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Thees Uhlmann: „Schöne Kunst kommt aus dem Zweifel“

Nach dem Roman ist vor dem Album: Thees Uhlmanns neue Platte „Junkies und Scientologen“ erscheint am 20. September

Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Andreas Hornoff

 

Die Songs heißen „Fünf Jahre nicht gesungen“, „Avicii“, „Was wird aus Hannover“ und „Katy Grayson Perry“. Der Sänger heißt Thees Uhlmann, Ex-Tomte-Frontmann, Bestseller-Autor und Wahlberliner mit Hamburg im Herzen. Ein Gespräch über Fan-Liebe und Selbstekel, große Grübelei und die Wichtigkeit von Angst.

SZENE HAMBURG: Thees Uhlmann, wer singt derzeit am schönsten, weil am härtesten über Liebe?

Thees Uhlmann: Zurzeit ist das, meiner Meinung nach, Billie Eilish. Sie kam aus dem Nichts, machte einfach wundervolle Musik und wurde damit wahnsinnig schnell zum Superstar. Sie singt den Soundtrack für den Gymnasiastenschulhof, vor allem für die fünfte bis zehnte Klasse. Eilishs Texte haben so eine schöne Dunkelheit. Ich glaube, sie können das Leben junger Menschen nachhaltig verändern.

Inwiefern?

Die Texte sagen: Du bist in Ordnung! Deine Gefühle sind in Ordnung! Wenn jemand was anderes sagt, weiche ihm aus!

Du sagtest schon zu Beginn deiner Karriere, du würdest immer versuchen wollen, so hart über Liebe zu singen, wie möglich. Hat sich an diesem Ziel mit der Zeit etwas verändert? 

Überhaupt nichts. Einzig für dieses neue Album hat sich eine Herangehensweise ans Schreiben verändert. Meine Idee war anfänglich: Um 8.10 Uhr, wenn meine Tochter in der Schule ist, habe ich eine gute Idee und bis 11 Uhr einen Song daraus gemacht. Ich wollte dieses Mal über Spontanität gehen, zack, zack, zack.

Und?

Ist nichts draus geworden. Es hat sechs Jahre gedauert, bis ich ein Album zusammen hatte. Ich habe ein fast fertiges Album weggeschmissen, ein ganzes Jahr nachgedacht und dann neu angefangen. Das war hart und tat weh. Ist wohl meine Art der Tätowierung …

… die beim Publikum ankommt, dein Gesang über Liebe kommt immer lauter zurück. Neben deiner Musik wurde auch dein 2015 erschienener Roman „Sophia, der Tod und ich“ von der breiten Masse sehr gemocht. Was macht so viel Liebe mit dir?

(überlegt lange) Ich glaube, nichts. Ein Großteil der Leute, die mich liebhaben, scheißt sich nichts, wie man auf Österreichisch sagen würde.

Was meinst du damit?

Die Leute sagen sich halt: Bei einem Thees-Uhlmann-Konzert wird keine Karriere geplant, der Typ singt einfach nur über das, was in seinem Kopf vor sich geht. Das entspannt sie und zieht sie gleichzeitig in eben diese Liebe zu meiner Musik.

 

 

Klingt nach Fan-­Zuneigung als Zufalls­produkt.

Ach, ich habe auch schon mal versucht, eine richtige Single zu schreiben.

Deiner Meinung nach mit Erfolg?

Nein, es war grauenvoll! Das Grauenvollste, was ich jemals gemacht habe. Ich habe es geschrieben, am nächsten Tag durchgelesen, und es hat mich fast umgehauen, wie schlecht das war. Da habe ich echt künstlerischen Selbstekel entwickelt.

Gab es weitere Single­-Versuche?

Nee, das mit der Single habe ich aufgegeben. Ich singe einfach, was ich will, nämlich über kleine und große Beobachtungen.

Das erste Stück auf deinem neuen Al­bum hat den Titel „Fünf Jahre nicht ge­sungen“, hätte aber auch heißen kön­nen: „Zwei Jahre nicht gesungen“. An­geblich hattest du schon 2016 das ange­sprochene fertige Album.

