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03.08. | Literatur | Find me | André Aciman

Kritik

Text: Ulrich Thiele

André Acimans „Call Me By Your Name“ (2007) ist einer der schönsten Liebesromane der letzten 20 Jahre. Die Intensität dieser Geschichte einer Sommerliebe hallt nicht nur bei ihren Protagonisten, Elio und Oliver, sondern auch bei ihren Lesern lange nach. Nach dem überraschenden Welterfolg der nicht minder schönen Verfilmung von Luca Guadagnino beschloss Aciman, eine Fortsetzung zu schreiben. Die Messlatte liegt hoch, vielleicht zu hoch. In den USA, wo „Find Me“ bereits letztes Jahr erschien, waren viele Fans tief enttäuscht vom Sequel. Was unter anderem damit zu tun hat, dass Elio und Oliver nur kurz auf den letzten der knapp 300 Seiten zusammen auftreten.

find-me-coverDer Roman ist in vier Episoden gegliedert. Die erste und längste ist aus der Sicht von Samuel, Elios Vater, erzählt. Zehn Jahre nach der Handlung von „Call Me By Your Name“ sitzt er, mittlerweile geschieden, im Zug nach Rom. Dort lernt er die halb so alte Miranda kennen. Was folgt, ist Kitsch, der sich als Eruption tiefen Begehrens ausgibt. Sam und Miranda verlieben sich, wollen sich Tattoos stechen lassen, ein Kind kriegen und aufs Land ziehen, und sie schmachten sich an: „Ich kenne dich, Sami, darum“.

Es mag unfair sein, „Find Me“ an seinem Vorgänger zu messen. Doch im Vergleich werden die Schwächen deutlich. „Call Me By Your Name“ spielt an einem Ort von großer Universalität. In einem Umfeld, in dem sich zwei Männer ungehindert von gesellschaftlichen Repressionen lieben und begehren können. Auch die Melancholie, die Wehmut angesichts der sich über alles Glück legenden Zeit, sind Teil jener Trauer, die jeder Mensch kennt. Selbst der Umstand, dass sich die Handlung in einem hochkultivierten Milieu abspielt, tut der Universalität keinen Abbruch. Denn die Protagonisten pflegen eine existenzielle Zuneigung zu Kunst und Kultur.

Im Sequel driftet Aciman ins Lifestyle-hafte ab. Die Dialoge wirken wie das melodramatische Geplänkel einer High Society, man macht Yoga, auf Partys setzt sich schon mal jemand ans Klavier und spielt Bach, wobei Oliver, inzwischen unzufrieden verheiratet, sich schmerzlich an Elio erinnert. Aber selbst Bach bleibt hier nur ein Accessoire. Sicher, Aciman zeigt, dass die Untiefen des Begehrens jedes Statussymbol verschlingen und nichtig machen. Das wäre auch glaubwürdig, wären nicht selbst die Szenen, in denen er eigentlich das Begehren in seinem verstörenden Charakter zeigen will, so kalkuliert und glattgebügelt.

Aciman hat seine Figuren lieb gewonnen und möchte ihnen ein Happy End schenken. Man gönnt es ihnen ja auch. Nur: „Call Me By Your Name“ hat gezeigt, dass die Intensität am stärksten ist, wenn das Begehren so groß ist, dass seine Nichterfüllung einen fast zerreißt. „Find Me“ hingegen ist wenig aufwühlend, im Gegenteil, der Roman ist behaglich.

André Aciman: „Find Me – Finde mich“, dtv, 296 Seiten, 22 Euro


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