Absage der Retrospektiven von Adrian Piper und Joan Jones im Münchner Haus der Kunst, die durch eine Schau von Markus Lüpertz ersetzt werden. Oder auch in der großen Ausstellung „Baselitz – Richter – Polke – Kiefer“, die im Herbst aus der Staatsgalerie Stuttgart in die Deichtorhallen wandert.

 

„MeToo konnte die Gesellschaft bis heute nicht nachhaltig verändern“

 

Für Dagmar Rauwald, Künstlerin und „Sexed Power“-Initiatorin sind das: „Malerfürsten, die in einer Zeit schnell Karriere machten, in der es für Künstlerinnen noch schwerer als heute war, sich durchzusetzen und deren fataler Machismo mit Großschauen wie dieser immer wieder bestätigt wird“. Dagegen lehnt „Sexed Power“ sich auf, will nicht zulassen, dass die ungleichen Verhältnisse einfach totgeschwiegen werden und auch zeigen, „dass MeToo die Gesellschaft bis heute nicht nachhaltig verändern konnte“.

„Sexualisierte Gewalt und sexualisierte Macht sind zwei unterschiedliche Dinge“, sagt Dagmar Rauwald, „aber sie bedingen sich auch. Sexualisierte Macht kann zu sexueller Gewalt führen.“

Johanna Bruckner: Molekulare Geister in der Liebe, 2018

Im Mittelpunkt steht trotz aller politischer Positionierung bei „Sexed Power“ aber die Kunst. Die Körper-Arbeiten der österreichischen Biennale-Teilnehmerin Johanna Bruckner, die herrlich umstürzlerischen Videos, Installation und Malereien von Cordula Ditz. Die Skulpturen von Ida Lennartson, die mit Kunsthaaren, Prothesen oder Fragmenten aus Arbeitsprozessen, von Körpern erzählt und sie auseinandernimmt. Die Abformungen und Bronzegüsse von Julia Frankenberg und Anna Lena Grau, Performances von Louise Vind Nielsen, die Malerei von Dagmar Rauwald und die Arbeiten von Emma Howes, die sich als „Übersetzerin zwischen Bewegung und Form“ versteht.

Gemeinsam haben die Künstlerinnen, dass sie „ Kunst als Spiegel gesellschaftlicher Prozesse sehen, kritisch reflektieren und jede auf ihre Weise für authentische und starke Kunst stehen.“

Es ist bereits die zweite „Sexed Power“-Schau und perfekt wäre es, wenn sich daraus ein fortlaufendes Projekt entwickelt, die Ausstellung eine Keimzelle wird, die sich vergrößert und in eine Plattform Hamburger Künstlerinnen verwandelt.

Sexed Power 2019, Mom Art Space, 8.–16.3.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Ausstellung des Monats – „Stuttgart sichten“

In den Deichtorhallen wird die plastische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart wach geküsst.

Text: Karin Schulze
Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg

Das fängt ja gut an: Gleich an den Beginn der Ausstellung setzt der Künstler Florian Slotawa eine kecke Antwort auf eine Plastik des Bildhauers Eduardo Chillida, der mit Vibración einmal mehr sein Thema von der „Vibration der Form“ in der „Leere des Raumes“ variiert. Chillidas schmiedeeiserne Haken und Schlingen lässt Slotawa von fünf kleinen Skulpturen umtanzen, die gefügt sind aus gestapelten, verzahnten und gekippten Gläsern Stuttgarter Bierbrauer. Da muss kein Schelm sein, wer die leeren Gläser nicht mit „Vibration der Form“ assoziiert, sondern mit lecker Gerstensaft samt schaumiger Krone.

 

 

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Schon mutig von der Stuttgarter Staatsgalerie: Sie lässt ihre seit 175 Jahren gesammelten und gehegten skulpturalen Schätze nicht nur von einem Künstler sichten und die ausgewählten Arbeiten für drei Monate nach Hamburg ziehen – die Werke werden hier auch noch künstlerisch inszeniert. Obendrein ist der, dem das erlaubt wurde, kein gewöhnlicher Bildhauer, sondern einer, der Vorhandenes auf den Kopf stellt und in temporäre „Slotawas“ verwandelt.

Schon während seines Studiums an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste hat Florian Slotawa seinen gesamten Besitz in die Akademie gekarrt und inmitten des „Kunst + Krempel“-Verhaus eine Weile gewohnt. Später hat er Hotelzimmer gemietet, diese für wenige Stunden komplett umgeräumt und den nächtlichen Koller des Mobiliars per Foto festgehalten. Was aber hat er in den Deichtorhallen angerichtet? Wird die Aura der Werke von Calder, Kirchner oder Renée Sintenis verheizt für schnelle Gags? Oder rütteln Slotawas Arrangements jene Besucher wach, die sonst verschlafen durch die Skulptursammlungen der Museen schlappen?

 

Mehr als ehrfurchtsvoll stehende Skulpturen

 

Eine Gruppe von Plastiken zeigt Slotawa nicht auf Sockeln, sondern auf Waschmaschinen. Dabei zuckeln die Raumknoten von Otto Herbert Hajek gleich über zwei Apparate hinweg, als habe der Schleudergang sie in Bewegung gesetzt. Und Rudolf Bellings Kopf in Messing ist hinterm Lenkrand eines echten Porsche 911 installiert. Und schon will man genau wissen, ob die Lady auf die Straße guckt oder auf irgendeinem Display ihren Instagram-Account checkt – und entdeckt dabei, wie kunstvoll ihre Augäpfel im Schädel sitzen.

Nicht da, wo die Skulpturen ehrfurchtsvoll auf dezenten Sockel stehen, schaut man am genauesten hin, sondern da, wo sie assoziationsreich inszeniert sind: etwa der Geschlagene Catcher von Gustav Seitz, in dessen wuchtigem Leib Stärke und Schwäche sichtbar miteinander ringen. Sein innerer Kampf wirkt noch anrührender, weil der Ringer direkt neben einem Turm hockt, den Slotawa aus all den hölzernen Transportkisten gestapelt hat, in denen die Skulpturen angeliefert wurden.

 

 

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Ziemlich kühn eine andere Konstellation: Die männlich aufragenden Schreitbahnen von Franz Erhard Walther werden von einer Knienden Venus, einer bäuchlings kokettierenden Nackten und Rodins knapp an #MeToo vorbei springenden Götterbotin gewissermaßen beturnt. Aus nächster Nähe beäugt das, wenn man so will, Rosemarie Trockels feministisch harpunenbewehrte Vendetta.

Gegen Ende der Schau erweist sich Slotawa dann noch als sensibler Formenfinder. Picassos Badende durften aus konservatorischen Gründen Stuttgart nicht verlassen. Also hat Slotawa die Figurengruppe nachgeschöpft. Während Picasso noch Bilderrahmen oder Möbelfüße verbaute, hat Slotawa einen Baumarkt geplündert und die Strandgäste mit weißblauem Bügelbrett, rotsilberner Sackkarre und türkisblauen Plastikbesen farbenfroh rekonstruiert. Wenn man mal wieder in Stuttgart ist, wird man nachsehen, ob die Aura des Originals an die der Kopie heranreicht.

Florian Slotawa: Stuttgart sichten. Skulpturen der Staatsgalerie Stuttgart. Deichtorhallen, bis zum 20.1.2019


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2018. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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