Beiträge

Große Empörung: Hermes Fulfilment entlässt Mitarbeiter

Die Otto Group entlässt im kommenden Jahr 840 Mitarbeiter ihres Tochterunternehmens Hermes Fulfilment in Bramfeld und stärkt die Standorte in Polen und Tschechien. Die Empörung ist groß, der Zeitpunkt ungünstig und die Politik beschwichtigt

Text: Marco Arellano Gomes

 

In der griechischen Mythologie gilt Hermes als Schutzgott des Verkehrs, der Reisenden, der Kaufleute, und sogar – man höre und staune – der Diebe. Schutzgott der Logistik-Beschäftigten ist er hingegen nicht. Mitten in einer Zeit, in der es gilt, den Coronabedingten wirtschaftlichen und sozialen Härten durch Solidarität zu begegnen, gibt die Otto Group – eines der größten und einflussreichsten Unternehmen Hamburgs (Umsatz: 14,3 Milliarden Euro) – bekannt, dass 840 Mitarbeiter beim Tochterunternehmen Hermes Fulfilment in Bramfeld entlassen werden.

Also: alle. Ab kommendem Jahr werden die zurückgesendeten Waren aus Europa ausschließlich zu den Retourbetrieben in Lodz (Polen) und Pilsen (Tschechien) gefahren. Dort werden die Rücksendungen in Zukunft angenommen, ausgepackt, geprüft, gereinigt, eingepackt und weiterverkauft. Die Beschäftigten in Bramfeld hingegen verlieren im Herbst 2021 ihren Job. Für viele bedeutet das den direkten Übergang in die Arbeitslosigkeit. Die aus etwa 69 Nationen stammenden, überwiegend weiblichen Mitarbeiter fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Das ist Social Distancing der etwas anderen Art.

 

„20 Jahre Arbeit. Belohnung: Kündigung“

 

Am Montag, den 14. September, elf Tage nach der Bekanntgabe der Entscheidung, gingen knapp 200 Mitarbeiter in ihrer Mittagspause mit gelben Warnwesten vor der Konzernzentrale auf die Straße, um ihrem Ärger Luft zu machen. Sie hielten Schilder hoch, auf denen Sätze zu lesen waren wie: „20 Jahre Arbeit. Belohnung: Kündigung“, „Wie Müll entsorgt, danke Otto“, und „Otto – fand ich gut.“ Sie schlugen auf Trommeln und Plastikkübeln rhythmisch ihren Frust heraus. Auf die üblichen Trillerpfeifen wurde aufgrund der Maskenpflicht verzichtet.

Unter den Demonstrierenden war auch Dirk Schmidt, Betriebsratsvorsitzender bei Hermes Fulfilment: „Wir wollen ein Zeichen setzen und fordern den Vorstand der Otto Group auf, den Beschluss für das Aus des Retour- Betriebs in Hamburg zurückzunehmen.“, sagte er gegenüber dem NDR. „Die Otto Group spart jetzt richtig Geld, den Preis müssen wir, die alles mit aufgebaut haben, mit unseren Arbeitsplätzen bezahlen. Das passt nicht zu den Werten dieses Familienunternehmens. Tradition, Treue, Verbundenheit und Wertschätzung werden mit Füßen getreten.“

Heike Lattekamp, Verdi-Landesfachbereichsleiterin für Handel, pflichtet ihm bei: „Wir sind entsetzt und empört über das Verhalten des Unternehmens. Otto betont immer seine soziale Verantwortung. Davon ist jetzt nichts zu sehen. 840 Beschäftigte und ihre Familien sind in ihrer finanziellen Existenz bedroht.“ Die Mitarbeiter hatten seit 2006 Gehaltseinbußen in Höhe von zwölf Prozent hingenommen, um ihre Arbeitsplätze in Hamburg zu halten, erklärt Verdi in einer Mitteilung. Die nun verkündete Entscheidung fühle sich für die Betroffenen an wie eine unverschämte Retour-Kutsche.

