Beiträge

„Ich will dahin, wo ich früher im Sand gelegen habe“

Horst Hahn ist gelernter Seemann, Kaufmann und Bestatter. 1972 hat er die heute älteste Seebestattungsreederei Deutschlands gegründet. Ein Gespräch über die immer beliebter werdende Art der Bestattung, Hahns Weg auf See und den Wunsch für seine eigene Beerdigung

Interview: Felix Willeke

 

SZENE HAMBURG: Herr Hahn, wann waren Sie das letzte Mal auf See?

Horst Hahn: Vor ein paar Tagen habe ich eine Urne in die Lübecker Bucht rausgebracht.

Wie sind Sie Seebestatter geworden?

Ich bin schon fast 90 Jahre alt und im Krieg groß geworden. Mein Großvater und mein Onkel waren Seemänner, der Beruf wurde mir damit in die Wiege gelegt. Doch nach dem Krieg gab es in Flensburg, wo ich aufgewachsen bin, kaum Arbeit. Deswegen habe ich das Erstbeste gemacht und eine Lehre zum Kaufmann begonnen. Der Beruf hat mich aber schnell gelangweilt. Ich wollte zur See fahren und habe in Bremen bei der Hansa-Reederei als Lehrling angeheuert. In den freien Monaten habe ich Theorie gebüffelt und so wurde ich irgendwann Matrose und bekam mein Patent. Aber ich wollte auch eine Familie an Land gründen und deswegen kam mir das Angebot ganz recht, das Geschäft von meinem Onkel zu übernehmen. Mein Onkel Hans war Bestatter. Ich machte also in Hamburg-Ohlsdorf eine Lehre zum Bestatter und – ausgebildeter Kaufmann war ich ja schon – übernahm das Geschäft meines Onkels. Heute gehört das Unternehmen meinem Sohn, der es in Ammersbek vor den Toren der Stadt weiterführt.

Und wie ging es bei Ihnen weiter?

Nachdem ich ein Haus gekauft und eine Familie gegründet hatte, sprach mich Ende der 1960er-Jahre eine Familie an: Der Großvater war verstorben und sie wollten ihn gerne auf See bestatten lassen. Damals war eine Seebestattung ehemaligen Marinesoldaten und Wasserschutzpolizisten vorbehalten. Ich wollte den Wunsch des Verstorbenen trotzdem erfüllen und habe die Urne mit meinem privaten Segelboot in der Lübecker Bucht beigesetzt. Daraus entstand die Idee, die Seebestattung auszubauen und 1972 habe ich schließlich den Vorgänger der heutigen Seebestattungs-Reederei-Hamburg Kapitän Horst Hahn gegründet.

 

Von der Urne ins Wasser

 

Wie läuft eine Seebestattung denn heute ab?

Erst mal genauso wie eine Urnenbeisetzung: Der Tote wird im Krematorium bei 800 bis 1400 Grad verbrannt, die übrig gebliebenen Knochen werden in einer Mühle, die man sich wie eine überdimensionierte Kaffeemühle vorstellen kann, gemahlen und das Granulat wird in eine Blechurne gefüllt, in die Name und Lebensdaten des Verstorbenen eingraviert werden. Bei einer Urnenbeisetzung folgt dann die Trauerfeier. Wir lassen die Urne an die Ostsee nach Travemünde bringen. Hier findet sich dann die Trauergesellschaft für die Beisetzung ein und wir fahren mit ihnen für etwa anderthalb Stunden aufs Meer. Wenn wir nach ungefähr 30 Minuten den Ort der Beisetzung erreicht haben, stellt sich der Kapitän am Heck des Schiffes an eine Glocke, sagt ein paar Worte und läutet acht Mal. In der Seefahrt heißt das Glasen – acht Glasen für das Ende einer Wache gilt auch als Symbol des Übergangs vom Leben zum Tod, wir haben diese Tradition für die Seebestattung übernommen. Anschließend wird die Urne sanft ins Wasser gelassen und die Angehörigen werfen zum Abschied Blütenblätter. Das Schiff umkreist die Stelle der Beisetzung drei Mal und kehrt dann mit einem langen, lauten Abschiedston in den Hafen zurück.

