gods own country 2

(31.10.) Film, „God’s Own Country“, 3001 Kino, 17 Uhr

Die Verantwortung erdrückt Johnny (Josh O’Connor). Der 24-Jährige hasst das entbehrungsreiche Leben und die harte Arbeit auf der abgelegenen Schafsfarm seiner Familie im Norden Englands. Martin, der Vater, ist krank und verbittert, weil ihn die Frau verlassen hat, der Hof nicht genug Geld bringt. Die stoisch unfreundliche Großmutter kümmert sich um den Haushalt. Wenige Worte werden nur gewechselt, grob, fast bösartig. Um seinen Frust zu betäuben, besäuft sich Johnny jeden Abend im Pub. Er ist schroff, abweisend, will mit niemandem sprechen, ab und zu hat er unverbindlichen Sex mit jungen Männern.

Der Vater beharrt auf einem Saisonarbeiter während des Frühjahrs, wenn die Lämmer geboren werden. Johnny fügt sich nur widerwillig, verhöhnt den gleichaltrigen und äußerst attraktiven Gheorghe (Alec Secăreanu) als Zigeuner. Der Rumäne ist im Gegensatz zu ihm mit Leidenschaft Farmer, packt gern zu, hat viel Erfahrung, der Zuschauer spürt, welche Willenskraft und Zärtlichkeit in ihm stecken, er geht behutsam, liebevoll mit den Tieren um. Die beiden Männer geraten aneinander, aus der körperlichen Auseinandersetzung entwickelt sich ihre erste sexuelle Begegnung: ein Mix aus Schlamm, Schweiß, animalische Gier, Wut, mehr Kampf als Umarmung.

Gewaltige Gefühle in Nahaufnahme

Diese Explosion widersprüchlicher Emotionen ist atemberaubend und schauspielerisch meisterhaft. Die stürmischen Hochmoore in Yorkshire waren schon Schauplatz von Emily Brontës „Wuthering Heights“. Regisseur Francis Lee ist hier aufgewachsen, er drehte nur wenige Minuten von der elterlichen Farm entfernt, in seiner Jugend schien er sich der archaischen wilden Schönheit der Gegend noch nicht bewusst, empfand sie als erdrückend, brutal und ging nach London, um Schauspieler zu werden.

God’s Own Country“, das sind große gewaltige Gefühle in Nahaufnahme: Die Kamera weicht den beiden Protagonisten nicht von der Seite, Lees Regiekonzept verlangt absolute Authentizität. Die zerklüftete Felslandschaft prägt die Menschen, ist zugleich Spiegel ihrer Hoffnungen und Ängste. Ganz langsam löst sich Johnny aus seiner Erstarrung, erst durch Gheorghe begreift er, was Zärtlichkeit ist, entdeckt die unwiderstehliche Magie der Natur. Als der Vater einen zweiten Schlaganfall erleidet, bittet Johnny den Freund zu bleiben. Der willigt ein, aber nur unter einer Bedingung.

/ Anna Grillet

3001 Kino
31.10.17, 17 Uhr / Deutsche Fassung