Maack_Benjamin_(c)Heike-Steinweg

#stayathome | Literatur | Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein

Immer wieder diese eine Frage: „Wie geht’s Ihnen, Herr Maack?“ Bei seiner Dankesrede zum Hermann-Hesse-Literaturförderpreis käme zunächst wohl keiner auf die Idee, wie die ehrliche Antwort auf diese Frage lautet – denn dieser lockere, humorvolle Mann vor dem Podium leidet unter Depressionen. „Ich bin ein unglücklicher Mensch, der mit Glück überschüttet wurde“, sagt er und spricht in aller Offenheit über seinen Nervenzusammenbruch, seinen Aufenthalt in der Psychiatrie, über seinen Beinahe-Tod und seine Genesung. Das war 2016.

Benjamin-Maack-CoverIn „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ verarbeitet Maack seinen anschließenden Rückfall und verurteilt nun diesen Mann, der damals auf der Bühne stand und sein Leben im Griff zu haben schien. Maack schreibt schmerzhaft ehrlich von seinem Leben als Fassade, von Schamgefühlen nach der Einlieferung: „Irgendwann sagt irgendwer, dass es den meisten am Anfang besser geht, weil der Druck des Alltags weg ist. Alltag. Ich hatte zuletzt zu Hause ja gar keinen Alltag mehr. Nur meine Familie. Meine Familie. Es geht mir besser, weil ich meine Familie los bin. Ich meine, fuck.“

Maack beschreibt die Taubheit, die Gleichgültigkeit und Lethargie, die unsägliche Angst zu versagen und nicht zu genügen. Und den Teufelskreis des Selbsthasses. Er ist angewidert von seinem Selbstmitleid, das er als „wichtigtuerisch“ oder „teenieserienhaft“ abtut. Er sei, glaubt er, ein Simulant, ein „Möchtegerndepressiver“, der keine Berechtigung auf eine Krankheit hat. Zugleich mutet ihm das Leben immer wieder wie eine Bestrafung an, voll mit Diagnosen und Therapien, (unnützen) Psychopharmaka und deren abscheulichen Nebenwirkungen sowie erschreckend genauen und durchdachten Selbstmordszenarien. Dessen ungeachtet sind Maacks Bekenntnisse von zahlreichen tragikomischen Momenten durchtränkt.

 

„Depressionen sind keine Psychiatriekomödie mit Til Schweiger“

 

Depressionen sind ein Thema, das in der Öffentlichkeit verzerrt dargestellt wird. Maack gibt der Krankheit ihre Ernsthaftigkeit zurück. Es ist eben nicht wie in einer „erbaulichen Psychiatriekomödie mit Til Schweiger, Florian David Fitz und Matthias Schweighöfer, in der am Ende alle gemeinsam aus der Anstalt abhauen und ans Meer fahren, um einen Sonnenaufgang zu sehen, bei dem der schwer Selbstmordgefährdete erkennt, dass das Leben eigentlich ja doch super lebenswert ist.“

/ Ingrun Gade

Benjamin Maack: „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“, Suhrkamp Nova, 334 Seiten, 18 Euro
29.3.2020


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