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17.07. | Literatur | Die Dame mit der bemalten Hand

Kritik

Text: Ingrun Gade

Eine der größten Touristenattraktionen Mumbais befindet sich auf der Insel Elephanta, früher auch Gharapuri: Eine Tempelanlage zu Ehren des hinduistischen Gottes Shiva, geschlagen in einen mächtigen Felsen – heute zählt sie zum Weltkulturerbe der UNESCO. Hier trifft Musa al Lahuri, ein persischer Astrolabien-Konstrukteur aus Jaypur, im Jahre 1764 auf Carsten Niebuhr, einen Mathematiker mit typisch norddeutschem Temperament.

Als beide Charaktere durch ungünstige Umstände auf der vor Ziegen, Schlangen, Affen und sonstigem Viech nur so strotzenden Insel stranden, entdeckt „Meister Musa“ den mystischen, verfallenen Höhlentempel und trifft auf den an Malaria erkrankten Niebuhr, der vom Schüttelfieber geplagt wird. Niebuhr ist der letzte Überlebende einer sechsköpfigen Expeditionsreise, auf die er geschickt worden ist, um „biblische Klarheit“ zu erlangen.

Musa nimmt sich seiner an, und während die beiden Männer auf Hilfe warten, bahnt sich eine schüchterne und skurrile Freundschaft an. Wunnicke verflicht hierbei die historische Figur des Carsten Niebuhr, der mit seiner „Reisebeschreibung nach Arabien“ Bekanntheit erlangte, mit starker Fiktion, weswegen die Geschichte an Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ erinnert.

Das Fremde, das aus der Begegnung der beiden Männer ersichtlich wird sowie die sprachlichen Barrieren führen immer wieder zu aberwitzigen Missverständnissen. So versteht Musa schon zu Beginn statt Carsten Niebuhr „Kurdistan Nibbur“ und findet diesen Namen völlig absurd. Versuche, Sprichwörter wörtlich ins Arabische zu übersetzen, enden ebenfalls meist weniger glücklich – so wird „Maulaffen feilhalten“ etwa zu „Affen des Mundes zu Markte tragen“. Wunnicke schreibt von diesem Aufeinandertreffen mit durchgängiger Ironie und lakonischem Witz: „Niebuhr schwieg. Meister Musa sah ihm beim Schweigen zu.“

Verhandelt wird auch das Hinterfragen alter Deutungsmuster, die meist vom Glauben bestimmt worden sind, durch eine fortschreitende Rationalisierung. Dass es nicht nur einen Zugang zur Welt gibt, wird dabei an der titelgebenden Dame mit der bemalten Hand ersichtlich, bei uns besser bekannt als Kassiopeia: Während Niebuhr eine ganze Frauengestalt in dem Sternenbild sieht, stellt es für Musa lediglich die bemalte Hand dar. Dieses schmale, geschickte Buch belehrt nicht, es öffnet einen poetischen Weltzugang.

Christine Wunnicke: „Die Dame mit der bemalten Hand“, Berenberg, 168 Seiten, 22 Euro


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