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Nicolaas Schmidt: „Da entstehen echte Momente“

Nicolaas Schmidt zeigt in seinem Film „FIRST TIME [The Time for All but Sunset – VIOLET]“ zwei junge Passagiere, die die U3 komplett durchfahren und bis auf einen Satz kein Wort verlieren. „First Time“ wurde mit dem Deutschen Kurzfilmpreis 2021 „Sonderpreis für mittellange Filme“ ausgezeichnet

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Nicolaas Schmidt, Gratulation zum Deutschen Kurzfilmpreis. Der dritte Hauptdarsteller von „First Time“ ist die U3. Warum?

Nicolaas Schmidt: Ich hatte damals viel Zeit im Haus verbracht. Abends, wenn die Sonne mein Fenster erreichte, kam so ein Drang: Ich muss noch raus! Die letzten Sonnenstrahlen! Wo ich wohnte, gab es außer dem Parkdeck der „Hamburger Meile“ keine größere Freifläche, wo so spät noch wärmende Strahlen den Boden erreichten. Da blieb nur die U3. Die fährt oft hoch und im Kreis. Man hat immer irgendwo einen Moment, in dem die Sonne auch zum Sunset ins Gesicht strahlt. Der Ausgangspunkt zum Film war, die Goldene Stunde zu dokumentieren. Auf diesen Rundfahrten kam mir die Idee zu der Geschichte, die entsteht, indem man – hoffentlich – das präsente Hafenpanorama wiedererkennt, das die Protagonisten zweimal durchfahren. Der Zuschauer bemerkt die Kreisfahrt, die keinen Sinn ergibt, wenn man sich fortbewegen will. Mindestens einer von beiden will nicht aussteigen– warum?

Bei aller Kürze hat der Film etwas Meditatives.

Das liegt wohl an der Redundanz des Musiksamples im ersten Track. Durch Wiederholungen, Loops hatte ich bereits in früheren Kurzfilm-Experimenten eine Inhaltslosigkeit hinbekommen, die Abdriften oder Meditieren ermöglicht, aber zunächst den Zuschauenden fordert – man muss sich darauf einlassen können. Ein guter Slowloop schafft das. Dieser Spagat ist das Interessante für mich am Kurzfilm. Narrative Sachen finde schwierig im klassischen Kurzfilm bis 15 Minuten Dauer, da bleibt kaum Zeit, Inhaltslosigkeiten oder Banalitäten einzusetzen. „First Time“ geht über 49 Minuten. Da konnte ich ein wenig narrativ arbeiten und dennoch mit diesen Mittel spielen.

 

„Mich interessieren Sachen, die man nicht einordnen kann“

 

Das Intro mit dem Coke-Clip aus den Achtzigern, der mit Robin Becks „First Time“ die Jugend feiert, fand ich etwas lang.

Ich wollte neben einem Werbeclip als Vorfilm, dass man schon eine erste Hürde nimmt für das, was danach kommt. Mit der Musik und der ultrakitschigen Werbeästhetik funktioniert das super. Die Bilder ähneln sich alle auch so schön. Wenn man es schafft, die Werbung durchzugucken, schafft man auch den Film. Und es gibt diesen krassen Kontrast – Coke Commercial vs. the real thing.

Deine Filme wie das bereits 2017 erschienene Sequel von „First Time“, „Final Stage“, spielen oft in Übergangssituationen: in der S-Bahn, am Bahnhof, auf den Korridoren einer Mall. Oder auch im Herbst, nach Trennungen oder in der Pubertät.

Mich interessieren vor allem Graubereiche, Ambivalenz, die man nicht so einfach einordnen kann. Deshalb auch keine Junge-Mädchen-Konstellation. Wenn es Zuschauende schaffen, sich darauf einzulassen, finde ich es richtig, auch ein Angebot zu machen, ins Grübeln kommen – rein optional. Filme können super inspirierend sein. Ich denke, das ist etwas Schönes. Doch mittlerweile gibt’s ja kaum noch Momente, wo man die Muße und die Zeit dafür hat. Kino hat da mega Potenzial. Dochbei vielen Filmen muss man 100 Prozent dabei sein, um den Handlungsstrang oder etliche davon zu kapieren. Oder es gibt so viel Action, dass man gar nicht abtauchen kann. Dann ist der Film vorbei, und zack, ist man wieder im echten Leben. Was bleibt da hängen?

