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Prince Kuhlmann: „Wir brauchen Quoten“

Die ghanaisch-deutsche Filmproduktion „Borga“ wurde beim Filmfestival Max Ophüls mit vier Preisen (u. a. bester Film und Publikumsliebling) ausgezeichnet. Im Interview erzählt der Hamburger Schauspieler Prince Kuhlmann über seine Erfahrungen beim Dreh, die Schwierigkeit, als schwarzer Schauspieler in Deutschland engagiert zu werden und die Vorteile einer Diversity Checklist

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Prince Kuhlmann, du spielst in dem Film „Borga“ von York-Fabian Raabe mit, der im Januar auf dem Filmfestival Max Ophüls viermal ausgezeichnet wurde. Was macht den Film so besonders?

Prince Kuhlmann: Als ich die Anfrage erhielt und hörte, dass es sich um eine deutsch-ghanaische Geschichte handelt, war mir sofort klar, dass ich dabei sein wollte. Das ist für mich eine Herzensangelegenheit. Es ist die Geschichte meiner Eltern und Großeltern – und es ist die Sprache, die ich noch immer spreche.

Das Besondere ist, dass wir endlich diese ungehörte Geschichte eines schwarzen, afrikanischen Mannes erzählen können, der auf die Reise geht, um sein Glück in der Fremde zu suchen. Dieses Narrativ sieht man in Deutschland in dieser Form und Qualität selten.

Was ist an diesem Narrativ so anders?

Die Reise, die die Hauptfigur Kojo (Eugene Boateng) durchlebt – als Schwarzer in Deutschland, als Borga in Ghana – kommt ohne die sonst übliche Form der Indirektheit aus. Wir sehen und erleben die Geschichte aus seiner Perspektive. Es ist wichtig, dass die Zuschauer diese Geschichte auf diese Weise miterleben.

Spiegelt der Film die Realität der ghanaischen Community gut wider?

Es ist natürlich etwas dramatisierter und zugespitzter, was in der Natur des Mediums Film liegt. Aber es gibt viele Aspekte, die sehr realitätsnah sind. Gerade die Odyssee, auf die Kojo sich einlässt, aber auch die afrikanische Community in Mannheim oder das Bild eines Borgas.

Wofür steht das Wort Borga?

Ein Borga ist ein erfolgreicher, wohlhabender Mann von Welt, der es schafft, Dinge zu ermöglichen, die in den Heimatländern normalerweise nicht möglich sind. Wenn du zu einem anderen Afrikaner sagst „Hey Borga! What up?!“, dann bestätigst du diesen quasi als gemachten Mann. Insbesondere in den 1980er und 1990er Jahren war die Zielsetzung vieler afrikanischer Auswanderer, nach Europa oder nach Übersee zu gehen und ein Borga zu werden.

 

„Größte ghanaische Community Deutschlands ist in Hamburg“

 

Stimmt es, dass der Begriff sich von Hamburg ableitet?

Ja, das stimmt. Aus „das ist ein Hamburger“, wurde „das ist ein Borga“. Die größte ghanaische Community Deutschlands ist in Hamburg. Meine Eltern kamen 1979 nach Hamburg. Es gab eine Welle von Westafrikanern, die damals nach Deutschland kam.

In dem Film geht es um die zwei Brüder Kojo und Kofi, die in Ghana aufwachsen und auf einer Elektroschrottmüllhalde nach wertvollen Stoffen suchen, um mit ihrer Familie über die Runden zu kommen. Als Kojo von einem Freund die Erfolgsgeschichten von dessen Onkel in Deutschland hört, entwickelt er den Wunsch, es ihm gleich zu tun. Als junger Erwachsener macht er sich auf nach Mannheim. Gibt es noch immer diese Vorstellung, dass man in Europa und speziell Deutschland leicht zu Wohlstand kommt?

