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14.09. | Literatur | Der letzte Satz | Robert Seethaler

Im April 1911 sitzt Gustav Mahler auf einem Dampfer nach Europa. Es ist seine letzte Reise. Das Fieber schüttelt den weltberühmten Komponisten und Dirigenten, die diagnostizierte Herzinnenhautentzündung ist sein Todesurteil. Eingepackt in Decken sitzt der Künstler an Deck der„Amerika“und erinnert sich. An den frühen Tod seiner Tochter Maria, an seine Zeit als Direktor der Hofoper in Wien, an seine Liebe zu Alma und deren Affäre. Und er hadert mit der „Nichtigkeit des Lebens“: „Es war kaum mehr als ein kurzes Ausatmen […] und doch liebte er das Leben so sehr, dass ihm die Traurigkeit über die Vergeblichkeit dieser Liebe das Herz zerreißen wollte.“

Der Titel ist ein Verweis auf Mahlers 9. Sinfonie, an deren Schluss die verklingende Musik laut Mahler immer wieder „ersterbend“ gespielt werden solle. Mit Mahlers Musik setzt Seethaler sich allerdings gar nicht erst auseinander, diese Herausforderung umschifft er mit einer faulen Plattitüde: „Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald sich Musik beschreiben lässt, ist sie schlecht.“

Seethaler wollte offenbar ein Werk von existenzieller Größe schreiben und die Kitschgefahr, die in der pathetischen Grundsituation liegt, mit betont ruhiger Sprache umgehen. Gerade diese arg kalkulierte Kitschvermeidung führt den Roman letztlich doch in den Kitsch. Zumal der Autor die zeithistorischen Bedingungen Mahlers außen vor lässt und lieber in metaphysischer Außerzeitlichkeit schwebt. Wie anders ist das doch in Seethalers Bestseller „Ein ganzes Leben“, in dem der Österreicher das entbehrungsreiche Leben eines einfachen Mannes ab Beginn des 20. Jahrhunderts porträtiert. Der Titel deutet bereits die eindringliche Erkenntnis des Romans an: Das, was der Mensch des 21. Jahrhunderts als gelungenes Leben evaluiert – mit Selbstverwirklichung und Selfies vor Panorama-Landschaften – ist kein überzeitliches Bewertungskriterium, mit dem die Ganzheitlichkeit eines Lebens beziffert werden kann. Diese existenzielle Kraft erreicht „Der letzte Satz“ bei Weitem nicht.

/ Ulrich Thiele

Robert Seethaler: „Der letzte Satz“, 128 Seiten, 19 Euro


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