Das heißt, es gibt keine Musik, keinen Kranz und keine Trauerrede?

Doch, theoretisch ist das alles möglich. Für die Beisetzung fahren wir mit maximal zwölf Gästen raus, zu denen auf Wunsch auch Trauerredner, Fotograf oder Akkordeonspieler gehören kann. Auf individuelle Musikwünsche gehen wir dabei auch ein. Einen Kranz können wir auch mitnehmen, dieser wird aber nicht wie früher ins Meer geworfen.

 

Nachhaltigkeit

 

Warum nicht?

Weil Kränze umweltschädlich sind und schwimmen. Vor 20 Jahren hat sich mal ein Bürgermeister beschwert, dass bei ihm die Menschen am Strand liegen und ständig Kränze von Seebestattungen angespült werden, das geht natürlich nicht. Deswegen setzen wir heute auf Blütenblätter.

Blütenblätter, aber Blechurnen?

Nein, wir setzen keine Blechurnen bei. Aus Umweltschutzgründen füllen wir das Granulat des Verstorbenen, das umgangssprachlich auch Asche genannt wird, vorher um. Die Urnen für die Seebestattung sind zumeist aus ungebranntem Ton, in unserem Fall aus umweltfreundlicher Pappe. Die 25 Zentimeter hohe Urne hinterlässt, nachdem sie sich aufgelöst hat, ein kleines Häufchen Granulat auf dem Meeresgrund. Dieses bleibt, da es deutlich schwerer ist als Wasser, an Ort und Stelle liegen und wird langsam vom Meer eingesandet.

Und was machen Sie bei Sturm?

Grundsätzlich fahren wir bis Windstärke sechs, das ist für die Gäste erträglich. Ob das Wetter eine Bestattung zulässt, wissen wir immer ungefähr drei Tage vorher. Wir sind da aber vorsichtig und verschieben die Beisetzung eher, als dass wir die Trauergesellschaft zu rauer See aussetzen.

 

„Wir haben auch schon in Chile bestattet“

 

Bestatten Sie nur von Travemünde aus?

Ja, da liegt die Farewell, unser Schiff. Eine Bestattung ist aber an der ganzen Küste, egal, ob Ost- oder Nordsee, möglich. Es gibt in Deutschland ungefähr 20 Reedereien mit der Erlaubnis, auf See zu bestatten. Wenn sie mit dem Wunsch an uns herantreten, einen Verstorbenen in der Nordsee beizusetzen, kontaktieren wir die Kollegen. Wir Seebestatter sind eine gute Gemeinschaft, eine große Konkurrenz gibt es eigentlich nicht.

Ist eine Seebestattung überall auf der Welt möglich?

Das hängt von den Gesetzen in den jeweiligen Ländern ab. Wir haben auch schon in Chile bestattet. Es gibt allerdings Länder, in denen die Praxis der Einäscherung eines Verstorbenen zum Beispiel aus religiösen Gründen abgelehnt wird. Da würden wir dann auch keine Seebestattung durchführen.

 

Aus Liebe zum Meer

 

Warum entscheiden sich Menschen für eine Seebestattung?

Häufig aus Liebe zum Meer, aber auch die Kosten sind ein Faktor. Deswegen waren die Kirchen auch zuerst sauer auf mich, denn wenn sich Menschen auf See bestatten lassen, kaufen sie nicht mehr für mehrere Tausend Euro ein Grab. Wir bestatten bis zu 50 Prozent günstiger, denn auf See gibt es keine Folgekosten, zum Beispiel für die Grabpflege. Für die individuelle Trauer bekommt die Trauergesellschaft immer einen Seegrabbrief mit den Koordinaten der Beisetzung. Dazu haben wir am Brodtener Ufer (zwischen Travemünde und Timmendorfer Strand, Anm. d. Red.) einen Gedenkstein aufgestellt und wir bieten regelmäßig Gedenkfahrten an. Denn die Trauernden können sich sicher sein: Der Verstorbene ist immer noch da.