Richtig. Allerdings ist mir die Platte in meinen Händen zerronnen. Als Künstler hat man ja ziemlich schnell eine Ahnung, wenn etwas nicht so richtig gut ist, und mir hat das damals nicht gefallen, deshalb ist es nicht erschienen. Mein Umfeld hat das verstanden, ich durfte noch mal von vorne anfangen.

Dazu muss man sagen, dass es ein ganz schön großes finanzielles Unterfangen ist, wenn ich sage, dass es in dem Jahr noch nichts mit einer neuen Platte wird – und in dem darauf auch nicht.

Was genau hat dich an der ersten Albumversion gestört?

Da muss ich etwas ausholen. Ich mache Kunst nicht alleine. Ich mag es, wenn mich Freunde beraten, und jemand meinte vor dem Schreiben der ersten Songs zu mir: „Komm, mach mal wieder so Tomte-mäßige Texte!“ Also habe ich es probiert – und es hat überhaupt nicht funktioniert. Im Unterstrom kam dann das Nachdenken über einen riesigen Komplex.

Welchen Komplex?

Ich erzähle mal die Kurzversion: Ich bin 1974 geboren, habe 1986 angefangen, zu denken. 1989 ging die Mauer auf, kurz danach kamen Grunge und Riot Grrrl. Dann wurde Europa größer und Obama gewählt. Als er Präsident wurde, war das ein in meinen Augen riesiger Hoffnungsschimmer für die Welt – und dann gab es plötzlich Trump, Brexit und AfD, und ich dachte: Das kann doch nicht angehen!

 

„Ich habe meine Sprache härter gemacht“

 

Wie hast du das alles verarbeitet?

Das Erste bei Trump war, dass meine Tochter mich gefragt hat, wie so jemand gewählt werden konnte. Also ein Mensch, der sich komplett gegen ihre und meine Erziehungsrichtlinien richtet: Anstand, Moral, alle Menschen erst mal gleich. Erklär das mal einer Siebenjährigen: Trump, gewählt von Frauen, von Männern, nach Nirvana, nach der Maueröffnung und nach 150 Jahren Philosophie. Ich habe konstant jede Sekunde darüber nachgedacht. Am Ende ging das Schreiben einer Tomte-mäßigen Platte einfach nicht mehr.

Und dann?

Ich habe meine Sprache verlängert, direkter und irgendwie härter gemacht. Sodass diese Aufruhr, diese Unrast in mir irgendwie kanalisiert und wiedergegeben werden konnte.

Du bist also distanzloser geworden?

Ich kann verstehen, dass man das so empfindet, aber ich kann mein Schreiben selbst nicht erklären. Ich kann nur sagen, dass ich die Songs, wie sie jetzt sind, super finde. Mehr Leute sollten singen, was ich gerade singe (lacht). Oder zumindest so lange nachdenken, wie ich.

Eine Formel, die für die neue Songsammlung gelten kann, ist: Aus Klein mach Groß, aus Groß mach Klein. Etwa singst du, das Leben sei kein Highway, sondern die B73 …

… was eine der letzten Zeilen war, die wir im Studio für die Platte geschrieben haben, und danach hat es richtig Fäuste gehagelt vor Freude. Ich meine: Wir sind im Instagram-Zeitalter, die Leute fotografieren ihr beschissenes Essen und schreiben darunter 20 Hashtags, warum das geil ist. Die armen Gerichte!

Es suggeriert ein gutes Leben und die Bitte, das alles genauso zu machen. Aber: So ist das Leben nicht. Das Leben ist kein Highway, es ist die B73. Alles andere ist eine Lüge.

 

„Schöne Kunst kommt immer aus dem Zweifel“

 

Auffällig ist auch, dass es gleich zwei Songs auf dem Album über Angst gibt: „Danke für die Angst“ und „Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt“. Ist es einfach passiert, dass dieses Thema so präsent ist?

Ja, ist einfach passiert. Für „Danke für die Angst“ hatte ich Lust, über Stephen King zu schreiben, weil er mir wahnsinnig viel bedeutet. Meine Tochter hat keine Angst mehr vor Monstern. Sie hat Angst vor anderen Sachen, ja, und ich weiß noch nicht so genau, wovor, darüber denke ich noch nach.

Ich dagegen hatte als Kind panische Angst vor Monstern. Ich habe Stephen King gelesen und „Twin Peaks“ auf VHS-Kassetten geguckt, und ich habe Angst bekommen, dass fortan irgendwas hinter mir ist.

