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Homeoffice mit Andrea Rothaug

Was vor Corona oft eher die Ausnahme war, hat sich innerhalb kürzester Zeit zum festen Bestandteil in vielen Branchen entwickelt: Gearbeitet wird in den eigenen vier Wänden. Doch klappt das immer reibungslos? Andrea Rothaug zeigt ihr Homeoffice

Text: Andreas Daebeler & Ilona Lütje

 

Für Andrea Rothaug ist Homeoffice schon lange Alltag. Dabei ist eigentlich die Bühne ihr Geschäft: Aus ihrer behaglich eingerichteten Wohnung auf St. Pauli zieht die Rockcity-Chefin die Fäden für Hamburgs Musikszene. Der Schreibtisch wirkt improvisiert. Darauf ist mächtig was los. Bücher, Zettel und Reste einer kleinen Zwischenmahlzeit konkurrieren um die Aufmerksamkeit. Gleich daneben zeugt eine Staffelei von kreativen Schüben. Vor allem aber ist in dieser Wohnung auf St. Pauli Musik drin. Das amtlich gefüllte Plattenregal erzählt Geschichten. Von Rock, von Pop und vom Punk, das grelle Sex-Pistols-Cover sticht sofort ins Auge.

Es erzählt die persönliche Geschichte von Andrea Rothaug, deren Name draußen auf dem Klingelschild steht. Einer Frau, die kaum eine Pause kennt und aus Hamburgs Kulturszene nicht wegzudenken ist. Immer im Einsatz für Liedermacher, Gitarrenheldinnen und Bühnenbauenden. Gern auch vom heimischen Schreibtisch aus. Nicht nur, wenn draußen grad ein fieses Virus nervt. Andrea Rothaug liebt es drinnen ruhig und konzentriert und draußen Krach + Getöse. So nennt sich denn auch der Hamburg Music Award, den die Geschäftsführerin des Dachverbands der Hamburger Musikszene RockCity Hamburg gemeinsam mit ihrem Team vor zwölf Jahren an den Start gebracht und während der Corona-Krise mal eben auf online getrimmt hat. Aus dem Homeoffice, das für sie auch vorm Virus eine wichtige Rolle spielte. Bei ihr wird auf harten Stühlen bei mittelschwachem WLAN geackert.

 

Kurzer Weg zum Kühlschrank

 

Die Datenleitung wird dabei ordentlich auf die Probe gestellt. Denn nebenbei ist Rothaug noch als Präsidentin des Bundesverbands Popularmusik am Start, sitzt im Kuratorium Junge Ohren Berlin, im Koordinierungskreis Kultur HafenCity und im Beirat des Reeperbahn Festivals. Autorin, Kulturmanagerin, PR-Frau und zertifizierter Artist- und Businesscoach ist sie eh. Beim Clubkombinat mischte sie ebenso mit wie bei der Gründung der Hanseplatte oder der IHM ebenfalls. Eine echte Strategin und passionierte Netzwerkerin also. Die auch zu Hause selten Feierabend hat. „Homeoffice ist für uns alle Fluch und Segen“, sagt die 55-Jährige. „Einerseits wahnsinnig effektiv wegen der Ruhe.“ Andererseits unruhig wegen 9.222 ungelesener Mails, Hunger nach echter Begegnung und neuerdings digitaler Dauerschleifen. Auch nicht so gut: „Ich sitze auch mal zwölf Stunden in Konferenzen und habe gleichzeitig einen extrem kurzen Weg zum Kühlschrank. Nicht gut.“

Dabei sei sie mit fast hundert Quadratmeter großer Wohnung, zwei Balkonen und der bereits in einer eigenen Bude auf St. Pauli lebenden Tochter Juno noch gut dran. „Mein Mitgefühl ist bei denen, die Familie, Wohngemeinschaften und kleine Räume haben, da ist Homeoffice wirklich Nervenkoller und nicht gesund.“ Welche Rolle spielen Design und Stil im heimischen Büro? „Ich muss mich wohlfühlen und entscheide nach Licht und WLAN, wo ich arbeite. An meinem Maltisch zwischen den Tuben mag ich es an manchen Tagen und an anderen brauche ich ein bisschen Ordnung für die Konzentration.“ Unverzichtbar seien eigentlich nur Mac, WLAN, Grüntee, Zettel und Stifte.

 

Ruhephasen, Yoga, Rawfood

 

Einen klaren Tagesplan? „Habe ich nur, um davon abzuweichen.“ Und wie schafft sie es, die unzähligen Jobs und Aufgaben unter einen Hut zu bekommen? „Jahrelanges Training, 24 Stunden an sieben Tagen erreichbar sein, wenig Schlaf, digitale Kommunikation, abwechselnd mit Ruhephasen, Yoga, Rawfood und Strandhaus“, verrät Rothaug ihr Rezept. „Während ich vor dem Virus einen inneren Reminder hatte, dass ich nicht zu viel arbeite, ist seit Corona alles aus dem Ruder. 15 Stunden Arbeit am Tag sind keine Seltenheit.“