Die Technik hat viel verändert. Durch das Internet, die Handys und Social Media bekommt man viel mehr mit, wie das Leben in den europäischen Städten wirklich ist. Niemand läuft dem noch so blauäugig hinterher. Lange Zeit hat man aber daran geglaubt, dass man nach Europa geht und ein Borga wird. In Wahrheit erwartete einen harte Arbeit – Tag und Nacht. Das durfte zu Hause aber keiner erfahren. Der Schein musste unbedingt aufrechterhalten werden. Da geht es um Prestige und Ansehen. Wer den Weg nach Europa einschlägt, muss erfolgreich sein. Der Druck der Familie, der Nachbarn, der Community ist groß.

In einer Schlüsselszene stößt Kojo auf den von dir gespielten Ebo, der kein Borga geworden ist, sondern ein etwas heruntergekommener, verbitterter älterer Mann. Was hat dich an dieser Rolle gereizt?

Ebo ist eine Art Antagonist von Kojo. Er gilt in Afrika noch als Borga, ist es aber nicht. Diese Scheinrealität zerbricht in dem Moment, in dem die beiden sich treffen. Das war eine sehr intensive, emotionale Szene. Ebo ist verletzt und verbittert, innerlich zerbrochen, weil ihm nicht gelang, was er sich so sehnlichst gewünscht hatte. Und mit der Ankunft von Kojo droht dieses Bild zu zerbrechen.

 

 

Wie hast du dich auf den Dreh vorbereitet?

Ich stieß zwei Wochen vor Drehbeginn zum Projekt dazu. Das war schon eine Herausforderung, in kurzer Zeit die Sprache, Emotion und Körperlichkeit in Einklang zu kriegen. Zudem musste ich der Figur eine Tiefe geben, die glaubhaft machte, dass er diese Reise bereits hinter sich hatte. Ich weiß noch, dass ich vor der Szene länger als sonst im Trailer saß und viel Musik gehört habe, um in eine bestimmte Stimmung zu kommen. Ich sauge die Emotionen über die Musik quasi auf und lasse sie dann in der Szene einfließen.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Regisseur York-Fabian Raabe?

Die Zusammenarbeit mit York war sehr intensiv. Er wollte das Extremste von uns herausholen. Es gibt Regisseure, die erklären detailliert, wie sie sich eine Szene vorstellen. York gehört eher zu denen, die sagen: „Spiel einfach!“ Durch dieses Machen-Lassen ist diese Figur überhaupt erst entstanden.

In solchen Momenten merkt man, dass es einen Zusammenhalt gibt, der über das Vertrauen entsteht. Irgendwann fängt man an, nicht bloß zu spielen, es passiert dann einfach. Man reagiert nur auf das, was der andere tut.

 

„Borga“ ist kein Film für die Black Community, sondern für alle.“

 

Du hast mit „T.H.U.G. – True Hustler Under God“ und „Borga“ gleich in zwei deutschen Filmen mitgespielt, die unter die Rubrik „Schwarzer Film“ in Deutschland gezählt werden können. Woran liegt es, dass nicht mehr dieser Filme produziert werden?

Ich glaube, dass die Ideen, Geschichten und Leute da sind, um diese Art Filme zu machen. Nach dem Film „Borga“ kann jedenfalls keiner behaupten, es gäbe nicht genug schwarze Schauspieler in Deutschland. Dieser Film ist der Beweis, dass hervorragende schwarze Schauspieler da sind und bereit sind, zu spielen. „Borga“ ist kein Film für die Black Community, sondern für alle.

Scheitert es auch an der Finanzierung?

Beim Film „T.H.U.G.“ hatten wir nicht viel Geld. Ich habe nicht mal eine Gage bekommen. Wir wollten eine Bewegung in Gang bringen und andere inspirieren. Das war ein Film, um zu zeigen, dass es möglich ist, einen Jugendfilm mit schwarzer Besetzung zu machen und in die Kinos zu bringen.

Die Preise beim Filmfestival Max Ophüls sprechen dafür, dass Deutschland reif für solche Geschichten und Perspektiven ist.

Ich habe auch den Eindruck, dass alle Bock darauf haben. Der Film zeigt eindrucksvoll die Menschen am Rand, die auch im Filmbusiness meist nur vom Rand zuschauen dürfen. Jetzt stehen wir mit diesem Film mittendrin – und sehen, dass es viele interessiert, was wir zu erzählen haben.