Und was steckt hinter „Menschen ohne Angst“? 

Da wollte ich über diese Herrenmenschenscheiße schreiben, die viele zurzeit so toll finden, auch viele Künstler. Immer, wenn ein Sänger das Wort loyal in den Mund nimmt, bekomme ich eine Gänsehaut. Ich meine: Du kannst doch keine nachhaltige Kunst erschaffen, wenn du ständig darüber singst, dass du keine Angst hast und alle immer zusammenstehen. Das ist nämlich Quatsch. Schöne Kunst kommt immer aus dem Zweifel, aus dem Nachdenken und eben auch aus der Angst. Zum Glück habe ich keine Probleme mit Angstzuständen, aber ich finde, Angst an sich ist ein wichtiges, tolles Gefühl.

Kommen wir zu ein paar anderen Albumthemen. Sprich doch mal fol­gende Sätze zu Ende: Käme Katy Perry zu mir und fragte nach einem Duett, wäre meine Antwort …

Ja!

Unser Song hieße …

„Wir waren gestern Nacht mit Marcus Wiebusch tanzen“. (lacht) Nee, mal im Ernst, den Titel dürfte sie sich natürlich aussuchen. Ich möchte nur, dass sie den Song ohne Produzententeam schreibt, stattdessen nur mit Marcus und mir. Das wird dann so ein Disco-Hauer mit Akustikgitarren.

Eine Welt ohne Aviciis wäre …

Vorweg: Mein Song „Avicii“ ist komplett ironiefrei. Ich habe Avicii immer in der Tradition von ABBA gesehen, und ABBA sind für mich so wichtig wie Andy Warhol, ganz weit oben im Pantheon der Kunst. Manche Menschen sind einfach von irgendwem beschenkt worden, haben ein riesiges Talent.

Außerdem: Musik wird nicht schlecht, nur weil sie viele hören. Die Geschichte von Avicii ist mir so nahegegangen, dass es einen Song darüber geben musste. Und ich sage: Aviciis wird es ewig geben.

 

 

Hannover ist wichtig, weil …

Hannover ist nicht wichtig. Aber ich glaube, dass alle Hannoveraner und Hannoveranerinnen einen Deal gemacht haben. Die haben sich irgendwann mal unterm Schwanz getroffen und vereinbart: „Wir sagen das nicht weiter, wie geil das hier ist, sonst kommen die ganzen Arschlöcher hierher.“ Hannover ist grün, cool, man kann sich noch was leisten, aber alle außerhalb denken, dass es ein Deppenkaff ist.

Junkies-und-Scientologen-Thees-Uhlmann-Cover

„Junkies und Scientologen“ erscheint am 20.9.19 bei Grand Hotel van Cleef

In fünf Jahren singe ich bestimmt über …

Weiß ich noch nicht. Ich habe jetzt anderthalb Jahre an dieser Platte gearbeitet, und wenn mir vorher jemand gesagt hätte, dass es die längsten Songtexte werden würden, die ich bisher geschrieben habe, hätte ich es ihm nicht geglaubt. Andererseits: In fünf Jahren werde ich wahrscheinlich ein Wohnungsgesuch in Hamburg singen, mit Vorstellungen. Es wird heißen: „Bitte mit Elbblick.“

Apropos Hamburg, auch wenn hier ein älterer Song bemüht wird: Wie sieht’s aus in Hamburg? 

Das kriege ich inzwischen fast nur noch aus der Ferne mit. Meine Zeit ist knallhart aufgeteilt zwischen Tochter und Kunst. Da sind zwei Tage Abhängen in Hamburg zwischendurch einfach nicht mehr drin. Und wenn ich zu Heimspielen vom FC St. Pauli fahre, nehme ich den letzten Zug zurück nach Hause. Darunter leiden Freundschaften, was mir wahnsinnig weh tut. Ich muss aber auch sagen: Sobald ich auch nur an Hamburg vorbeifahre, zuckt mein Herz ganz schön.

