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„Die Zauberflöte zweiter Teil “ – ein Gespräch

220 Jahre nach ihrer Entstehung wird die Fortsetzung von Mozarts „Die Zauberflöte“ uraufgeführt. Das Libretto schrieb kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe. Mit der Inszenierung feiert die Hamburger Kammeroper ihr 25-jähriges Jubiläum nach – ein Gespräch mit dem Regisseur Alfonso Romero Mora

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: Alfonso, du kommst viel herum, hast in den letzten Jahren Opern auf Gran Canaria, Teneriffa, in Bilbao und Koblenz inszeniert und wirst in Lissabon Gounods „Faust“ auf die Bühne bringen. Mit deiner hochgelobten Inszenierung von Rossinis „La Gazzetta“ 2017 und drei weiteren Produktionen kann man dich fast schon als Hausregisseur am Hamburger Allee Theater bezeichnen. Inszenierst du für ein deutsches Publikum anders als für ein spanisches?

Alfonso Romero Mora: In Deutschland kann ich mir mehr Freiheiten erlauben als in Spanien oder Italien. Natürlich gibt es auch dort eine neue Welle und man spielt moderne Stücke. Trotzdem würde vieles, was ich in Deutschland auf die Bühne bringe, in Spanien so nicht funktionieren. In Deutschland und speziell im Allee Theater fühle ich mich sehr frei, und dafür bin ich total dankbar.

„Im Risiko besteht der Sinn unserer Arbeit“

Alfonso Romero Mora

Du hast bereits mehrfach für die Opernfestspiele von Las Palmas de Gran Canaria inszeniert. Sitzen dort viele Strandurlauber im Publikum?

Da kommen natürlich auch Touristen, sie machen aber nur einen kleinen Teil des Publikums aus. Es gibt auf Gran Canaria eine richtige Opernkultur, wobei man viel Wert auf große Stimmen legt. Dort investiert man viel Geld, das dann oft im Bereich Regie und Ausstattung fehlt.

Den Darstellern nichts vorspielen

Mora, Alfonso Romero © Dr.J.Flügel-klein
Ein gern gesehener Gastregisseur am Allee Theater: Alfonso Romero Mora (Foto: Dr. J.Flügel)

Ist es schwierig, als Regisseur mit berühmten Opernsängern zusammenzuarbeiten? Stichwort Starallüren und Divengehabe?

Vor fünf Jahren habe ich in Donizettis „La Fille du Regiment“ mit dem mexikanischen Tenor Javier Camarena zusammengearbeitet. Aber wie sollte ich ihm die Rolle des Tonio erklären, die er schon tausendmal gesungen hat? Ich habe ihm also einfach einen Raum mit verschiedenen Spielmöglichkeiten eröffnet und es ihm selbst überlassen, was er davon annehmen möchte. Das hat ihn wohl etwas überrascht, aber letztendlich ist das Arbeiten mit großen Opernstars so viel entspannter. In der Kunst gibt es nicht nur eine Wahrheit.

Im Hamburger Allee Theater gibt es diesen Starkult zum Glück nicht. Außerdem inszenierst du mit „Die Zauberflöte zweiter Teil“ eine Oper, die noch nie aufgeführt wurde. Haben die Sängerinnen und Sänger trotzdem die Freiheiten, die du eben beschrieben hast?

In meinen frühen Inszenierungen habe ich selbst sehr viel auf der Bühne vorgespielt. Ich habe aber gemerkt, dass es kaum hilfreich ist, wenn die Sänger einfach nur kopieren, was ich tue. Also versuche ich erst einmal, die Situation der Szene mit ihnen zu klären. Wir sprechen sehr viel über die Charaktere und deren Psychologie. Es wirkt viel natürlicher und organischer, wenn der Sänger die Rolle mit seiner eigenen Körperlichkeit findet. Das gibt den Solisten auch mehr Spielraum, etwas von sich selbst zu geben, zu experimentieren und sich selbst zu überraschen. Wir suchen das Risiko. Darin besteht der Sinn unserer Arbeit.

Die Form bleibt traditionell

Das Hamburger Publikum hat mit „La Gazzetta“, „Adina“ und „La Cenerentola“ bisher vor allem deine komische Seite kennengelernt. Was erwartet uns bei Goethes Fortsetzung der „Zauberflöte“?

Auch dort gibt es mit Papageno, Papagena und ihren Vogelkindern humorvolle Stellen. Sie bilden aber nur einen Kontrast zum komplexen Inhalt, den wir natürlich erst einmal erzählen wollen, weil die Zuschauer das Stück ja nicht kennen. Deshalb bleiben wir in der Form eher traditionell und wollen nichts modern verfremden.

„Das Stück ist sehr komplex, es steckt voller Ideen und Metaphorik“

Alfonso Romero Mora

Knüpft Goethe direkt an die Handlung von Mozarts Singspiel an?

