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Open-Air-Premiere am Thalia Gauß: “Opening Night”

Regisseurin Charlotte Sprenger hat ihre Inszenierung von “Opening Night” am Thalia Gauß kurzerhand in ein Open-Air-Stück umgewandelt. Im Zentrum der Handlung steht eine Theatergruppe, die um ihre Premiere fürchtet, weil die Hauptdarstellerin die Proben sabotiert

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Charlotte, deine Inszenierung hat durch die Corona-Krise eine unerwartete Meta-Ebene bekommen. Die Premiere im April musste abgesagt werden. Wie weit wart ihr, als der Lockdown kam?

Charlotte Sprenger: Wir hatten gerade erst mit den Proben angefangen. Nach fünf Tagen mussten wir aufhören, uns physisch miteinander zu treffen. Wir haben dafür direkt virtuell weitergemacht und bei Zoom-Treffen miteinander geprobt. Das ist aber im Endeffekt nicht vergleichbar, weil das Proben doch sehr stark von anwesenden Körpern lebt.

Wie kamst du auf die Idee, das Stück nach draußen zu verlegen? 

Ich hatte plötzlich das Bedürfnis, das Setting komplett zu verändern. Die Vorstellung, dass die Proben von den Hygienemaßnahmen dominiert werden, hat mich in meiner Fantasie blockiert. Draußen gibt es die Abstandsregeln auch, aber man ist sofort mit anderen Herausforderungen konfrontiert, wie das Stück dort zu übersetzen ist und das wird sofort wichtiger als die Maßnahmen. Man vergisst sie fast.

Wie läuft der Abend rein technisch ab?

Die Zuschauer haben Kopfhörer und die Schauspieler tragen Headsets und In-Ears. Die Dialoge sind dadurch sehr intim, die Schauspieler können leise miteinander sprechen obwohl sie weit voneinander entfernt sind. Dadurch müssen die Schauspieler nichts präsentieren, man schaut ihnen zu und belauscht sie.

„Opening Night“ basiert auf dem gleichnamigen Film von John Cassavetes. Was hat dich an dem Stoff gereizt?

Ich finde es faszinierend, wie eng Cassavetes mit Schauspielern zusammenarbeitet. Man spürt in seinen Filmen, dass sie eine vertraute Gruppe sind. Diese Form der Zusammenarbeit gefällt mir sehr. Das, was man am Ende dort sieht, ist das Ergebnis einer Auseinandersetzung und das Sichtbarmachen von gemeinsamen Erlebnissen.

 

Diese ernste Kunsteitelkeit finde ich langweilig

 

Cassavetes hatte eine „Film-Familie“, mit der er immer wieder zusammenarbeitete. Du arbeitest erneut unter anderen mit Oda Thormeyer und Merlin Sandmeyer. Wie macht sich die Vertrautheit im Stück bemerkbar?

Wir arbeiten ja jetzt auch durch die Verzögerung bereits seit vier Monaten an dem Stück. Da muss man sich irgendwann nicht mehr so viel erklären und das befreit. Wenn man sich kennt, kommt man schneller in eine direkte Kommunikation. Cassavetes hat seinen Schauspielern verboten, privat über ihre Figuren zu sprechen, damit alles während der Dreharbeiten verhandelt wird, was ich sehr lustig finde und auch verstehe. Aber das funktioniert natürlich nur mit einer gewissen Vertrautheit. Natürlich reden wir viel bei den Proben, aber es ist toll, wenn man über das Miteinander-spielen kommuniziert.

Also das Gegenteil vom im Hollywood beliebten Method-Acting, das eine Verschmelzung von Rolle und Privatleben vorsieht – und das in „Opening Night“ verballhornt wird. 

Das ist in unserem Fall auch eine interessante Frage, weil wir draußen an einem realistischen Ort spielen. Dem Ort, an dem die Schauspieler normalerweise in ihren Probepausen sitzen. Der Ort ist auf eine Art „Method“.