Thees Uhlmann: 27.9.19, Große Freiheit 3617.+18.12.19, Große Freiheit 36


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger Trendbüro – So verändert sich der Arbeitsmarkt

Mit seinem Hamburger „Trendbüro“ betreibt Peter Wippermann ein „Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel“. Ein Gespräch über die Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt, die daraus folgenden Spannungen und über die Spaltung der Gesellschaft.

Interview: Ulrich Thiele
Beitragsbild: Salvatore Vastano via Flickr, CC BY-ND 2.0

Im Jahr 1992 gründete Peter Wippermann das „Trendbüro“.

SZENE HAMBURG: Herr Wippermann, das Jahr 2019 hat gerade angefangen. Welche Entwicklungen haben Sie, sagen wir, vor 15 Jahren für heute vorausgesagt?

Das kann ich Ihnen relativ genau sagen. Damals war das Thema Globalisierung zentral, vor allem der Export deutscher Arbeitsplätze nach Asien.

Mit welchen Auswirkungen auf die Gesellschaft?

Steigende Arbeitslosigkeit und eine Veränderung der Arbeitsplätze im Land. Es hat sich insofern nicht viel verändert, als die qualifizierten Arbeitsplätze nach wie vor im Land bleiben, aber ein großes Thema war damals die Internationalisierung der Führungskräfte.

Wie sieht es heute, 15 Jahre später, aus?

Ich würde das ins Verhältnis zu damals setzen. Was sich verändert hat, ist, dass die Großunternehmen genauso unsichere Arbeitgeber geworden sind wie all die Start-ups, die wir heute haben. Die Konzentration auf die eigenen Fähigkeiten hat enorm zugenommen. Erstaunlicherweise hat sich der mittelständische Arbeitgeber kaum verändert.

Es hat also eine zunehmende Individualisierung stattgefunden?

Sie müssen sich das so vorstellen: Seit der Industrialisierung war es so, dass man seine Arbeitskraft perspektivisch sein Leben lang an eine Firma verkauft hat. Das nannte man Karriere und bedeutete: Je länger man dabeibleibt und je mehr Know-how man erwirbt, desto mehr Geld, Privilegien und Aufgaben kriegt man zugeteilt. Wenn man angefangen hat, gehörte man noch zu der Gruppe, die erst einmal etwas lernen muss. Es handelte sich also um ein relativ sicheres, hierarchisches System.

Und heute?

Was wir heute haben, ist ein sehr flexibles System, das sich permanent neu erfindet. „Agilität“, also Anpassungsfähigkeit, ist im Moment das Lieblingswort im Management. Das Überraschende ist, dass die jungen Menschen, die heute auf den Arbeitsmarkt kommen, schon Qualifikationen haben und digitale Infrastrukturen zu nutzen wissen. Die Älteren haben diese Qualifikationen mühsam erlernt oder müssen sie noch erlernen. Es gibt also einen Switch im Know-how zwischen Jung und Alt.

 

„Die alte, sichere Arbeitswelt verliert an Wert“

 

Welche Nachteile ergeben sich daraus?

Dass die lebenslange Planung zum künstlerischen Projekt geworden ist. Früher konnte man relativ genau absehen, in welchem Altersstadium man was genau erreicht haben muss und wo man hingehen muss, um mit seiner Grundausbildung und ein paar Updates genug Geld zu verdienen. Heute muss man damit rechnen, dass man sich mehrfach völlig andere Qualifikationen zulegen muss, um auf dem Arbeitsmarkt attraktiv zu sein.

Inwiefern haben diese Umbrüche mit der Polarisierung in unserer Gesellschaft zu tun, die wir heute erleben?

Die Polarisierung ist sozusagen eine Folge. Diejenigen, die sich gerne in der alten, sicheren Arbeitswelt aufhalten würden und nicht bereit sind, sich zu verändern, verlieren als Arbeitnehmer an Wert und werden ausgesondert. Auf der anderen Seite sind neue Arbeitsplätze entstanden, die vor allem von Jüngeren verstanden und ausgefüllt werden. Die Youtube-Bloggerin Bibi verdient über 100.000 Euro im Monat an Werbegeldern. Eine solche Ebene hätte man früher nicht der Jugend, sondern den Arbeitnehmern im letzten Drittel ihres Berufslebens zugerechnet.

Hat dieses flexible Modell auch Vorteile?

