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Unsere Tipps gegen die Quarantäne-Langeweile

Zeit alleine zu verbringen, muss nicht unbedingt Langeweile bedeuten! Hier sind Tipps der Redaktion für eine erfolgreiche, gemeinsam einsame Zeit im Corona-Ausnahmezustand.

 

 

Angucken

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Foto: Ikhsan Sugiarto via Unsplash

 

Ich bin Old-­School-­Fernsehgucker: Was läuft, gucke ich. Also nicht alles, aber das, was mich im vorgegebenen Programm in­teressiert. Streaming mache ich nicht, Mediatheken nutze ich nicht. Ich vertraue den Sendern, dass schon was für mich dabei ist. Das zahlt sich in der Regel nur am Feierabend aus. Oder am Wochenende. In dieser unfassbaren Zeit hingegen muss ich nicht lange warten.

Aufstehen, einschalten. Und zappen, was das Zeug hält. Voll meins! Klar, anfänglich wollte ich nur Nachrichten sehen. Allerdings war der Overload schnell eingestellt und Corona durch die Info­flut gefühlt in jede Ecke meines Wohnzimmers gespült. Selbstauferlegte Regel seitdem: News täglich nur dreimal, nämlich morgens, mittags, abends. Dazwi­schen verzichte ich bewusst auf Absurdes und setze auf Dokus. Ehrlich: Noch nie so viele Dokus gesehen! Und so gute. Zum Beispiel über Politik kurz vorm 20. Jahrhundert. Über Mode der 1960er. Über Börse im Allgemeinen. Über Bachforellen im Speziellen. Corona­-Krisen-­Fernseh-­Fazit bisher: ungewollt, aber viel gelernt.

/ Erik Brandt-Höge

Buch: „Fast genial“ – Benedict Wells, Podcast: „Freistil“, Film: „Herr Lehmann“

 

Aufheben

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Vor einer Weile habe ich mir einen Müll­greifer für gut 15 Euro im Internet bestellt. Kurz nach Neujahr habe ich begonnen, da­mit an der Alster aufzuräumen. Konfetti, Raketenstile, Flaschen, Feuerwerkskörper und deren Verpackungen. Zu diesem Zeitpunkt sah es dort fürchterlich aus.

Dieses Fleckchen Erde in Ottensen (Foto oben) war mir schon lange ein Dorn im Auge. Also die leeren Kippenpackungen, Bierdeckel, Plastikfolien, Einwegbecher und Schnapsflaschen, die in den toten Sträuchern fast schon eingewachsen wa­ren. Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass man beim Müllsammeln schnell schlechte Laune bekommt, schließlich macht man den Dreck anderer Menschen weg. Sehe ich zum Ende einer Aktion eine saubere Grünfläche, dann erfüllt mich das mit Stolz. Es geht aber um mehr als meinen Stolz. Und zwar darum, dass mich meine Mitmenschen sehen, dass sie dadurch an ihren eigenen Konsum erinnert werden und im eigenen Viertel oder Hinterhof vielleicht selbst zum Schnapper greifen. Schließlich sind Schmutz und Unsauberkeit auch Verursacher von Krankheiten, vom Anblick ganz abgesehen. Ich nutze die freie Zeit also gern, um meine Stadt etwas reiner zu machen.

/ Basti Müller

Buch: „Into Thin Air“ – Jon Krakauer, Podcast: „Jonna & Pumba“, Film: „Scary Movie“

 

Anhören

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Mit 15 habe ich im Kinderzimmer meines Onkels seine alten Platten aus den 80ern gefunden. Darunter viel von Die Ärzte, zum Beispiel das Dreifach-­Live-­Album „Nach uns die Sintflut“ und die „Ab 18“­EP. Weil ich Ärzte-­Fan war und alles, was im Entferntesten mit der besten Band der Welt zu tun hatte, gesammelt habe, war ich völlig aus dem Häuschen, als mein Onkel mir die Platten einfach geschenkt hat. Da brach mein purer Materialitätsfetisch durch, diese riesigen Platten sind ja viel schöner als CDs und als MP3s sowieso und dann rochen die Platten meines Onkels auch noch so antik.

