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Das Gelände des UKE – ein Rundgang durch Klinikwelten

Vom Kinder-Komplex bis zum Gebetsraum: ein Rundgang über das Klinikgelände des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.

Babyblau, marineblau, graublau, alles blau. Das mehrere Meter breite Bild, das im ersten Stock hängt, zeigt ein Meer und einen Himmel und soll seine Betrachter wohl beruhigen. „Stell dir vor, du bist am Strand“, steht auf dem Bild, unsichtbar und doch deutlich zu erkennen für jeden, dessen Blick länger als zwei Sekunden darauf hängen bleibt. Nur ein Teil der über die Hallen und Flure verteilten Ausstellung von Regina von Fehrentheil: „Form. Farbe. Struktur“. Zwischen den Naturaufnahmen und großzügig aufgestelltem Grünzeug, am Empfang sogar Gladiolen, fühlt es sich an wie im Foyer eines 5-Sterne-Wellnesshotels.

Als beginne gleich hinter der blauen Kunst eine Sauna- und Whirlpool-Landschaft. Es ist aber kein Hotel. Es ist das Hauptgebäude des UKE, und die Flure führen zu allen denkbaren menschlichen Schicksalen. Spätestens die konzentrierten, ernsten Blicke der Frauen und Männer, die hinter den Aufnahmetresen der angrenzenden Fachbereiche sitzen, signalisieren: Hier geht es um viel, manchmal um alles.

Professor Doktor Doktor Soundso

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Stationstür im Hauptgebäude. Foto: Erik Brandt-Höge, Sophia Herzog

Die Rolltreppe hoch. Auf den Stufen bestimmen blaue Schwesternhosen und lange, weiße Kittel das Bild. Desinfektionsmittelmief vermengt sich mit dem Geruch von frischem Kaffee, den es am Ende der Treppe an der hauseigenen Bar gibt. Zwei Schwestern löffeln Eiskaffee mit riesigen Sahnebergen. „Geil“, sagt die eine, und die andere gähnt.

Es ist 18 Uhr, einige haben Feierabend, einige fangen erst an. Bei rund 11.000 Mitarbeitern auf dem gesamten Gelände stehen die UKE-Zahnräder nie still. 2.800 Ärzte und Wissenschaftler, 3.300 Pflegekräfte und Therapeuten, 3.400 Studierende, 118 Professoren: Das UKE belegt Rang drei in den Charts der größten Hamburger Arbeitgeber (1. Airbus, 2. Asklepios Kliniken).

Wie jede andere Klinik ist es ein Wirtschaftsunternehmen, daraus wird vor Ort auch kein Hehl gemacht. Im nächsten Gang hängen hochglanzpolierte Silbertafeln mit Firmennamen: Technik, Versicherung, Bank. Imposante Werbung. Viel imposanter als die Nennung der eigentlichen UKE-Stars. Die Namen der Professor Doktor Doktor med. Soundsos sind in schlichtem Grau auf den gläsernen Stationstüren verewigt.

Bitte warten – Schilderwald UKE

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Schild des Musalla-Gebetsraums im UKE. Foto: Erik Brandt-Höge, Sophia Herzog

Weiter über die Flure, den blauen PVC mit den weißen und beigen Punkten. Vorbei an der Post und dem Friseur. Die Anzahl der „Warten“-Schilder und dazugehörigen Bänke steigt inflationär, und das nur rund um den OP-Bereich (16 Säle) und die Intensivstation. Bis zum fünften Stock mit dem Kreißsaal und der Wochenstation kann und muss noch so viel mehr Zeit mit Nichtstun verbracht werden.

Auf einem schwarzen Ledersofa sitzen eine ältere Dame und ein älterer Herr. Sie hält seine Hand, streichelt mit dem Daumen rhythmisch über die Haut. Sie sieht ihn an, sein Blick geht zur Wand. Vor ihnen: ein professionell ausgestatteter Putzwagen aus Plastik und Metallgestänge, ein schnörkelloser Rollstuhl. Schwermütige Stille. Wenige helle Stimmen in der Ferne, ein kurzes Lachen und Gläserklirren lockern auf. Nicht weit von hier: der Gebetsraum (Musalla) und die Zimmer der evangelischen und katholischen Klinikseelsorger.

