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Volleyball: Das Wunder von Eimsbüttel

Die ETV-Damen sind das beste Team der Stadt – und sie wollen sich ohne viel Geld im Profibereich etablieren

Text: Mirko Schneider

 

Ein Sonntagnachmittag in der Sporthalle Hoheluft. Eine stimmungsvolle Musikauswahl mit unüberhörbarem 90er-Jahre-Touch dröhnt aus den Boxen. In 30 Minuten beginnt die Volleyball-Partie der Damen des Eimsbütteler TV gegen den VC Allbau Essen in der Zweiten Bundesliga. Und was machen die ETV-Damen beim Aufwärmen? Bauen „I want it that way“ von den Backstreet Boys in ihre Übungen ein. Als der Hallensprecher die Spielerinnen beider Teams einzeln vorstellt, stürmt Libera Ines Laube mit einem kleinen Krönchen auf dem Kopf auf die Platte. Sie feiert heute ihren 31. Geburtstag.

„Mein Team besteht aus vielen fröhlichen, spontanen und aufgeschlossenen Damen, die viel Spaß miteinander haben“, hat Trainer Ulrich Kahl, 58, im Vorgespräch gesagt. Das ist in jeder Sekunde zu spüren. Was er auch gesagt hat: „Unser Teamspirit ist riesig und alle haben große Lust darauf, Leistung zu bringen und gemeinsam guten Volleyball miteinander zu spielen.“ Das wiederum beweisen die ETV-Damen ab dem ersten Ball. Sie machen es dem Tabellendritten so schwer wie möglich und unterliegen erst nach tapferem Kampf in vier Sätzen.

Dennoch ist der Klassenerhalt so gut wie gesichert. Und das ist eine erneute Überraschung, nachdem der erstmalige Aufstieg in den Leistungsbereich der Zweiten Liga einem Wunder gleich kam.

 

„Wollen wir aufsteigen oder nicht?“

Ulrich Kahl

 

Denn zum einen ließ der Absturz des VT Aurubis (mittlerweile Volleyball-Team Hamburg; Anm. d. Red.) von der Bundesliga in die Dritte Liga große Zweifel aufkommen, ob Damen-Volleyball sich in Hamburg als Profisportart überhaupt dauerhaft etablieren lässt. Zum anderen schreibt sich mit dem ETV nun ein typischer Breitensportverein dieses Ziel auf die Fahnen.

Der dafür entscheidende sportliche Moment spielte sich Anfang 2020 bei einer Mannschaftssitzung ab. Kahl, seit 19 Jahren Coach der Volleyball-Damen beim ETV, stellte seine Spielerinnen vor die Wahl. „Wir waren Tabellenführer der Dritten Liga und hatten gerade unser erstes Spiel verloren. Gegen den Zweiten. Das ärgerte uns mächtig. Da habe ich meinen Spielerinnen gesagt: ‚Jetzt Butter bei die Fische! Wollen wir aufsteigen oder nicht?‘“ Einstimmig wurde der Beschluss gefasst: Wir wollen hoch.

Ab diesem Zeitpunkt rauschten die ETV-Volleyball-Damen durch die Dritte Liga. Sie gaben in der Rückrunde keinen Satz mehr ab. Nur war da ja noch der zu stemmende Etat. 10.000 Euro betrug er in der Dritten Liga, 50.000 Euro waren für die Zweite Liga nötig. Wohlgemerkt ohne Zahlungen an die Spielerinnen wie in anderen Clubs mit wesentlich höherem Budget. „Das ist leider einfach nicht drin. Damit sind wir sicher eine Ausnahme in der Zweiten Liga“, sagt Kahl. Trotzdem konnte sogar Außenangreiferin Saskia Radzuweit, 30, Ex-Bundesliga- und Ex-Nationalspielerin, von einem Comeback überzeugt werden, nachdem sie ihre Karriere 2018 schon beendet hatte. „Was der ETV hier gerade aufbaut, sehe ich genauso positiv wie das Team selbst. Dass kein Geld gezahlt wird, hat mich nicht gestört“, sagt Radzuweit.