Ich habe mir dann jedenfalls vorgenom­men, eine Plattensammlung aufzubauen. 15 Jahre später besteht diese Sammlung aus sage und schreibe 30 (!) Platten, die bis vor einer Woche keine Verwendung fanden, weil ich die ganze Zeit keinen Plattenspieler hatte. Jetzt aber, haha!

Letzte Woche kam, nach 15 Jahren der Prokrastination, völlig aus dem Nichts die Einsicht aufgeploppt, dass ich mir jetzt sofort eine Vinyl­ Anlage kaufen muss. Hab’ ich dann auch gemacht. Konnte sie zum Glück noch rechtzeitig abholen, nur einen Tag später, und es wäre zu spät (höhöhö) gewesen, Co­rona hätte mir einen Strich durch die Rechnung gemacht – und ich hätte mein Anlie­gen wieder liegenlassen. Achso: Während der Quarantäne werde ich einfach die gan­ze Zeit schlafen.

/ Ulrich Thiele

Buch: „Naokos Lächeln“ – Haruki Murakami, Podcast: „Dear Reader“, Film: „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“

 

Ausmisten

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Foto: Sarah Brown via Unsplash

 

Bett, Bücherregal, Kommode, Schreibtisch, Pflanze – mein Hab und Gut nimmt einen Großteil meines 14-Quadratmeter­-WG­-Zimmers ein. Das stört mich im Re­gelfall überhaupt nicht, es macht mein Zuhause sogar richtig gemütlich. Wäre da nicht die Quarantäne. Denn spätestens an Tag drei der selbstauferlegten Isolation rücken die Wände immer näher und der Hamburger Himmel beim Blick aus dem Fenster immer weiter weg. Die Lösung: Ausmisten.

Wenn die Klaustrophobie zu­nimmt, muss eben mehr Platz her. Wer braucht schon den zerknautschten Sessel in der Ecke, der sowieso immer unter einem Haufen Klamotten verschwindet? Und apropos Klamotten: Die alten Blusen ganz hinten in der Schublade kommen auch in fünf Jahren nicht mehr in Mode. Klar, der Schnickschnack im Wandregal sieht ganz nett aus – aber die eingerahmten Fotos von der Abi­-Fahrt und die ungelesenen Ratgeber fangen dort nur Staub. Was raus muss, wird auf dem Dachboden zwischengelagert und gespendet, wenn das Leben irgendwann wieder in gewohnten Bahnen verläuft. Außerdem: Wer hat im schnelllebigen Alltag die Zeit, sich durch sein ganzes akkumuliertes Eigentum zu wühlen? Ausmisten ist also nicht nur eine wunderbare Beschäftigungstherapie, sondern auch ein Projekt, das wir insgeheim schon alle viel zu lange aufschieben.

/ Sophia Herzog

Buch: „Alles Licht, das wir nicht sehen“ – Anthony Doerr, Podcast: „Your Own Backyard“ (Englisch), Film: „Lost in Translation“


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Billbrook: ein Stadtteil zwischen Industrie und Natur

Etwas ab vom Schuss, aber weltweit vernetzt liegt das Industriegebiet im zentralen Osten der Stadt. Ein Gespräch mit Falko Droßmann, Bezirksamtsleiter in Hamburg-Mitte, über Billbrook als Riesenchance für Hamburg.

Text und Interview: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Philipp Schmidt

Aus der Luft erscheint Billbrook als Stadtoase – aber nicht als grüne. Grün ist nur der Oasenrahmen, der sich durch die angrenzenden Viertel Moorfleet, Billwerder, Veddel, Hamm und Billstedt ergibt. Billbrook wird farblich von Grautönen bestimmt. Ein großer grauer Fleck. Der kommt von der Industrie. Speditionen, Lager- und Produktionshallen, Logistikzentren, Werkstätten, Verbrennungsanlagen, Paletten- und Recyclinghöfe stehen dicht an dich. Dazwischen bewegen sich allerhand Lkw, Schaufelbagger und andere Großmaschinen.