Auch einen „Raum der Stille“ gibt es. Helle Fliesen, lange, kirchentypische Bänke, Jesusbilder, Kerzen. Hier können Familien innehalten, was auch immer sie gerade hinter oder noch vor sich haben. In diesem Moment ist der Raum leer.

Wieder raus und über eine schmale, an Flughafengangways erinnernde gläserne Brücke zum nächsten Gebäude. Hinein in ein kahles Treppenhaus mit Neonröhrenbeleuchtung von den Wänden und hoch zum Kasino a. k. a. Mensa. Es riecht noch nach Ofenkartoffeln und gebratenem Gemüse. Heute gibt es nichts mehr, der Laden, in dem nicht zuletzt die Studierenden vom Pauken pausieren, ist ab 15 Uhr geschlossen. Wieder zurück, alle Wege, die Brücke, die PVC-Strecke, die Rolltreppe runter. Vorm Rausgehen: Espresso und Schokolade aus grell leuchtenden Automaten. „Make the day work“, steht auf einem.

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Eingang zum Klinikkomplex, einer Mini-Stadt in der Stadt. Foto: Sophia Herzog

Der Park: ein Extra-Zimmer

Direkt gegenüber, aus dem Eppendorfer Park, steigen Rauchwolken zum Himmel. Spätsommergrillen auf den frisch gemähten Wiesen. Eine Hand voll übergewichtiger Jogger schleppt sich hinter ihrem rückwärts laufenden Trainer über den Kiesweg, der das Areal umrahmt. Auf einer Bank am Rand: zwei Frauen, schweigend. Eine von ihnen trägt einen türkisfarbenen Mundschutz. Zwei Bänke weiter hören Jugendliche HipHop aus Handys und kiffen. Und im Zentrum, nahe eines kleinen Teichs, ist eine Slackline zwischen den Buchen gespannt. Ein Mittzwanziger balanciert, so gut er kann.

Der Park ist nicht besonders groß, nach einem fünfminütigen Schlendergang ist alles gesehen. Aber er ist dem Krankenhaus sehr nah, ein Extra-UKE-Zimmer geradezu. Leicht zu erreichen für Patienten und Angehörige, auch Rollstuhlfahrer haben keine Mühe. Kurzes Durchschnaufen vom Klinikbetrieb geht hier immer, auch weil sich Patienten und Nichtpatienten begegnen. Wer sich eben noch wegen seiner Beschwerden isoliert fühlte, ist ein paar Schritte weiter schon wieder mittendrin in der Gesellschaft. Kranke werden geradezu erwartet.

Mini-Villen im Pavillon-Stil

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Rotklinker-Gebäude im Pavillon-Stil. Foto: Erik Brandt-Höge, Sophia Herzog

Die Martinistraße runter. Auffällig hier: die zahlreichen Rotklinkergebäude, jeweils mit hohen Fensterfronten, teils mit wintergartenartigen Anbauten. Direkt vor dem hochmodernen Hauptgebäude gelegen, wirken die gepflegten Mini-Villen etwas aus der Zeit gefallen. Dabei waren sie es einst, die als extrem innovativ galten. 1889, als das UKE – damals noch NAK (Neues Allgemeines Krankenhaus Eppendorf) – eingeweiht wurde, basierte der Klinikbau auf dem sogenannten Pavillon-Stil. Die Idee dahinter: Heilung durch Licht und Luft. Zudem würden sich Krankheiten in mehreren kleinen Gebäuden nicht so schnell verbreiten können.

Deshalb ein Aufnahmepavillon, ein Krankenpavillon, ein Operationsbunker und, und, und. 55 Pavillons gab es insgesamt. Einige vergleichsweise große Rotbauten standen den Chefs zu, etwa dem Ärztlichen Direktor und dem Verwaltungsdirektor. Dass heute nicht mehr die ganz große Pavillon-Parade auf dem UKE-Gelände stattfindet, liegt an den Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg und der Runderneuerung des Komplexes danach. Die Auffassung dann: weniger Pavillons gleich bessere Patientenversorgung.