In Mozarts „Zauberflöte“ gibt es einen großen Krieg zwischen Licht und Dunkel. Der zweite Teil von Goethe ist eher ein Stück des Sturm und Drang. Die Konflikte finden hier in der Familie, zwischen den Paaren statt. Dabei hat das Stück eine eher melancholische Farbe und ist nicht so episch angelegt wie der erste Teil. Es stellt die Frage: Was passiert mit Helden zehn Jahre nach ihrer Heldentat? Der mächtige Sarastro verlässt zum Beispiel seinen Tempel und sammelt auf einer Pilgerreise Kräuter. Auf diese überraschende Weise findet Goethe einen ganz neuen Weg zur Rolle. Wir werden auf der Bühne beide Welten und ihre Beziehungen zeigen: die kosmische, abstrakte Welt mit ihren großen Kräften und die irdische Welt der Menschen.

„Auf der Bühne möchte ich klar und einfach bleiben“

Eine sehr merkwürdige Erfindung in diesem Text ist der Sohn von Pamina und Tamino. Er wird in einem Sarg gefangen gehalten, der ständig bewegt werden muss, damit das Kind nicht stirbt. Wie lässt sich dieses Bild deuten?

Es ist ein Kind, ein Genius, ein Wesen – das lässt sich nicht genau sagen. Ich glaube, diese Figur soll die Vernunft und die Erkenntnis verkörpern. Der Mensch muss sich ständig bewegen, um Neues zu erforschen und sich zu entwickeln. Tut er das nicht, wird er sterben. Das ist ein Bild der Aufklärung mit einem Wechsel vom Aberglauben zur Wissenschaft. Bei uns ist der Sarg eine Kugel und darin schlägt ein Herz. Wir verwenden viele metaphorische Bilder und Projektionen auf der Bühne.

Es gibt sehr viel Sekundärliteratur zu Goethes Textfragment. Da werden Bezüge hergestellt zum ersten Teil der „Zauberflöte“, zu Goethes „Faust“ und seinen freimaurerischen Vorstellungen. Wie sehr beschäftigst du dich mit diesen Texten?

Man kann viel reden und schreiben, aber letztendlich geht es doch immer um den Menschen und seinen Umgang mit sich selbst oder seinem Partner. Natürlich hilft die Lektüre, aber auf der Bühne möchte ich klar und einfach bleiben. Ein intellektueller Zugang muss auch die Ebene der Gefühle mit einschließen, um die Menschen zu bewegen.

„Die zentrale Aussage des Stückes war damals wie heute höchst aktuell“

Alfonso Romero Mora

„Goethe fand wohl keinen passenden Komponisten“

Goethes Text wurde vor über 200 Jahren geschrieben. Warum wird er erst jetzt uraufgeführt?

Goethe selbst hat das Stück nicht auf die Bühne gebracht, weil er wohl keinen passenden Komponisten gefunden hat. Außerdem ist das Stück sehr komplex, es steckt voller Ideen und Metaphorik. Barbara Hass hat in ihrer Bearbeitung des Fragments kleine dramaturgische Änderungen vorgenommen, ohne den dramatischen Rhythmus zu verändern. Die zentrale Aussage des Stückes war damals wie heute höchst aktuell. Das unbeschwerte und reine Handeln der Kinder – des Genius sowie der Kinder von Papagena und Papageno – ohne Zauberinstrumente und ohne Rache oder Gewalt ist die Lösung zur Rettung der Menschheit und letztendlich des eigenen Ichs. Wir haben uns vorgenommen dies auf der Bühne umzusetzen.

Ihr habt Goethes Text für die Uraufführung mit Musik von unbekannteren Konzert- und Opernarien Mozarts unterlegt?

Marius Adam, der Intendant des Allee Theaters, und Ettore Prandi, unser musikalischer Leiter, haben diese umfangreiche Arbeit geleistet. Sie haben die musikalischen Werke ausgesucht und mit Goethes Text versehen. Aber natürlich gibt es auch gesprochene Dialoge. Goethes Text und Mozarts Musik: eine wunderbare Symbiose, die genial funktioniert.

„Die Zauberflöte zweiter Teil“, Allee Theater, 22. April 2022 (Uraufführung), 23., 24., 29., 30. April und weitere Termine


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Thalia Theater: Das mangelnde Licht

Im Roman „Das mangelnde Licht“ der Deutsch-Georgierin Nino Haratischwili geht es um Freundschaft und Verrat. Das darauf basierende Stück wird am 26. Februar 2022 im Thalia Theater uraufgeführt

Text: Dagmar Ellen Fischer

Perfektes Timing: Am 25. Februar 2022 erscheint der neue Roman „Das mangelnde Licht“ der Deutsch-Georgierin Nino Haratischwili, und nur einen Tag später findet dessen Uraufführung auf der Bühne statt – besser können sich zwei Ereignisse kaum gegenseitig befördern. Zum dritten Mal – nach „Das achte Leben (Für Brilka)“ und „Die Katze und der General“ – verwandelt somit die Hamburger Regisseurin Jette Steckel Literatur der Bestsellerautorin in Theater.