 

Der Standort ist schon länger nicht rentabel

 

„Alle sind schockiert und traurig“, berichtet Olaf Brendel, Mitarbeiter bei Hermes Fulfilment, Mitglied im Hermes Europe Aufsichtsrat und bis vor Kurzem Vertreter der Arbeitnehmerschaft im Otto Aufsichtsrat. „Viele unter ihnen haben eine sehr lange Betriebszugehörigkeit. Fast die Hälfte der Belegschaft sei über fünfzig.“ Der Kommunikations-Chef der Otto Group, Thomas Voigt, verweist darauf, dass der Standort schon länger nicht mehr rentabel sei und alle namhaften Konkurrenten ihre Retouren in Osteuropa bearbeiten ließen. Es gehe darum, wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Konkurrenz im internationalen Onlinegeschäft sei beinhart.

Schon heute lasse Otto zwei Drittel aller Retouren nach Lodz und Pilsen senden. Der Zeitpunkt mag angesichts der Corona-bedingt guten Auftragslage zwar ungünstig erscheinen, aber Voigt weist darauf hin, dass das Plus an Aufträgen in den vergangenen Monaten auch zusätzliche Kosten verursacht habe und zeitlich begrenzt sei. Der Konzern rechnet damit, dass die Wirtschafts- krise sich bald negativ auf den privaten Konsum auswirken wird. Auf die Vorwürfe, unsozial zu sein, entgegnet der Kommunikations- Chef, dass es die Aufgabe eines Unternehmens sei, möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern.

„Sozial ist, was Arbeit schafft“, so Voigt. Es scheint bloß keine Rolle mehr zu spielen, wo. Einen Sozialplan, mögliche Abfindungen, Optionen zur Weiterbeschäftigung und Vorruhestand-Regelungen für einige der Mitarbeiter könnten durchaus Teil der Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung sein. Voigt möchte da aber „nicht vorgreifen“. Die Otto Group bemühe sich selbstverständlich darum, die Folgen abzumildern, versichert er. Es klingt, als sei die Entscheidung selbst unverrückbar. Die „Bearbeitung retournierter Waren steht in einem ganz besonders intensiven Wettbewerbsumfeld“, heißt es in der Pressemitteilung der Otto Group.

Das mag stimmen, es stimmt bald aber auch für die 840 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die sich nach einem neuen Job umsehen werden müssen – mitten in einer Krise, mit Wirtschaftsprognosen, die milde formuliert bescheiden ausfallen. Viele Unternehmen haben derzeit geringen bis keinen Anreiz, Mitarbeiter einzustellen. Einem Großteil dürfte es nicht nur schwerfallen, sondern geradezu unmöglich sein, überhaupt eine Weiterbeschäftigung zu finden.

 

„Stück für Stück unsozialer“

 

Olaf Brendel hat wenig Verständnis für die Entscheidung: „Die Bearbeitung einer Retoure in Hamburg habe eine bis zu zwei Tage kürzere Laufzeit. Er sehe inzwischen keinen Unterschied mehr zwischen Otto und Wettbewerbern wie Amazon und Zalando. Es zählt nur noch jeder gesparte Cent beim Personal. Ist das der Maßstab für das Familienunternehmen mit sozialer und ökologischer Tradition? „Vielleicht habe die Entscheidung mehr mit dem Verhältnis von Eigenkapitalquote und Verschuldung zu tun“, vermutet Brendel.

Das Portfolio sei viel zu spät gereinigt, Projekte im Ausland seien halbherzig und auf Schulden eingegangen worden – und sollen nun wohl durch die Vernichtung von Arbeitsplätzen in Deutschland wieder wettgemacht werden. Der Konzern werde „Stück für Stück unsozialer“, so Brendel. Dann zitiert er eine Kollegin: „Werner Otto würde sich im Grab umdrehen.“ Sein Mandat im Aufsichtsrat habe er aus Protest an Dr. Michael Otto zurückgegeben. Dem Betriebsrat der Otto Group gehöre er nicht mehr an. Er wurde dort freigestellt. Er erkenne das Unternehmen nicht mehr wieder.