Wäre der nächste Schritt nicht, dass auch schwarze Regisseure ihre Geschichten erzählen? Borga ist zwar ein schwarzer Film, aber von einem weißen Regisseur.

Klar! Auf jeden Fall! Das ist die nächste Etappe, die gegangen werden muss. York hat mit „Borga“ aber großartige Pionierarbeit gemacht. Ich bin froh und so stolz darauf, dass er das mit so viel Leidenschaft und Können umgesetzt hat. Damit hat York uns alle nach vorn in die erste Reihe geschoben. Aber klar, es muss der nächste Step sein, dass auch schwarze Regisseure und Produzenten ihre Storys erzählen. Irgendwo muss man ja beginnen. „Borga“ könnte die Initialzündung sein. Ich hoffe, dass dadurch Türen für die kommenden Generationen geöffnet werden und sich diese Türen nicht wieder schließen. Das ist – gerade in der jetzigen Zeit – sehr wichtig.

 

Verbindliche Quoten

 

Ist die Diversity Checklist, die die Filmförderung Hamburg-Schleswig- Holstein im vergangenen Jahr eingeführt hat, ein Schritt in die richtige Richtung?

Das ist auf jeden Fall gut. Von mir aus hätte man sogar einen Schritt weiter gehen können. In anderen Ländern, wie beispielsweise UK gibt es verbindliche Quoten.

Was entgegnest du Kritikern, die eine Checklist als Eingriff in die künstlerische Freiheit betrachten?

Die Checklist ermöglicht doch, künstlerisch vielmehr neue Perspektiven und Möglichkeiten einzunehmen und in die Geschichten einzubauen. Wir haben hier in Deutschland eine Community von talentierten schwarzen Schauspielern, die gerne mitspielen wollen. Auch sie sind Teil von Deutschland. Es kann doch nicht sein, dass man diese Gruppen außen vor lässt.

Wenn ich auf der Berlinale bin, kann ich die schwarzen Schauspieler an einer Hand abzählen. Das liegt nicht daran, dass es keine gäbe. Ich selbst werde wiederum von einigen überrascht angestarrt. Wenn also jemand fragt, wozu eine Checklist sinnvoll ist, dann ist die Antwort ganz einfach: Es funktioniert nicht anders. Wir brauchen Quoten, um Dinge zu verändern.

Wie findest du die Idee, wie in „The Personal History of David Copperfield“, Schauspieler unterschiedlichster Hautfarben Rollen spielen zu lassen, die eigentlich weiß waren?

Das ist doch ein faszinierender, mutiger Ansatz. Warum sollte ein schwarzer Schauspieler nicht auch eine weiße Rolle spielen und umgekehrt. Viele werden sich dann fragen, warum man das macht. Nach dem Motto: „Das ist ja nicht die Realität.“ Aber wer entscheidet, was im Film möglich ist und was nicht?

Kann das nicht auch ins Absurde führen, wenn beispielsweise eine Frau George Washington spielt, oder ein Weißer Martin Luther King?

Klar, es gibt natürlich Bilder, die bereits fest in den Köpfen der Menschen sind und an denen schwer zu rütteln ist. Ich finde grundsätzlich, dass man Dinge ausprobieren sollte und dann wird man sehen, wie die Resonanz ist. Man sollte zumindest vorab keine feste Linie bestimmen, die besagt, dass es nur so oder so geht, weil die Realität nun mal so ist. Wir leben im Jahr 2021. Heutzutage ist alles möglich.

Es gibt einen Regisseur, den ich extrem feiere: Ryan Murphy. Er ist für einige Golden Globes nominiert worden. Murphy erzählt Geschichten, die sein könnten, aber nicht so sind. Unter anderem Geschichten aus den 1920er Jahren. Damals saßen schwarze Schauspieler bei den Academy Awards allesamt in den hinteren Reihen. Ryan ließ sie vorne sitzen. Das ist mutig, weil er sich einfach die Freiheit nimmt, das Narrativ zu ändern.

 

„Schwarzsein ist kein Trend“

 

Ist es schwieriger, als dunkelhäutiger Schauspieler an interessante Rollen zu kommen?