Das jüngste Buch thematisiert ein weiteres Mal Georgiens Historie: Ende der 1980er-Jahre verbindet vier junge Frauen eine besondere Freundschaft; die sensible Qeto, die lebenshungrige Dina, die kluge Außenseiterin Ira und die romantische Nene genießen erste Lieben und die Aussicht auf nie zuvor gekannte Freiheiten nach Georgiens Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Doch auf den Freudentaumel folgt der Bürgerkrieg – und das Ende der Freundschaft durch Verrat. Jahrzehnte später treffen sich drei der Frauen wieder und müssen sich dem tragischen Tod ihrer Freundin stellen.

„Das mangelnde Licht“, ab dem 26. Februar 2022 (Uraufführung) am Thalia Theater


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„Seine Bücher haben mich geprägt“

David Foster Wallace war Mathematikgenie, Tennis-Ass, Hochschullehrer und Autor. 2008 nahm er sich im Alter von 46 Jahren das Leben. Seine Erzählung „Neon in alter Vertrautheit“ bringt Thalia-Schauspieler Sebastian Zimmler nun auf die Bühne an der Gaußstraße

Text: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: „Neon“ erzählt vom Selbstmörder Neal, der einen Abschiedsbrief nach (!) seinem Tod schreibt und darin gesteht, dass er zeitlebens ein Heuchler war, immer gierig nach Bewunderung und dem Applaus der anderen. Warum dieser Text jetzt?

Sebastian Zimmler: Als ich „Neon“ das erste Mal las, hatte ich sofort (Theater-) Bilder im Kopf. Ich sah den Protagonisten dieser Story als eine Art Alter Ego: einen Spieler, der auf der Bühne steht und viel Zeit und Mühe investiert, um vor anderen als beeindruckend und „authentisch“ dazustehen, daran aber schmerzvoll scheitert. Mit diesem Stoff hatte ich vor längerer Zeit ans Intendantenbüro geklopft, aber erst die Pandemie öffnete mir dieses Jahr die Tür zur Studiobühne.

Rechnen Sie damit, dass das Publikum den Autor und seine Bedeutung kennt?

Ich kenne tatsächlich nur wenige Menschen, die ihn gelesen haben, dennoch ist er längst kein Geheimtipp mehr. Und wenn ich den Text zum Anlass nehme, die Figur des Heuchlers zu performen, sollte das natürlich auch exklusiv, ohne Hintergrund von Werk und Autor, funktionieren.

 

David Forster Wallace und die Intimität

 

In „Neon“ geht es um einen Selbstmörder, es gibt also diese Parallele zum Leben des Autors. Wie gehen Sie damit um?

Auch wenn für mich der Suizid von David Foster Wallace in dieser Erzählung eine Gänsehaut verursachende Präsenz hat, ist es mir doch wichtig, zwischen Werk und Biografie des Autors zu unterscheiden. Das Geschriebene ist groß und stark und bedarf gewissermaßen keiner Perspektivierung auf den Autor.

Wie würden Sie den eigenen Maßstab formulieren, dem Autor mit dieser Inszenierung gerecht zu werden?

Ich bin ein großer David-Foster-Wallace-Fan und habe alle seine Bücher gelesen. Sie haben mich geprägt, verändert und mein Schaffen als Schauspieler beeinflusst. Ich würde gerne so spielen können, wie er geschrieben hat: eine Intimität herstellend, der man sich schwer entziehen kann und die so unterhaltsam ist und doch immer ernsthaft, moralisch aufgeladen und stets unironisch.

In „Neon“ heißt es: „In Wahrheit ist das Sterben nicht schlimm; es dauert nur ewig lange. Und ewig nimmt keine Zeit in Anspruch.“ Kommentieren Sie solche Sätze durch Ihr Spiel?

Es geht um die Behauptung, „dass die Nano-Sekunde zwischen dem Eintreten des klinischen Todes und ‚dem, was danach passiert‘, in Wirklichkeit unendlich ausgedehnt ist“. Den Gedanken, dass die Zeit in Wirklichkeit nicht entlang einer Geraden verläuft, muss ich als Spieler zunächst gar nicht kommentieren. Ihn zu denken, ist schon schwer genug.

 

Nähe und Gleichzeitigkeit durch Projektion

 

Sie arbeiten mit Projektionen, welche Funktion erfüllen sie?

Die Projektionen sollen helfen, eine Nähe und Gleichzeitigkeit zu erzeugen, in der Vergangenheit und Zukunft Illusionen der Gegenwart sind. Wenn man so will, eine Art Doppelbelichtung und auch eine Lupe, unter der wir den Blender sehen.

Dass Texte – oder Kunst allgemein – aus eigenem persönlichem Leiden geboren werden, würde der Autor vermutlich nicht gelten lassen, wie schauen Sie auf dessen schriftstellerisches Werk unter diesem Aspekt?

Seinen hyperempfindlichen Sinn für Bilder, in denen lässiges Beobachten und äußerste Verletzbarkeit zusammenfließen, finde ich phänomenal. Ich sehe David Foster Wallace auf einer Linie mit Balzac und Dostojewski!

„Neon in alter Vertrautheit“, Thalia Gaußstraße, 12. November 2021 (Uraufführung), 24. November und weitere Termine

Hier gibt’s den Trailer zu „Neon in alter Vertrautheit“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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