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15.09. | Theater | Tyll | Ernst Deutsch Theater

Schon vor Aufführungsbeginn schlagen die Emotionen hohe Wellen im Ernst Deutsch Thea­ter, wo Regisseur Erik Schäff­ler mit seiner Bühnenfassung von Daniel Kehlmanns Roman „Tyll“ die neue Spielzeit ein­läutet. Intendantin Isabella Vértes­-Schütter dankt mit Blick auf die Coronazeit dem anwesenden Kultursenator Carsten Brosda für dessen „unglaubliche Kompetenz und gewaltiges Engagement“. Im Zuschau­ersaal wurde jede zweite Stuhl­reihe entfernt. Man sitzt auf Ab­stand – und nach fünf Monaten Zwangspause erstmals wieder in einem Theater!

Das fühlt sich gut an, zu­mal Schäffler und seinen acht Schauspielern, die in rund 40 verschiedenen Rollen brillieren, das Kunststück glückt, Kehlmanns Bestseller in einen rasanten Bühnenmärchenzau­ber zu verwandeln, dem es trotz der düsteren Umstände des Stationendramas nicht an Witz fehlt: Nachdem sein Vater als Ketzer hingerichtet wurde, zieht Tyll Ulenspiegel zusam­men mit Bäckerstochter Nele als Gaukler und Narr durchs Land. Ein Wachturm und Ansammlungen zersägter Baum­stämme deuten die allgemeine Zerstörung zurzeit des Drei­ßigjährigen Krieges an, der mit seinen Epidemien und gesell­schaftlichen Umbrüchen auch Parallelen zu Jetztzeit erlaubt. Roh und unbehauen wie das Holz, sind auch die Menschen, die das Stück uns zeigt.

Rune Jürgensen und Sven Walser ver­dichten die Figur des Tyll im Wechsel zu einem unbändigen Bündel anarchischer Energie. An Tylls Seite reift Ines Nieri als Nele vom naiven Mädchen zur eigenständigen Frau. Oliver Hermann überzeugt unter an­ derem als eiskalter Jesuit At­hanasius Kircher und in der Rolle des selbstgefälligen Groß­kotz – eine Parodie auf Schwe­denkönig Gustav Adolf. Auch Bänkelsänger Oliver Pätz, der als sprechende Esel ebenfalls gute Figur macht, und die be­stens aufgelegte Mignon Remé, die als Königin Elisabeth herr­lich herablassende Posen ein­nimmt, machen die Inszenie­rung zu dem, was sie ist: Zu einem exzellent besetzten Historienspektakel mit Musik, Tanz, Possen­ und Puppenspiel sowie einem Schnelldurchlauf durch die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. Wer hier alle Feinheiten mitbekommen möchte, sollte allerdings lieber zur Buchvorlage greifen.

/ Sören Ingwersen

Ernst Deutsch Theater
15.9.2020, 19:30 Uhr


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