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17.10. | Literatur | Die jüngsten Tage | Tom Müller

Das Haltbarkeitsdatum eines Zeitgeistes ist selten zweifelsfrei festzustellen. Man kaut gesamt­-gesellschaftlich eher zu lang auf ihm herum wie auf altem Kaugummi, bis er den Geschmack verloren hat. So ist es uns mit der Ironie gegangen. Aber jetzt kommen sie endlich: die Ant­worten darauf, was denn nun bitte schön werden soll nach der Allzweckwaffe Ironie, die zwi­schen uns und die Welt so einen angenehmen Sicherheitsabstand gebracht hat. Tom Müllers Ro­man „Die jüngsten Tage“ ist so eine Antwort.

Müllers Protagonist Jona­than Buck hat zwei unange­nehme Aufgaben vor sich. Die erste: in einen Zug von Hamburg nach Berlin steigen und der Mutter seines besten Jugendfreundes Strippe erklären, wie Strippe ge­storben ist. Die zweite: sein Le­ben auf die Reihe kriegen. Das hat sich mit Strippes Tod auf­gelöst: Job und feste Beziehung, die offiziellen Ausweise eines ge­glückten Erwachsenenlebens, hat Jonathan aufgegeben. Und versteckt sich seitdem bei Elena in Hamburg, trinkt Gin mit Thy­miantee und verliebt sich in Elena.

die-juengsten-tage-coverMit Strippe hat vor dreißig Jahren alles angefangen: Ostber­liner Nachwendejugend, sie sind Stürmer und Dränger gewesen, Wildpinkler und Mädchenver­führer. Aber dann wird ihr Bür­gerzentrum abgerissen, Wahl­heimat und Verteidigungsanlage gegen die große Langeweile ein­getauscht, und auch Strippe und Jonathan finden sich genau dort wieder, wo sie nie hinwollten: in geordneten Bahnen.

„Ein Leben draußen schien uns wenig erstrebenswert“, sagt Jonathan über alles, was au­ßerhalb des Bürgerzentrums liegt – und somit auch außer­halb der Anarchie des Jungs­eins. So ergeht es ihm auch in Elenas Wohnung – er will da am liebsten nicht mehr raus. Aber Elena setzt ihm die Pistole auf die Brust und Jonathan in den Zug nach Berlin. Jedoch endet jede Zugfahrt noch vor dem Zielbahnhof, so oft Jonathan es auch versucht. Die verhinderten Zugfahrten werden zum Sinnbild für seine Realitätsverweige­rung: Er richtet sich im Dazwi­schen ein. Weder kann er zurück in die Kindheit, noch ist er be­reit, endgültig in der Gegenwart anzukommen.

Tom Müller traut sich mit Kopfsprung, nein, Arsch­bombe in das postironische Zeitalter. Er erzählt von der Inbrunst der Jugend mit Liebe und Zorn, wild und weich. Die Form des Romans wird mal rabaukig, mal leise ausgelotet, mit dem Spieltrieb eines Kindes und dem zärtlichen, un­eitlen Witz derer, die auf die Fantastereien und die grandiosen Fettnäpfchen der Jugend blicken können, ohne je ganz ab­zustreifen, was sie ge­wesen sind: Kinder.

/ Leona Stahlmann

Tom Müller: „Die jüngsten Tage“, Rowohlt, 240 Seiten, 22 Euro


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