Es ist ein Armutszeugnis, das so klar zu sagen, aber es ist sehr wichtig, dass es eine Agentur wie „Black Universe Agency“ gibt. Wenn du als schwarzer Künstler in einer Agentur mit überwiegend hellhäutigen Schauspielern und Schauspielerinnen bist, dann bist du eine Karteileiche. Ich bin der Agentur von Bradley Iyamu sofort beigetreten, als er sie gegründet hat. Und ich bin ihm und der Agentur sehr zu Dank verpflichtet.

Wir leben in einer Gesellschaft mit unterschiedlichen Bewegungen wie „Black Power“, oder „Black Lives Matter“, die gerade im Fokus stehen. Aber das alles ist kein Trend. Schwarzsein ist kein Trend. Ich bin schwarz geboren. Das wird sich nicht verändern. Was sich aber verändern kann, ist die Einstellung der Menschen zueinander.

Glaubst du, dass sich das zum Positiven verändern kann?

Ja, aber es ist noch ein langer Weg. In England und Frankreich ist es inzwischen normal, dass in einer Serie ein Schwarzer Polizist ist oder Staatsanwalt. Hier muss darüber zunächst diskutiert werden. Da hilft jedes Positivbeispiel, weil es zeigt, dass es funktioniert. Florence Kasumba liefert als erste schwarze „Tatort“-Kommissarin neben Maria Furtwängler beispielsweise eine klasse Performance ab.

Das inspiriert und motiviert junge schwarze Kinder und Jugendliche. Ich hoffe nur, dass nicht gesagt wird: „Na ja, jetzt haben wir ja ein Beispiel. Das reicht dann erst mal.“

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Prince Kuhlmann, 1990 in Hamburg-Jenfeld geboren und aufgewachsen, ist Schauspieler und lebt in Wandsbek. Schon früh wusste Prince, dass er Schauspieler werden will. Mit zehnJahren nahm ihn seine Mutter zum Casting für das Musical „Der König der Löwen“ mit. Er bekam die Hauptrolle als Simba. Später lernte er im Schauspiel-Studio Frese in Altona drei Jahre lang das Schauspiel. Erste Auftritte hatte Kuhlmann in TV-Serien wie „Notruf Hafenkante“ oder „Nachtschicht“. Sein Durchbruch erfolgte mit dem Kinofilm „T.H.U.G – True Huster Under God“. Es folgte sein Auftritt in der Erfolgsserie „4 Blocks“ und die Nebenrolle in dem mit vier Max Ophüls Preisen ausgezeichneten Kinofilm „Borga“ von York-Fabian Raabe.

blackuniverseagency.com


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Clubszene: „Der Wahnsinn ist noch lange nicht vorbei“

Fast jeder Lebensbereich ist von der aktuellen Corona-Krise betroffen. Wie Hamburgs Nachtleben mit der Situation umgeht, erklärt Terry Krug, einst Besitzerin der legendären Tanzhalle, Gründungsmitglied des Clubkombinats, Restaurantbetreiberin und Vorsitzende der Clubstiftung

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Terry, was macht eine Clubstiftung?

Terry Krug: Die Stiftung zur Stärkung privater Musikbühnen Hamburg, wie sie richtig heißt, ist eine gemeinnützige Organisation, die laut Satzung den Auftrag hat, die musikalische Attraktivität der Hansestadt Hamburg zu sichern. Ziel der Stiftung ist es, mit Fördermodellen die erheblichen Kosten für die Hamburger Musikclubs abzumildern und eine stetige Kompetenzerweiterung der Betreiberinnen und Betreiber zu begleiten.

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Terry Krug, Gründungsmitglied des Clubkombinats (Foto: Lidija Delovska)

Und in der heutigen Zeit?

Wir haben in den letzten Jahren mit der Clubstiftung und dem Clubkombinat Organisationen aufgebaut, die ein großes Vertrauen in der Szene genießen. Das Netzwerk lebt von persönlichen Kontakten und einem solidarischen Netzwerk. Das hilft jetzt ungemein. Sichtbar wird das gerade bei all den verschiedenen Charity-Aktionen der Clubs, die zu kollektiven Spenden in den gemeinsamen S.O.S. – Save Our Sounds-Rettungsfonds aufrufen.

