TENET_©Melinda-Sue-Gordon_Warner-Bros.-Entertainment

26.08. | Film | Tenet | Abaton Kino

Einmal mehr sagt Christopher Nolan der linearen Erzählung den Kampf an. Fans erinnern sich: In „Memento“ wird die Geschichte von hinten nach vorne erzählt. In „Inception“ reist Leonardo DiCaprio durch verschiedene Traumebenen mit jeweils unterschiedlicher Zeitwahrnehmung. Bis er in einen Traum im Traum im Traum vordringt. Wer davon überfordert war, wird es nun erst recht sein. Verglichen mit Nolans neuem Werk ist „Inception“ geradezu simpel erzählt.

In „Tenet“ überlagern sich vorwärts und rückwärts bewegende Zeitstränge. Man müsse sich diese Gleichzeitigkeit wie die Form einer Zange vorstellen, wie eine Figur im Film erklärt. So ist es möglich, dass während einer spektakulären Verfolgungsjagd plötzlich ein rückwärtsfahrendes Auto auftaucht.

Um die Handlung wurde im Vorfeld ein großes Geheimnis gemacht: Ein Geheimagent, im Film schlicht „Der Protagonist“ genannt (John David Washington), soll den Dritten Weltkrieg verhindern, der fataler als ein „nuklearer Holocaust“ wäre, wie man ihm sagt. Die Zukunft habe mittels der Inversion, durch die man sich eben rückwärts in der Zeit bewegen kann, der Welt den Krieg erklärt. Der (stereotype) russische Waffenhändler Andrei Sator (Kenneth Branagh) soll Gerüchten zufolge als ihr Mittelsmann fungieren. Zusammen mit seinem neuen Kollegen Neil (Robert Pattinson) versucht der Protagonist über Sators drangsalierte Ehefrau Kat (Elizabeth Debicki) an den Bösewicht heranzukommen.

 

„Versuchen Sie nicht, es zu verstehen. Fühlen Sie es“

 

Verwirrt von den Inversionen? „Versuchen Sie nicht, es zu verstehen. Fühlen Sie es“, heißt es an einer Stelle, als dem Protagonisten erklärt wird, wie er die Inversion nutzen kann. Der Satz klingt wie ein Appell an die Zuschauer. Dabei zeichnet Nolans Filme gerade aus, dass sie ihre Zuschauer nicht einfach nur mit komplexer Erzählstruktur und gefühligem Bombast überwältigen, sondern ihnen in Verknüpfung mit den Blockbuster-Elementen eine Reflexionsebene anbieten, auf der die Stilmittel des Films selbst hinterfragt werden. In „Inception“ verhandelt Nolan etwa, wie sehr Hollywood-Filme ihre Bilder und Ideologien in unser Unterbewusstsein eingepflanzt haben und so unsere Weltwahrnehmung prägen und manipulieren.

Zunächst zur Ästhetik: Nolan macht kein Geheimnis daraus, dass er eine Hommage an James Bond gedreht hat, und „Tenet“ ist wirklich wie ein besserer Bond. Durch die existenzbedrohende Lage für die Kinokultur hat der Film eine neue Ebene bekommen – so wie der Protagonist die Welt retten soll, soll der Film das Kino retten. Nolan, vehementer Verfechter der analogen Kamera und der großen Leinwand, schafft wuchtige Bilder und Actionszenen, die eindrucksvoll vor Augen führen, dass man sich als Kinobesucher niemals mit dem unseligen CGI-Trash der Marvel-Filme abspeisen lassen sollte. John David Washington spielt seine -Rolle mit einem Charme und einer Eleganz, die James Bond wie den peinlichen Onkel wirken lassen, der auf Familienfeiern mit anzüglichen Witzen Fremdschämen auslöst. Robert Pattinson, wer hätte das vor zehn Jahren gedacht, hat tatsächlich eine charismatische Leindwandpräsenz – seine Rolle hätte ruhig größer sein dürfen.

Dennoch verlässt der Rezensent den Film mit ambivalenter Haltung. Es bleibt der Eindruck, dass Nolan es sich unter der Oberfläche der verschachtelten Erzählung, die durchweg in der abgeschotteten High Society spielt, zu einfach macht. Denn letztendlich ist  die nicht näher konkretisierte Weltrettung nur ein MacGuffin, ein Vorwand, um den Status quo des guten Westens gegen den bösen Russen zu verteidigen. Das ist dann doch zu einfach für einen Film, der komplex sein will.

/ UT

Abaton Kino
26.8.2020, 19:15 Uhr


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