Highlight: die Hainbuche im Innenhof

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Die Hainbuche im Kinder-UKE. Foto: Erik Brandt-Höge, Sophia Herzog

Letzte Station: Kinderstation. Die Werner und Michel Otto Kinderklinik, kurz Kinder-UKE, ist der hellste Fleck auf dem Gelände, jedenfalls äußerlich. Die Fassade in feinen Terrakottafarben gehalten, die Jalousien in türkis, wirkt alles fröhlich, total angenehm. An den Fenstern kleben gebastelte Elefanten, um die herum allerhand Schönes schwirrt: Sonnen, Melonen, Eiswaffeln mit bunten Kugeln, Blumen und Sterne. Am Glas lehnen drei Schaukelpferde, die durch etwas Bewegung von den Reitern über die Flure galoppieren können.

Dass sich dahinter nicht nur 23 Spiel-, Gesellschafts- und Aufenthaltsräume verbergen, sondern auch drei Operationssäle und 148 Betten für die kleinen UKE-Patienten, ist Fakt, aber fast nicht zu glauben, zu schön ist dieser Ort, als dass es hier Leiden geben könnte

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Immer auf Achse sind die
2.800 Ärzte und Wissenschaftler. Foto: Erik Brandt-Höge

Vorbei an einer kleinen Blumenwiese und blauweißen Strandkörben, geht es in den Innenhof. Da ragt das grüne Highlight des Hauses 24 Meter in die Höhe: eine Hainbuche, die übrigens zuerst hier war. Der Klinikbau wurde bewusst drum herum gezogen und der Baum zum lebendigen Kern erklärt. Von jedem Flügel, von jeder Fensterfront aus ist er sichtbar.

Auf einem kreisrunden Weg um die Buche bewegen sich zwei große und zwei kleine Menschen langsam voran. Einer der beiden kleinen sitzt im Rollstuhl, ist versehen mit allerhand Schläuchen. Er lacht. Alle vier lachen. „Ich will Pudding!“, ruft der Rollifahrer, und der andere Kleine: „Du spinnst, du hattest schon drei!“ Wieder Lachen, jetzt noch lauter. Glück im Unglück, so scheint es. Offensichtlich ist nur eines: Die Möglichkeit, hier mit Krankheit gut umzugehen.

Der Zukunftsplan 2050

Kliniken brauchen Standards, und Standards müssen erhöht werden – eh klar. Einen symbolischen Baggereinsatz gab es deshalb erst kürzlich: Der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des Klinikums, Prof. Dr. Burkhard Göke, hat damit den Zukunftsplan 2050 gestartet. Aktuell im Fokus: Neubauten des Universitären Herzzentrums, der Martini-Klinik und des Campus Forschung II sowie des Hamburg Center for Translational Immunology.

Text: Erik Brandt-Höge
Fotos: Jérome Gerull (Beitragsbild) / Sophia Herzog & Erik Brandt-Höge

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: Martinistraße 52, www.uke.de



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Titelthema – Zwei Freundinnen in der Pflegediakonie

In Groß Flottbek leben zwei alte Freundinnen gegenüber von einander. Im Bugenhagenhaus, einer Einrichtung der Pflegediakonie, hat jede von ihnen ein kleines neues Zuhause gefunden.

Ein ganzes Haus gegen eine Anderthalb-Zimmer-Wohnung tauschen? Kein guter Deal – möchte man meinen. Wenn er im Alter jedoch zu einer Steigerung der Lebensqualität führt, wird er zumindest in Betracht gezogen. Ingeborg (90) und Helga (86) sind seit vielen Jahren befreundet und haben sich entschlossen, das Service-Wohnen der Pflegediakonie in Groß Flottbek wahrzunehmen. Dort ist es grün, ruhig, gemeinschaftlich. Die kleinen Wohnungen der Damen liegen direkt gegenüber, eine hilft der anderen, und einen Hund hatten sie auch schon zusammen. Ein Gespräch über die Noch-Generation, Zeitmangel und ein von der Gemeinde inspiriertes Geschäftsmodell.

Ingeborg: Eine von uns ist 86 und eine 90 Jahre alt. Nun raten Sie mal!

SZENE HAMBURG: (überlegt)

Ingeborg: Er sagt nichts, weil er weiß: Eine von uns könnte beleidigt sein. Versuchen wir es anders: Wir gehören beide zur Noch-Generation. Wissen Sie, was das ist?

SZENE HAMBURG: Erzählen Sie mal.

Ingeborg: Als wir 17 waren, fragte man uns: Hast du schon das Abitur? Hast du schon einen Freund? Jetzt fragt man uns: Haben Sie noch alle Zähne? Fahren Sie noch Auto? Kochen Sie noch selbst? (beide lachen herzlich)

So belustigt, wie Sie das sagen, scheint es Ihnen nichts auszumachen.