 

Eine Liebesgeschichte? Villeicht

 

Nicolaas Schmidt Credit Nicolaas Schmidt-klein

Erhielt den Deutschen Kurzfilmpreis 2021: Nicolaas Schmidt (Foto: Nicolaas Schmidt)

Bei „First Time“ bleibt die Frage hängen, ob es eine Liebesgeschichte ist. Vielleicht.

Deshalb möchte ich diese Frage besser nicht beantworten. Ja, vielleicht ist das nur eine weitere Liebesgeschichte.

Oder einfach eine konzeptionelle Videoarbeit oder ein Experimentalfilm? Tragödie? Oder gar Komödie? Mir wurde schon gesagt, dass es komische Momente gibt. Oder Kapitalismuskritik? Im Abteil hängt ein ein Poster von „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“, einer Platte von „Ja Panik“.

Dieses Plakat ist das Filmposter eines früheren Kurzfilms meines guten Freundes Ray Juster und mir. Wir haben echte Werbung damit überklebt. Bei der Montage des Films fanden meine Dramaturgin Anne Döring und ich den Spruch schwierig, weil zu eindeutig.

Der Film scheint ohne Schnitt durchgefilmt zu sein.

Nicht jede U3 fährt unterbrechungsfrei im Kreis. Manchmal muss man in Barmbek umsteigen. Ich hatte mir daher eine Schnittmöglichkeit offen gehalten. Wir sind aber durchgefahren im Kreis.

 

Freiraum für Zufälle

 

Waren die anderen Fahrgäste auch Schauspieler?

Es gibt die beiden Schauspieler und etliche Statisten. Die haben wir auch gebraucht, um das Wagenabteil abzublocken vor den echten Passanten. Das war auch das Spannende, zu probieren: Klappt es oder kommen Leute rein. Da entstehen echte Momente, die hätte man sich nicht besser ausdenken können. Das finde ich interessant: Was passiert, mit dem entsprechenden Risiko. Die erste der drei Fahrten war zur Probe. Die zweite war gut, aber es war etwas zu früh. Da wollte die Sonne noch nicht so (lacht). Die dritte Fahrt hat geklappt, mit sehr viel Glück natürlich. Aber wenn alles exakt vorbereitet, alle möglichen Problemstellen gecheckt sind und das meiste feststeht, kann man so ein Risiko eingehen. Wir wussten genau, welches Abteil wir benutzen, wo die Bahn hält, wie viel Zeit zwischen den Stationen ist, wann was passiert – da kann man auch Freiraum für Zufälle lassen.

Was gab es für Zufälle?

In der U-Bahn-Station St. Pauli hält der Zug vor einem Kiosk. Der füllt exakt das Fenster aus. Der genaue Standpunkt des Abteils beim Halten war in der Dopplung dann wohl Glück. Das Interessante ist auch der dokumentarische Aspekt: Diesen Kiosk gibt’s mittlerweile nicht mehr. Die Werbeposter auf den Bahnsteigen sind natürlich auch Zeitdokumente. In einem anderen Moment steht ein Passant ziemlich im Hintergrund am Gleis. Wie künstlich platziert und sehr einsam dabei. Wäre das inszeniert, hätte man es eventuell platt gefunden. Ebenfalls ganz toll: In der Station Hamburger Straße ist eine Bank zentriert im Fenster-Bild, auf der zwei erwachsene Männer nebeneinandersitzen – wunderbar korrespondierend zu den beiden Jungs in der Bahn. Aber: nicht geplant. Da gab es viele Sachen.

 

Zu sehen – hoffentlich bald

 

Auch die Musik spielt eine wichtige Rolle.