Auch die Politik meldet sich auf Anfrage von SZENE HAMBURG zu Wort: „Der Verlust von Arbeitsplätzen ist immer schmerzlich“, so Wirtschaftssenator Michael Westhagemann. „Die Otto Group hat zugesagt, gemeinsam mit dem Betriebsrat die Folgen für die betroffenen Beschäftigten so gut wie möglich abzumildern und wird sich an diesem Versprechen auch messen lassen müssen.

Die Logistik-Initiative Hamburg hat mir zugesichert, die Otto Group und die Arbeitsagentur bei Bedarf mit ihren guten Unternehmenskontakten dabei zu unterstützen, die Beschäftigten in Anschlussbeschäftigungen zu vermitteln.“ Der Pressemitteilung vom 3. September ist zu entnehmen, dass der Vorstand der Otto Group und die Geschäftsführung von Hermes Fulfilment „die Entscheidung schweren Herzens getroffen“ hat. Ob dabei Tränen flossen, ist nicht überliefert. Kurz danach dürfte Hermes, der Götterbote, entsandt worden sein, um die Botschaft aus dem Olymp nach Bramfeld zu überbringen. Die Botschaft ist unmissverständlich: Es wird keine Retour mehr in Hamburg geben.


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Digital-Campus: Die Zukunft aus der Box

Im Juni dieses Jahres war die Grundsteinlegung für „Hammerbrooklyn.DigitalCampus“: der Ort, an dem Hamburg fit werden soll für die „Digitale Transformation“ – die rasante Entwicklung von neuen Technologien quer durch Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft

Text & Interview: Markus Gölzer

 

Keiner kann sagen kann, was die Zukunft bringt, aber in Hamburg immerhin, wo sie beginnt: hinter den Deichtor­hallen auf dem Parkplatz des ehemaligen Fruchthofes – im „Hammerbrooklyn.DigitalCampus“. Das interdisziplinäre Projekt soll Ideen für die Stadt von morgen entwickeln, die Hamburg zum digitalen Leuchtturm mit weltweiter Strahlkraft machen.

Der Ort ist gut gewählt: Am malerisch industriellen Fleet gegenüber dem Oberhafen ist man mitten in der Stadt und doch fernab vom städtischen Dichtestress. Der Blick wird weit, der Kopf frei. Aufbruchs­stimmung! Hier wird zukünftig als Herzkammer des Campus der US-­Pavillon des Architekten James Biber von der EXPO 2015 stehen. Auf 7.600 qm sind Un­ternehmen, Start­-ups, Wissenschaft und alle Hamburger ein­geladen, mit zu gestalten.

Auf der Website „hammerbrooklyn.hamburg“ kann sich jeder als „Citizen“ registrieren und Ideen einbringen. Unternehmen können mit der kostenpflichtigen Mitgliedschaft „Corporate Citizenship“ Angebote und Infrastruktur des Campus für eigene Projekte nutzen, zum Beispiel an Netzwerkleistungen für ge­zielte Kooperationen partizipieren oder von interdiszipli­nären Expertenteams profitie­ren, die sie bei ihrer digitalen Transformation begleiten.

 

Stadt der Zukunft

 

Doch wie jeder Aufbruch war auch dieser phasenweise holprig: Die Initiatoren – Wirtschaftswissenschaftler Henning Vöpel, Werbeagenturchef Ma­thias Müller­-Using und Digitalexperte Björn Bloching – hat­ten sich in Fragen um Gesell­schaftsstrukturen und Zuständigkeiten überworfen.

Als das Projekt schon fast Geschichte war, fanden sie über ein Stiftungsmodell wieder zusammen: „Hammerbrooklyn – Stadt der Zukunft“ ist gemeinnützig und bindet neben den Initiatoren die Stadt Hamburg, den Immo­bilienentwickler Art-­Invest und das Hamburger Weltwirtschafts­institut mit ein.

Hammerbrooklyn1-c-Alexandra-Kern

Henning Vöpel, Mitinitiator und CEO des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (Foto: Alexandra Kern)

Bis der Pavillon 2020 stehen wird, arbeitet die Hammerbrook­lyn.Box bereits als temporäres Labor. Im grünen Containeraufbau geht es experimentell provisorisch zu, der obligato­rische Tischkicker steht noch eher für Gegenwart als Zukunft zum Anfassen.