Wollen Sie auch selbst auf See bestattet werden?

Ja, ich bin Seemann. Schon vor längerer Zeit habe ich genau die Position festgelegt, wo das sein soll. Ich will dahin, wo ich früher am Strand im Sand gelegen habe. Da habe ich dann das Gefühl, ich bin den schönsten Stellen in meinem Leben nah.

seebestattung.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hospiz-Arbeit: „Wir sind Wünschesucher“

Das Hamburg Leuchtfeuer Hospiz begleitet seine Bewohnerinnen, Bewohner und ihre Angehörigen auf dem letzten Streckenabschnitt des Lebens. Getreu dem Leitsatz am Eingang: „Wir können dem Leben nicht mehr Tage geben, dem Tag jedoch mehr Leben.“

Text: Markus Gölzer

 

Immer gilt: Wer stirbt, hat das Sagen. Maßgeblich ist ausschließlich der Wille des Bewohnenden. Das führt zu Verschiebungen in Familien, ist nicht immer harmonisch. So sehen es manche Angehörige gern, wenn Appetit da ist. Der Bewohner hat eigentlich keinen Appetit mehr, möchte seiner Familie aber eine Freude machen und isst daher trotzdem. Wenn er danach sagt, „Ich fühle mich gedrängt, kriege das meinen Leuten aber nicht vermittelt“, dann spricht Steffi Severs mit ihnen. Sanft, aber deutlich. Später hört sie dann oft: „Ich fand das im ersten Moment komisch, aber dann hilfreich.“ Über die Aufnahme im Hamburg Leuchtfeuer Hospiz entscheidet eine, wie das Gesetz sagt, „infauste Prognose“, eine endliche Prognose. Das bedeutet eine schwere Erkrankung im terminalen Stadium, dem Endstadium.

 

Herzliche Menschen

 

Mitentscheidend ist auch die Warteliste. Es gibt mehr Anfragen als Plätze. Allein: Die Warteliste wird nicht einfach abgearbeitet. Wenn jemand zu Hause gepflegt wurde, die Familie aber merkt, dass es in der Wohnung nicht mehr geht, bekommt dieser Mensch den Vorzug. Der Maßstab ist nicht die Position auf der Warteliste, sondern die Entlastung der Familie. Hat man einen Platz in einem der elf Einzelzimmer bekommen, zieht man mitten ins lebenszugewandte St. Pauli. Viele wünschen das explizit, weil sie es wunderbar finden und sich dem Stadtteil verbunden fühlen. Andere haben Vorbehalte, aber merken schnell: Die Menschen hier sind herzlich. Alle schätzen die Nähe zur Elbe, wo sie mit Ehrenamtlichen spazieren gehen können.

 

Humor Hilft

 

Sozialarbeiterin Steffi Severs vor der „Gedenkmauer“. Die Einsätze der Steine wurden von Spendern und Spenderinnen erworben, m den Bau des Hospizes zu fördern (Foto: Hamburg Leuchtfeuer)

Sozialarbeiterin Steffi Severs vor der „Gedenkmauer“. Die Einsätze der Steine wurden von Spendern und Spenderinnen erworben, m den Bau des Hospizes zu fördern (Foto: Hamburg Leuchtfeuer)

Ab einem gewissen Zeitpunkt bekommen einige auch Angst. Nicht die eine große, sondern eine von vielen kleinen, die nicht weniger schlimm sind. Eine Luftnotattacke oder Angst, wenn es dunkel wird. Die Angst vor dem Sterben hat viele Gesichter und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter maßen sich nicht an, sie nehmen zu können. Der Unterschied ist, dass sie Erfahrung haben und sich nicht scheuen, darüber zu sprechen. Man muss sich hier nicht über den Tod unterhalten, aber es ist jemand da, wenn man es will. Im Bedarfsfall kommt eine ehrenamtliche Sitzwache, die Sicherheit und ein gutes Gefühl spendet. Bei allen ernsten Themen gilt auch im Hamburg Leuchtfeuer Hospiz: Es gibt nichts, was mit Humor nicht besser würde. „Man kann über ganz viel lachen, über sich selbst vor allem. Tatsächlich feiern wir auch, wenn nicht gerade Corona dazwischenkommt. Dann feiern wir Silvester genauso wie Geburtstage oder Ostern. Und es wird auch mal eine Flasche Sekt aufgemacht.“