Klar, wenn Sie Spaß daran haben, Chancen zu suchen und auszubauen, dann haben sie eine traumhafte Zeit – weil sich viel verändert und immer wieder neue Möglichkeiten entstehen.

Sie sind Trendforscher, kein Hellseher. Haben Sie die Ereignisse der letzten Jahre überrascht? Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Trump, AfD …

Ja, besonders die Finanzkrise habe ich nicht kommen sehen. Ich will mich mit meiner persönlichen Meinung zurückhalten. Aber so viel: Sehen Sie sich die Finanzkrise an, die ihren Ursprung in den USA hatte, aber Auswirkungen auf den weltweiten Arbeitsmarkt hatte – diese Entwicklung macht deutlich, dass wir unterschiedliche Einflusssphären in der Wirtschaft haben, die unmittelbar durchschlagen auf jeden Arbeitsplatz. Die Jüngeren haben gelernt, mit diesen veränderten Umweltbedingungen gut zu leben und sich mehr auf sich selbst zu konzentrieren – während die Älteren das verdrängen und eher Angstgefühle haben.

 

„In den 90ern sind wir auf die amerikanische Idee gekommen“

 

Sie machen also vor allem eine Jugend-Alter-Unterscheidung?

Nein, eigentlich mache ich eine Analog-Digital-Unterscheidung. Sehen Sie: Vor zwölf Jahren kam das iPhone auf den Markt. Damit ist ein anderes Businessmodell möglich geworden, nämlich global gesehen individuell mit Kunden zu handeln. Denken Sie an die Musikindustrie oder auch an Unternehmen wie Amazon. Dieses sich verändernde Businessmodell ist etwas, dass man als Umwelt aufnimmt, wenn man jünger ist, und deswegen wunderbar damit umgehen kann. Für Ältere bedeutet es das Entlernen alter Strukturen, um die neuen zu erlernen und zu meistern. Insofern gibt es eine unterschiedliche Standpunktlogik zwischen Jung und Alt.

Sie betonen, dass Sie Entwicklungen beschreiben und nicht bewerten wollen. Die von Ihnen beschriebene Flexibilisierung und Individualisierung wird scharf als neoliberal kritisiert, weil damit auch ein Sozialabbau einhergeht. Inwiefern ist dieser Vorwurf berechtigt, oder wäre Ihnen das zu viel Wertung?

Wie Sie bereits sagten: Ich versuche, Veränderungen zu beschreiben und nicht zu propagieren. Aber ich kann sagen: Ich finde diese Entwicklung interessant, weil wir in einer Gesellschaft leben, die ursprünglich mal nach dem Faschismus auf Ausgleich ausgerichtet war. Die Wiederaufbau-Phase und das Wirtschaftswachstum waren über viele Jahrzehnte davon geprägt, den großen Bauch der Gesellschaft, den Mittelstand, zu stärken. In den 90ern sind wir allmählich auf die amerikanische Idee gekommen: Wer nicht arbeitet, sollte auch nichts zu essen kriegen. Gott sei Dank sind wir von den amerikanischen Verhältnissen noch weit entfernt, trotzdem ist Eigenverantwortlichkeit heute für die Politik viel wichtiger geworden als sozialer Ausgleich.

Blicken wir in die Zukunft: Was werden die größten Umwälzungen der nächsten 15 Jahre sein?

Die größten Umbrüche sind relativ deutlich zu erkennen. Der erste kommerziell nutzbare Quantencomputer ist gerade auf der Computer-Elektronik- Show in Las Vegas vorgestellt worden – noch mit recht geringen Rechnerfähigkeiten. Die Beschleunigung und die Möglichkeiten der Kalkulation werden weiter zunehmen, immer mehr Prozesse werden in die virtuelle Welt verlagert. Denken Sie allein an die Auswirkungen, die das autonome Fahren auf die Automobilindustrie haben wird. Diejenigen, die in der virtuellen Welt aktiv sind, werden gewinnen. Gleichzeitig entsteht als Gegentrend eine neue Industrie. Ich verwende dafür den Arbeitsbegriff „Zuwendungsindustrie“.