Wie man die di­gitale Transformation tatsäch­lich gestalten wird, erklärt Prof. Dr. Henning Vöpel, Leiter des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) und Ideengeber des Projekts.

SZENE HAMBURG: Herr Vöpel, gibt es für Hammerbrooklyn.DigitalCampus weltweite Vorbilder? Außer der ersten Assoziation Silicon Valley?

Henning Vöpel: Das ist immer das Erste, was einem einfällt, wenn man über sol­che Innovationsräume, den „Hubs“ spricht. Tatsächlich erleben wir weltweit das Phä­nomen einer räumlichen Ver­dichtung von Innovations­aktivitäten.

Überall in größeren Städten und Regionen entstehen „Hubs“. Hamburg, denke ich, braucht so etwas, um der etablierten Wirtschaft, die ja sehr erfolgreich war, aber vor großen Veränderungen steht, einen Ort zu geben, an dem sie der Entwicklung nicht hinterherläuft, sondern selbst gestaltet.

Die Hamburger Hochbahn und die Deutsche Bahn planen hier Innovationslabore, es fallen auch Namen wie Siemens oder Volkswagen. Alles klassische Großkonzerne. Soll der Campus helfen, sich gegen kleine, flinke Start-ups behaupten zu können?

Es geht nicht darum, den Angriff der Start-ups abzuweh­ren. Es geht darum, dass sich nicht nur große Konzerne, sondern auch kleinere, mittel­ständische Unternehmen ver­ändern müssen. Wenn sie das nicht tun, dann kann es sein, dass ein Standort wie Ham­burg in fünf Jahren bis zwan­zig Prozent der Einkommen, die hier erzielt werden, verliert.

Deshalb müssen wir et­was dafür tun, dass sie sich digitalisieren, dass wir das nicht nur den Start­-ups überlassen. Deshalb braucht es einen neu gedachten Raum für Austausch und Forschung, in der auch kleinere Unternehmen ihre eigene Transformation vollziehen können.

 

Ein Ort für Diskurs

 

Unternehmen können Know-how für die digitale Zukunft bei Ihnen einkaufen. Was bietet der Campus, was eine klassische Unternehmensberatung nicht liefert? Die könnten ja auch weltweit interdisziplinäre Teams zusammenstellen.

Wir gehen viel weiter, in­ dem wir eine Community er­zeugen und ein Umfeld mit eigener Innovationskultur schaffen. Das können Berater natürlich nicht: einen Raum zu entwickeln, in dem Men­schen aus unterschiedlichen Branchen und Unternehmen die Möglichkeit haben, zusammenzuarbeiten. Das gibt es in der klassischen Wirt­schaft nicht, ist aber erforder­lich, um interdisziplinär und kollaborativ an Innovationen zu arbeiten.

Wie stellen Sie Ihre Unabhängigkeit von der Wirtschaft sicher?

Der Campus wird betrie­ben als Stiftung „Hammerbrooklyn – Stadt der Zu­kunft“. Die Stadt ist mit drin, der Immobilienentwickler Art-­Invest ist dabei und die drei Initiatoren. Wir wollten eine Stiftung gründen, um die Gemeinnützigkeit von Digitalisierung in den Mittelpunkt zu rücken. Und es ist die beste Form, um Akzeptanz und Relevanz zu erzeugen.

Der Immobilienentwickler Art-Invest ist nicht unumstritten. Im Netz wird spekuliert, dass er in erster Linie an der Immobilienfläche hinter dem Pavillon interessiert sei.

Art-­Invest ist wichtiger Teil der Stiftung und wir arbeiten an diesem Projekt gemeinschaftlich. Die Stiftung funktioniert unabhängig von Investoren. Wir sind völlig autonom in dem, was wir da tun. Ein so großes Projekt braucht am Ende immer einen Investor, der selbst an die Idee glaubt.

Wie profitiert der einzelne Hamburger vom Campus?