Hier, im mittleren Hamburger Osten, wird nicht gelebt, hier wird malocht und die Wirtschaft in Gang gehalten. Auf einer Fläche von rund 770 Hektar lenken über 1.000 Unternehmen mit zusammen mehr als 20.000 Mitarbeitern ihre weltweiten Geschäfte, machen Milliarden. Und es soll noch viel mehr werden.

Das Entwicklungskonzept „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ sieht eine Modernisierung dieses größten norddeutschen Industriegebiets (außerhalb des Hamburger Hafens) vor. Etwa sollen neue, zukunftsorientierte Unternehmen hinzukommen und die Straßen, die unter der jahrelangen intensiven Nutzung gelitten haben, saniert werden. Die großen Pläne der Politiker bringen aber auch Probleme mit sich.

 

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Wohnen geht hier nur für wenige: Schaufelbagger und Schornsteine bestimmen Norddeutschlands größtes Industrie-gebiet. Foto: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Falko Droßmann, können Sie Ihre aktuellen Aufgaben in Billbrook mit einem Adjektiv beschreiben?

Falko Droßmann: Herausfordernd.

Was ist besonders herausfordernd?

Wir haben in Billbrook das größte Industriegebiet Norddeutschlands. In Hamburg-Mitte sitzen rund 46.500 Unternehmen, wovon sehr viele Industriebetriebe in Billbrook sind. Meine Aufgabe ist es, Produktionsmöglichkeiten für diese Unternehmen zu erhalten und Erweiterungsmöglichkeiten zu schaffen. Außerdem gilt es, den Klimaschutz voranzutreiben.

Erweiterung der Industrie und mehr Klimaschutz – wie geht das zusammen?

Durch neue Technologien. Was die Firmen in Billbrook in den letzten Jahren allein in Filteranlagen und komplett neue Produktionswege investiert haben, ist enorm. Wir als Stadt können zusätzlich beraten und erklären, welche Förderprogramme es gibt. Kurz: Industrie und Klimaschutz sind überhaupt kein Widerspruch.

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Falko Droßmann sieht den
Stadtteil nicht als „abgehängt“ – im Gegenteil. Foto: privat.

Wenn in Billbrook so viel Gutes passiert, wie kommt es, dass der Stadtteil immer noch als „abgehängt“ gilt?

Ich kenne die Ansicht einiger, dass nicht nur Billbrook, sondern der gesamte Osten Hamburgs vom Rest der Stadt abgehängt ist. Teilweise wird da gar von „vergessenen Stadtteilen“ gesprochen. Aber mal zu den Fakten: In Billbrook arbeiten Tausende von Menschen, die Milliarden erwirtschaften. Dort befinden sich hochagile Wirtschaftsunternehmen, die weltweit agieren. Ich würde also absolut nicht von „abgehängt“ sprechen.

Als Industriegebiet nicht, aber als Wohngebiet. Das war es einmal, bevor es in den 1950er Jahren umfunktioniert wurde.

Damals war es eine Generationenentscheidung für die Industrie, die Bestand hat und immer haben wird. Niemand verfolgt das Ziel, in Billbrook Wohnraum zu schaffen. Billbrook ist kein Wohngebiet und wird es auch nie werden.

Rund 2.000 Hamburger wohnen dort allerdings noch.

Ja. Ein Großteil von ihnen, 650 Menschen, leben in einer öffentlich-rechtlichen Unterkunft, weitere 600 in einer Flüchtlingsunterkunft.

Wie würden Sie die Lebensbedingungen dieser Billbrooker beschreiben?

Es handelt sich um eine besondere Lebenssituation. Das Umfeld ist geprägt von Industriebetrieben und großen Verkehrsachsen. Aber Billstedt mit seinen vielen Tausend Einwohnern und dementsprechend vielen Angeboten sowie die Elbe sind ja nicht weit. Es gibt für diese Billbrooker also eine exotische Mischung aus alltäglichen Eindrücken und Möglichkeiten.