 

Spiritualität

 

Das Hamburg Leuchtfeuer Hospiz ist ein konfessionsfreies Haus, also nicht an eine einzige Religion gebunden. Aber Spiritualität spielt eine große Rolle. In alter Verbundenheit zur Aidshilfe kommt einmal in der Woche eine evangelische Seelsorgerin ins Haus und bietet ein Gespräch an. Für katholische Menschen mit dem Wunsch, Kontakt mit einem Priester zu suchen, gibt es gleich um die Ecke eine katholische Gemeinde. Zur großen, aktiven jüdischen Gemeinde in Hamburg besteht ein Draht. Buddhisten waren schon hier. Menschen jeden Glaubens bekommen ein Angebot. Alle eint, dass sie gut beraten sind, sich ganz irdisch rechtzeitig um eine Patientenverfügung zu kümmern. Steffi Severs nutzt jede Gelegenheit, darauf hinzuweisen: „Wem gebe ich meine Vollmacht, von wem nehme ich eine Vollmacht, und kann ich das als Bevollmächtigter überhaupt umsetzen: bei meinem Liebsten, meinem Kind, meinen Eltern, meinem Partner in der letzten Lebensphase wichtige, häufig schwierige Entscheidungen zu treffen. Ein hoch emotionales Thema. Es ist gut, da vorher miteinander ins Gespräch zu kommen. Und so einen Rahmen zu schaffen für das, was Familie und Freunde eint: das Loslassen.“

hamburg-leuchtfeuer.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Sternenkinder: Jasmin Schreiber fotografiert tote Babys

Die Bloggerin Jasmin Schreiber macht ehrenamtlich Fotos von Babys, die vor oder kurz nach der Geburt sterben. Warum das ein wichtiger Teil der Trauerarbeit der Eltern ist, erzählt sie im Interview

Text und Interview: Ulrich Thiele
Foto (o.): Privat

SZENE HAMBURG: Jasmin, du bist Biologin, Journalistin und Fotografin. Auf deinem Blog schreibst du über den Tod: „Ich weiß wenig von alldem, hatte bislang kaum Todesfälle in meinem engeren Umfeld.“ Wie bist du trotzdem dazu gekommen, dich so intensiv mit dem Thema zu konfrontieren?

Jasmin: Ein paar Fälle in meinem Umfeld gab es doch. Als vor einigen Jahren in meinem Freundeskreis ein Kleinkind gestorben ist, haben mich die Eltern gefragt, ob ich das Kind für sie fotografieren kann. Ich fand die Vorstellung seltsam, habe es aber trotzdem gemacht. Und als die Nichte einer Freundin von mir im Grundschulalter an Krebs erkrankt ist, habe ich sie oft besucht und gesehen, wie viele ehrenamtliche Sterbebegleiter es gibt und was für wertvolle Arbeit die leisten.

Als ich später nach Berlin gezogen bin, habe ich deswegen nach einem Ehrenamt in diesem Bereich gesucht. Dabei bin ich auf die Organisation „Dein Sternenkind“ aufmerksam geworden. Die Organisation schickt Fotografen los für Familien, bei denen das Baby im Mutterleib oder kurz nach der Geburt stirbt.

Wie war deine erste Begegnung mit einem Sternenkind?

Ich war aufgeregt und hatte Angst. Ich kam um zwei Uhr nachts im Krankenhaus an und war mit dem toten Baby allein in einem Raum, weil die Eltern nicht dabei sein wollten. Dadurch hatte ich zum Glück keinen Druck und meine Angst, den Eltern gegenüber etwas falsch zu machen, spielte keine Rolle. Ich konnte alles in Ruhe vorbereiten.

