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01.10. | Film | Enfant Terrible | Zeise Kinos

Kritik

Die meisten Biopics sind langweilig. Sie erzählen in konventionellen Bildern das Leben einer interessanten Persönlichkeit nach, reihen Episode an Episode aneinander und kommen dabei selten über die Botschaft hinaus, dass diese Person, nun ja, irgendwie interessant und bedeutsam war.

Oskar Roehler widmet mit „Enfant Terrible“ einer besonders bedeutsamen Ikone der deutschen Filmgeschichte eine Hommage: Rainer Werner Fassbinder. Roehler zeichnet episodenhaft die Lebensjahre des großen Regisseurs von 1967 bis 1982 nach – 15 rauschhafte Jahre voll manischer Produktionswut. 44 Filme hinterließ Fassbinder, als er 1982 im Alter von nur 37 Jahren verstarb. Die Quantität tat der Qualität keinen Abbruch, sein radikaler Formwille setzte Maßstäbe im Neuen Deutschen Film, jener Bewegung von Autorenfilmern wider die Heimatfilme der Sorte „Papas Kino“.

Eine typische Bildsprache kann man Roehler nicht vorwerfen. Der Regisseur, der unter anderem durch seine Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief einst selbst zum Enfant Terrible der deutschen Filmszene aufstieg, erzählt Fassbinders Leben als gefilmtes Bühnenstück. Das Setting ist minimalistisch, die Utensilien, wie Wandschränke, sind teilweise aufgemalt. Die expressive Beleuchtung schafft eine zwielichtige Atmosphäre, das Schauspiel ist theatralisch entfremdet. Das ist ein netter Kniff, weil Fassbinders Filmsprache auch mit seiner Theater-Herkunft verknüpft ist. Herausragend ist Oliver Masucci in der Hauptrolle, der theatralisch wütet, im Dreck wühlt, zerbrechlich weint und seinen Clan aus Schauspielern fordert und tyannisiert – Fassbinder, der eine ungeheure Anziehungskraft hatte und Menschen um sich sammelte, lebte, liebte und arbeitete mit seinem Clan in einem abgründigen Machtverhältnis.

Roehler rauscht mit einem Tempo von Episode zu Episode, das Fassbinders Arbeitstempo entspricht – ist dadurch aber trotz aller anderen Stilmittel nur ein Biopic nach Muster. „Enfant Terrible“ ist am Ende nicht mehr als ein nostalgischer Seufzer Roehlers: Ach, so einen könnte es heute gar nicht mehr geben, die Filmindustrie ist viel zu uniform, glattgebügelt und ambiguitätsintolerant geworden. Klar, das stimmt, ist aber für einen Film, der sich einem radikalen Filmemacher widmet, eine ziemlich harmlose Grundlage.

/ Ulrich Thiele

Zeise Kinos
1.10.2020, 19:30 Uhr


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