Festzuhalten ist also: Nicht mehr Wohnraum für Billbrook – dafür aber bald noch mehr Industrie, wie aus einem Entwicklungskonzept für den Stadtteil hervorgeht. Bevor wir dazu kommen: Kann man in Billbrook eigentlich von einer alten und einer neuen Industrie sprechen?

Nein. Es gibt einige Stadtplaner, die Debatten über solche Begriffe führen, und klar, in Billbrook stehen eingeschossige Bauten, die wir in der Form heute nicht mehr errichten würden, weil wir vorhandene Flächen besser nutzen können. Trotzdem sollte man hier nicht von „alt“ und „neu“ sprechen, allein weil es in den alten Gebäuden hochmoderne Industrieanlagen gibt. Erst kürzlich habe ich mehrere Unternehmen besucht und mir einen Eindruck verschafft.

 

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Ein bisschen Idylle spendet Billbrook die Bille, Hamburgs drittgrößte Flusslandschaft. Foto: Erik Brandt-Höge.

 

Mit welchem Fazit?

Dass es eine echte Standortsicherheit gibt und die Möglichkeit, noch zu expandieren.

Welche Unternehmen haben Sie denn besucht?

Zum Beispiel eine Müllverbrennungsanlage, einen Lebensmittelkonzern und ein Kunststoffunternehmen.

Haben die Unternehmer auch konkrete Wünsche an Sie gehabt?

Ein ganz eindeutiger Wunsch war die Sanierung bzw. der bedarfsgerechte Umbau des Straßennetzes, welches ja zum Teil aus den 50er Jahren stammt.

Die Unternehmen sichern Arbeitsplätze. Circa 22.000 gibt es in Billbrook …

… und das nur direkt vor Ort. Manche Billbrooker Firmen haben weltweit 6.000 Beschäftigte.

Noch mehr Jobs könnten es durch das angesprochene Entwicklungskonzept namens „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ geben. Können Sie das auch in Zahlen ausdrücken?

Darüber zu reden, wäre Rechenschieberei.

Dann reden wir doch über das Konzept an sich. „Stromaufwärts“ sieht vor, ein Kreativzentrum in Billbrook aufzubauen. Was genau bedeutet das?

Zunächst mal: Industrie ist kreativ! Nehmen wir den Kunststoffhersteller. Der hat ein weltweites Patent auf Kunststoffe, welche die Eigenschaften von Metallen haben. Das ist möglich, weil in Billbrook Forschungsergebnisse und industrielle Bedürfnisse miteinander verbunden werden und schließlich etwas Neues produziert wird. Und ein Kreativzentrum soll bewirken, dass der Industriestandort in Billbroook neu geordnet wird. Wie das genau aussehen wird, haben wir auf hundert Seiten dargelegt.

Können Sie es kurz zusammenfassen?

Wir wollen, dass Billbrook ein noch modernerer Nutzungsstandort für Industrie wird, und zwar mit einem zeitgemäßen Logistikkonzept. Wir wollen kluge Flächennutzung und digitale Anbindungen.

Und? Läuft bisher alles nach Plan?

Na ja, es sind schon dicke Bretter, die wir bohren müssen.

Haben Sie ein Beispiel für so ein dickes Brett?

Wir müssen einen nicht gerade geringen Teil der Straßen sanieren. Die Billbrooker Straßen waren bei der Erbauung nicht darauf ausgelegt, dass täglich Hunderte von Lkw drüber fahren. Wir hatten auch schon einen Sanierungsplan, haben dann aber feststellen müssen, dass die Wasserleitungen, die sich unten im Boden befinden, über 80 Jahre alt sind. Also müssen wir jetzt erst mal die Leitungen erneuern. Es wäre nicht schlau, wenn wir schnell neue Straßen bekämen, die für die Unternehmen natürlich eine Bereicherung wären, uns aber irgendwann die alten Leitungen aufbrechen.

 

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Billbrook: Norddeutschlands zweitgrößtes Industriegebiet nahe der schönen Flusslandschaft.