Wie gehst du mit den dunklen Momenten um? Wenn du auf deinem Blog schreibst, wie du auf Eltern triffst, die sich monatelang vorbereitet haben und wie der Großvater ganz klassisch ein Bett für das Baby selbst gebaut hat – das ist selbst als Leser schwer erträglich.

Klar, es gibt Situationen, die unfassbar traurig sind und wehtun. Ich bin kein Stein und ich blinzle hinter der Kamera auch meine Tränen weg. Aber ich muss diese Arbeit professionell angehen. Ich kann mich distanzieren und nehme nichts auf eine belastende Art und Weise mit nach Hause. Wenn ein Arzt jedes Mal zusammenbrechen würde, wenn ein Patient stirbt, dann könnte er nach drei Tagen nicht mehr weiterarbeiten.

 

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Jasmin Schreiber (@lavievagabonde) am

 

Ist deine Arbeit immer so dunkel, wie sich die meisten Menschen das vorstellen?

Nein, ich bin immer wieder erstaunt, wie viel gelacht wird. Bei meinem zweiten Sternenkind waren die Eltern dabei. Ich war fünf Stunden bei ihnen, weil im Krankenhaus eine Versorgungslücke herrschte und ich gemerkt habe, dass sie gerade jemanden brauchen. Am Anfang dachte ich, ich würde nur niedergeschmettert sein und weinen.

Aber da war auch viel Licht und Liebe im Raum. Denn letztlich treffen auch die Eltern eines Sternenkindes zum ersten Mal auf ihr Baby und sie schauen wie Eltern, deren Kind gesund zur Welt gekommen ist, wessen Augen es hat. Sie sind auch stolz, dass sie so ein schönes Baby haben.

Inwiefern helfen die Bilder?

In einer solchen Situation geht alles schnell und vieles rauscht an den Eltern vorbei. Vor allem die Mütter sind oft noch unter Medikamenteneinfluss. Ein Bild ist eine Erinnerung, eine Möglichkeit, den Moment festzuhalten und zu zeigen, dass alles real war. So können sie sich den Moment mit ihrem Baby immer wieder vor Augen führen – was auch wichtig für die Trauerbewältigung ist.

Beim Lesen deiner Blog-Texte fällt auf, was für ein großes Mitteilungsbedürfnis die Eltern dir gegenüber haben, obwohl du für sie eine Fremde bist. Woran liegt das?

Sie müssen mich nicht schonen. Mit einer Fremden können sie anders reden als mit medizinischem Personal oder mit Familienangehörigen, sie können alles herauslassen und mir Dinge sagen, die sie anderen Leuten nicht sagen würden. Am Anfang hat mich das überrascht und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll.

 

„Die Eltern fragen mich dann, ob sie Schuld seien“

 

Was für Dinge sind das?

Viele der Sternenkinder haben genetische Defekte wie Trisomie 13, oft auch in Kombination mit einem Herzfehler. Die Eltern fragen mich dann, ob sie Schuld seien. Vor allem Mütter haben Angst, dass sie etwas gemacht haben könnten, was das Kind getötet hat. Ich zeige ihnen dann, wie eine Chromosomenteilung aussieht und dass sie darauf keinen Einfluss haben.

Deine Texte haben eine gesellschaftliche Dimension, wenn du schreibst, wie das Umfeld auf eine Fehlgeburt reagiert …

Diese Kinder, die in der 26. Schwangerschaftswoche sterben, sind winzig. Ein Bewusstsein dafür, dass so ein Kind dennoch eine richtige Person ist, ist noch nicht da. Das Umfeld sieht deswegen nur eine fehlgeschlagene Schwangerschaft. Dann kommen Sätze wie: „Na ja, ihr seid ja noch jung, dann probiert ihr es halt noch mal.“

Für die Eltern ist das schmerzhaft, weil dieses Kind für sie ein Individuum war. Wenn der Opa stirbt kommt schließlich auch niemand und sagt: „Halb so wild, du hast ja noch einen anderen Opa.“

Woran liegt das?