Ja, den ersten Instrumental-Track „Delta Roth“ in einem Album meines früheren HFBK-Kommilitonen Iason Joumkos zu entdecken, war wichtig für den Film. Er hat den Song dafür noch verlängert und für den zweiten Teil des Films darauf einen weiteren Track „Omega Roth“ komponiert.

Aktuell stehen in Hamburg keine Festivals an, auf denen „First Time“ gezeigt werden könnte. Kann man ihn wenigstens schon im Netz sehen?

Leider nein. Es geht darum, den Film komplett unterbrechungsfrei schauen zu können, nicht aufzugeben und bestenfalls abzutauchen. Ich möchte möglichst vielen Menschen die Chance dazu geben. Wie gesagt, man muss sich erst mal darauf einlassen und dazu braucht es Kino – den Raum, die anderen Zuschauer, die Dunkelheit, die Soundanlage. Ich hoffe sehr, es wird sich hier ein Festival in 2022 finden, denn wegen Corona gab es nicht mal eine kleine Teampremiere in Hamburg.

endjoy.org/firsttime


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Mönckebergstraße: Baustelle verschoben

Die Geschäfte in der Hamburger City blühen wieder auf. Nach den angekündigten Schließungen von Karstadt Sports sowie Galeria Karstadt Kaufhof sind die steigenden Umsätze das erste positive Signal aus der Innenstadt seit Ausbruch von Corona. Zur Überraschung aller wird nun auch der Umbau der U3-Strecke entgegen der bisherigen Pläne auf kommendes Jahr verschoben.

 

In der Stadt ist wieder richtig was los. Umsatz und Kundenfrequenz des Einzelhandels in der Hamburger Innenstadt steigen wieder. Diese erfreuliche Nachricht verkündete Citymanagerin Brigitte Engler vor wenigen Tagen. Mit dem Start der Ferien war bereits ein deutlicher Anstieg der Besucher und Käufe zu verzeichnen. Während die Einbußen im Mai noch bei satten 70 Prozent lagen, sind sie inzwischen auf etwa 20 Prozent gesunken.

Mit Maskenpflicht, Hygienekonzepten und dem nötigen Abstand fühlen sich die Kunden aber inzwischen sicher genug, um sich wieder mit dem neusten technischen Spielzeug, der neuesten Mode und den kulinarischen Genüssen zu versorgen oder einfach nur den Spaziergang durch die Innenstadt zu genießen. Ein wichtiger Faktor für den Erfolg sei auch die Möglichkeit, die Außenflächen für Gastronomie zu nutzen, sagte Engler vor wenigen Tagen. Das helfe auch dem Einzelhandel.

 

Die geplante Baustelle wird im März 2021 eingerichtet

 

Shopping und Genussmittel bedingen einander. In diesem Zusammenhang ist besonders interessant, dass nun auch die Hochbahn dies unterstützt. So wird die geplante Baustelle im Zuge des Umbaus der U3-Station Mönckebergstraße auf der Seite des Levantehauses, die für August vorgesehen war, verschoben und erst im März 2021 eingerichtet. Viele Händler und Gastronomen hatten sich für dafür eingesetzt, um die Außenflächen nutzen zu können und den Zugang zu ihren Geschäften zu erleichtern.

In der Ausgabe 07/2020 berichtete die SZENE HAMBURG in dem Artikel „Handelsbarrieren“ über eben diesen Streitpunkt und ließ sowohl Dietmar Hamm, Geschäftsführer des Levantehauses, als auch Christoph Kreienbaum, Pressesprecher der Hochbahn zu Wort kommen. „Corona hat uns kalt erwischt“ erzählte Hamm damals, und zeigte angesichts der brenzlichen Lage der Einzelhändler nicht all zu viel Verständnis für den strikten, unabänderlichen Zeitplan der Hochbahn.

