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19.06. | Literatur | Die liegende Frau | Wolfgang Ehemann

Kritik

Text: Ulrich Thiele

 

Zwischen Traum und Welt

Die Katastrophe von Eschede ist der schwerste Eisenbahnunfall in der Geschichte der Bundesrepublik. Am 3. Juni 1998 kamen 101 Menschen ums Leben, als der ICE 884 auf dem Weg von Hannover nach Hamburg entgleiste. Hier setzt „Die liegende Frau“ an: Barbara Dahlmann hat das Unglück überlebt. Nach 20 Jahren im Koma, in denen politische Umbrüche und digitale Revolution das menschliche Bewusstsein neu formatieren, erwacht sie.

Wolfgang Ehemann schreibt Dahlmanns Koma und Erwachen als Reise zwischen Traum und Realität, bis an die Grenzen der Sprache: „Du träumst, sprichst, schreibst, (…) um zu verstehen, um etwas zu fassen zu kriegen, womöglich vom Kern der Sache. Der Kern aber weicht ständig zurück.“

 

Was ist Traum, was ist Realität

 

Wie lebt man weiter, wenn die Hälfte der Erinnerungen fehlt? Erinnerungen und Identität sind keine stabilen Kategorien, aber allein durch ihre ordnende Funktion notwendig, um nicht ins Delirium abzudriften. Ehemann setzt während Dahlmanns Sprachfindung auf Kalauer: „Man sollte nicht denken, dass jeder, der die genaue Zahl der Violinisten eines Orchesters angeben kann, auch ein Geigerzähler ist.“ Im Sprachspielerischen liegt ein öffnendes Moment, das den auf Funktionalität ausgerichteten Sprachgebrauch aufbricht. In der zweiten Hälfte folgt ein „Shutter Island“-ähnlicher Twist, der an die philosophischen Prämissen anknüpft. Am Ende bleibt, ganz im Stil von E.T.A. Hoffmann, die Unsicherheit: Was ist Traum, was ist Realität, und wa- rum ist die Grenze so unscharf ?

Wolfgang Ehemann: „Die liegende Frau“, BoD, 258 Seiten, 13 Euro


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