Es wird die Möglichkeit für jeden einzelnen Hamburger geben, Teil von Hammerbrooklyn, also sogenannter „Citizen“ zu werden. Jeder kann partizipieren, Ideen einbringen und an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen. Es soll ein Ort aller Hamburger für den Diskurs über die zukünftige Stadt sein.

 

 

Auf der Internetseite von Hammerbrooklyn können Fragen zu Hamburgs Zukunft gestellt werden. Gibt es eine Tendenz, welche Themen besonders relevant sind?

Verkehr und Mobilität spielen eine große Rolle. Wohnraum und wie gehen wir mit städtischen Flächen um? Wie können wir hier noch besser leben und zu­sammenleben? Wie kann eine aktive Bevölkerung die Stadt für mehr Bewegung und Gesundheit nutzen? Hamburg hat vielfältige Möglichkeiten, es gibt so viele interessante Orte und Menschen, und wir laufen oft unachtsam dran vorbei. Mehr aus der Stadt herauszuholen – das scheint vielen Bürgern auf der Seele zu brennen.

„Globalisierung“ war ein Heilsversprechen, heute schreckt sie viele ab. Der „Digitalisierung“ scheint es ähnlich zu gehen: Immer mehr Menschen bekommen bei dem Begriff Angst vor Jobverlust und anderen Unwägbarkeiten. Welche Branchen in Hamburg sind besonders gefordert, zu reagieren?

Der Hafen natürlich, das Hamburger Schwergewicht schlechthin. Es passieren dort schon sehr gute Dinge: Der Hafen ist zum Beispiel 5G­-Modellregion, in der au­tonome Mobilitätskonzepte getestet werden. Virtual Re­ality und Augmented Reality kommen zum Einsatz, um Planungen zu unterstützen. Aber es könnte noch schnel­ler gehen. Auch im Verkehr, der Mobilität, in der Bildung, in der Stadtentwicklung ist viel zu tun. Die gesamte Arbeitswelt wird sich verändern.

Wir alle reden von künstlicher Intelligenz, die viele unserer Jobs sehr stark verändern wird. Es geht insgesamt darum, auch einen kulturellen Wandel in der Stadt zu voll­ziehen. Eben nicht die Ängste vor der Digitalisierung, die ja in jedem Fall kommen wird, in den Vordergrund zu rücken, sondern zu sagen: Es bleibt uns nur übrig, positiv, kreativ und konstruktiv daran zu arbeiten. Hamburg soll ein positiver Ort des Wandels und Fortschritts sein.

 

Hammerbrooklyn1-c-Nico-Doering

Für ein Morgen: die Box von Innen (Foto: Nico Doering)

 

Hammerbrooklyn.Digital­Campus: Stadtdeich 2 (Hammerbrook)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

HAW Hamburg: Ein Rennen um die Zukunft

Ein Ortsbesuch an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, die ihre Studierenden auf alle denkbaren Karriereszenarien vorbereiten will

Text und Fotos: Erik Brandt-Höge

 

Ist das einer von den Transformern? Ein haushoher Rechner? Eine XXL-Kunstinstallation? Fest steht: Wer vor dem Hauptgebäude der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg am Berliner Tor steht, einem mattglänzenden architektonischen Mix aus Pyramide, Säule und L-förmigem Etwas, der merkt schnell: Das hier ist keine normale Ausbildungsstätte – das hier ist ein Ort der Zukunft.

 

haw2-c-erik-brandt-hoege

Industriechic im Eingangsbereich des HAW-Hauptgebäudes

 

Während andere Hochschulen auf jahrhundertealte Häuser setzen, auf akademische Geschichte in jedem Stein und jeder Fliese, fokussiert sich die HAW schon in ihrer Außendarstellung aufs Hier, Jetzt und Bald.

Und drinnen geht es weiter: Viel Licht fällt in den durchweg verglasten Eingangsbereich, in dem ein Bistro Studierende mit Kaffee und Snacks versorgt. Über eine industrieschicke Metalltreppe, auf der sich die an Wänden und Decken angebrachten Lichtwürfel spiegeln, geht es im Zickzack hoch in die Seminar- und Vorlesungsräume.