Es ist vermutlich ein Überbleibsel aus alten Zeiten, als eine Fehlgeburt noch schambehaftet war. Ganz früher war die Frau schuld, wenn etwas bei der Schwangerschaft schiefgegangen ist. Später hat man zwar erkannt, dass die Frau nicht schuld ist, aber eine fehlgeschlagene Schwangerschaft galt noch immer als peinlich und eklig.

Den Müttern wurden die Kinder auch gar nicht gezeigt – die Kinder wurden sofort in ein Tuch gewickelt und entsorgt. Diese Mütter haben ein Sternenkind und reden nie darüber, obwohl sie die Wunde auch 40 Jahre später noch spüren.

Der Tod ist in unserer Kultur generell noch ein Tabuthema, schreibst du auf deinem Blog. Warum?

Wir werden immer säkularer, die religiösen Rituale fallen weg. Nur wenige haben sich neue Rituale überlegt. Dementsprechend herrscht eine Leerstelle: Wie geht man mit dem Tod um, wenn man nicht an Gott glaubt? Wir leben in dieser technisierten Welt, in der ein Leben medizinisch in die Länge gezogen werden kann. Da wirkt der Tod fast schon wie ein Fehler. Deswegen sagen Ärzte: „Wir konnten Ihren Vater nicht mehr retten“, obwohl er 95 Jahre alt war.

 

„Da wirkt der Tod fast schon wie ein Fehler“

 

Was macht diese transzendentale Leerstelle mit dir?

Ich persönlich glaube nicht an Gott, aber die Vorstellung, nach meinem Tod einfach nicht mehr zu existieren, macht mir Angst. Diese Angst kann mir auch nichts und niemand nehmen.

Also auch nicht deine Arbeit mit dem Tod…

Viele romantisieren meine Arbeit und denken, ich hätte ein harmonisches Verhältnis zum Tod. So ist es aber überhaupt nicht. Der Tod versetzt mich nicht so sehr in Angst und Schrecken, dass ich gelähmt bin und mein Leben nicht mehr weiterleben kann. Ich steigere mich nicht hinein und sitze auch nicht den ganzen Tag zusammengekrümmt auf dem Boden und heule, weil ich sterblich bin – aber ich fahre auf Sichtweite mit dem Tod und mache mir bewusst, dass ich sterblich bin.

 

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Jasmin Schreiber (@lavievagabonde) am

 

Dein Blog heißt „Sterben üben“. Das „Üben“ läuft also nicht auf einen abgeschlossenen Punkt zu?

Das Leben ist ein ewiges Hadern und kein abgeschlossener Prozess. Mal denke ich mit Gelassenheit darüber nach, dass ich sterben werde. Dann denke ich wiederum: Oh Gott, ich werden sterben, wie furchtbar! Diese normale Grundangst ist etwas absolut Menschliches und wichtig, sonst würde ich nicht nach rechts und links schauen, bevor ich über die Straße gehe. Angst vorm Tod klingt so negativ, aber es heißt auch, dass ich gerne lebe.

Aber was bedeutet „Sterben üben“ konkret?

Sterben zu üben, bedeutet nichts anderes als zu leben. Wir werden sterben, und „Sterben üben“ bedeutet, dass man bewusst lebt. Das klingt total abgedroschen, aber so ist es. Wir sind oft leichtsinnig und denken, der Tod hätte nichts mit uns zu tun.

Aber je älter wir werden, umso näher kommen die Einschläge um uns herum – etwa, wenn die Eltern altern und gebrechlich werden oder wenn Freunde oder die Kinder von Freunden sterben. Wir sollten uns auch deshalb mit diesem Thema konfrontieren, um zu lernen, mit diesen Menschen umzugehen.