 

Haben Sie einen Zeitpunkt anvisiert, wann die industrielle Entwicklung in Billbrook bestenfalls abgeschlossen sein soll?

Nein, denn sie wird nie abgeschlossen sein. Wir machen uns jetzt mit den Firmen, den Grundeigentümern, den Bürgern und der Stadt gemein – sam auf den Weg. Dabei haben wir keinen Masterplan, der, sagen wir, 2030 geschafft sein soll. Es geht ja um nicht weniger als die Sicherung dieses riesigen Industriegebiets. Und das erfordert, dass wir alles, auch uns selbst kontinuierlich überprüfen.

Wenn Sie sich in zehn Jahren weiterhin um Billbrook kümmern, werden Sie Ihre Aufgaben also nach wie vor als „herausfordernd“ beschreiben?

Absolut. Ich meine: Wir sprechen hier von einem Weltmarkt, und deshalb brauchen wir bestmögliche Produktions- und Arbeitsbedingungen. Das alles zu schaffen, wird immer eine Herausforderung sein.

Auch für Hamburg im Ganzen? Welche Vor- und Nachteile hat „Stromaufwärts“ für die gesamte Stadt?

Ich sehe da ausschließlich Vorteile. Alle beteiligten Behörden der Freien und Hansestadt ziehen an einem Strang, um dieses Projektgebiet weiter zu entwickeln. Wir erschließen zum Beispiel neue Wohnareale wie die Osterbrook-Höfe, wo wir gemeinsam mit den verschiedenen Beteiligten zu ganz neuen Flächenumnutzungen kommen konnten. Das alles geschieht in Gebieten, die sonst eher unterwertig genutzt waren. Mehr und mehr Hamburgerinnen und Hamburger können in diesen Quartieren begrüßt werden, und die vielen Arbeitsplätze vor Ort leisten einen wichtigen Beitrag für die gesamtstädtische Wirtschaftskraft.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Titelthema – Zwei Freundinnen in der Pflegediakonie

In Groß Flottbek leben zwei alte Freundinnen gegenüber von einander. Im Bugenhagenhaus, einer Einrichtung der Pflegediakonie, hat jede von ihnen ein kleines neues Zuhause gefunden.

Ein ganzes Haus gegen eine Anderthalb-Zimmer-Wohnung tauschen? Kein guter Deal – möchte man meinen. Wenn er im Alter jedoch zu einer Steigerung der Lebensqualität führt, wird er zumindest in Betracht gezogen. Ingeborg (90) und Helga (86) sind seit vielen Jahren befreundet und haben sich entschlossen, das Service-Wohnen der Pflegediakonie in Groß Flottbek wahrzunehmen. Dort ist es grün, ruhig, gemeinschaftlich. Die kleinen Wohnungen der Damen liegen direkt gegenüber, eine hilft der anderen, und einen Hund hatten sie auch schon zusammen. Ein Gespräch über die Noch-Generation, Zeitmangel und ein von der Gemeinde inspiriertes Geschäftsmodell.

Ingeborg: Eine von uns ist 86 und eine 90 Jahre alt. Nun raten Sie mal!

SZENE HAMBURG: (überlegt)

Ingeborg: Er sagt nichts, weil er weiß: Eine von uns könnte beleidigt sein. Versuchen wir es anders: Wir gehören beide zur Noch-Generation. Wissen Sie, was das ist?

SZENE HAMBURG: Erzählen Sie mal.

Ingeborg: Als wir 17 waren, fragte man uns: Hast du schon das Abitur? Hast du schon einen Freund? Jetzt fragt man uns: Haben Sie noch alle Zähne? Fahren Sie noch Auto? Kochen Sie noch selbst? (beide lachen herzlich)

So belustigt, wie Sie das sagen, scheint es Ihnen nichts auszumachen.

Helga: Da sind wir drüber weg, würde ich sagen.

Ingeborg: Ja, das sind wir.

Wie würden Sie denn Ihre Generation beschreiben?