Es geht also auch um die Frage nach „Authentizität“ – ein vergiftetes Wort. Was verstehst du darunter im Rahmen des Schauspiels?

Authentizität bedeutet nicht, möglichst glaubwürdig zu heulen oder sich echt ohrfeigen zu lassen. Sondern, dass man sich selbst als Mensch auf der Bühne ernst nehmen kann. Die Protagonistin Myrtle ist auf ihre Art eine Galionsfigur der Behauptung. Das Ende des Films ist zwar traurig, weil sie an sich selbst zerbricht und dem Alkoholismus verfällt. Aber ich habe es immer auch als ein Happy End empfunden. Sie befreit sich selbst, indem sie sagt: Ich bin ein autonomer Mensch auf der Bühne und kann mich auf der Bühne entscheiden, was ich tue. Deswegen finde ich es beim Inszenieren so wichtig, eine Struktur zu schaffen, in der die Schauspieler sich frei bewegen können. Ich will kein festes Konstrukt bauen, das sie abtanzen müssen.

Die sturzbesoffene Myrtle lässt das Stück als improvisierte Farce enden. Bei euren Proben wurde auch viel gealbert. Hat das Alberne eine bestimmte Funktion?

Mich interessiert Albernheit sehr, weil ich es schön finde, wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt. Diese ernste Kunsteitelkeit finde ich langweilig. Die Sachen, die mich am Theater berühren, wechseln immer zwischen großem Ernst und krassem Quatsch. Ich habe das Gefühl, dass es in Deutschland ein merkwürdiges Verständnis von Spaß gibt. Es muss entweder eine dieser Blödel-Ko- mödien sein, oder nur bierernst. Mich interessieren Misch-Genres, egal, was für einen Stoff ich bearbeite.

Warum?

Weil so Klischees gebrochen werden können. Bei Cassavetes geht es immer um das Anti-Klischee. Er wühlt so stark in diesem klischeehaften Erzählmuster über eine zickige Diva, bis das Thema überhaupt nicht mehr klischiert ist. Weil Myrtle immer überraschend ist.

Letztes Jahr feierte Charlotte Sprenger mit “Vor dem Fest” ihren Einstand am Thalia Theater (Foto: Markus Bachmann)

Was ist das Interessante an Myrtle?

Sie ist eine Frau, die an sich selbst zerbricht. Es gab schon so viele Filme über Frauen, die an äußeren Umständen zerbrechen – an der Unterhaltungsbranche, am Patriarchat. Für mich als Frau ist es inspirierend, wie Gena Rowlands diese Rolle spielt. Ich darf sehen, wie sie sich selber widerspricht. Cassavetes zeigt: Man darf widersprüchlich sein, auch als Frau.

Myrtle hat Angst, auf die Rolle der alternden Frau festgelegt zu werden. Alternde Frauen in der Showbranche, das ist ja auch so ein besetztes Thema. 

Cassavetes greift dieses besetzte Thema auf und verändert es. Und dadurch verändert er auch ein bisschen die Welt, so pathetisch das klingt. Denn ich sehe mir den Film an und mein Weltbild verändert sich. Weil ich lerne, dass die Wahrheit nie so einfach, sondern viel komplizierter ist. Mich interessiert es, wenn Sachen emotional komplex sind. Eine Frauenrolle muss nicht vernünftig und die Aufklärung in Person sein, um sich zu behaupten. Sie darf auch eine Rotzgöre sein und dabei trotzdem etwas für sich begreifen. Frauenfiguren müssen nicht gesellschaftlich erkennbar und einordbar sein.

Du hast mal in einem Interview das Thema „Wehrlosigkeit“ als zentrales Motiv in deinen Arbeiten genannt. Gilt das auch für „Opening Night“?