 Sterbenueben.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

Death Café: Erzähl mir vom Tod, bei Kaffee und Kuchen

Gespräche über unsere Vergänglichkeit werden oft um jeden Preis vermieden. Ganz anders im „Death Café“. Dort holen Ute Arndt und Ina Hattebier den Tod regelmäßig an den Tisch, bei Kaffee und Kuchen.

Text und Fotos: Sophia Herzog

Donnerstagabend, kurz vor 19 Uhr, ein Café in Eppendorf: Eine Frau sitzt an einem Tisch am Fenster und blickt nervös auf ihre Uhr. „Ist hier noch frei?“, fragt eine zaghafte Stimme. Die Dame am Tisch blickt auf, nickt, lächelt. „Sind Sie auch das erste Mal dabei?“. Erneutes Nicken. Die Stühle um den Tisch füllen sich. Man ist schnell beim Du. Und dann auch gleich bei der Frage: „Warum beschäftigt ihr euch denn mit dem Tod?“

Dieser Einstieg ist kein ungewöhnlicher im „Death Café“. Denn hier treffen sich zwei Stunden lang fremde Menschen und tauschen sich, ganz zwanglos, über den Tod oder ihre Trauererfahrungen aus: Sterbebegleiter, Pflegekräfte, Hospiz-Praktikanten und Privatpersonen, die sich einfach nur für das Thema interessieren.

Death-Cafe-2-c-Sophia-Herzog

Beim Kaffee lässt es sich leichter plaudern – auch über das Sterben

Nicht alle, aber einige haben selbst eine nahestehende Person verloren. „Wir sind keine Trauer-Selbsthilfegruppe“, betont Ina Hattebier. „Wer noch in tiefer, akuter Trauer steckt, der ist bei uns eigentlich nicht richtig.“ 2015 gründete Ina gemeinsam mit Uta Arndt und drei weiteren Mitstreitern das „Netzwerk Trauerkultur“ und veranstaltet seitdem immer wieder Ausstellungen und Workshops zu Themen rund um Tod und Trauer, unter anderem zu Bestattungskulturen anderer Länder.

Seit 2016 gehören auch die Death Cafés zum Programm. Die Teilnehmerzahl ist seit den Anfängen stetig gestiegen und knackte vor Kurzem die Dreißigermarke. „Das Ganze hat eine richtige Eigendynamik entwickelt“, bestätigt Ina. Und obwohl die Gruppe des Netzwerks Trauerkultur inzwischen von fünf auf zwei geschrumpft ist, ist an Aufhören gar nicht zu denken. „Wir könnten gar nicht aufhören, selbst wenn wir wollten“, fügt Ute hinzu. Denn das Death Café ist für viele inzwischen ein beliebter Treffpunkt geworden.

Auch, wenn das Death Café das einzige seiner Art in der Hansestadt ist – neu erfunden haben Ina und Ute das Format nicht. Denn hinter den Hamburger Treffen steht eine internationale Bewegung: Anfang der 2000er Jahre lud der Schweizer Soziologe Bernard Crettaz zum ersten „Café mortel“. Knappe zehn Jahre später entdeckte der Brite Jon Underwood das Format für sich, und machte es schließlich zu dem „Social Franchise“, dass es heute ist. Über 8.000 Treffen in 65 Ländern sollen laut Website des internationalen Death Cafés seit 2011 abgehalten worden sein.

Die Organisatoren sind häufig Menschen, die sich auch beruflich mit dem Tod auseinandersetzen – so auch Ina, die als Künstlerin Urnen gestaltet und Ute, die Trauerrednerin ist. Wer das Format in seine eigene Stadt bringen will, darf das Label „Death Café“ nutzen, solange dabei einige einfache Regeln eingehalten werden. Die Veranstaltungen sollten nicht kommerziell und offen für alle sein. Ein Einstiegsthema ist erlaubt, aber kein Muss.