Wie funktioniert der Fond?

Mit unserer Kampagne sammeln wir Gelder, um ein Clubsterben von unbekanntem Ausmaß zu verhindern. Am bekanntesten ist sicherlich die Aktion „United We Stream“, gestreamte Konzerte und DJ-Sets. Wir haben aber auch einen Onlineshop, in dem wir zum Beispiel die hübschesten Bandanas der Welt verkaufen. Übrigens das Corona-Accessoire schlechthin, wunderbar als Maske zu nutzen.

Oder man gönnt sich zwischendurch mal ein Soli-Bier. Wir kooperieren auch mit vielen tollen Partnern: Weltbekannte DJs wie Solomun rufen ihre Fans zur Unterstützung der Hamburger Szene auf. Unendlich viele Künstler unterstützen das digitale Kulturprogramm unserer Clubs. Kleine Getränkeproduzenten und Lieferanten tun sich zusammen, um sich selbst zu helfen und uns dabei zu unterstützen. Wir erfahren durch viele Aktionen eine sehr breite Unterstützung. Das tut gut. An dieser Stelle ein großes Dankeschön.

Wie viel Geld ist bis jetzt zusammengekommen?

Wir konnten bis Ende März mehr als 120.000 Euro an Spendengeldern generieren. Die Zählung für den April läuft aktuell noch. Wir hoffen, dass wir die vorherige Summe am Ende des Monats toppen können.

 

Gestärkt in die Zukunft starten

 

Hat eine erste Auszahlung bereits stattgefunden?

Leider nein. Mit der Ausschüttung dieser Gelder hat die Stiftung, ähnlich wie viele andere gemeinnützige Organisationen gerade steuerliche Herausforderungen zu bewältigen, die wir im Vorfeld leider so nicht gesehen haben. Corona kommt ja nicht alle Tage.

Wir als Stiftungsvorstand arbeiten aber gerade auf Hochtouren – gemeinsam mit der Behörde für Kultur und Medien und der Finanzbehörde – an einer Lösung. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir zeitnah ausschütten können, denn das Geld wird dringend benötigt.

Wie geht es danach mit der Kampagne weiter?

Unser Fokus liegt derzeit darauf, alles dafür zu tun, dass die staatlichen Hilfen die Live-Clubs über den anstehenden Sommer retten und dass die privaten S.O.S.-Hilfen insbesondere bestehende Förderlücken füllen können.

Ich persönlich glaube, dass die Clubs in dem zwangsverordneten Sabbatical aber auch alles dafür tun sollten, um sich für die Zeit nach Corona fit zu machen. Jede freie Minute sollte genutzt werden, um sich weiterzubilden und das Geschäft neu aufzustellen. Die Krise könnte dann auch eine Chance sein. Ich kämpfe dafür, dass wir als Stiftung auch dafür Gelder einsetzen, um nach Corona gestärkt in die Zukunft zu starten.

Gibt es Clubs die bereits ganz schließen mussten?

Bisher liegen uns glücklicherweise noch keine Informationen dazu vor. Wir gehen im Moment auch nicht davon aus. Die ersten Soforthilfen von staatlicher Seite konnten sicherlich den einen oder anderen Club vor diesem Schritt bewahren. Aber der Wahnsinn ist noch lange nicht vorbei.

Es wird eine verdammt harte und lange Zeit auf die Spielstätten zukommen. Die Clubs waren die ersten, die von den Schließungen betroffen waren und werden die letzten sein, die wieder aufmachen. Kulturbetriebe sind äußerst fragile Gebilde und einem Biotop gleichzusetzen: Wenn es einmal tot ist, geht es unwiederbringlich verloren.

Welche Soforthilfen vom Staat gab es?

Wir in Hamburg können uns bisher wirklich glücklich schätzen. Die Behörde für Kultur und Medien hat die Livemusik-Spielstätten unter ihren Schutzschirm genommen. Die Clubs werden seit dem Ausbruch der Corona-Krise mit einer Soforthilfe in Höhe von 1,5 Millionen Euro unterstützt.