Mich interessiert der Kampf gegen die Wehrlosigkeit. Myrtle wehrt sich gegen die Rolle, mit der sie nichts anfangen kann, indem sie sagt, dass sie nicht gut ist. Sie weiß noch nicht einmal genau, was nicht gut ist. Aber sie spürt es intuitiv und sagt es. Darin liegt so eine große Befreiung, durch die sie ihre eigene Position finden kann – egal, wie verrückt oder einsam diese Position ist. Durch das Wehren kommt erst die Schönheit ins Leben.

Thalia Gauß, (Innenhof)
16.8. (Premiere), 19., 27., 28., 29., 30.8. und weitere 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Kulturisten-Hoch2: Generationen auf Augenhöhe

Wenn junge und alte Menschen gemeinsam etwas erleben, ist das für beide Seiten bereichernd. Das Projekt Kulturisten-Hoch2 macht dies möglich. Wie prägend ein Abend sein kann, erzählt die Initiatorin Christine Worch

Interview: Karin Jirsak

 

SZENE HAMBURG: Frau Worch, KulturistenHoch2 bringt Senioren und Schüler als Tandem für Kulturveranstaltungen zusammen. Wie läuft das ab?

Christine Worch: Seit 2016 bilden wir Kooperationen mit Schulen in Stadtteilen, in denen signifikant viele ältere Menschen mit niedrigem Einkommen leben. Einmal im Jahr stellen wir das Projekt in den Schulen vor, und die Schüler der jeweiligen Oberstufen können sich bei Interesse anmelden.

Wenn wir mindestens 15 Anmeldungen haben, kann das Projekt starten. Erst dann suchen wir die älteren Menschen in einem Stadtteil über verschiedene Kommunikationskanäle. Da stützen wir uns zum Beispiel auf Kooperations- und Netzwerkpartner, wie den ASB oder auch kirchliche Seniorentreffs.

Mittlerweile gibt es auch schon viel Mundpropaganda. Dank unseres Kooperationspartners Kulturleben Hamburg, der Tickets für Kulturveranstaltungen an Menschen mit geringem Einkommen vermittelt, können wir den älteren Menschen Karten für vielseitige Veranstaltungen anbieten, für die sie im Vorfeld Interesse bekundet haben. Wenn sie sich für eine Veranstaltung entschieden haben, suchen wir nach einer passenden Begleitung in der näheren Umgebung.

Funktioniert das Prinzip?

Bis jetzt haben sich rund 600 Tandems gefunden. Also ja.

Welche Veranstaltungen besuchen die Tandems?

Je nach Interesse der teilnehmenden Senioren kann das mal ein klassisches Konzert sein, eine Ausstellung, ein Theaterstück. Oder auch mal etwas Ungewöhnlicheres. Gleich im ersten Jahr sind zwei Tandems zum Wacken Open Air gefahren. Ein 69-jähriger Teilnehmer sagte hinterher, er sei völlig begeistert davon gewesen, dass da 80.000 „wild aussehende Menschen“ so friedlich zusammen feiern.

Wieso haben Sie sich für ein Generationen-Projekt entschieden?

Ich war früher im Marketing und Vertrieb tätig, aber vor fast genau acht Jahren hatte ich den großen Wunsch, mein Know-how auf diesem Gebiet in etwas Soziales einzubringen. Ich habe dann eine Fundraising-Ausbildung gemacht, bin als Beraterin in verschiedenen Demenzprojekten tätig gewesen und habe unter anderem auch für Kulturleben Hamburg gearbeitet.

Dabei habe ich bemerkt, dass es immer wieder ältere Menschen gab, die das Angebot, eine Kulturveranstaltung zu besuchen, zwar gerne in Anspruch genommen hätten, aber darüber klagten, dass ihnen eine Begleitung fehle. Jemand, der gegebenenfalls auch helfen kann, wenn die ältere Person nicht mehr so mobil ist.

 

Wenn Alt und Jung Freunde werden

 

Unternehmen die Tandems nach dem ersten Treffen öfter etwas zusammen?

Wenn da Menschen aufeinandertreffen, die sich mögen, versuchen wir, sie künftig gemeinsam zu vermitteln. Gelingt das nicht, weil zum Beispiel die Schülerin oder der Schüler an dem fraglichen Abend keine Zeit hat, so hat der ältere Mensch die Chance einen anderen jungen Menschen kennenzulernen.

