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01.10. | Theater | Die Kinder | Kammerspiele

Kritik

Ein verschlafenes Ferienhäuschen irgendwo am Meer ist Schauplatz für ein Wiedersehen alter Freunde. Von Idylle jedoch keine Spur: Der Strom ist rationiert, Schutzkleidung alltäglich und der Geigerzähler liegt griffbereit auf der Ablage. Zunächst versuchen die Gastgeber Hazel und Robin ihrer Besucherin Rose eine gewisse Normalität vorzugaukeln – mit Smalltalk, Tee und Wein. Doch die weiß es besser: Seit der Katastrophe im nahen Kraftwerk ist nichts mehr normal. Alle drei sind Wissenschaftler, die diese Zeitbombe mitverantwortet haben – und sich nun in sehr unterschiedlicher Weise (noch) verantwortlich fühlen.

Doch das Trio, inzwischen im Ruhestand und jeweils über 60, ist auch privat verbandelt: Während sich das Ehepaar vier Kinder und ebenso viele Enkel leisten konnte, durfte Rose als Robins heimliche Geliebte nie schwanger werden, damit ihre Jahrzehnte dauernde Beziehung nicht auffliegt – es geht also um „Die Kinder“, geborene und ungeborene. In dieser Atmosphäre aus Liebe, Eifersucht und Angst fordert Rose eine Entscheidung von ihren ehemaligen Kollegen.

Sewan Latchinian, künstlerischer Leiter der Kammerspiele, inszeniert das aufrüttelnde Stück „Die Kinder“ von Lucy Kirkwood, als hätten die drei alle Zeit der Welt – das Grauen kriecht sehr langsam, deshalb umso bedrohlicher, stetig näher. Die lebenstüchtige Pragmatikerin Hazel (großartig: Marion Kracht) verdrängt die Realität und versucht zwanghaft, fröhlichen Optimismus zu verbreiten; im Gegensatz dazu stellt sich die schonungslos ehrliche Rose (beeindruckend: Marion Martienzen) den verstörenden Fakten; zwischen beiden Frauen immer noch gefangen, bewegt sich der undurchschaubare Robin (schillernd changierend: Mathieu Carrière).

Über kurzweilige 90 Minuten nimmt der in Echtzeit ablaufende Abend seinen unvermeidlichen Lauf, in einer bestens austarierten Balance aus beunruhigenden Vorzeichen und absurdem Humor. Bis zum Schluss weiß das Publikum nicht, wie die Sache ausgehen wird.

/ Dagmar Ellen Fischer

Kammerspiele
1.10.2020, 19:30 Uhr


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