Mackie-Messer-Holi

(18.9.) Film, „Mackie Messer“, Holi Kino, 20 Uhr

Berlin, 31. August 1928. Um auf die erwarteten Buh-Rufe des Publikums bei der Uraufführung seines Stücks „Die Dreigroschenoper“ reagieren zu können, rüstet Bertolt Brecht (Lars Eidinger) seine Akteure mit Trillerpfeifen aus. Bis in die Morgenstunden dauerte jene legendäre Generalprobe im Theater am Schiffbauerdamm: Streit, Chaos, ein Schauspieler nach dem anderen zetert über das angeblich so alberne Epos: „Quatsch“, „eine Sauerei“, allen voran der Darsteller des Mackie Messer (grandios Tobias Moretti). Doch der Abend wird ein sensationeller Triumph, spätestens beim Kanonensong jubeln die Zuschauer, die Schlager entwickeln sich zu Welthits.

Berlin ist verrückt nach der Anti-Oper, diesem überraschenden, provokanten Mix aus Kunst, Unterhaltung und Gesellschaftskritik. Dreigroschenkneipen eröffnen, die Frauen verkleiden sich als Prostituierte, die Männer als Zuhälter und Ganoven. Die Nero-Film AG meldet Interesse an. Brecht steht dem eigenen Erfolg zwiespältig gegenüber, die Weltwirtschaftskrise führt zur Massenarbeitslosigkeit, der Film soll revolutionärer, radikaler werden. Die Gangster mutieren zu modernen Bankern. Doch das Produzenten-Team weigert sich, Brecht reicht Klage ein, will den Prozess für die Öffentlichkeit als soziologisches Lehrstück inszenieren, die Justiz als Kumpanen des Kommerz entlarven.

Fulminant, frech und hochaktuell: „Mackie Messer“, der Dreigroschenfilm

Regisseur und Autor Joachim A. Lang mischt in seinem Kinodebüt Fiktion und Realität, schildert die Geschichte jenes nie gedrehten Films, während er ihn zugleich vor unseren Augen entstehen lässt. Ein gewagtes Unterfangen, aber das Resultat ist hinreißend: frech, musikalisch fulminant, hochaktuell. Er jongliert in der schillernden Halb- und Unterwelt Londons mit den Grundsätzen des epischen Theaters, zerstört gekonnt wie amüsant jede Illusion.

Zwei Monde tauchen am Himmel über Soho auf, Lang hält sich an Brechts Skriptversionen und dessen Credo: „Nur das Künstliche, die Kunst gibt die Sicht auf die Wirklichkeit frei.“ Und so verliebt sich Macheath in das Hinterteil von Polly ( Hannah Herzsprung), noch bevor er ein Wort mit ihr gewechselt hat. Später landet er im Gefängnis, sie übernimmt die Leitung der Bank.

Lars Eidinger tritt nicht als cooler Ideologe an, sondern als anarchischer junger Grübler. Brillant stilisiert sich der trotzige Rebell zur Kunstfigur, politisch herrlich inkorrekt und doch nie zynisch. Er bombardiert uns mit bissigen Bonmots inklusive dialektischer Finesse, jeder Satz stammt von Bertolt Brecht selbst.

/ Anna Grillet

Holi Kino
18.9.18, 20 Uhr

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