Es kommt durchaus vor, dass dauerhafte Freundschaften entstehen und die Teilnehmenden auch über das Projekt hinaus weiter Kontakt haben.

Welche Rückmeldungen kommen bei Ihnen an?

Beide Seiten freuen sich darüber, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die einer ganz anderen Generation angehören als sie selbst und dass sie so in vielerlei Hinsicht ihren Horizont erweitern können. Gerade Jugendliche, deren Großeltern nicht in ihrem direkten Umfeld leben, finden es interessant, die Geschichten älterer Menschen zu hören.

Viele sagen auch, dass sie durch das Projekt auch Kultur kennenlernen konnten, auf die sie alleine wahrscheinlich nicht gekommen wären.

Warum sind gerade Kulturveranstaltungen eine gute Möglichkeit, Generationen zu verbinden?

Auf beiden Seiten gibt es oft Vorurteile, und eines unserer wichtigsten Ziele ist es, diese abzubauen. Dazu ist es wichtig, dass sich die Jüngeren und die Älteren auf Augenhöhe begegnen, die Kultur kann da ein sehr guter Mittler sein.

Wir hatten zum Beispiel mal eine 17-jährige Teilnehmerin, die mit ihrer 78-jährigen Partnerin das erste Mal in die Oper gegangen ist, was natürlich sehr aufregend für sie war. Die ältere Dame war dagegen eine vormals versierte Operngängerin. Beide haben bei einer tragischen Szene zusammen geweint, und das Mädchen sagte hinterher, sie habe die Geschichte, die da auf der Bühne gezeigt wurde, durch das anschließende Gespräch mit ihrer Begleiterin erst richtig verstanden.

Kulturisten-Hochzwei-Alter-Test-Anzug

So ausgerüstet fühlen Jugendliche nach, wie es ist, zu altern

Die Jugendlichen werden für die Teilnahme an dem Projekt vorher geschult. Was wird dabei vermittelt?

Zum Beispiel, wie sie Menschen mit Rollstühlen und Rollatoren unterstützen können. Auch ein Alterssimulationstraining gehört zur Ausbildung. Seheinschränkungen werden zum Beispiel mit verschiedenen Brillen simuliert, ein Schallschutz lässt die Jugendlichen Schwerhörigkeit nachempfinden. Eine Halskrause, Gewichte für die Hand- und Fußgelenke und Ellbogen, jeweils zwei Kilo schwer, und spezielle Handschuhe zeigen die Einschränkungen von Gelenkversteifungen. Dazu kommt noch eine 25 Kilo schwere Weste, die den Kraftverlust des Gesamtorganismus fühlbar macht.

Nach spätestens fünf Minuten Bewegung in dieser Montur wird den Jugendlichen klar, dass das Altern wirklich kein Spaß ist und sie entwickeln großen Respekt davor, was ältere Menschen jeden Tag leisten müssen. Wir gehen dann auch noch einmal in diesem Aufzug mit den Teilnehmenden einkaufen. Dabei begreifen die Jugendlichen dann auch, warum es manchmal so lange dauert, wenn vor ihnen an der Kasse ein älterer Mensch steht.

Was bewirkt das bei den Jugendlichen?

Es gibt Jugendliche, die nach dem Projekt den Wunsch äußern, in der Altenpflege tätig zu werden. Sie bekommen nach Ablauf des Projektjahres ein Zertifikat für ihren ehrenamtlichen Einsatz. Daraus können sich also auch Zukunftsperspektiven entwickeln.

Kulturisten-hoch2.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Imperial Theater: Von der Musical- zur Krimi-Bühne

Vor 25 Jahren startete Intendant Frank Thannhäuser seine künstlerische Vision in den Räumen eines ehemaligen Pornokinos. So war’s und so wird’s beim Imperial Theater

Interview: Karin Jirsak
Fotos: delovska.de

 

SZENE HAMBURG: Frank, ein Vierteljahrhundert Theater auf dem Kiez – da darf man schon mal ein bisschen nostalgisch werden. Erzähl doch mal ein bisschen über die Anfangstage. 