 

Nun ist der Kompromiss da

 

Hochbahn-Pressesprecher Christoph Kreienbaum erklärte hingegen, dass der barrierefreie Ausbau der über 100 Jahre alten Haltestellen Mönckebergstraße und Rathaus gerade jetzt im Vorfeld und „Windschatten“ der großen Sanierungsarbeiten umgesetzt werden müsste, um eine weitere, spätere und somit insgesamt längere Vollsperrung der U3 zu vermeiden. Der entsprechende Artikel endete mit den Worten „Ein für alle Seiten tragfähiger Kompromiss ist nach gegenwärtigem Stand noch nicht in Sicht.“

Nun ist der Kompromiss da, die Außengastronomie möglich und alle scheinen glücklich. Möglich macht dies die Verlagerung der Busse aus der Mönckebergstraße auf die Steinstraße, der zuvor entgegenstand, dass die Steinstraße nicht über die infrastrukturellen Voraussetzungen verfügt, um den Busbetrieb dort abwickeln zu können.

 

Ein halbes Jahr weniger Baustelle

 

In einem Kraftakt der Planer von Behörde für Verkehr und Mobilitätswende (BVM), des Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) und der Hochbahn sei jedoch der Entschluss gefallen, die Voraussetzungen bis März zu schaffen, verrät Hochbahn-Pressesprecher Christoph Kreienbaum auf Nachfrage der SZENE HAMBURG. Dadurch sei es möglich, „in einem kürzeren Zeitfenster die komplette Mönckebergstraße zu sperren und beide Seiten der U-Bahn-Station gleichzeitig zu bauen“.

Sollte die Umleitung der Busse in die Steinstraße reibungslos verlaufen, wäre das vielleicht sogar eine langfristige Lösung. Für die Kaufleute bedeutet es in jedem Fall ein halbes Jahr weniger Baustelle auf der Südseite der Mönckebergstraße – und das sogar über die gesamte Weihnachtszeit. Dann hat sogar Santa Claus genug Platz, um mit seinem Schlitten auf der Mö zu landen. /MAG

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Hamburg entdecken… mit der U3 durch die Stadt

SZENE HAMBURG empfiehlt im Dezember eine Runde U-Bahn-fahren – mit der U3 von Barmbek nach Barmbek. Einmal im Monat stellen wir unseren Lesern ab sofort kleine Entdeckungstouren auf den schönsten HVV-Strecken vor. Diesmal lassen wir uns von der U3 durch halb Hamburg fahren und steigen nur da aus, wo wir wirklich wollen.

Weihnachtszeit! Bei frostigen Temperaturen die Stadt zu erkunden macht wenig Spaß. Eine Fahrt mit der U3 dagegen schon. Denn die Ringbahn fährt ab Barmbek viele schöne Stadtteile Hamburgs ab, und verläuft auf rund einem Viertel der Strecke überirdisch. Wir starten in Barmbek am Museum der Arbeit, wo sich noch bis zum 30. Dezember 2018 Kinder und Erwachsene auf dem gemütlichen Barmbeker Weihnachstmarkt vergnügen können. Weiter geht es mit der U3 Richtung Hauptbahnhof, vorbei am malerischen Kuhmühlenteich. Hier kann man von der erhöhten Bahnstrecke sogar einen Blick auf die Außenalster erhaschen. Die Strecke bis zum Rathaus ist sogar der älteste Bahnabschnitt der Stadt. Zwischen Lübecker Straße und Rödingsmarkt verschwindet die U3 kurz unter der Erde, taucht aber genau rechtzeitig für ein schönes Elbpanorama – vorbei an Elbphilharmonie, Hamburger Hafen und Landungsbrücken – wieder auf. Besonders verlockend an kalten Tagen: Nicht weit entfernt von der Haltestelle Kellinghusenstraße liegt das Holthusenbad – das schönste Hallenbad der Stadt mit frisch renovierter Therme. Entspannung pur! Wer lieber sitzenbleibt, landet nach knapp 45 Minuten Fahrtzeit schließlich wieder in Barmbek. Im LüttLiv in der alten Zinnschmelze kann man bei einem Stück Kuchen den Tag ausklingen lassen.

Start: Barmbek
Ziel: Barmbek
Bahnlinie: U3
Fahrtzeit: 45 Minuten
Tarifempfehlung: 9-Uhr-Tageskarte Hamburg AB, 6,40 Euro *

* gilt für 1 Person + 3 Kinder (bis 14 Jahre)


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2018. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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