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True Stories: Fotografie der Wirklichkeit

In „True Stories“ untersucht die aktuelle Meisterklasse der Ostkreuzschule für Fotografie die Wirklichkeit

Text: Sabine Danek

 

Um ihre subjektive Wahr­nehmung der Vergangen­heit, dem Jetzt oder der Zu­kunft festzuhalten, zog es die 12 Meisterschüler der Klasse von Fotolegende Ute Mahler und Deichtorhallen­-Kurator Ingo Taubhorn an die unterschiedlichsten Orte. Und egal wie nah oder fern sie sind, ob sie auf dem Land liegen oder das eigene Ich sind, eine Zukunftsvision oder ein Blick zurück, nehmen sie einen mit auf herrlich unbekanntes Terrain.

Nele Gülck erkundete ein albanisches Dorf im Morava­ Gebirge und dessen „guten Berg“, dem mythische Kräfte zugeschrieben werden, von Katholiken ebenso wie von orthodoxen Christen, von Muslimen, Bektashi Sufis und auch alten Sozialisten, die sonst wahrscheinlich nicht an allzu viel glauben. Gehen die Bewohner mal auf die Reise, vergessen sie nie, eine Handvoll Erde des Berges einzustecken. Nina Hansch näherte sich in „800 Meter tief “ dem Leben in Groß Vahlberg an, das nur zwei Kilometer von dem Atommülllager Asse II entfernt liegt. Ralf Bittner hielt in „Zwischenland“ die kaum wahrnehmbaren, kleinen Veränderung in einem 65.000 ­Ein­wohner ­Städtchen fest. Heide Krautwald hingegen erforschte ihre sozialen Rollen als Frau, Geliebte, Mutter und Natalya Reznik machte sich in die Zukunft auf. In „Die Alte Welt“ des Jahres 2050, in der DJs, Stewardessen oder Models stolz angegraute ältere Damen sind.

Ab dem 3. April wollten die Meisterschüler ihre „True Stories“ im Frappant zeigen. Updates auf der Website www.tru­estories­oks.de, genauso wie auf Instagram (truestories_oks), wo die Fotoserien gut dokumentiert sind.

truestories-oks.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Shirana Shahbazi – Von lichten Räumen und tintiger Nacht

Das Kunsthaus Hamburg zeigt Shirana Shahbazis Lichtkunst  im Rahmen der Photo-Triennale.

Shirana Shahbazi liebt die klare Kante. In ihrer Kunst bezeugen das die klaren Konturen ihrer fotografischen Konstruktionen. Sie selbst bezeugte es beim Presserundgang am Tag der Eröffnung. Da stand die iranisch-deutsch-schweizerische Künstlerin recht entschieden vor ihren Arbeiten im Kunsthaus und korrigierte, was ihr falsch oder auch nur ungenau erschien: Nein, meinte sie. Das, was viele als abstrakt bezeichnen, die im Studio fotografierten Arbeiten seien nicht abstrakt.

Foto: Shirana Shahbazi, Raum-Gelb-01, 2017, C-print on aluminium, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zurich

Und tatsächlich. Man kann das so sehen: Denn diese hier eleganten, leuchtend monochromen, manchmal aber auch vielfarbigen geometrischen Strukturen sind in ihrem Züricher Atelier entstandene Fotografien von realen, sorgfältig austarierten Arrangements lackierter Podeste, Stellwände und Objekte. Sie sind also Bilder realer Szenerien – insofern sind sie geometrisierend und konstruiert, aber nicht abstrakt.

Und umgekehrt mögen, so betonte Shahbazi, ihre großformatigen Siebdrucke, bei denen sich Naturfragmente, Innenräume und Menschen in unterschiedlich farbigen Schichten überlagern, zwar auf den ersten Blick wie Abbilder der Wirklichkeit scheinen, tatsächlich aber seien es Konstruktionen hybrider, sich in der Wirklichkeit nicht eröffnender Kombinationen. Und ja: Diese Arbeiten überlagern Ansichten des kalifornischen L.A. mit solchen des japanischen Kirishima. Sie verblenden das subtropische Ishigaki mit dem türkischen Istanbul und rücken das kroatische Plitvica optisch an das ostanatolische Erzurum heran.

Shirana Shahbazi, Raum-Rot-01, 2017, C-print on aluminium, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Ähnlich wie die Arbeiten Wolfgang Tillmans’ kreisen Shahbazis Arbeiten im Kern um das Verhältnis Abstraktion und Repräsentation in der Fotografie. Und auch ihre Einzelarbeiten tauchen in Büchern wie in Ausstellungen in immer neuen Konstellationen auf und aktivieren so das Nebeneinander von dokumentarisch scheinenden Wirklichkeitsansichten und Studiokonstruktionen immer wieder neu.

Die 1974 in Teheran geborene Künstlerin kam im Alter von elf Jahren nach Deutschland, sie studierte in Dortmund, später in Zürich, wo sie heute lebt. Zu den eindringlichsten der in Hamburg gezeigten Arbeiten gehören die als Lithografien auf Büttenpapier gedruckten nächtlichen Ansichten ihrer Geburtsstadt. Ihr Titel „Tehran North“ verweist auf den wohlhabenderen und westlicher anmutenden Teil der Stadt.

In ihnen scheinen aber nicht deren charakteristischen Orte und Sehenswürdigkeiten auf, vielmehr die Spuren des Lichts im tintigen Dunkel der Nacht, wie erhascht im Vorüberfahren: die Lichterbänder der Autos auf den Schnellstraßen, die Reflexionen in den Scheiben der Wohnblöcke, der Lichtkegel eines Verkaufstandes. So zeichnen die Blicke ins Dunkle eine Annäherung an eine Stadt nach, die sich nur zögernd preisgibt – zumindest, so kann man vielleicht ergänzen, dem fragenden Kamerablick einer Frau, die schon lange in Mitteleuropa lebt und nicht mehr recht zu Hause ist in der Stadt ihrer Kindheit.

Shirana Shahbazi, Raum-Blau-01, 2017, C-print on aluminium, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Besonders wichtig ist Shahbazi die Materialität, die Objekthaftigkeit ihrer Bilder. Ihre Publikationen erscheinen nicht als Kataloge, sondern als eigenständige Präsentationsformen. Sie entstehen, wie sie selbst sagt, „in symbiotischer Zusammenarbeit“ mit ihrem Partner, dem Grafikdesigner Manuel Krebs. Gemäß ihrem genauen Gespür für Präsentationsweisen hat sie auch im Kunsthaus ihre Arbeiten nicht einfach nebeneinander gehängt, sondern zusammen mit starkfarbigen getönten Wandflächen in eine Wandmalerei einfügt, so dass der Raum den Betrachter – trotz und entlang der vielen klaren Kanten – in einen poetisch-zarten Bilderstrom hineinzieht.

Text: Karin Schulze
Beitragsbild: Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Shirana Shahbazi: Objects in Mirror Are Closer than They Appear. Bis 26.8.2018, Kunsthaus Hamburg


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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