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Im Premieren- und Jubiläumsfieber: Frank Thannhäuser (Foto: Freelens Pool Malzkorn)

Frank Thannhäuser: An­fang der 1990er Jahre spielten wir als deutsche Erstaufführung „Grease“ in der ehemaligen Bowlingbahn am Anfang der Reeperbahn, wo heute die Tanzenden Türme stehen. Dort war auch der Mojo Club und der „Quatsch Comedy Club“ beheimatet. Als der Abriss kurz bevor stand, mussten wir neue Räumlich­keiten suchen und wurden gleich auf der anderen Stra­ßenseite fündig: Hamburgs größtes Pornokino war schon seit Monaten geschlossen, die Rollos waren unten.

Ich bin dann zu der Besitzerin des Hotels gestiefelt und hab sie gefragt, ob ich da mal rein­gucken darf. Die hat sich wohl auch gedacht: „Was kommt denn da jetzt auf mich zu?“ Trotzdem ist sie dann mit mir runtergegangen, und da war alles ganz heruntergekom­men, grottig und braun, so wie man es in den 70er Jahren gern hatte. Wir haben dann aber beschlossen, die Spiel­stätte anzumieten und zum Musiktheater umzubauen.

Wir spielten „Grease“ weiter und später auch weitere Mu­sicals wie „Kleiner Horror­ laden“ oder „Rocky Horror Show“. Doch Ende der 90er Jahre wurde es wegen der hohen Produktionskosten finanziell sehr eng für uns als kleines Musiktheater. Wir brauchten also etwas Neues. Dann kamen wir auf die Idee, spannende Krimis auf die Bühne zu bringen und waren dann nicht mehr ein Musiktheater unter vielen, son­dern Hamburgs einziges Kri­mi-­Theater. Das hat uns allen sehr gut getan.

Sieht man. Ist denn aus den alten Pornokino-Tagen noch irgendetwas hier erhalten geblieben an Interieur?

Man könnte denken, un­sere original 50er­-Jahre­-Sput­nik­-Lampen – aber die haben wir einem Schuhladen in Remscheid abgekauft. Tat­sächlich mussten wir hier sozusagen jeden Stein umdrehen. Auch die Stühle wurde gegen eine gebrauchte Thea­terbestuhlung aus dem Plane­tarium Jena getauscht …

 

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Imperial Theater: Früher Pornokino – jetzt Krimitheater

 

25 Jahre auf der Reeperbahn, gab’s da nicht mal Stress?

Bis auf die Sprengung des Nachbarhauses in unserem Gründungsjahr 1994, tatsäch­lich gar nicht! Wir sind ja hier ziemlich am Anfang von der Reeperbahn, da haben wir das gute Ende von der Wurst erwischt.

Stichwort Jubiläumsinszenierung: Warum habt ihr euch für „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ entschieden?

„M“ war schon länger ein Wunschkind. Der Stoff ist zeitlos, finde ich. So lange es Kinder gibt, sorgt man sich um sie und gerät aus der Fas­sung, wenn irgendetwas pas­siert. Im Kern geht es um das Menschliche. Wozu sind Leu­te in Extremsituationen fähig? Um das zu erzählen, helfen auch die Songs im Stück: Es funktioniert besser, über in­nere Abläufe zu singen, als da­rüber zu reden. Nebenbei war das auch unser Wunsch fürs Jubiläum: die Anfänge des Musiktheaters mit dem Krimi zusammenzubringen.

Wann und wo spielt das Stück?

In den 20ern, wie der Fritz­-Lang-­Film. Wir benutzen zu 70 Prozent das Originaldreh­buch. Den Stoff in die heutige Zeit zu übertragen, da hätte es zu viele Stolpersteine gegeben. Die Kommunikation funktio­nierte ja ganz anders – keine Handys, kein Internet – und die gesellschaftlichen Hie­rarchien waren andere.