 

„Sie brauchen einen Rahmen für das Gefühl“

 

An diesem Donnerstag geht es um Erb- und Erinnerungsstücke – ein Thema, das an vielen Tischen schnell abgehandelt ist, und wie ein Türöffner für andere Gesprächsstoffe wirkt. Eine Gruppe tauscht sich über wertvolle, letzte Momente mit ihren Angehörigen aus. An einem anderen Tisch sprechen die Gäste darüber, wie sie Trauernde besser unterstützen können. Und gleich daneben geht es um das Leben nach dem Tod. Über was genau sie sprechen wollen, können alle Teilnehmer frei entscheiden, sowohl Lachen als auch Weinen ist erlaubt.

Hier sollen Menschen den Mut haben, offen über alles zu sprechen, was sie mit Tod und Trauer verbinden. „Wir haben nie richtig gelernt, über unsere Sterblichkeit zu sprechen und unsere Gedanken dazu auszudrücken“, findet Ute. Besonders die Nachkriegsgeneration schiebt das Thema gerne von sich, und die steigende Lebenserwartung der Menschen rückt den Tod in die weitere Ferne. „Wir sind einfach auf das Leben gepolt“, fügt Ina hinzu, und betont, dass das natürlich auch gut so sei. „Aber die Beschäftigung mit Sterben und Tod gehört zum intensiven Leben dazu.“ In ihren Berufen begegnen den beiden Organisatorinnen immer wieder Menschen, die ein deutliches Diskussionsbedürfnis haben. „Sie brauchen nur einen Rahmen dafür und das Gefühl, dass sie dürfen.“

Dürfen, das bedeutet im Death Café: Zuzuhören, ohne sprechen zu müssen. Zu sprechen, ohne vom Gegenüber verurteilt zu werden. Wer hier von einem Verlust spricht, stößt weder auf betroffenes Schweigen noch auf mitleidige Gesichtsausdrücke – viel eher auf Verständnis und Interesse. Während es draußen langsam dunkel wird, rücken einige Gruppen näher zusammen, um sich über den Geräuschpegel der vielen Diskussionen besser zu verstehen. Ihre Köpfe sind gesenkt, vertieft ins Gespräch. „Da flirrt die Luft“, beschreibt Ina die Atmosphäre. Dass sich die Teilnehmer auf diese Weise öffnen können, liegt auch daran, dass sich keiner vorher kannte.

 

„Wir sprechen ständig über Liebe“

 

Niemand muss sich darum kümmern, dass die anderen sich Sorgen oder Gedanken machen. „Hier weiß jeder, man teilt den Abend und die Erfahrungen, man ist aber auch nicht weiter verantwortlich für das Glück des anderen.“ Damit das so bleibt, wechseln Ute und Ina das Café mit jeder Veranstaltung. So können sich die Teilnehmer nicht an ihren Stammplatz setzen und mit der immer gleichen Gruppe sprechen. „Die Gäste bekommen dann nicht so ein Heimatgefühl und gehen jedes Mal wieder mit neuer Offenheit in den Abend.“

Als Ute um Viertel vor neun das Schlusssignal gibt, tauchen die Teilnehmer nur langsam wieder aus ihren Gesprächen auf. Manche wechseln den Tisch, um noch schnell Bekannte zu begrüßen oder sich kurz mit den Nachbarn auszutauschen. Nach und nach schlüpfen alle in ihre Jacken, aber niemand geht, ohne sich zu bedanken. „Danke für eure Offenheit“ ist die Abschiedsformel des Abends. „Die meisten gehen beseelt und bestärkt“, erzählt Ute. Ganz frei über den Tod zu sprechen, ist für viele eine ungewohnte Erfahrung – aber eine positive. „Wir sprechen ständig über die Liebe“, so Ute, „in jeder Werbung, bei jedem Smalltalk.“ Das Sprechen über den Tod sei hingegen schon fast ein Tabu, obwohl es doch genauso zum Leben dazugehöre.

„Oder wie der Berliner Bestatter Ulrich Gscheidel es einmal sagte“, erinnert sie sich noch, „Trauern ist nichts anderes, als rückwärts zu lieben.“

Death Café Hamburg: Netzwerk Trauerkultur


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?