(20.11.) Theater, Konsens, St. Pauli Theater, 19:30 Uhr

Mit einem triumphierenden „Vaginal!“ prostet man sich zu, weil Kitty (mit Biss: Johanna Christine Gehlen) ihr Kind ohne Kaiserschnitt zur Welt gebracht hat. Überhaupt werden rund um das weiße Ledersofa vornehmlich Themen unter der Gürtellinie verhandelt, denn schon von Berufs wegen nehmen Kittys Ehemann Edward (Patrick Heyn) und sein Freund Jake (mit schnoddriger Arroganz: Stephan Schad) kein Blatt vor den Mund, wenn es schmutzig wird. Als Anwälte haben sie ständig irgendeinen Vergewaltigungsprozess laufen, den sie mit der gleichen gefühllosen Routine meistern wie ihr erkaltetes Privatleben. Mit diesen selbstverliebten Siegertypen der Londoner Upperclass, die die britische Autorin Nina Raine uns in ihrer Tragikomödie „Konsens“ vorführt, möchte man nicht befreundet sein. Und doch gelingt Regisseur Ulrich Waller am St. Pauli Theater das Kunststück – auch dank seines erstklassigen Ensembles –, dass wir mitfiebern, wenn diese Unsympathen in ihr Unglück rennen. Den Stein ins Rollen bringt Bettina Engelhardts verstörte Gayle, die als Vergewaltigungsopfer vor Gericht aussagen soll. Der Vergewaltiger wird – dank Edwards Einsatz vor Gericht – freigesprochen. Zu Unrecht, wie sich herausstellt. Während Patrick Heyn an seinem Edward zuvor alles hat abprallen lassen, was Kratzer an seiner polierten Fassade hinterlassen könnte, muss er sich nun den Vorwürfen seiner Frau Kitty stellen, gefühllos zu sein. Sie will die Scheidung, wirft ihm nun ihrerseits vor, sie in der Ehe vergewaltigt zu haben. Ein Krieg der Geschlechter entbrennt. Sexualität, Gewalt und Kalkül im Spiegel der #MeToo-Debatte – wo hat die Liebe da noch Platz? Diese ernste Frage stellt Wallers karg ausgestattete, fesselnde Inszenierung, ohne dabei ihr Spaßpotenzial zu verspielen.

/ Sören Ingwersen

St. Pauli Theater
20.-25.11.18, 19:30 Uhr (Sonntags 18 Uhr)

Foto: Marco Moog Photography