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20.05. | Literatur | Der Junge am Strand | Tima Kurdi

Kritik

Vor fünf Jahren ging das Bild des toten Alan Kurdi um die Welt. Der dreijährige Junge aus Syrien war auf der Flucht nach Griechenland im Mittelmeer ertrunken. Das Kind wurde an den Strand des türkischen Ferienorts Bodrum angespült. Das Bild wurde zum Symbol für das Elend der Flüchtlinge.

In ihrem Buch „Der Junge am Strand“ schildert Tima Kurdi, Alans Tante, die Geschichte dieser Tragödie und die Biografie ihrer Familie. Sie erzählt von ihrem Vater Ghalib, der aus einer armen Bauernfamilie in Hama kommt, und von ihrer eigenen Kindheit in Damaskus, der „Stadt des Jasmins“. Diese weiten Rückblenden sind wichtig, weil sie zeigen, was für eine Entwurzelung die Zerstörung ihrer Heimat für die Familie bedeutet.

Timas kleiner Bruder Abdullah, Alan Kurdis Vater, wurde von einer islamistischen Miliz gefoltert, der Krieg und die Angst um seine Familie trieben ihn zunächst in die Türkei. Tima nahm Kontakt zu den Behörden auf, versuchte vergeblich, ihn nach Kanada zu holen, wo sie seit 30 Jahren lebt. Nach zwei gescheiterten Versuchen setzte Abdullah sich mit seiner Frau Rehanna und seinen Söhnen Ghalib und Alan in ein Schlepperboot, der Versuch, auf die griechische Insel Kos überzusetzen, scheitert. Abdullah schildert die Ereignisse: „Die Wellen waren so hoch, dass es kenterte. Ich tat, was ich konnte, um sie zu retten, aber ich habe nur zwei Hände. Ich versuchte Rehanna mit der einen Hand festzuhalten und die Jungen mit der anderen. Dann sagte Rehanna: ‘Rette die Kinder!’ Das waren ihre letzten Worte. (…) Ich versuchte die Kinder in Sicherheit zu bringen, doch die Wellen brachen über uns zusammen. Sie glitten mir aus den Händen, erste der eine, dann der andere.“

Bedrückend auch Tima Kurdis Reaktion auf die Schreckensnachricht: „Ich stürzte auf den Boden, schlug mir ins Gesicht, riss mir an den Haaren. Ich wollte mir selbst Schmerz zufügen, wollte körperlich leiden. (…) Hätte ich nicht das Geld für die Schleuser geschickt, wären Rehanna, Ghalib und Alan noch am Leben.“

Seit 2014 sind 20.000 Menschen, die Zuflucht in Europa suchten, im Mittelmeer ertrunken. Tima Kurdis Familienbiografie führt vor Augen, dass es sich hierbei nicht um eine Zahl, sondern um 20.000 individuelle Fälle menschlichen Leids handelt.

/ UT

Tima Kurdis: „Der Junge am Strand“, Assoziation A, 248 Seiten, 19,80 Euro


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