Den Schauplatz haben wir aller­dings von Berlin nach Ham­burg verlegt. Hier hätte so was ja genauso gut passieren können, da muss man nicht so tun, als wäre man in Berlin.

 

„Tornado in Beige“

 

Wie sieht das dann hier auf der Bühne so aus?

Wir befinden uns in ei­ner alten Fabrikhalle. Überall ist Gebälk und hinten auf die Wand ist eine alte Reklame gemalt. Es ist überall Mauer­stein zu sehen. Es gibt ver­schiebbare Treppen … Alles ist gebraucht, alt und knarzig. Die Kostüme sind tatsächlich alle im 20er­-, 30er-­Jahre-­Stil gehalten. Die Kulisse ist eher bräunlich­gräulich. Die Kostüme sind die Farbkleckse darin, die sind sehr poppig.

Du zeichnest ja auch für die Kostüme verantwortlich. Gab es da eins, das Du als Erstes im Kopf hattest?

Es gibt dieses nervig-­ko­mische Ehepaar, die Kubitzkes. Die sind Denunzianten und wollen unbedingt die hohe Belohnung einstreichen, die für die Ergreifung des Mörders ausgesetzt ist. Beide sind im Partnerlook und tragen ein beiges Karo. „Tornado in Beige“, nennt meine Kollegin die beiden immer.

Gab es in 25 Jahren so was wie ein Lieblingskostüm, oder auch mal eins, das besonders schwierig war?

Die Schurken sind immer eine Herausforderung. Das ist eine echte Gratwanderung: Sieht das jetzt gefährlich aus oder albern? Gerade bei Edgar Wallace zum Beispiel, wo man Figuren hat wie „Der Frosch mit der Maske“.

Der hatte bei uns eine Gasmaske auf und einen bodenlangen Kroko­-Imitat-­Ledermantel. Der glänzte und schwang so richtig schön – das sah toll aus in den Kampfszenen! Dazu gab es einen Gürtel mit dem Froschlogo vorne drauf, da­ran hingen Glaskolben mit Flüssigkeiten und ein Verzerr­-Lautsprecher. Fast wie aus einem Marvel-­Comic.

Wie geht’s nach dem Jubiläum weiter?

Nach „M“ kommt ab Herbst unser erster Edgar­-Al­lan­-Poe-­Klassiker „Der Unter­gang des Hauses Usher“ und ab Frühjahr 2020 „Die Tür mit den sieben Schlössern“ von Edgar Wallace. Im Herbst 2021 will ich mir einen alten Traum erfüllen und „Dracula“ machen. Das ist mal was ganz anderes, aber das wird auch sehr schön werden.

Ihr gehört ja zu den Erstunterzeichnern der Hamburger „Erklärung der Vielen“, die sich gegen rechtspopulistische Einflussnahme auf den Kulturbetrieb ausspricht. Was hat euch dazu bewogen?

Ich bin kein politischer Mensch und wir machen hier „nur“ Unterhaltung. Aber für mich ist es grundsätzlich un­vorstellbar, dass mir jemand sagt, das und das darfst du jetzt nicht mehr zeigen. Bei uns ist es zwar noch nicht so, es schadet aber auch nicht, hier ein bisschen übervor­sichtig zu sein. Das Theater muss ein Feld für freie Mei­nungsäußerung bleiben, und das müssen wir schützen.

Als „M“ geschrieben wurde, stan­den wir an einer Schwelle, an der wir heute vielleicht wieder stehen. „M“ führt ja auch sehr deutlich vor Augen, was pas­siert, wenn Leute mit Populismus konfrontiert werden, wie schnell sich Strömungen bilden, die dann nicht mehr auf­zuhalten sind. Da muss man sich einfach positionieren und dagegen rudern.

Imperial Theater: Reeperbahn 5 (St. Pauli)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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