Die Kulturbranche habe angesichts der Krise keine andere Wahl. „Entweder wir hängen uns rein oder es gibt bestimmte Dinge einfach nicht mehr.“ Es gehe darum, für Innovations- und Hilfsprogramme zu trommeln. „Sonst werden wir zukünftig nur noch Einheitsbrei essen, Billigbier auf dem Fußboden trinken und Musik als Beruf nicht mehr in Betracht ziehen. Das wäre eine Dystopie, in der ich nicht leben mag.“ Die Gegenwart ist grad vor allem eines – ziemlich viel Video. Es wird konferiert, gechattet und gezoomt was das Zeug hält. Skurrile Szenen inklusive. Rothaug hat schon viel erlebt: „Nasebohren, einschlafen, vorm Mikro essen und Anzugträgern beim Kindersitten zuschauen.“

Zusätzlichen Pfunden durchs Hardcore-Homeoffice während des Lockdowns trotzte Rothaug mit einer besonderen Strategie: „Kühlschrank und Prepperregal einfach leergeputzt und nichts nachgekauft.“ Morgens gibt es Rawfood-Bowls. „Dann kann der Tag kommen.“ Homeoffice in der eigenen, gemütlichen Bude ist das eine. Aber Andrea Rothaug muss auch raus. Bei den Leuten sein. „Ich habe normalerweise einen umtriebigen Job, düse durch die Stadt, spreche mit Menschen aus Branche, Politik, Kultur und Szene, höre zu, das nur am Rechner zu tun, ist öde.“ Kein Wunder, dass da starre Regeln während Corona auch mal aufgeweicht wurden. „Bei mir war abends auch mal die Bude voll“, gibt sie zu. „Natürlich mit Abstand und FFP3-Mundschutz.“


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Weihnachtsmannwerk: Ein Santa via Zoom

Thilo Tamme ist der Gründer vom Weihnachtsmannwerk. Dort arbeiten Studenten, die als Weihnachtsmänner gebucht werden können. In diesem Jahr zögern viele jedoch mit einer Bestellung – weshalb Tamme alternativ einen Online-Weihnachtsmann anbietet

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Thilo, wie ist die aktuelle Auftragslage für Vor-Ort-Weihnachtsmänner in Hamburg?

Thilo Tamme: Schlecht. Sehr schlecht sogar. Seit Anfang November, wenn es normalerweise richtig losgeht mit den Aufträgen, haben wir kaum Bestellungen reinbekommen.

Was bedeutet das in Zahlen?

Dass wir ungefähr 60 Prozent weniger Buchungen haben als in den Vorjahren – und das trotz eines guten Hygienekonzepts.

Was beinhaltet das Konzept?

Natürlich den nötigen Abstand, auch Handschuhe, die regelmäßig gewechselt werden. Und jeder Weihnachtsmann muss die Corona-Warn-App installiert haben und 14 Tage ein niedriges Risiko nachweisen können.

Ich kann das Zögern der Familien aber natürlich verstehen. Sie wollen erst mal schauen, wie sich die Situation entwickelt. Sie können ja noch bis zum 20. Dezember buchen. Und wenn sie sich aus bestimmten Gründen dagegen entscheiden, einen Weihnachtsmann einzuladen, bieten wir erstmals auch einen Online-Weihnachtsmann an.

 

„Zeig mal den Nordpol!“

 

Der ist laut Firmen-Homepage vergleichsweise günstig. Während der Vor-Ort-Weihnachtsmann ab 99 Euro zu haben ist, kriegt man den Online-Weihnachtsmann bereits ab 29 Euro.

Genau. Und wie beim normalen Weihnachtsmann gibt es auch für den Online-Weihnachtsmann drei Buchungsoptionen. Es gibt den Zoom-Weihnachtsmann, der 69 Euro kostet. Er kann mit den Kindern direkt interagieren. Der Video-Weihnachtsmann, der in einer umfassenden Botschaft direkt auf die Kinder eingeht, kostet 49 Euro. Und das günstigste Paket, ein Online-Weihnachtsmann mit einer kurzen Grußbotschaft, ist für 29 Euro erhältlich.

Sind die Online-Weihnachtsmänner eigentlich auf alle Eventualitäten vorbereitet? Zum Beispiel, wenn Kinder fordern: „Zeig mal den Nordpol!“

Ja. Grundsätzlich sind alle unsere Weihnachtsmänner geschult. Ich kenne auch alle persönlich, es werden also keine komplett Fremden losgeschickt. Und wenn Kinder den Nordpol oder Rentiere sehen wollen, haben wir verschiedene Hintergründe, die wir einfügen können.

Wird die Pandemie vom Online-Weihnachtsmann auch angesprochen?

Ja. Er wird dann so etwas sagen wie: „Ihr habt bestimmt mitbekommen, was da draußen los ist und warum ich in diesem Jahr nicht persönlich vorbeischauen kann.“

Abschließend auch bezüglich des Online-Weihnachtsmanns die Frage: Wie wird das Angebot angenommen?

Wir haben Buchungen für alle Online-Weihnachtsmann-Optionen. Zudem ist der Online-Weihnachtsmann ein Back-up für uns. Angenommen, es kommt ein kompletter Lockdown, können wir den Familien, die einen Vor-Ort-Weihnachtsmann gebucht haben, diese Alternative anbieten.


Cover_Szene_Hamburg_Dezember_2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2020. Das Magazin ist seit dem 28. November 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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