 

„Träumen ist erlaubt“

Ulrich Kahl

 

Ebenso erfolgreich verlief die intensive Sponsorensuche. Mit der Top-motive-Gruppe als Hauptsponsor und der Pizzakette Smiley’s wurden schließlich namhafte Unternehmen von einem Engagement überzeugt. So konnte das Abenteuer Zweite Bundesliga starten. Dreimal die Woche Balltraining in der Halle, dazu ein- bis zweimal Krafttraining in Eigenregie. 14 Damen im Kader, die meisten Anfang 20 und Studentinnen. Der ETV ging nicht gerade als Favorit in die Saison. Doch das eingeschworene Team fand seinen Platz im unteren Mittelfeld der Zweitligatabelle mit Puffer auf die Abstiegsränge.

Nun stellt sich die Frage: Ist sogar noch mehr drin? „Eine Sportstadt wie Hamburg muss natürlich das Ziel haben, auch im Damen-Volleyball in der Ersten Bundesliga vertreten zu sein“, sagt Kahl. „Doch unter 250.00 Euro Etat würde da gar nichts gehen. Und das wäre das absolute Minimum. Wenn wir irgendwann die Chance haben, wirtschaftlich verantwortbar aufzusteigen, werden wir uns nicht wehren. Bis dahin müsste allerdings unglaublich viel passieren. Träumen ist aber erlaubt.“


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Fans #2: Fischbek Dynamites

Folge #2 unserer Reihe über Fans in Hamburg: Sport ohne Fans? Nicht denkbar! Fans sind ein wesentlicher Teil des sportlichen Engagements. Sie unterstützen den Erfolg und sind meist die treuesten Freunde.

Professionalität mit Herz und Leidenschaft

Gefunden haben sich die Dynamites im Oktober 1991, damals sind die Volleyball-Frauen vom TV Fischbek in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Durch die Nähe und persönlichen Kontakte hat sich zunächst ein kleiner Kreis von ehrenamtlichen Helfern gebildet. „Wir haben im Lauf der Saison geholfen, die Tribünen aus der Garage neben der Halle Quellmoor in Hamburg/Neugraben zu holen und aufzubauen, den Kuchen- und Getränkeverkauf sowie den Eingangsbereich zu organisieren, und eben was noch alles so anstand. Da wir außerdem nicht nur zwischen den Zuschauern sitzen und in die Hände klatschen wollten, ist schnell die Grundidee des Fanclubs entstanden“, erzählt Georg Bücking, der Mann der ersten Stunde.

Mit den Jahren wuchsen die Anforderungen, aber auch die Mitglieder der familiären Gruppe, nicht nur die Heimspiele brauchten ihre Hilfe, bald wurden auch die Spielerinnen bei den Auswärtsfahrten mit Essen und Getränken versorgt, bei Siegen wurde zusammen im Bus gefeiert, bei Niederlagen getröstet – ein Symbiose zwischen Fans und Sportlerinnen hatte sich entwickelt. Mit dem Aufstieg und der Etablierung in der 1. Liga wurden das Team und natürlich auch das Umfeld professionalisiert. Es standen einige Veränderungen an und auch der damit einhergehende Umzug, in die größere Süderelbe-Arena 2001, brachte neue Anforderungen mit sich. Die Professionalisierung hatte für das bisherige Gefüge aus Team und Umfeld auch seinen Preis. Die Spielerinnen sollten bereits während der Fahrt den Fokus auf das kommende Spiel richten, dazu entsprechende Ruhe im Bus haben und die Fahrtzeit u.a. auch zur Videoanalyse nutzen. Für die Fans war da kein Platz mehr auf engem Raum. „Das war aber auch nicht schlimm“, Georg Bücking hat Verständnis für die Entwicklung,“ dafür haben wir dann eben mehr gemeinsame Aktionen außerhalb der Wettkämpfe organisiert.“

Wir arbeiten professionell und ehrenamtlich!