Medien, Medizin, Design, Technik, Umwelt, Wirtschaft, Soziales: Aktuell machen sich hier rund 17.000 Studierende in 38 Bachelor- und 37 Masterstudiengängen startklar für anstehende Karrieren.

 

In Führung gegangen

 

„Ingenieure kommen vom Berliner Tor“, zitiert die HAW bis heute einen Leitspruch der Anfangstage auf der Hochschul-Homepage. Was damals gelten sollte, ist heute Selbstverständlichkeit. Längst mit mehreren Fakultäten über ganz Hamburg verteilt, ist die HAW Norddeutschlands führende Hochschule in Sachen reflektierter Praxis geworden.

Allein 1.800 junge Frauen und Männer belegen derzeit Lehreinheiten in Fahrzeugtechnik und Flugzeugbau, arbeiten nebenher als Werkstudenten in Großunternehmen à la Airbus und sind an HAW-Projekten wie dem HAWKS Racing Team beteiligt, dem größten interdisziplinären Projekt der HAW.

 

haw3-c-erik-brandt-hoege

Fertig für die Wettbewerbe: Werke des HAWKS Racing Teams

 

Die Mitglieder, aktuell 60 Studierende aus nahezu allen HAW-Fachbereichen, wollen schlichtweg noch höher, schneller und weiter hinaus, als eh schon im Studium – und zwar mit einem eigenen Rennwagen. 2004 entstand der erste HAWKS-Bolide „Lady“. Jetzt baut das HAWKS-Team sein 15. Fahrzeug: „Vera“, mit eigenem V2-Motor-Konzept.

 

Chancen statt Credits

 

Die Aufstellung der Hochschul-Racer liest sich wie die eines Profi-Rennstalls: Es gibt einen Captain, einen Controller, Leiter für Bereiche wie Motor und Antrieb, Fahrwerk und Elektronik. Sogar eine eigene Marketingabteilung ist aktiv. Technischer Leiter der Boliden-Bauer ist momentan Philip Lohde, 21, sechstes Semester Flugzeugbau.

Sein Studienalltag ist eng getaktet. Mechanik, Mathematik, Thermodynamik und Elektrotechnik stehen auf seinem Stundenplan, und auch Philip ist nebenher Werkstudent. Für sein zeitintensives HAWKS-Engagement bekommt er keine Extra-Credits, dafür die Chance, mit dem gerade fertig gestellten neuen Fahrzeug durch Europa zu reisen.

Ungarn, Österreich, der heimische Hockenheimring – die drei Meter lange, anderthalb Meter breite und 207 Kilogramm schwere „Vera“ wird in diesem Sommer auf Wettbewerbe geschickt. Wird sie präsentiert, wird es auch die HAW.

Für die Hochschule und ihre internationalen Ansprüche in Sachen Ingenieurswesen keine schlechte Eigenwerbung. „Ich bin zwar ein kleines bisschen hinter meiner Regelstudienzeit“, sagt Philip, „aber das ist okay, wenn man bedenkt, dass ich bei den HAWKS nahezu eine Vollzeitstelle und auch noch meine Werkstudentenarbeit habe.“

 

haw4-c-erik-brandt-hoege

Philip Lohde, technischer Leiter, ist zufrieden mit dem neuen Boliden

 

Wenn er mit dem Bachelorstudium fertig ist, so seine Überlegung, könne ein Umzug in den Süden Deutschlands anstehen, wo viele Ingenieure sich nach ihrem Studium einem der zahlreichen Automobil- und Luftfahrtunternehmen anschließen.

Dass er allein durch seine HAW-Vita, gute Chancen auf einen Topjob hat, scheint Philip klar zu sein, wenn er sagt: „Ich habe mich noch nicht festgelegt, in welchem Unternehmen ich arbeiten möchte.“ Ist eben so: Der Transformer (oder Rechner, oder Kunstaufsteller) vom Berliner Tor wappnet Studierende für die Jahre nach der Hochschule. Wie genau diese aussehen, können sich Absolventen dank der renommierten Ausbildung oft selbst aussuchen.

Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Berliner Tor 9 (Hauptcampus)


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?