Diese Industrie ist eng verknüpft mit den Entwicklungen unserer Gesellschaft, die sich immer stärker virtuell organisiert und gleichzeitig individualisiert. Die Familien nehmen ab, die Singlehaushalte zu. Menschen aber sind soziale Wesen und brauchen Zuwendung. Das schafft neue Arbeitsplätze in der Gesundheitspflege: über Therapien, Altenpflege bis hin zu Nagelstudios. Wir haben jetzt in Deutschland 60.000 Nagelstudios. Vor zehn Jahren hätte wohl niemand gedacht, dass man damit mal so gut seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Es wird also ein Spannungsfeld zwischen Analog und Digital geben.

Was noch?

Wir haben enorme Veränderungen zwischen Jung und Alt. Wir haben mehr Alte als Junge. 1960 hatten wir in Deutschland 14 Prozent Über-60-Jährige, heute sind es 23 Prozent. Und wir hatten damals 31 Prozent Unter-20-Jährige, heute sind es 16 Prozent. Das Verhältnis zwischen Jung und Alt hat sich umgedreht.

 

„Neue Berufe entstehen, die früher als skurril gegolten hätten“

 

Die Prognosen angesichts dieser Veränderungen sind meist beängstigend – auch in Bezug auf die Digitalisierung und ihre Auswirkung auf die Arbeitsplätze …?

Nein, das sind sie im Moment nicht. Die erste Studie der University of Oxford besagte, dass ein Großteil der Arbeitsplätze entfallen würde. Mittlerweile sagen viele kompetente Leute das Gegenteil, nämlich dass viele neue Arbeitsplätze entstehen werden. Die Mehrheit der Experten rechnet damit, dass viele Arbeitsplätze wegfallen und in der gleichen Größe neue entstehen.

Womit rechnen Sie?

Ich vermute, dass tatsächlich erst einmal mehr Arbeitsplätze verschwinden werden als neue entstehen. Aber am Beispiel der Influencer kann man sehen, wie neue Berufe entstehen können, die früher noch als skurril gegolten hätten.

Wie soll man die Übergangsphase bewältigen?

Eigentlich muss man das gesellschaftlich bewältigen – und genau das tun wir in Deutschland nicht.

Können Sie das konkretisieren?

Eine öffentliche Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen findet praktisch nicht statt. Auf den Konferenzen, die ich besuche, sagen sowohl technologisch versierte Leute, als auch Leute aus der Finanzszene, dass es absolut notwendig ist, eine Auffangsituation zu haben für all die Leute, die aus dieser Arbeitswelt herausfallen – einfach um die Gesellschaft ruhig zu halten. Die bisherigen Versuche mit einem bedingungslosen Grundeinkommen – zum Beispiel in Skandinavien – wurden positiv aufgenommen. Warum testet man ein solches Modell nicht auch mal in Deutschland?

 

„Bei Flut sollte man sich ein Boot anschaffen, anstatt Sandburgen zu bauen“

 

Welche Chancen gibt es für die Lebensqualität der Menschen?

Die Debatte über die Frage, wie wir eigentlich leben wollen, findet interessanterweise auch nicht statt. Man trifft meist nur auf Empörung, nach dem Motto: Um Gottes Willen, die Welt verändert sich, lasst uns am liebsten nach hinten gucken, Retrotrends nutzen und den Stillstand feiern. Die Politik unter Frau Merkel ist ein gutes Beispiel dafür: Solange wir uns nicht verändern müssen, ist die Welt in Ordnung. Oder sehen Sie sich die Re-Nationalisierung an, die wir in Deutschland mit der AfD erleben, in den USA mit Trump, in Ungarn mit Orbán oder in Brasilien mit Bolsonaro.

Wohin man auch schaut, kann man die gleichen Reaktionen beobachten: Es gibt Teile der Bevölkerung, die sich nicht ändern möchten, die Angst haben und versuchen, eine Festung zu bauen. Aber der Wandel wird kommen, ob man will oder nicht. Das ist wie Ebbe und Flut: Momentan haben wir Flut. Man sollte versuchen, sich ein Boot anzuschaffen, anstatt Sandburgen zu bauen.

Sie wirken ziemlich genervt von den Reaktionen auf Entwicklungen, die nicht aufzuhalten sind …

Ja! Es gibt einfach so viele Chancen, die nicht genutzt werden. Gerade in Deutschland herrscht eine Lust an der Empörung, die notwendige Debatten verhindert.


 Diese Topliste stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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