Die Fangruppe war inzwischen auf etwa 40 Leute angewachsen. „Die Aufgaben hatten sich verändert, jeder einzelne und auch wir als Team in Gänze mussten unseren Platz neu finden“, erklärt Bücking. Geholfen hat uns dabei, dass wir als eigenes Team den Weg der Professionalisierung mitgegangen sind, indem wir unser Handeln an die veränderten und komplexeren Anforderungen, die ein Spielbetrieb in der 1. Bundesliga mit sich bringt, fortlaufend angepasst haben. Unser Leitspruch war immer: wir arbeiten professionell und ehrenamtlich! Hätte es für einzelne Aufgaben Aufwandsentschädigungen gegeben, wäre das System zum Nachteil aller Beteiligten in sich zusammengebrochen. Bei all den Aufgaben, die wir vor allem bei den Heimspielen übernommen haben, um unser Team zu unterstützen, gab es immer auch das Bemühen „unser Team“ durch Trommeln und lautstarkes Anfeuern auch akustisch zu stärken. Die nächste große Veränderung kam 2011. Inzwischen hieß das Team VT Aurubis und wurde vom weltweit größten Kupferrecycler finanziell unterstützt.

Große sportliche Pläne machten einen Umzug in die CU-Arena am S-Bahnhof Neugraben unumgänglich. Das Fassungsvermögen von 2300 Zuschauern hatte mit den Tribünenaufbau der 90er Jahre nichts mehr zu tun. Fast die komplette Kraft der Fangruppe ging in die Organisation der Heimspiele, die inzwischen teilweise auch im europäischen Challange Cup stattfanden. Die Anforderungen waren also noch einmal gestiegen, wurden aber erneut, auch von uns professionell bewältigt. Das Trommeln und Anfeuern trat dabei noch einmal in den Hintergrund. Dies haben wir dann bei den Auswärtsspielen zu kompensieren versucht.

Auch die Handballerinnen profitieren

2016 dann der Bruch. Die Aurubis AG steigt als Sponsor aus und die Mannschaft findet sich als VT Hamburg in der 2. Liga wieder. Bücking: „Auch für uns Fans war das eine schlimme Zeit.“ Aufgeben wollten sie eigentlich nie, aber die sich ändernden Rahmenbedingungen, das aus ihrer Sicht aussichtslose Konzept und die in der neuen Führung fehlende Wertschätzung veranlassten sie zu einem lang diskutierten und schmerzhaften Schritt. Die Fischbek Dynamites kehrten dem Bundesliga-Volleyball im Hamburger Süden den Rücken – und das im 25. Jubiläumsjahr. Eine lange Zeit, die prägt und zusammenschweißt, also sucht sich die Gruppe ein anderes Wirkungsfeld: „Da wo Fankultur, Ehrenamt und unser know how wirklich geschätzt wird.“

Es muss ja nicht immer dieselbe Sportart sein. Als Fan kann man ja auch mal die Sportart wechseln, Hauptsache man bleibt Fan. Die Fischbek Dynamites sind so ein Grüppchen. Ihre Motivation ist der Zusammenhalt in der Gruppe und die ehrenamtliche Tätigkeit im Sport. Manchmal muss man dafür auch andere Wege gehen, wenn auch nicht immer ganz freiwillig. Sie landeten auf dem Estering, der Motorsport-Rennstrecke für Rallycross-Wettbewerbe in Buxtehude. Bücking: „Dort waren zwei unser Helfer seit Jugendtagen aktiv und als der ACN Hilfe bei den Rennen suchten, haben wir nicht lange gezögert. Also regeln wir jetzt den Durchlass der Autos und der Zuschauer von und auf das Gelände.“ Seit Kurzem profitieren auch die Zweitliga-Handballerinnen Buchholz 08- Rosengarten – die Handball-Luchse – vom know how der Dynamites. Ballsport ist halt Ballsport. Dort helfen regelmäßig vier bis fünf Leute aus dem Kreis. Die Fangruppe an sich ist mit rund 20 Leuten regelmäßig im Dialog und trifft sich hin und wieder zum persönlichen Austausch, am liebsten in alter Gewohnheit beim Grillen. Erst kürzlich haben sie ihr Logo erneuert und sich neue Polohemden und Sweat-Jacken für die gemeinsamen Aktivitäten zugelegt. Vielleicht werden ja auch demnächst noch mehr von ihnen zu den Spielen der Handballerinnen kommen, die den Aufstieg in die Erste Bundesliga anpeilen. So mit Trommeln und Anfeuern. Eben ein bisschen zurück zu den Wurzeln.

Text: Andrea Marunde

Foto: Fischbek Dynamites


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG SPORT 2018/1. Die Ausgabe ist eine Beilage von SZENE HAMBURG Februar 2018 und zeitlos in unserem Online Shop erhältlich!