Ingeborg: Ich würde sie als tapfer bezeichnen. Wir haben so einiges hinter uns und es überstanden. Wir können entspannt sagen: Was soll uns noch passieren?

Ihre Entspannung liegt vielleicht auch an Ihrer aktuellen Lebensqualität.

Helga: Ja, wir haben hier alles, was wir brauchen.

Was brauchen Sie denn?

Ingeborg: Eigentlich brauchen wir immer nur Zeit – und genau die haben wir eben nicht. (lacht)

Helga: Das stimmt. Und ansonsten brauchen wir heute kein ganzes Haus mehr, sondern nur noch eine kleine Wohnung. Und die Wohnungen, die wir jetzt haben, sind genau richtig.

Ingeborg: Es gibt hier drei Größen, und bescheiden wie wir sind, haben wir die kleinste genommen. Die ist sehr praktisch. Wenn einem mal komisch zumute ist, gibt es immer eine Wand in der Nähe. Und: Wir durften den Hund mitnehmen.

Foxterrier „Stupsi“ war der gemeinsame Hund von Ingeborg und Helga.

Haben Sie sich einen geteilt?

Ingeborg: Ja, Stupsi, einen Foxterrier. Als wir uns auf die Wohnungen bewarben, war es unser Wunsch, ihn mitzunehmen. Haben Sie auch einen Hund?

Nein, aber unser Fotograf.

Ingeborg: Was für einen?

Michael Kohls: Eine spanische Mischlingshündin.

Ingeborg: Es gibt keine Mischlinge. Es gibt nur Kinder der Liebe! Und Sie (auf Interviewer zeigend) gehen mal ins Tierheim und holen sich auch einen!

Es fehlt mir an Zeit, um einem Hund gerecht werden. Sie sagten, Sie hätten auch keine. Womit verbringen Sie Ihre Tage?

Ingeborg: Also erst mal stehen wir nicht mehr so früh auf wie früher. Nicht mehr um fünf, sondern um acht. Dann lesen wir Zeitung, frühstücken und telefonieren. Wir wollen ja wissen, was es Neues gibt.

Helga: Und dann haben wir unter anderem die Möglichkeit, ein Gedächtnistraining zu machen. Danach ist Mittagessen und Ruhen.

Ingeborg: Nachmittags gibt es auch immer Programm. Krankengymnastik, Doktortermine, Campuscafé, Kartenspielen und Stricken zum Beispiel. gebracht, die wir verstrickt haben. Wir haben gestrickt wie verrückt! Die fertigen Sachen haben wir dann verscheuert und viel Geld verdient. Davon haben wir einiges für uns und unsere Nachbarn kaufen können: Sonnenschirme und -stühle, Tische, ein Krocketspiel.

Haben Sie eigentlich auch viele Berührungspunkte mit der Religion? Sie leben ja in einer diakonischen Einrichtung.

Wir kriegen den lieben Gott nicht um die Ohren gehauen – Gott sei Dank (lacht). Aber beim Campuscafé kommen immer Pastoren dazu.

Klingt alles sehr zufrieden. Fehlt Ihnen trotzdem irgendetwas?

Ingeborg: Nur Dinge, die man nicht ändern kann: Dass man schneller müde wird als früher. Dass man nicht mehr so gut laufen kann. Dass man nicht mehr so gut gucken können …

Helga: … und hören schon gar nicht (lacht).

Ingeborg: … was aber auch nicht so schlimm ist, weil das meiste ja doch Quatsch ist.

Und wie ist das Verhältnis zu Ihren Nachbarn?

Ingeborg: Wir sitzen uns nicht gegenseitig auf dem Schoß, unterstützen uns aber, wie wir können. Wir haben zum Beispiel Schlüssel getauscht, so dass wir anderen aufmachen können, wenn sie mal ausgeschlossen sind. Und unsere Geburtstage feiern wir natürlich zusammen.

Helga: Dann gibt es Sekt für alle! (beide lachen).

Interview & Text: Erik Brandt-Höge
Fotos: Michael Kohls


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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