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03.10. | Theater | Gott | Altonaer Theater

Kritik

Im Februar dieses Jahres entschied das Bundesverfassungsgericht, Paragraph 217 des Strafgesetzbuches als verfassungswidrig einzustufen. Die ärztliche Beihilfe zum Suizid ist somit legalisiert. Im Februar war Ferdinand von Schirachs neue Arbeit bereits fertiggestellt. „Gott“ läuft pandemiebedingt erst jetzt bundesweit in verschiedenen Theatern mit jeweils minimalen Variationen, in Hamburg ist das Stück im Altonaer Theater in einer Inszenierung von Axel Schneider zu sehen.

Darin will der 78-jährige Richard Gärtner sterben. Er ist kerngesund, doch ihm fehlt seit dem Tod seiner Frau der Lebenswille. Eine von ihm beantragte tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital wurde ihm verweigert. Das Fallbeispiel ist durch das Verfassungsgericht inzwischen rechtlich obsolet, es geht nun um die ethische Bewertung der Entscheidung.

Vor dem Deutschen Ethikrat diskutieren Sachverständige aus Justiz, Medizin und Kirche. Das Publikum verkörpert den Ethikrat und darf, wie schon in Schirachs Erfolgsstück „Terror“, am Ende abstimmen. Befürworter und Gegner tragen ihre wichtigsten Argumente vor. „Dieses Urteil ist Aufklärung im eigentlichen, im besten Sinn. Es ist lebensfreundlich, weil es vom Tode weiß“, sagt der Rechtsanwalt in seinem Schlussplädoyer. Laut aktueller Forschung waren aber über 90 Prozent der Menschen, die sich das Leben nahmen, psychisch krank. Sie nehmen sich folglich nicht selbstbestimmt das Leben, erklärt die medizinische Sachverständige. Und wird die Entscheidung nicht den Druck auf alte Menschen erhöhen? „Wie viele alte Menschen sagen jetzt schon, sie möchten niemandem zur Last fallen?“, wendet der Bischof ein.

 

Aufklärung und Glaube

 

Beide Seiten kommen also durchaus zu Wort, doch es wird schnell klar, auf wessen Seite Schirach steht. Wenig subtil lenkt der Jurist und Bestsellerautor die Meinungsbildung mit Sympathiewerten: Richard Gärtner (Jacques Ullrich) ist anrührend und weckt Mitgefühl. Sein Rechtsanwalt Biegler (Dirk Hoener) ist frech, locker und modern mit seinen weißen Chucks. Auf der anderen Seite steht Bischof Thiel (Georg Münzel), ein Reaktionär wider die Moderne, der die meiste Zeit bloß den Katechismus abarbeitet und für den Aufklärung und Glaube Kontrahenten sind. Die medizinische Sachverständige Sperling (Anne Schieber) wirkt dünkelhaft in ihrem Festhalten am hippokratischen Eid. Ihre Ausführungen enden mit einem emotionalen Zwischenruf Gärtners, dem die Medizinerin nichts mehr entgegenzusetzen hat.

Die Argumente der Ärztekammer und der Kirche werden mit Verweisen auf die unrühmliche Geschichte (und Gegenwart) der beiden Institutionen ausgehebelt. Die Ärztekammer etwa stemmte sich vor 50 Jahren mit ähnlichen Argumenten gegen die Einführung der Pille. Die juristischen Perversionen während des Dritten Reichs werden weitgehend ausgespart. Religionsphilosophische und theologische Reflexionen werden, wenn überhaupt, angerissen und schnell als von der Zeit überholtes Produkt einstiger Kirchenmacht abgetan. Rechtsanwalt Biegler als Apologet eines radikalen Autonomiebegriffs weiß für diesen mit rhetorischer Brillanz zu werben, seine Gegner kompensieren ihre Unterlegenheit mit Lautstärke.

Im Altonaer Theater entschied eine große Mehrheit am Premierenabend, Richard Gärtner möge die tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital erhalten. Eine Meinung, für die es gute und nachvollziehbare Gründe gibt. Es wäre der fundamentalen Bedeutung des Themas jedoch angemessen gewesen, wenn der Abstimmung ein echtes Ringen vorausgegangen wäre.

/ Ulrich Thiele

Altonaer Theater
03.10.2020, 19:30 Uhr


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