Diese Förderung ermöglicht den Kulturbetrieben, trotz der anhaltenden Schließungen, die laufenden Kosten wie Miete, Strom und Auslagen für Kurzarbeitergeld bezahlen zu können und wirken ergänzend zu den weiteren Hilfen aus Bund und Land. Eine Überkompensation soll damit ausgeschlossen werden. Wir sind dem Senat sehr dankbar für diesen Support, aber trotzdem müssen wir über die S.O.S.-Kampagne weiter Unterstützungsgelder sammeln.

 

Vitale und vielfältige Clubkultur halten

 

Wie lange reicht das Geld?

Ab Mai brauchen wir dringend eine Verlängerung der Hilfen. Die Clubs, die bisher noch liquide Mittel hatten, wird es nicht mehr geben. Ich bin davon überzeugt, dass nun ausnahmslos alle Musikclubs die Hilfen beantragen müssen.

Außerdem erhoffe ich mir, dass wir uns zusätzliche vermehrt Gedanken über Programme für die Zeit nach Corona machen. Noch besser wären nachhaltige Maßnahmen, die die Spielstätten auf diese Zeit vorbereiten und ihnen die nötigen unternehmerischen Kompetenzen vermitteln, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Für Veranstalterinnen und Veranstalter ohne feste Spielstätte wird es auch täglich schwerer. Ebenso für Künstlerinnen und Künstler und die vielen Soloselbständigen im Veranstaltungswesen, die eine vitale und vielfältige Clubkultur ausmachen. Bisher gibt es für diese Gruppe keine wirkliche Lösung. Hier sollte die Politik dringend nachbessern.

Gibt es schon Hinweise wie lange die Schließung der Clubs dauern wird?

Der Kultursenator hat öffentlich die Schließung der Clubs bis zum 30. Juni angekündigt. Wir begrüßen zunächst einmal diese Planungssicherheit.

Aber was bedeutet das?

Im Juli startet für alle die Sommerpause. Das ist die Zeit der Festivals und Outdoorevents. Große Veranstaltungen mit über 1.000 Personen sollen aber bis zum 31.8. untersagt sein. Es ist derzeit nicht absehbar, wann und unter welchen Auflagen die Clubs wieder ihre Türen für Publikum öffnen dürfen. Wir rechnen frühestens Anfang September damit.

 

„Wir wollen mit guten Ideen überraschen“

 

Welche Lösungsansätze seht ihr für eine Lockerung der Maßnahmen?

Das wird nicht einfach. Natürlich könnte man bestuhlte Konzerte veranstalten und die vorgeschriebenen Abstände einhalten. Auch sind Clubs selbstverständlich in der Lage, die erforderlichen Hygienemaßnahmen umzusetzen. Aber! Dies würde bedeuten, dass die Clubs einen erheblichen Teil ihrer Kapazität verlieren und sich das direkt in den Umsätzen widerspiegelt. Die Betriebskosten wären so sicherlich nicht zu decken, von Gewinnen mal ganz abgesehen.

Es sei denn, die Besucher wären bereit höhere Ticketpreise zu zahlen. Oder der Staat hilft weiter mit: Konzertkarten müssten subventioniert werden wie zum Beispiel in der Oper. In der Hochkultur sind die Mehrkosten auch schon vor Corona aus der Staatskasse getragen worden. Dies könnte ein spannender Ansatz sein.

Sind weitere Soli-Aktionen geplant?

Wir wollen hier nicht zu viel erzählen, sondern lieber weiter mit guten Ideen überraschen. So viel sei verraten: Wir werden den Soli-Webshop mit noch mehr Produkten bestücken. Täglich erreichen uns neue Offerten für Soli-Aktionen. Wir hoffen, auf einen breiten Support durch möglichst viele Schichten der Gesellschaft. Denn nur gemeinsam können wir unserer kulturellen Räume erhalten und damit nicht nur die kulturelle Vielfalt Hamburgs retten, sondern auch eine starke Demokratie und eine lebenswerte Gesellschaft schützen.

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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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