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28.10. | Film | Ema | Zeise Kinos

Kritik

Explodierender Mix aus Familiendrama, Tanzperformance, Zorn, Erotik und Feuer

Verachtung schlägt Ema (Mariana Di Girolamo) entgegen. Die junge Tänzerin hat den mit ihrem Partner und Choreografen Gastón (Gael García Bernal) gemeinsam adoptierten kolumbianischen Waisenjungen dem Jugendamt zurückgegeben. Der achtjährige Polo legte ein Feuer im Haus, Emas Schwester ist nun durch Brandnarben entstellt. Die Ohnmacht und das Ausmaß eigener Unfähigkeit verwandelt die gescheiterten Eltern in hasserfüllte Gegner. Selbst auf der Bühne bekriegen sie einander. Und so trennt sich Ema von Ehemann und Tanz-Company und will nur noch eins: ihren Sohn zurück.

Wie in einem Rausch aus Verzweiflung und Entschlossenheit lässt sich die rebellische, platinblonde Titelheldin treiben, sie tanzt überall: am Hafen von Valparaíso, auf dem Schreibtisch der Scheidungsanwältin, allein oder in der Gruppe mit Gleichgesinnten. Ema macht die Welt zu ihrer Bühne, erkämpft sich ohne Zögern gesellschaftliche Freiräume. In einer Szene greift sie zum Flammenwerfer: brennende Ampelanlagen und Fassaden als verschlüsselte Botschaften, das Feuer sowie der pulsierende Rhythmus des Reggaetons werden ihr kreatives Element, ihre Waffe. Tabus bricht die Protagonistin mit wahnwitziger Sinnlichkeit, weder Feuerwehrmann Anibal noch Anwältin Raquel können da widerstehen.

 

Leinwandepos

 

Pablo Larraín kreiert mit „Ema” ein melodramatisches, radikales Gegenstück zu der Charakterstudie „Jackie” (2017). Und doch: Die amerikanische First Lady und die androgyne chilenische Straßentänzerin haben unerwartet viel gemeinsam: Jenen unerschütterlichen Durchsetzungswillen, das gekonnte Verbergen ihrer geheimsten Gedanken, das Sich- Stylen als Mysterium. Dem chilenischen Regisseur („Neruda”, „No!”) gefällt offensichtlich, den Zuschauer in die Irre zu führen. Das bildgewaltige Leinwandepos ist wie seine Protagonistin: kompromisslos, unberechenbar und von berückend destruktiver Schönheit. Newcomer Mariana Di Girolamo besitzt unglaubliches Talent, ihr Tanz spiegelt das gesamte Spektrum an Emotionen auf diesem feministischen Selbstfindungstrip wider, und doch ahnt niemand, dass hinter der scheinbaren Spontaneität ein detaillierter kunstvoller Plan steckt.

Regie: Pablo Larraín. Mit Mariana Di Girolamo, Gael García Bernal, Santiago Cabrera. 102 Min. Ab 22.10.

/ Anna Grillet

Zeise Kinos
28.10.2020


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