Helga: Da sind wir drüber weg, würde ich sagen.

Ingeborg: Ja, das sind wir.

Wie würden Sie denn Ihre Generation beschreiben?

Ingeborg: Ich würde sie als tapfer bezeichnen. Wir haben so einiges hinter uns und es überstanden. Wir können entspannt sagen: Was soll uns noch passieren?

Ihre Entspannung liegt vielleicht auch an Ihrer aktuellen Lebensqualität.

Helga: Ja, wir haben hier alles, was wir brauchen.

Was brauchen Sie denn?

Ingeborg: Eigentlich brauchen wir immer nur Zeit – und genau die haben wir eben nicht. (lacht)

Helga: Das stimmt. Und ansonsten brauchen wir heute kein ganzes Haus mehr, sondern nur noch eine kleine Wohnung. Und die Wohnungen, die wir jetzt haben, sind genau richtig.

Ingeborg: Es gibt hier drei Größen, und bescheiden wie wir sind, haben wir die kleinste genommen. Die ist sehr praktisch. Wenn einem mal komisch zumute ist, gibt es immer eine Wand in der Nähe. Und: Wir durften den Hund mitnehmen.

Foxterrier „Stupsi“ war der gemeinsame Hund von Ingeborg und Helga.

Haben Sie sich einen geteilt?

Ingeborg: Ja, Stupsi, einen Foxterrier. Als wir uns auf die Wohnungen bewarben, war es unser Wunsch, ihn mitzunehmen. Haben Sie auch einen Hund?

Nein, aber unser Fotograf.

Ingeborg: Was für einen?

Michael Kohls: Eine spanische Mischlingshündin.

Ingeborg: Es gibt keine Mischlinge. Es gibt nur Kinder der Liebe! Und Sie (auf Interviewer zeigend) gehen mal ins Tierheim und holen sich auch einen!

Es fehlt mir an Zeit, um einem Hund gerecht werden. Sie sagten, Sie hätten auch keine. Womit verbringen Sie Ihre Tage?

Ingeborg: Also erst mal stehen wir nicht mehr so früh auf wie früher. Nicht mehr um fünf, sondern um acht. Dann lesen wir Zeitung, frühstücken und telefonieren. Wir wollen ja wissen, was es Neues gibt.

Helga: Und dann haben wir unter anderem die Möglichkeit, ein Gedächtnistraining zu machen. Danach ist Mittagessen und Ruhen.

Ingeborg: Nachmittags gibt es auch immer Programm. Krankengymnastik, Doktortermine, Campuscafé, Kartenspielen und Stricken zum Beispiel. gebracht, die wir verstrickt haben. Wir haben gestrickt wie verrückt! Die fertigen Sachen haben wir dann verscheuert und viel Geld verdient. Davon haben wir einiges für uns und unsere Nachbarn kaufen können: Sonnenschirme und -stühle, Tische, ein Krocketspiel.

Haben Sie eigentlich auch viele Berührungspunkte mit der Religion? Sie leben ja in einer diakonischen Einrichtung.

Wir kriegen den lieben Gott nicht um die Ohren gehauen – Gott sei Dank (lacht). Aber beim Campuscafé kommen immer Pastoren dazu.

Klingt alles sehr zufrieden. Fehlt Ihnen trotzdem irgendetwas?

Ingeborg: Nur Dinge, die man nicht ändern kann: Dass man schneller müde wird als früher. Dass man nicht mehr so gut laufen kann. Dass man nicht mehr so gut gucken können …

Helga: … und hören schon gar nicht (lacht).

Ingeborg: … was aber auch nicht so schlimm ist, weil das meiste ja doch Quatsch ist.

Und wie ist das Verhältnis zu Ihren Nachbarn?

Ingeborg: Wir sitzen uns nicht gegenseitig auf dem Schoß, unterstützen uns aber, wie wir können. Wir haben zum Beispiel Schlüssel getauscht, so dass wir anderen aufmachen können, wenn sie mal ausgeschlossen sind. Und unsere Geburtstage feiern wir natürlich zusammen.

Helga: Dann gibt es Sekt für alle! (beide lachen).

Interview & Text: Erik Brandt-Höge
Fotos: Michael Kohls


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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